Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 33
30. August 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 China-Schiffahrt vor 30 Jahren

Meine kleine Sammlung deutscher Chinatexte enthält auch ein zwölfseitiges Typoskript, das ein gewisser R. Henkel "Auf See, 27. Dezember 1974" abschloß. Er war der Kapitän der "Riederstein", eines Frachters von Hapag-Lloyd, und berichtet über die Abläufe einer Chinafahrt. Vielleicht mußte Henkel sich Zorn vom Herzen schreiben, vielleicht hatte er seinem Arbeitgeber einige Dinge zu erklären. Wer weiß? Ich weiß auch nicht mehr, wie dieser kleine Schatz in meinen Besitz gelangte. Die sachlichen Feststellungen, die der Kapitän niederschreibt, sind aufschlußreich, doch unübersehbar empfand er bei dieser Niederschrift auch Freude an der Schriftstellerei.

Problematischster und wichtigster Teil der Fracht war ein 673 t wiegender Bagger, der an Deck festgezurrt war. Schon in den verfrühten Herbststürmen dieses Jahres brachte er das Schiff in der Biskaya in Gefahr, und im Südchinesischen Meer kam es in den Taifun Bess, doch das ist dem Kapitän nur wenige Worte wert. Das für ihn Wichtige beginnt erst am 19. Oktober, um zwei Uhr morgens, als die "Riederstein" vor dem nordchinesischen Hafen Hsinkang eintraf. Dreißig Tage muß er auf einen Liegeplatz für das Löschen seiner Ladung warten, nach fünfzig Tagen kann er den Hafen dann wieder verlassen; 45 weitere Schiffe warten mit ihm. Ein Problem ist bald der Mangel an Trinkwasser auf dem Schiff. Henkel schreibt:

"Wir durchbrachen das Telegrafierverbot und orderten Wasser. Es geschah nichts. Wir schickten dringendere Hilferufe: Wir haben kein Wasser mehr. Schickt Wasser! Warum schickt ihr kein Wasser? Telegrafiert, warum wir kein Wasser bekommen! – Es geschah nichts.
Von Waschen, Rasieren und Zähneputzen konnte keine Rede mehr sein. Hätten wir nicht die eisernen Rationen aus den Rettungsbooten gehabt, wären wir nicht über die Runden gekommen. Als dann schließlich und endlich der Wasserleichter kam, war er natürlich sofort ausgelaufen, wie er Order bekommen hatte. Es hat sowieso keinen Zweck, sich mit Subalternen anzulegen. (…) Wir machten die Erfahrung, die wir später noch öfter machen sollten: In China gibt es keinen Verantwortlichen! Alles wird im Kollektiv entschieden, und ein Kollektiv kann man nicht zur Verantwortung ziehen."

Der Kapitän traut sich nicht, während der Wartezeit längerwährende Arbeiten an seinem Schiff vornehmen zu lassen, denn das Schiff mußte minütlich "einlaufklar" sein. Am 19. November ist es dann soweit:

"Zum Einlaufen kommen drei Mann an Bord, zwei Lotsen und ein Sicherheitsbeamter der Hafenverwaltung. Die Lotsen passen aufeinander auf, der Sicherheitsbeamte paßt auf den Kapitän auf, damit der nicht zu viel durchs Fernglas guckt. Der Sicherheitsbeamte zeichnete mir den Liegeplatz in die Hafenkarte ein und gab mir die notwendigen Erklärungen. Als ich dem I. Offizier das Anlegemanöver erklären wollte, war alles wieder sorgfältig ausradiert. Hätte ich es nicht gewußt, an dieser Kleinigkeit hätte ich es gemerkt: Wir sind in China.
Es entspann sich folgendes Frage- und Antwort-Spiel: "Wieviel Wasser haben wir unterm Kiel?" "Genug." "Wieviel Liegeplätze hat Hsinkang?" "Ich habe sie noch nicht gezählt." "Wieviel neue Liegeplätze wollen Sie bis 1980 fertig haben?" "Viele." "Hat unsere Pier Wasseranschluß?" "In China wird keine Pier ohne Wasseranschluß geplant." (Unsere Pier hatte keinen.) "Wie groß ist die Kapazität Ihres Schwimmkrans?" "Der Schwimmkran kann große Lasten heben." "Können Sie mir die Kapazität in Tonnen sagen?" "Die Arbeiter des Schwimmkrans haben, befeuert durch die Schriften unseres Vorsitzenden Mao Tse-tung, die Kapazität des Schwimmkrans erheblich vergrößert." "Wann fangen wir mit dem Löschen des Baggers an?" "Bald." "Könnte bald heute bedeuten?" "Möglich." – Manche sind schon wahnsinnig geworden in China. Wir nahmen alles mit chinesischer Gelassenheit hin."

Mit solcher Gelassenheit gelingt dem Kapitän sogar, für seine ganze Besatzung einen Ausflug nach Peking zu organisieren, denn die zuständigen Stellen hatten den nur für die halbe bewilligt, und der Kapitän befürchtete Unfrieden an Bord. Manchmal muß der Kapitän aber auch für kurze Zeit sozusagen dienstlich von Bord. Er schildert vergnügt:

"Der Kapitän will nach dem Tiefgang sehen. Es ist 9.34. Genaueste Kontrolle des chinesischen Ausweises und des Reisepasses. Stimmen alle Daten überein? Gesichtskontrolle. Sonnenbrille abnehmen! Profil links. Profil rechts. "Wäll du ju gou?" "Eck gou deepgang schecken." "Okei." Die Regierung der Volksrepublik gibt mir die Erlaubnis, chinesischen Boden zu betreten. Der Soldat verfolgt mich die ganze Zeit mit den Augen. Nach drei Minuten gehe ich wieder an Bord. Es ist 9.37. Genaueste Kontrolle des chinesischen Ausweises und des Reisepasses. Stimmen alle Daten überein? Gesichtskontrolle. Sonnenbrille abnehmen! Profil links. Profil rechts. "Wäll du ju kumm flom?" "Eck kumm flom Deepgang schecken. Dat hest du doch sehn, Du Dussel!" "Okei." Die Regierung der Volksrepublik gibt mir die Erlaubnis, mein Schiff zu betreten. Dann sah ich es anders: Ich sagte mir, ich habe einen hervorragenden, unbedingt zuverlässigen Gangwaywächter, der nie Kaffeepause macht, der nie raucht und der sich niemals aufwärmt und der überdies Hapag-Lloyd keinen Pfennig Geld kostet. So muß man es sehen in China."

Trotz zahlreicher nicht so amüsanter Widrigkeiten schließt Kapitän Henkel seinen Bericht mit zwei ganz erstaunlichen Sätzen: "Denn es ist die Aufgabe des Handelsschiffs, Brücken zu schlagen zwischen den Völkern. Daß 'Riederstein' dabei geholfen hat, macht uns froh." Auch zwischendurch ist diesem offenbar erstaunlichen Mann manche zukunftsweisende Einsicht gekommen:

"In allen Fahrtgebieten von Hapag-Lloyd spricht man entweder Englisch oder Spanisch, in China nur Chinesisch. Von den vielen Chinesen sprechen einige wenige etwas Englisch, und dies etwas nur sehr unvollkommen. Wir mußten erfahren, wie schwer es ist, in einem Land zurechtzukommen, dessen Sprache man nicht spricht. Mit den Stauern und Tallyleuten verständigten wir uns mit Händen und Füßen. Der Leiter der Agentur spricht kein Wort Englisch, sondern nur Chinesisch. Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als Chinesisch zu lernen. Wie kommen wir mit unserer westlich-kapitalistisch-hegemonistisch-imperialistischen Einstellung dazu, von den Chinesen zu erwarten, Englisch zu sprechen?"

"Zhen Hua" mit Brücken an Bord; aus dem Hamburger Abendblatt 16.8.2004

Hapag-Lloyd hat diesen Vorschlag nicht befolgt, und auch sonst haben sich heute viele Gegebenheiten verkehrt. In der Nacht vom 14. zum 15. August 2004 brachte der chinesische Frachter "Zhen Hua 6" vier Containerbrücken, fast fertig montiert, aus Shanghai nach HH: 80 m hoch, 140 m lang, 2000 Tonnen Gewicht. Neun vergleichbare Exemplare waren ihnen vorausgegangen, für den Terminal Altenwerder. In einem spektakulären Manöver (siehe die Abb. aus dem "Hamburger Abendblatt" vom 16. August) mußten diese unter der Köhlbrandbrücke hindurchgeführt werden. Hamburgs Hafen wird immer chinesischer.
 
 
 

 China-Mafia in Harburg

Eine neue literarische Gattung wurde in den letzten Jahren populär – die Regionalkrimis. Gemeinsam ist ihnen, daß sie Brusttaschenformat haben und jeweils in einer bestimmten Region spielen, die sich dann auch mit ihrem Verkaufsgebiet deckt. In Hamburg heißen diese kleinen Bestseller "Schwarze Hefte" und werden vom "Hamburger Abendblatt" herausgegeben. Mancher Hamburg-Freund in der Ferne läßt sie sich regelmäßig von Verwandten oder Freunden schicken: Sie genießen Kultstatus.

Eines der jüngsten Hefte beschäftigt sich endlich mit Hamburgs liebsten ausländischen Mitbürgern, den Chinesen – in diesem Falle denen in Harburg. "Der chinesische Pfeil" heißt dieser Taschenkrimi. Der erste Pfeil fliegt vernehmlich auf Seite 9, der zweite auf Seite 26. Beide schwirren nächtens durch Harburg, und danach ist jeweils ein weiterer ausländischer Mitbürger tot: einer aus der Balkan-Mafia.

"Der chinesische Pfeil", von Thorsten Beck Ein Bogenschußexperte erklärt Kommissarin Hanna Steinbach die Herkunft dieser seltsamen Pfeile: tibetisch-chinesisch. Da im gutbesuchten Chinarestaurant "Himmelstempel" auch eine kleine Schar Ratten losgelassen wird und einem Austräger des Bestellservice "China Quickly" eine Unbill widerfährt, ahnt der Leser, daß sich die Chinamafia Harburg erobern will, doch auch eine Rollie-Bogenschützin, die einem Verein mit dem Namen "Amazonen" vorsteht, macht sich konkurrierend verdächtig, als Racheengel. Auch ein China-Froschmann büßt, aber ganz banal durch ein paar Kugeln.

Weil am Ende einer der Protagonisten auch noch als Student der Sinologie enthüllt wird, hat den Berichterstatter neben dem Lektürevergnügen vor allem interessiert, wie authentisch Autor Thorsten Beck, ein Hamburger Arbeitsrichter, sich zu Chinesischem äußert. Nun, einen Artikel im "Hamburger Abendblatt" über die Harburger Chinaambitionen hat er auf jeden Fall genutzt, und auch sonst läßt er einfließen, worüber er gelesen hat – vom Li-chi, "dem Buch der Sitten und Riten", des Konfuzianismus über seidene Unterhosen der "Hunnen" bis zur Shanghai-Mafia von 1927 kommt so einiges vor, und Thorsten Beck weiß auch, daß 14 auf Chinesisch shisi heißt. Bloß ein paar – entschuldbare – Transkriptionsschwächen hat er sich geleistet. Ansonsten ist dieses Beiwerk anständig recherchiert und an plausibler Stelle eingefügt.

Wer ließ nun die chinesischen Pfeile schwirren – die China-Triaden oder der Rollie-Engel? Autor Beck entschied, daß es wieder einmal das ungestillte Liebesverlangen war, das völkerübergreifend und tödlich wirkte: ein schöner kleiner Krimi!
 
 
 

 Zum Schluß: Rotspon im Schlafrock?

Ein Schlafrock oder ein Nachthemd sehen gemeinhin anders aus. Das abgebildete Gewand ist ein Ch'i-p'ao/Qipao, dessen Schnitt in China am Ende der Kaiserzeit aufkam, und das sich bis in die 1930er Jahre großer Beliebtheit erfreute und jetzt wieder beliebt wird. Reich verziert, wie zu sehen, kann ein Ch'i-p'ao aussehen, auch schlicht-elegant. Unerläßlich bei seinem Schnitt sind lediglich – zwei Seitenschlitze, die bis in atemberaubende Höhen reichen können.

Weinflaschen-Qipao Das abgebildete Ch'i-p'ao mißt in der Höhe nur zwei Handspannen. Kollege M.F. erhielt es bei seinem Weinhändler. – Auch ein Puppenkleidchen ist das nicht! Die chinesischen Hersteller, auf Taiwan ansässig, stellen diese Minikleidchen als Umhüllungen für Weinflaschen her. Unseren chinesischen Freunden, hart im Geschäft, kommen immer neu die liebenswürdigsten Ideen!

Zu welchem Zeitpunkt soll, nach Auffassung unserer chinesischen Freunde, eine Weinflasche so fein eingehüllt werden? Naheliegend wäre, eine als Geschenk mitgebrachte Flasche Rotwein durch sie zu verschönern – wenn ihr Preis in der letzten ALDI-Anzeige zu lesen war. Auch über geleerte Flaschen ließen sich diese kleinen Ch'i-p'ao stülpen, denn leere Weinflaschen, zumal in größerer Zahl, wirken trostlos, und manche säuferisch-gesellige Großtat erschiene sogleich viel liebenswürdiger. Für Weißwein-Flaschen allerdings eignen sich diese Gewandungen nicht!

Vielleicht, vielleicht – vielleicht passen diese Weinverlockungen am ehesten zu einem nächtlichen Sehnsuchtstrinker. Bevor er sich eine solcherart eingekleidete Flasche wählt, kann er rätseln, ob er einen Burgunder, Bordeaux, Bardolo oder einen schlichter Trollinger enthüllt. Warum eigentlich werden die Weine maskulin bezeichnet? Bei jedem Nachgießen sieht er – mit Glas für Glas gesteigerter Intensität – schwarze Haare und dunkle Mandeläuglein vor sich. Die Seitenschlitze nicht zu vergessen, die sich am Leib der Flasche öffnen! Die schönsten Männerphantasien regen diese Weinkleidchen an. – Ein solches gibt es auch in für Männer bestimmtem Schnitt.

Vielleicht haben die chinesischen Weinflaschen-Umhüller – listig – etwas ganz anderes im Sinn. Nicht auf das Geschäft kommt es ihnen an, sondern auf interkulturelle Kommunikation und daraus folgende Liebenswürdigkeiten.
 
 
 [China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte] 
 
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum