Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 32
6. Juli 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Fuchsien, Eis und Tutti Frutti

Ein Chinaliebhaber, der bei dem Städtchen Muskau, nahe Görlitz, vorüberkommt, wird nicht zögern, dort einen Zwischenstop einzulegen. Hier hatte der berühmte Herrmann Fürst von Pückler-Muskau (1785-1871) den berühmtesten seiner Landschaftsgärten angelegt – und war darüber 1845 pleite geworden. Vielleicht finden sich, mag der Vorbeireisende hoffen, in diesem Garten noch chinesische Elemente: Chinoiserien.

Als Pückler-Muskau seinen Park gestaltete, war die Chinamode bereits vergangen, und so erinnert nichts mehr in diesen weitläufigen Parkanlagen um das fürstliche Schloß herum an China. Am ehesten tut das noch die sanft geschwungene blaue Fuchsienbrücke in Schloßnähe, doch die Fuchsien stammen eben nicht aus China, sondern aus Zentral- und Südamerika, auch aus Neuseeland. Inzwischen verfügen auch die Fuchsien über einen chinesischen Namen, "Umgekehrt aufgehängte Goldglöckchen", aber sie sind nach dort eingeführt. Vielleicht hat die Karpfenbrücke nahebei eher Chinabezüge? Das ließ sich leider nicht herausfinden.

Fuchsienbrücke

Der Fürst war nicht nur ein Kenner der Gartenbaukunst, sondern auch ein Abenteurer – was Fernreisen und das schöne Geschlecht angeht. Letzteres erfreute er anscheinend nicht nur durch die köstliche Erfindung des nach ihm benannten Fürst-Pückler-Eis.

Ein Gang durch den herrlichen Park, von dem der größere Teil auf polnischem Gebiet liegt, bleibt empfehlenswert, und auch sonst lassen sich interessante Einblick in Gegenwärtigkeiten nehmen: Bei dem Gang über die Doppelbrücke zum polnischen Teil des Parks wachen Grenzer beider Seiten sorgsam darüber, daß die Spaziergänger einen Paß vorweisen. Weder im Parkcafé noch im Ort kann sich der Gast am Fürsten-Eis, das zu DDR-Zeiten nur "Halbgefrorenes" genannt werden durfte, ergötzen, nur an Konfektionseis aus Tiefkühltruhen. Die liebenswürdige junge Frau, die den Kaffee bringt, kennt nicht den Weg zum Schloß, das hinter einigen Bäumen und Buschwerk "um die Ecke" liegt, wie sich dann zeigt. Das Chinarestaurant "Hao Hao", das dereinst die örtliche Gastronomie bereicherte, ist längst wieder "vorübergehend geschlossen". – Wie ließe sich das bunte und wilde Leben des Fürsten nutzen, um den Ort zu beleben, auch ökonomisch!

Vielleicht ließe sich der Fernsehsender RTL als Hauptsponsor gewinnen. Der wurde dereinst durch eine Hoppelhoppel-Show bekannt, an deren Ende sich einige junge Damen mit energischen Griffen die Blusen aufrissen. "Tutti Frutti" hieß diese Sendung, und "Tutti Frutti" war auch der Titel eines 1834 erschienenen Buches des Fürsten Herrmann.
 
 
 
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Ansichten für Europa
 
  China sollte ihn nicht mehr aus seinem Bann lassen: William Alexander, 1767 in Maidstone im britischen Kent geboren. Da der Sohn eines Karossenbauers sich künstlerisch begabt zeigte, ließ sein Vater den Fünfzehnjährigen in London durch zwei damals bekannte Maler unterrichten, bevor er sich sieben Jahre lang an der Royal Academy fortbilden konnte. Der 25jährige war einer der vielen brotlosen Künstler seiner Zeit, als ihn der Ruf ereilte, der sein Leben prägen sollte.

Die britische East India Company hatte zuletzt gute Geschäfte im Ostasiengeschäft gemacht. Sie hatte Holländer, Franzosen und Portugiesen weitgehend aus diesem lukrativen Markt gedrängt. Jetzt sollte es den Hong, den chinesischen Zwischenhändlern, an den Kragen gehen. Von deren Gutwilligkeit, welche die Einkaufspreise beträchtlich erhöhte, hingen die britischen Kaufherren in allen Einzelheiten ab. Eine Gesandtschaft zum chinesischen Kaiser Ch'ien-lung (1736-1795) sollte helfen, China der Company für den direkten Handel zu "öffnen", und so finanzierten sie die offizielle britische Gesandtschaft des Lord Macartney.

Am 16. September 1792 stachen die "Lion" und die "Hindostan" in See. Beide Schiffe waren komfortabel ausgestattet. 95 Mann waren an Bord, so daß Macartney unter anderem über eine kleine Musikkapelle und einen eigenen Koch verfügen konnte. Sogar ein Dolmetscher begleitete die Gesandtschaft – Jacobus Li, ein katholischer Priester aus Rom: "Mr. Plumb". Alexander trug während der Fahrt über dem rechten Auge eine Piratenbinde, als wolle er zeigen, worum es eigentlich ging. Er kam als "chief draughtsman" an Bord.

Der wenig rühmliche Verlauf der Gesandtschaft ist eine andere Geschichte. Alexander aber zeichnete überall in China, wohin immer er mit der Gesandtschaft gelangte. Ein Reisegenosse hielt fest: "Mr. Alexander zeichnete mit Aquarellfarben schön und wirklichkeitsgetreu, ohne etwas auszulassen, das chinesisch war – von den Gesichtern und Gestalten der Menschen angefangen bis zu den geringsten Pflanzen, und deren Abbilder gelangen ihm so wirklichkeitsnah, daß nichts ihnen vergleichbar war." Ausgerechnet den Höhepunkt der Reise, den Empfang Macartneys durch den chinesischen Kaiser, konnte er nur nach Erzählungen wiedergeben, denn für die Fahrt in das ferne Jehol war er nicht erwünscht.

William Alexander: Buchhändler

Weit über tausend Skizzen brachte Alexander aus China mit, und mit deren Vermarktung verbrachte er die nächsten Jahre. Zunächst illustrierte er den offiziellen, 1797 erschienenen Gesandtschaftsbericht, auch mehrere andere Reiseberichte. 1798, 1805 und 1813 brachte er eigene Bände mit Chinabildern heraus, von denen "The Costumes of China" von 1805 ein Bestseller wurde. Dafür mußte er seine Skizzen in druckfähige Techniken umsetzen, wobei er sich meistens der Aquatinta bediente. Seine Erfolge brachten ihm 1802 eine Professur für Zeichenkunst ein, und 1808 erhielt er die ersehnte Berufung an das British Museum. 1816 starb er.

Bedeutend war Alexander, weil er den Europäern erstmals chinesische Alltagsszenen darstellte. Das waren Einzelstudien wie der hier abgebildete Buchhändler, doch auch seine Landschaften und Stadtansichten schmückte er lebhaft mit solchen Miniaturen. So sagt eine Gedenktafel auf dem Kirchhof von Boxley: " Durch die Kraft seines Zeichenstifts vermittelte er viel bessere Kenntnisse der Sitten und Gebräuche Chinas nach Europa, als dieses bisher erlangt hatte."
 
 
 
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General Mutter Lü
 
  Der den Dynastien Ch'in und Han gewidmete Band der "Cambridge History of China" umfaßt 981 Seiten. Seinen Autoren ist diese Lü Mu nicht eine einzige Zeile wert. Alle frühen chinesischen Geschichtsschreiber, die diese Zeit dargestellt haben, widmen ihr hingegen einen längeren Passus.

Den Anfang machte Pan Ku (32-92) in seinem Han-shu, "Buch der Han; ihm folgte Yüan Hung (328-376) mit seinem Hou-Han chi, "Aufzeichnungen über die Späteren Han"; dann auch Fan Ye (398-445) in seinem Hou-Han shu, "Buch der Späteren Han". Von mehreren nur fragmentweise erhaltenen Geschichtswerken zu diesem Zeitraum ist zumindest sicher, daß auch das Werk des Ssu-ma Piao (+ 306) sich mit dieser Gestalt befaßte. Alle Berichte stimmen mehr oder weniger überein. Wahrscheinlich gingen sie auf die amtlichen Aufzeichnungen zurück, die das – ebenfalls nur fragmentarisch erhaltene – Tung-kuan Han-chi, "Aufzeichnungen über die Han aus dem Östlichen Turm", enthält. In diesem Ostturm befand sich dereinst das Historiographische Amt. Vielleicht auch haben die Späteren von Pan Ku abgeschrieben.

Im Jahre 14 n. Chr. soll sich ereignet haben, wofür Lü Mu berühmt blieb. Mu, "Mutter", wird gemeinhin als persönlicher Name verstanden, aber keineswegs ausgeschlossen ist, daß auch ein Mann ihn trug, doch zu der Geschichte paßt besser, dieses mu als einen ehrenden Beinamen zu verstehen, also "Mutter Lü".

Sie lebte in dem Landkreis Hai-ch'ü (Shantung), am Ostchinesischen Meer. Ihr Sohn, offenbar bloß ein Herumtreiber, war wegen eines kleinen Gesetzesverstoßes hingerichtet worden. Mutter Lü schart ein Gefolge von Jünglingen um sich, versorgt diese mit Waffen, Kleidern und vor allem mit Schnaps, denn ihre Familie war wohlhabend. Sie wollte Rache an dem Präfekten nehmen – doch anscheinend läßt sie sich Zeit.

Der heutige Leser wird dieser Geschichte nicht in allen Einzelheiten folgen, aber der Gedanke des Rächens gehörte – neben der staatlichen Rechtsprechung, eigentlich auch verboten – unübersehbar zur Rechtswelt der Han-Zeit.

Als das Vermögen von Mutter Lü aufgebraucht ist, wollen die Jünglinge dieser ihre Großzügigkeit vergelten. Unter Tränen versichert Mutter Lü, auf nützliche Dinge komme es ihr nicht an, sondern nur auf Rache für ihren Sohn. Die tapfersten ihrer Burschen, einige dutzend, nennen sich "wilde Tiger" und ziehen mit ihrer "Mutter" aufs Meer, werden so etwas wie Piraten. Bald umfaßt ihr Anhang einige tausend Gesetzlose, und sie nennt sich "General". Erst jetzt zieht sie gegen Hai-ch'ü und nimmt den Präfekten gefangen. Dessen Untergebene verwenden sich, Kotau machend, für ihn, doch Mutter Lü bescheidet sie barsch: "Wer einen Menschen tötet, muß sterben. Warum bitten Sie noch für ihn?" Eigenhändig enthauptet sie den Beamten und opfert das Haupt am Grabe ihres Sohnes. Alsdann begibt sie sich wieder aufs Meer, und dort verlieren sich ihre Spuren.

Abreibung: Hanzeitliche Kampfszene

Was mag die frühen Geschichtsschreiber an diesem Vorgang fasziniert haben, der doch nur einer von zahllosen kleinen Volksaufständen war, welche die Han-Zeit erlebte, und denen sie gemeinhin wenig mehr als einen Satz widmen? Möglicherweise war das diese so bedachte wie wilde Rache, vielleicht aber auch, daß anscheinend eine Frau hier die Führungsrolle in einem solchen Aufstand wahrnahm.

Den eigentlichen Grund deutet jedoch das Hou-Han shu, Kapitel 11, an. In diesem beginnt Fan Ye mit der "Mutter Lü" eine Aufzählung von Volksaufständen, und nach dem Tode der Lü an irgendeiner Krankheit schließt sich ihr Anhang anderen dieser Bewegungen an, deren bekannteste die der Roten Augenbrauen war. Diese führen zum Sturz des verhaßten Thronusurpators Wang Mang (9-23), der mit seinen hastigen und rigorosen Reformen das Reich in eine Art konfuzianische Diktatur verwandeln wollte. Für die frühen Geschichtsschreiber war anscheinend bedeutungsvoll, daß eine rachelüsterne Mutter, fern aller konfuzianischen Prinzipien und staatlicher Vorschriften, diese Aufstände begann. – Die Abbildung gibt einen Bildstein aus der Han-Zeit mit einer – ungedeuteten – Kampfszene wieder.
 
 
 
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Der Krupp von Taiwan
 
  Das abgebildete Gebäude, "Halle der Brüderlichen Liebe", wurde in Taipei nach dem verheerenden Taifun von 1919 errichtet. Es sollte 280 Familien, die obdachlos geworden waren, eine Heimstatt bieten. Sein Stifter war Yen Yün-nien, damals einer der fünf reichsten Männer Taiwans.

"Halle der Brüderlichen Liebe"

Eigentlich hatte er eine Amtslaufbahn einschlagen wollen, doch die Übernahme Taiwans durch Japan im Jahre 1895 vereitelte das. Yen Yün-nien wurde Goldwäscher im Gebiet von Chiu-fen am Keelung-Fluß in Nordtaiwan. Hiermit begann eine klassische Erfolgsgeschichte. Bald wurde Yen Sicherheitsbeauftragter des japanischen Eigentümers der Mine und erwarb Anteile an dessen Firma. Als dieser wegen Mißwirtschaft aufgeben mußte, verkaufte er an Yen.

Politik der japanischen Besatzer war, Taiwan im Status eines Agrarlandes zu belassen. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges änderte diese Politik, denn Japan benötigte Gold, um Kriegsgüter zu kaufen, und Kohle, um seine Kriegsschiffe unter Dampf zu halten. Für beides war Yen der richtige Mann. "Ich bin ein großer Spekulant", sagte er, "andere sind kleine Spekulanten." Sein Bruder Yen Kuo-nien, der ihm loyal zuarbeitete, entdeckte und erschloß für ihn 54 Lagerstätten von Kohle, und durch mehrere Erfindungen erhöhten die Brüder auch die Goldausbeute beträchtlich. Yen kam in den Ruf, ein taiwanischer Nationalkapitalist zu sein.

Öfter geriet Yen mit den Japanern aneinander, und manchmal geschah das wegen eines Gedichts von ihm. In einem hatten die Japaner zum Beispiel Sehnsucht nach China erkannt, doch Yen beherbergte in seinen drei stattlichen Gästehäusern stets Geschäftsfreunde aus Japan, einmal sogar den Kronprinzen, und diese setzten sich für ihn ein.

Mit anderen Freunden gründete dieser "große Spekulant" einen Dichterbund und lebte selbst in äußerster Bescheidenheit, wie seine Vorfahren. Die Yen führten sich nämlich auf Yen Hui (521-481), den Lieblingsschüler des Konfuzius, zurück. Dieser wurde für seine bescheidene Lebensführung gerühmt.

Im Bewußtsein der Bevölkerung war Yen ein Goldgräber, doch als er mit 49 Jahren starb, lauteten zwei Verse eines Dichterfreundes: "Schlicht lebte seine Familie, doch keineswegs arm./ Er schmolz Gold, um Kohle zu gewinnen, und machte uns dadurch reich." Das Gedicht rühmt ferner seine Wohltätigkeit und sein Dichtertalent.

Nach 1945 machte sein Sohn Yen Chin-hsin noch großzügige Stiftungen zum Wohle der Republik China. Das politische und wirtschaftliche Umfeld hatte sich jedoch geändert, und der Niedergang der Familie begann. Sie verfügt allerdings noch heute über bedeutende Unternehmen und Vermögenswerte auf Taiwan.
 
 
 
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Instruktionen für einen Pflanzenjäger
 
  Robert Fortune Weniger wie ein Abenteurer, eher wie ein seriöser Kaufmann sieht dieser Robert Fortune (1812-1880) aus. Auch die vier Bücher, die er – neben zahlreichen Artikeln – über seine Erlebnisse in China veröffentlichte, sind betont nüchtern und sachlich gehalten. Vielleicht hätten seine Tagebücher mehr über seine Persönlichkeit verraten, doch seine Familie verbrannte sie.

Der Vertrag von Nanking, am 26. August 1842 abgeschlossen, hatte China für den Westen, zunächst vor allem für England, "geöffnet". Jetzt wachte auch die traditionsreiche Horticultural Society aus einem längeren Tiefschlaf auf und wandte ihre Interessen China zu. Ziel dieser Interessen war, die Pflanzenschätze Chinas zu erkunden – für die Bereicherung der britischen Gartenlandschaften.

Robert Fortune, der eine vortreffliche gärtnerische und botanische Ausbildung genossen hatte, erschien ihr als der geeignete Mann für solche Unternehmungen. Am 23. Februar 1843 gab sie ihm seitenlange Instruktionen für seinen künftigen Job, nachdem sie für ein chinesisch-englisches Vokabular und Pistolen gesorgt hatte.

"Die allgemeinen Ziele Ihres Auftrags sind, erstens, Samen und Pflanzen zu sammeln – von Gewächsen, die entweder schön oder nützlich und in Großbritannien noch unbekannt sind, sowie, zweitens, Informationen über die Gartenkultur und die Landwirtschaft in China zu sammeln, dazu über die Art des Klimas und dessen Einflüsse auf die Vegetation."

Viele praktische Einzelheiten bestimmen diese Instruktionen, erlauben auch das Anheuern von chinesischen Hilfskräften "gegen ein geringes Entgelt". Dann listen sie 21 Punkte auf, denen Fortune sein besonderes Augenmerk widmen solle. An erster Stelle stehen die Peking-Birnen, die ein Gewicht von zwei Pfund haben können. An letzter Stelle folgen alle möglichen Bambusarten und die Möglichkeiten von deren Verwendung. Dazwischen nennen sie blaublühende Päonien, gelbblühende Kamelien, "wenn es die tatsächlich gibt", auch Azaleenarten und "the orange called Cum-quat".

Ein buntes und ignorantes Sammelsurium stellt diese Liste zusammen. Drei Tage, nachdem Fortune ein "Accepted. Robert Fortune" unter diese Instruktionen gesetzt hatte, bricht er auf einem Schiff namens "Emu" nach China auf, tut sich dort zunächst in der Gegend von Shanghai um.

Einer der ersten Funde, den er, 1844, nach London sendet, ist die Japanische Anemone (Anemone japonica), deren chinesische Urform, die China-Anemone (Anemone hupehensis), erst 1905 nach Europa gelangt. Mit britischem Humor charakterisiert er seine Entdeckung, sie sei "a most appropriate ornament for he last resting places of the dead."

Insgesamt viermal durchstreift Fortune China: 1843-1846, 1848-1851, 1853-1856, 1860-1862. Schon die zweite Reise, die er dann im Auftrag der East India Company unternimmt, dient viel prosaischeren Zwecken als der Verschönerung britischer Gärten oder Gräber. Sie führt ihn vorwiegend nach Anhui, dem Zentrum des chinesischen Teeanbaus. Hinter dessen Geheimnisse soll er kommen, denn der Five-o'Clock-Tea hatte sich bei den britischen Damen längst eingebürgert – und unversehens erhält dieses urbritische Wort "plant hunter" eine zusätzliche Bedeutung. – Von dieser Exkursion, die mit Sicherheit abenteuerlich verlief, schickte Fortune allein 2.000 Teepflanzen nach Hause.

Auch sonst bereicherte Fortune die europäische Garten- und Pflanzenwelt wie kaum ein anderer – und das muß ein gigantisches, wiewohl verschwiegenes Geschäft gewesen sein. Wie hatte es doch in den Instruktionen der Horticultural Society für ihn geheißen: "Für alle gesammelten lebenden Pflanzen und Samen liegen die Rechte ausschließlich bei unserer Gesellschaft." Er solle nicht annehmen, daß deren Aufwendungen auch seinen privaten Sammlungen dienen könnten. Nun, Robert Fortune scheint ein untadeliger Geschäftspartner der Society gewesen zu sein. Klagen seiner Auftraggeber sind nicht bekannt, doch auch er wurde durch die Chinapflanzen vermögend.
 
 
 
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Viereckiger Krug
 
  Wie ein viereckiger Krug sieht diese Insel nicht aus, doch so ist ihr Name zu verstehen: Fang-hu. Fang-hu ist auch die Bezeichnung für ein chouzeitliches Bronzegefäß – einen vasenartigen Krug, dessen Rundungen leicht begradigt wurden. Diese Gefäße, und einige verwandte Formen, nehmen unter allen Typen von Bronzegefäßen eine Sonderrolle ein, denn sie zeigen als einzige szenische Dekore: Kämpfe, das Pflücken von Maulbeerblättern, das Anschlagen von Glocken und Klingsteinen. Möglicherweise haben diese Gefäße und die Darstellungen auf ihnen besonders starke Jenseitsbezüge.

Das gilt jedenfalls für die Insel Fang-hu. Sie ist eine der fünf Inseln der Unsterblichen, die nach alter Tradition im Ostchinesischen Meer lagen. Eine sei von der nächsten 70.000 Meilen entfernt, weiß der taoistische Klassiker Lieh-tzu, "Meister Lieh", und er weiß noch mehr: "Die Türme und Terrassen dort sind sämtlich aus Gold und Jade, die Vögel und wilden Tiere sind ganz weiß, dicht prangen dort die Bäume aus Perlen und Juwelen, voller Pracht sind ihre Blüten und Früchte, und wer von ihnen ißt, altert nicht und stirbt nicht."

Fanghu Über die Bewohner von Fang-hu sagt das Shih-chou chi, "Aufzeichnungen über die zehn Kontinente", das um 300 entstand: "Solche in den Scharen der Unsterblichen, die nicht in den Himmel aufsteigen wollen, kommen hierher. () Sie pflügen die Felder und bauen Pilze und Kräuter an." Allerdings müssen auch diese Unsterblichen Steuern zahlen, nach Größe ihrer Felder, und an der Jadefelsquelle dort liegt eine Behörde, welche die Wassergottheiten in der Welt der Irdischen, auch die Schlangen und Drachen und andere Wesen, überwacht.

Frühe Poeten wie Pan Ku (32-92) und Tso Ssu (um 250-um305) malten sich Reisen zu diesen Inseln der Unsterblichen aus, und um das Jahr 212 v. Chr. vermittelte ein gewisser Hsü Shih dem Ersten Kaiser von Ch'in die Kenntnis von diesen Paradiesen. Der schickt einige tausend Jungfrauen und Jünglinge aus, nach ihnen zu suchen – erfolglos. Der Ursprung der Vorstellungen von diesen Glücklichen Inseln ist unbekannt, möglicherweise lag er in einem ostchinesischen Lokalkult. Bald bediente sich die taoistische Religion ihrer.

Taoistischen Geist verrät auch diese Längsrolle, die Wen Po-jen (1502-1575) malte und die 120.6 mal 31.8 cm mißt. Schroff erscheinen die Gestade von Fang-hu auf ihr, und er malt sie, als blicke er aus großer Höhe auf sie nieder, nähere sich ihr gleichsam als Unsterblicher durch die Lüfte.

Wichtiger als die Insel scheint ihm etwas anderes zu sein – die rotschimmernden Morgenwolken und -nebel. Bestandteil mancher taoistischer Meditationsübungen war, den Geist auf bestimmte Gestirne zu konzentrieren, den Nordstern oder die Sonne vorzugsweise. Die entscheidenden Zeitpunkte bei diesen Meditationen, die um Mitternacht begannen, lagen in den Augenblicken der Morgendämmerung, in welchen Yin und Yang noch nicht getrennt waren. Das Licht der aufgehenden Sonne rötete dann Morgenwolken und -dunst, doch bald trafen ihre goldenen Strahlen auch den Leib des Adepten und stellten für ihn eine Verbindung zum Sonnenpalast her, zusätzlich durch seine Versenkung in die Morgenwolken.

Manche Einzelheit auf diesem Bild ist noch zu klären – die Brücke, die von einer Nebeninsel zur Hauptinsel führt, der lotosknospenähnliche Fels oberhalb der Hauptinsel, anderes. Auch die Raumaufteilung auf diesem Bild bedürfte der Interpretation. Noch viele Geheimnisse müssen der chinesischen Tuschmalerei entlockt werden. Bilder von Fang-hu sind in ihr, übrigens, selten. Ein nicht erhaltenes von Wang Tsai (8. Jh.) kannte Tu Fu (712-770), und auch auf diesem war für ihn der Wolkendunst hervorzuheben.
 
 
 
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Kalendersprüche
 
  In agrarischen Gesellschaften wie der traditionellen chinesischen kommt dem Kalender und seiner Beachtung bei der Planung der jahreszeitlichen Arbeiten besondere Bedeutung zu. Das gilt auch schon für das China in der Chou-Zeit, aus welcher mehrere Kalenderschriften überliefert sind. Die bekanntesten von ihnen sind die Yüeh-ling, "Befehle für die Monate", in mehreren Versionen bekannt. Sie wecken den Eindruck, daß Könige und Fürsten aufgrund ihrer Regeln die jahreszeitlichen Arbeiten angeordnet hätten. In den Einzelheiten mag man dem zwar nicht folgen, doch gewiß gehörte eine Art Kalendergewalt zu den wichtigsten Attributen der Macht.

Die Yüeh-ling orientieren sich an den zwölf Monaten des Mondkalenders. Daneben existierten auch andere Unterteilungen des Jahres, ohne daß diese die Monatsordnung allerdings ganz aufgäben. Eine solche andersartige Jahresordnung zeigt die kleine Schrift Shih-hsün, "Jahreszeitliche Ratschläge". Diese teilt die vier Jahreszeiten in jeweils sechs Phasen gleicher Länge auf: je fünfzehn Tage, 24 Phasen insgesamt.

"Am Tag der Trennung des Frühlings treffen die Dunklen Vögel ein, nach fünf Tagen läßt der Donner sein Grollen ertönen, nach weiteren fünf Tagen beginnt es zu blitzen." So beginnt die Notiz über die vierte Phase des Frühlings. Die zweite Hälfte des Frühlings hebt jetzt an, und mit deren drei Teilphasen werden bestimmte Naturerscheinungen in Verbindung gebracht. Diese Notiz fährt fort: "Trafen die Dunklen Vögel nicht ein,/ werden die Frauen nicht schwanger./ Läßt der Donner sein Grollen nicht ertönen,/ verlieren die Reichsfürsten ihr Volk./ Beginnt es nicht zu blitzen,/ ist der Fürst ohne Autorität und Donnerkraft." – Die Dunklen Vögel sind wahrscheinlich die Schwalben.

Prognostische Sprüche sind das, schlichte Reimereien. Allemal versichern sie, daß im Bereich von Herrschermacht und Staatlichkeit eine Fehlentwicklung zu erwarten sei, wenn die jahreszeitlichen Abläufe in der Natur als gestört erscheinen. Das hängt damit zusammen, daß die Herrscher nach altchinesischer Herrschaftstheorie ein Bindeglied zwischen Kosmos und Menschenwelt waren und beider natürliche Ordnung zu gewährleisten hatten.

Diese Schrift überliefert das I Chou-shu, "Hinterlassene Schriften der Chou", in seinem 52. Kapitel. Dieses Werk soll im Jahre 280 n. Chr. entdeckt worden sein, nachdem Grabräuber in das Grab des Königs Hsiang von Wei (318-296) eingedrungen waren. Das Grab lag im Kreise Chi (Honan), und deshalb heißt das I Chou-shu auch Chi-chung Chou-shu, "Schriften der Chou aus dem Grabe von Chi". Das Kapitel 53 hierin zeigt, daß solche Kalendersprüche sich von den Yüeh-ling offenbar grundlegend unterschieden. Dieses Kapitel 53 ist zwar nicht erhalten, wohl aber seine Überschrift: Yüeh-ling.

Der ersten Herbstphase gelten im Shih-hsün – nach dem stets gleichen Schema – folgende Wendungen: "Am Tag des Herbstanfangs/ treffen die kühlen Winde ein./ Nach fünf Tagen kommt weißer Tau hernieder,/ und nach weiteren fünf Tagen singen die 'kalten' Zikaden.// Treffen die kühlen Winde nicht ein,/ ist der Staat ohne strenge Regierung./ Fällt der weiße Tau nicht hernieder,/ hat das Volk viel zu keuchen und zu leiden./ Singen die 'kalten' Zikaden nicht,/ bekämpfen sich die Menschen mit Macht." – Die 'kalten' Zikaden meinen eigentlich die Zikaden, die mit der beginnenden Kälte des Herbstes verstummen.

Hanzeitl. Bildstein Manches in diesen Reimen bleibt ungereimt – auch, wenn dieses Kalendarium hier und da sagt, dieses oder jenes Tier verwandle sich in ein anderes. Solche Vorstellungen sind auch aus anderen Schriften jener Zeit bekannt. Sie erklären sich Beobachtungen von Welt und Natur eben anders, als das nach zwei Jahrtausenden der Wissenschaft üblich ist.

Die Vier-Zeichen-Verse dieses Kalendarium entsprechen, was die Länge angeht, den Versmaßen des klassischen Shih-ching, "Buch der Lieder". Schon dieses enthielt kalendarische Texte, aber von wieder anderer Art. Die Abbildung zeigt einen Bildstein aus der Han-Zeit, möglicherweise den Sitz eines Distriktmagistrats darstellend, eine Art Landrat, doch mit noch größeren Kompetenzen. Auch diese Würdenträger interessierten sich für Kalenderarien.
 
 
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