Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 33
30. August 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Dank an Zhan Ru

Am 5. Juli 2004 verabschiedete die ChinA durch eine Veranstaltung im großen Vortragssaal des AAI Prof. Dr. Zhan Ru, der zwei Semester lang über chinesischen Buddhismus gelehrt hatte. Ruth Cremerius, Monika Klaffs und Ni Shaofeng hatten sie umsichtig vorbereitet.

Zhan Ru – so sein Name als buddhistischer Mönch, der aber auch in seinem Paß steht – lehrt an der renommiertier Peking-Universität als Professor für Indologie und indischen Buddhismus, ist aber zugleich prägendes Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Institutionen, in China und international. Auf Einladung von Prof. Friedrich kam Zhan Ru Anfang Oktober 2003 nach Hamburg, mit Mitteln des DAAD und der Numata-Stiftung. Er hat die ChinA in jeder Hinsicht mehr gefördert, als das ein Gastprofessor gemeinhin tut und kann – und deshalb sollte ihm dieser Abschied gewidmet werden, ein akademischer Abschied, neben den persönlichen.

Verabschiedung von Prof. Zhan Ru Michael Friedrich sprach über die bisherigen Forschungen zum chinesischen Buddhismus in Deutschland – und wenn ich jetzt sagte, er habe nicht viel zu sagen gehabt, dann klänge das wohl despektierlich. Tatsächlich zeigten seine gelehrten Darlegungen vor allem, wie unzulänglich hierzulande dieser überaus fruchtbare Acker bisher bestellt wurde.

Davor hatte Max Fölster, stud. phil., unter der Überschrift "Chinesischer Buddhismus und ich" über die prägende Kraft gesprochen, die Zhan Ru als akademischen Lehrer auszeichnet und die ihm einen Kreis engagierter und begeisterter Studierender bescherte. Diese hatten einen Folioband mit Fotos, zur Erinnerung an den Aufenthalt von Zhan Ru in Hamburg, vorbereitet – und Isabel Wendt und Christina Pohl überreichten ihn. Zeichen der Wertschätzung und der Zuneigung zugleich war das, denn auch alle Lehrenden an der ChinA hatten dazu beigetragen. Einleitend zu der Veranstaltung hatte der Berichterstatter ein wenig zu "Chinesischer Buddhismus und Hamburg" geplaudert.

Am Ende, vor den unvermeidlichen "offiziellen Fotos", bat Zhan Ru um das Wort – und da staunte die Versammlung nicht schlecht: Er hatte während seiner Zeit in Hamburg so viel Deutsch gelernt, daß er seine, nicht kurze, Dankrede in deutscher Sprache vortragen konnte: ohne zu stocken und fehlerlos und ohne Akzent. Sehr leise sprach er, aber das war ein Zeichen seiner inzwischen gewohnten Bescheidenheit und Zurückhaltung, wenn es um die eigene Person geht. Leidenschaft zeigt er nur, wenn es um die Wissenschaft, auch um andere Menschen, geht.

Einen solchen Gast läßt niemand gerne ziehen, auch nicht nach Hause zurück! Dem Ideenreichtum von Zhan Ru entsprangen einige gemeinsame Projekte, nicht nur buddhologischer Ausrichtung, und so werden nicht allein Erinnerungen an ihn bleiben. Er wird auch künftig in der ChinA gegenwärtig sein.
 
 
 

 "Summer school" und "China Focus"

Als diese jungen Leute, die meisten junge Frauen, aus China, Japan und Korea in Hamburg eintrafen, herrschte hochsommerliches Wetter, ein wenig schwül. Trotzdem empfanden diese Gäste die Witterung als angenehm. Daheim waren die Temperaturen drückender und die Luftfeuchtigkeit höher gewesen, eine stärkere Umweltbelastung gab es dort ebenfalls.

In der alljährlichen "summer school", die das AAI in Zusammenarbeit mit dem Fach "Deutsch als Fremdsprache" veranstaltet, wollen sie ihre Deutschkenntnisse verbessern und zugleich erste unmittelbare Eindrücke von dem Land sammeln, auf das sie zunächst ihre beruflichen Wege ausrichten wollen.

Summer School, AAI, Uni Hamburg Dem trug ein sorgfältig abgewogenes Unterrichts- und Begleitprogramm Rechnung. Teil hiervon war, daß jeweils zwei Gäste eine deutsche Tutorin bzw. einen Tutor erhielten, die ihnen bei der Sprache, auch sonst, behilflich waren. So sind jetzt, wie jeden Sommer, im Foyer des AAI und an den schattigen bzw. regensicheren Plätzen davor, wieder diese anrührenden Dreiergruppen von jungen Leuten zu sehen, die eifrig die Köpfe zusammenstecken. Hoffentlich geht es dabei nicht nur um Grammatik und Aussprache, sondern auch um die feineren Formen der Verständigung.

Die "summer school" ist Teil der universitären Bestrebungen, sich betriebswirtschaftlich "aufzustellen" – wie dieses unsägliche Modewort der Politiker besagt. Um cash soll es gehen, um wenig sonst. Erfreulich ist immerhin, daß die beteiligten Institutionen dadurch tatsächlich einige Euro einnahmen, die ihre geschmälerten Sparetats ein wenig aufbesserten.

In diesem Zusammenhang ist auch ein weiteres Projekt zu sehen: "Master of International Business and Economics – China Focus". Das kommerziell ausgerichtete "International Center for Graduate Studies" der Uni HH veranstaltet diesen einjährigen Lehrgang, zu dem auch Sprachunterricht und ein Trisemester in Shanghai gehören. Zahlreiche weitere Institutionen, auch die ChinA, sind an dem Programm beteiligt, das der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Wilhelm Pfähler konzipierte.

Eine Besprechung Anfang August erwies, daß dieses Programm im Oktober erfolgreich beginnen kann. Längst nicht alle Teilnahmewünsche konnten erfüllt werden. So weit, so gut, auch beim "China Focus".

Eine "summer school" ist eine altvertraute akademische Institution, auch in Deutschland, wenngleich unter anderen Bezeichnungen. Die Kommerzialisierung der Studienangebote ist etwas ganz anderes, und diese Entwicklung könnte sich einmal katastrophal auswirken. Die ersten Schritte in solche Richtungen nötigt HHs Hochschulsenator J. Dräger gerade seiner Universität ab. Die Hälfte der etwas mehr als 150 Professuren bei den Historikern, Kultur- und Sprachwissenschaftern will er streichen. Ihm reicht offenbar eine Grundausbildung für künftige Lehramtskandidaten und in solchen Fächern, die sich betriebswirtschaftlich instrumentalisieren lassen. Seine Bewunderung für große amerikanische Privatuniversitäten reichte offenbar nicht für die Wahrnehmung dessen aus, daß gerade diese die – für ihn – zu vernachlässigenden Bereiche der Geisteswissenschaften außerordentlich stark fördern und dementsprechend ausstatten.

Jammern wir aber nicht über solche Geringschätzung durch einen unternehmensprüferisch geprägten Senator! Alle Kulturwissenschaften an der Uni Hamburg haben Grund und Anlaß, auf die Bedeutung ihrer jeweiligen Wissenschaft und zahlreicher Fachvertreter stolz zu sein. Hinter derlei steckt mehr, als mancher Kleinpolitiker bisher an Lebensleistung und -erfahrung aufzuweisen hat.

Wie viele Politiker richtet auch Senator Dräger sein Ohr nicht so genau auf die Alltäglichkeiten des Lebens. In mehreren Bereichen überschneidet sich der "China Focus" mit Lehrangeboten privater Unternehmungen. Mehrere murrende Stimmen aus dem Bereich der Hamburger Wirtschaft vernahm der Berichterstatter bereits. Sollten sich solche kommerzialisierten Lehrangebote der Uni mehren und damit solche Überschneidungen, dann könnte das Wettbewerbs- und Subventionsrecht noch ganz andere Mißhelligkeiten mit sich bringen. Gerade in diesen Tagen – diese Notizen wurden zwischen dem 22. und 25. August geschrieben – bahnt sich zwischen dem UKE und einem Unternehmen namens German Health ein Rechtsstreit an, der so allerlei ans Licht zu bringen scheint.
 
 
 

 Frühe chinesische Akademiker in Deutschland I

Wer mag diese Liste, die vier Seiten umfaßt, angelegt haben – und zu welchem Zweck? Sie trägt die Überschrift "Chinesische Akademiker in der Bundesrepublik und West-Berlin" und wurde wohl Anfang der 1950er Jahre zusammengestellt. Aufgeteilt ist sie trotzdem noch nach Besatzungszonen bzw. Sektoren in Berlin.

Frühe chinesische Akademiker in Deutschland

Akribisch verzeichnet sie diese chinesischen Akademiker, die offenbar die Nazizeit überstanden hatten: genau 42. Sie nennt Geburtstag und Herkunftsgebiet, Stand der akademischen Ausbildung, Familienstand und Wohnanschrift. In nicht wenigen Fällen bedeutet ein O.B. "ohne Beschäftigung".

Zusammengestellt wurde diese Liste augenscheinlich durch einen Chinesen. Sie weist Zusätze von mehreren Händen auf. Ein Anhang (siehe Abbildung) listet chinesische Akademiker auf, die nach 1945 in die BRD oder nach West-Berlin kamen, auf: zwölf!

Vielleicht ist diese Liste nutzlos, doch sie ist zugleich ein anrührendes Dokument. Möglicherweise könnte sie für die eine oder andere Forschungsarbeit zur Geschichte der Chinesen in Deutschland nützlich sein. Deshalb sei ihre Existenz hiermit bekanntgemacht.

Gerührt entdeckte der Berichterstatter den einzigen chinesischen Akademiker, der damals in der Französischen Zone, in Freiburg/Breisgau, wohnte: Hsiao Shi-Yi, mit christlichem Namen: Paul. Bei ihm lernte der Berichterstatter, eine Reihe von Jahren nach Zusammenstellung dieser Liste, seine ersten chinesischen Sätze.
 
 
 

 Frühe chinesische Akademiker in Deutschland II

» Professor Helmolt Vittinghoff, sinologischer Kollege an der Universität Köln, legte unlängst eine hochinteressante CD vor. Sie listet Examensarbeiten auf, die seit 1945 zu Chinathemen im deutschsprachigen Raum verfaßt wurden. Weit über 3.000 sind das insgesamt, und eine solche Fülle läßt sich nach allen möglichen Richtungen betrachten.

Im Jahresbericht 2003 der Hamburger Sinologischen Gesellschaft habe ich eine kleine Notiz über die Zahlen von Magisterarbeiten zu Chinathemen an den größeren Universitäten geschrieben, seit 1983. Heute interessiert mich, wie es mit den Doktorarbeiten von 1945 bis 1982 war.

Insgesamt habe ich für diesen Zeitraum 630 solcher Doktorarbeiten gezählt. Tatsächlich sind es sogar noch ein wenig mehr, denn ich habe nur die 33 Universitäten/Hochschulen betrachtet, an welchen mehr als drei China-Dissertationen vorgelegt wurden. Schon diese Zahl ist recht beachtlich, denn an Universitäten/ Hochschulen wie Basel, Bielefeld, Darmstadt, Gießen, um nur einige zu nennen, gibt es eine Sinologie bis heute nicht. Auch andere Fächer interessierten sich also für China. Von den 630 Dissertationen zu Chinathemen wurden ungefähr 105 von Chinesen verfaßt, solche von Koreanern und Japanern trugen ebenfalls zu solchen Themen bei. Auch diese Zahl läßt sich ohne weiteres nicht präzisieren, denn die oft überaus eigenwilligen Namensschreibungen lassen eine zweifelsfreie Identifizierung der Nationalität manchmal nicht zu.

Nur wenige Standorte haben in dem genannten Zeitraum allerdings mehr als 20 Chinadissertationen hervorgebracht: Berlin (HU), Berlin (FU), Bochum, Bonn, Hamburg, Köln, München, Wien, Würzburg. Sie können sich bei insgesamt 339 China-Dissertationen mit mehr als der Hälfte der Gesamtzahl schmücken, 57 von Chinesen..

Ein besonders amüsanter Teil solcher Betrachtungen kann stets den Themen akademischer Examensarbeiten. "Laotse. Leben und Werk" (1946) und "Ethica Confucii" (1957) käme heute wohl nirgendwo mehr als Dissertationsthema in Betracht. Beide wurden von Chinesen geschrieben, naheliegenderweise. Begeisternde Frühformen praxisnaher Themen finden sich ebenfalls: "Die Produktionsbedingungen taiwanesischer Gemüsekonservenindustrie und ihre Absatzverhältnisse mit besonderer Berücksichtigung der Exportaussichten ausgewählter Produkte auf dem westdeutschen Markt" (1974), "Analyse des Schweinemarkts auf Taiwan" (1974), ebenfalls von Chinesen bearbeitet. Ein solcher ersann auch 1981 noch ein "Neues Konzept einer Schreibmaschine".

Ein öfter wiederkehrender Typ von Themen liest sich wie folgt: "Der Begriff Skandalon im Neuen Testament und der Wiederkehrgedanke bei Laotse" (1971), "Das Verständnis der Liebe bei K'ung-tse und bei Jesus" (1965), "'Caritas bei Thomas von Aquin im Blick auf den konfuzianischen Zentralbegriff 'Jen'" (1981), "Dialektik des Yih Ging im Lichte der abendländischen Dialektik" (1962). – Leicht läßt sich vorstellen, wie solche Arbeiten zustandekamen und wie sie aussehen. Für solche Themen haben sich vor allem Jungakademiker aus Korea begeistert.

Nicht zu raten braucht man, wer sich den folgenden Themen widmete: "Die Stellung der Frau in Pearl Bucks China-Romanen" (1950), "China in den Romanen Pearl S. Bucks und Nora Walns" (1951), "Die Frau in China in den Werken Pearl Sydenstricker Bucks" (1954). Das waren deutsche bzw. österreichische Frauen, während sich männliche Chinesen mehrmals für Hermann Hesse erwärmten. Überraschenderweise war 1971 schon das Thema "Asiaten über Deutsche: Kulturkonflikte ostasiatischer Studentinnen in der Bundesrepublik" angesagt. Wieviele solcher Studentinnen mögen damals hierzulande gelebt haben?

Zu mancherlei sinnvollen und sinnlosen Betrachtungen regt das verdienstvolle Verzeichnis von Helmolt Vittinghoff an. Vielleicht gilt das, sommerlich, auch für das folgende Dissertationsthema: "Untersuchungen über das Vorhandensein des Matratzenphänomens bei Chinesen im Bereich der Oberschenkelhaut" (1974).
 
 
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