Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 32
6. Juli 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 China-Wahrnehmungen vor 350 Jahren: Johan Nieuhof

Das Bestreben von Johan Nieuhof (1618-1672) war, wie die 1669 erschienene deutsche Übersetzung seines Werkes formulierte, "diese Völker/ und dieses Reichs/ das man iederzeit vor das allergeseegneste des ganzen Erdbodems gehalten( ()angebohrne ahrt/ und eigendliche beschaffenheit aus zu spühren."

Vom 14. August 1655 bis zum 31. März 1657 hatte er an der ersten niederländischen Gesandtschaft nach China, die ihn von Kanton bis nach Peking führte, teilgenommen. Sein Bruder Hendrik brachte den Bericht über diese Reise unter dem Titel "Het Gezantschap der Neerlandsche Oost-Indische Compagnie, aan den Grooten Tartarischen Cham, den tegenwordigen Keizer van China" 1665 in Amsterdam heraus. Die "Gesandtschaftsreise" war in allen wesentlichen Punkten, bei denen es vor allem um das Recht auf "freien Handel" in China ging, gescheitert; dieser Reisebericht wurde jedoch in Europa ein Bestseller.

Nieuhof war Kaufmann, doch vielleicht hatte man ihn auch zum Teilhaber an diesem Unternehmen gemacht, weil er zeichnen konnte. Auf jeden Fall zeichnete er unterwegs fleißig – Stadtansichten, Flora und Fauna, soweit er sie wahrnahm, Alltagsszenen mit Menschen, auch Tempel und Pagoden, immer wieder die unterschiedlichsten Typen chinesischer Schiffe, naheliegenderweise. Diese Reiseskizzen wurden für den Druck des Reiseberichts von professionellen Kupferstechern in reproduktionsfähige Vorlagen umgewandelt. Sie dürften den Erfolg des Reiseberichts kräftig gefördert haben, denn in Europa hatte man damals zwar schon allerlei über China gehört, doch zu sehen hatte man wenig darüber bekommen.

Johan Nieuhof Diesen Kupferstichen widmete Friedrike Ulrichs jetzt eine Untersuchung: "Johan Nieuhofs Blick auf China (1655-1657). Die Kupferstiche in seinem Chinabuch und ihre Wirkung auf den Verleger Jacob van Meurs. Wiesbaden: Harrassowitz 2003". Der Text des Reiseberichts war schon öfter untersucht worden, den Illustrationen hatten bisher nur wenige Seitenblicke gegolten.

Natürlich bedenkt sie die Sichtweise Nieuhofs auf China, achtet auf Vorläufer, untersucht, in welchem Verhältnis die gedruckten Kupfer zu den Vorlagenskizzen stehen, alles eben, was eine Kunsthistorikerin tun muß, wenn sie sich solch ein Thema vorsetzt. Dann jedoch stellt sie ausführlich dar, wie dieses Werk und seine Illustrationen fortwirkten. Manches Abenteuerliche an Geschäftstüchtigkeit fördert sie dabei ans Licht – nicht unbedingt alles überraschend, wenn man ein wenig von dieser Branche vor 350 Jahren weiß, aber dennoch spannend. Sodann versäumt sie auch nicht Hinweise darauf, wie mancher Kupferstich nach Nieuhof in den Gestaltungen von europäischen Landschaftsgärten nachwirkte.

Am Ende faßt Friedrike Ulrichs zusammen: "Nieuhofs glaubwürdige Abbildungen von China haben über einen langen Zeitraum keinen Nachfolger in der europäischen Buchillustration gefunden. () Erst mit den Zeichnungen und Aquarellen des Malers William Alexander, der die britische Gesandtschaft des Lord Macartney nach Peking (1792-94) begleitete, wurde ein neuer Standard für Chinadarstellungen geschaffen." Mehr als 150 Jahre habe Nieuhof das Bild Chinas in Europa geprägt, und sogar Alexander sei durch ihn noch "inspiriert" gewesen – wie » dokumentiert.

Jeder, der sich für die Frühgeschichte der europäisch-chinesischen Beziehungen interessiert, kommt an diesem Werk nicht vorbei – und er wird es zugleich mit Vergnügen lesen. Dazu tragen auch die 88 Abbildungen bei. Die in dieser Notiz hier zu einer Abbildung zusammengefaßten zwei Kupfer, darunter der Titel-Kupferstich, stammen allerdings aus einer anderen Quelle.
 
 
 

 China-Wahrnehmungen vor 50 Jahren: Peter Rühmkorf

Manche nannten den Hamburger Lyriker und Essayisten Peter Rühmkorf (* 1929) schon den Nestor der gegenwärtigen deutschen Dichtung. Selbst wenn er gegenwärtig seine jüngsten Gedichte in der FAZ veröffentlicht – nichts paßte weniger zu ihm als eine solche Kennzeichnung. Subversiv hat er immer geschrieben, manieristisch und vertrackt, auch aufklärerisch, seit seinen Anfängen in der damals einflußreichen linken Stundentenpresse. Sogar als er einmal ein Bändchen mit verspielten Klecksographien veröffentlichte, ließ sich in ihnen ein Hauch des Subversiven entdecken.

Im Herbst des Jahres 1955 war Rühmkorf zu einer Delegationsreise in die VR China eingeladen. Damals kam kaum jemand aus Westdeutschland in die rote Volksrepublik, und in der Adenauer-BRD des Kalten Krieges interessierte sich auch kaum jemand für sie. Rühmkorf, ein gewissenhafter Tagebuchschreiber, veröffentlichte in dem 1972 erschienenen Band "Die Jahre die Ihr kennt. Anfälle und Erinnerungen" Reminiszenzen an diese Reise. Über einige Tage in Peking schreibt er:

"Konnten uns völlig frei bewegen oder gezielt heranführen lassen, ganz nach Bedürfnis, das nahm den immer einspruchsbereiten Vorurteilen schon mal den gröbsten Wind aus den Backen. Machte von dieser und jener Möglichkeit ausgiebigen Gebrauch und wurde nicht dummer, weder durchs Sehen noch durchs Besichtigen. War zu Anfang vielleicht etwas übermächtig von den rein exotischen, fremdländischen und abenteuerlichen Momenten angezogen und fixierte, was ich wahrnahm, mit dem üblichen aperspektivisch-stationären Okular: einerseits – andererseits. Einerseits die 'Verbotene Stadt' (), andererseits: Arbeitersiedlungen, Schulen, Kindergärten, Altenwohnungen, Sozialversorgung, Pädagogik und Hygiene. Lernte erst mit der Zeit das perspektivische Sehen, das heißt die dialektischen Durchdringung des Offensichtlichen mit der historisch-materialistischen Prüfsonde. Nicht dieses ziemlich zusammenhanglose Nebeneinander von alter Pracht und neuer sozialistischer Praxis war ja das eigentlich Interessante und Bemerkenswerte, dann schon eher die Art und Weise der Einverleibung, die Traditionsmethoden, die Formen der Übernahme, die doch mit Machtübernahme sehr bestimmt zu tun hatten. Frage: wie sich das Neue überhaupt gegen den schönen Schein des Bösen Alten durchsetzen könne? Doch eigentlich nur mit Gewalt."

Damals legten hier viele junge Intellektuelle begeistert historisch-materialistische oder dialektische "Prüfsonden" an, obwohl der Name Karl Marx in deutschen politikwissenschaftlichen Universitätsseminaren nur als Gegenstand der Ablehnung fiel, und China war das "Land der blauen Ameisen". So waren die jungen Chinareisenden; Rühmkorf und Genossen, den sozialistischen Experimenten der VR China zumindest aufgeschlossen. Beinahe entzückt erinnert sich Rühmkorf an den Abend des 1. Oktobers, des Nationalfeiertags: "Abends dann mit den losgelassenen Ameisen auf dem Tien-an-Men-Platz (sic) herumgetanzt, in voller Begeisterung und frisch entfesselter Unschuld."

Dann folgt die übliche Besichtigungsreise quer durchs Land, vor allem zu Stätten der neuen sozialistischen Kultur, auch nach Wuhan:

"Bei dem großen Hochwasser des Jahres 54 und bei den neuerlichen Wasserunruhen im letzten Frühjahr wurden hier sämtliche Schüler und Studenten der Stadt an die gefährlichsten Einbruchstellen geworfen, um die Ausfälle des Aggressors eindämmen zu helfen, und was jahrtausendelang als Schicksal, Göttermacht und blinde Dämonenwut ertragen wurde, enthüllte sich als widerruflich durch das Gebild von Menschenhand. Exemplarische Überlebensmodelle. Ausgreifend fortwirkende Organisationsmuster für die gesamte technisch unterentwickelte Dritte Welt. Osten ist rot, China ist jung, rote Fahne von Mao Tse-tung. () dabei gibt es hier außerdem noch Formen der unschuldigsten Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ein Gesellschaftsprodukt sind, und von denen man sich in der europäischen Konkurrenz-Arena nichts träumen läßt."

Peter Rühmkorf: Die Jahre die Ihr kennt Die Titelseite bildet Mao in der Mitte aller möglichen Köpfe ab, an denen Rühmkorf sich rieb, oder die ihn prägten. Er veröffentlichte diese, überarbeiteten, Notizen, als die "Kulturrevolution" gerade verebbte, deren Nachwirkungen in Deutschland und anderswo, auch in China, noch radikal wirkten.

Eine Art früher Lebensrückblick sind diese "Jahre die Ihr kennt". Das erste Jahrzehnt der Volksrepublik China ist eine ferne, fremde Zeit, nicht weniger fern und fremd könnte jungen Menschen heute das erste Jahrzehnt der Bundesrepublik Deutschland erscheinen, wenn sie sich für deren Alltäglichkeiten interessierten und für deren "geistige Welt". Ihre Chinawahrnehmungen, jenseits der Politik, sind bis heute kaum erschlossen. Die Aufzeichnungen von Rühmkorf wären eine aufschlußreiche Quelle dafür. – Ansonsten, man sollte alles lesen, was Rühmkorf schreibt! Ein Nestor ist er vielleicht nicht, aber immer ein begeisternder Kopf und Schreiber.
 
 
 

 China-Wahrnehmungen unlängst: Seepferdchen, Cent-Münzen und Stahl, auch Fette

Auf den ersten Blick haben diese Begriffe nicht viel miteinander gemein, doch auch nur auf den ersten Blick, wie die Zeitungslektüre der vergangenen Wochen lehrt.

Seepferdchen Wer kennte nicht diese liebenswürdigen Tiere, die Seepferdchen, lateinisch Hippocampus und chinesisch hai-ma, ebenfalls "Seepferdchen", von denen bisher 34 Arten bekannt sind. Wohlvertraut ist ihre Gestalt, nicht ganz so bekannt scheint ihr so liebenswürdiges wie bizarres Paarungsverhalten zu sein. Deshalb titelte die FAS am 20. Juni 2004 entzückt: "Ich bin schwanger, Liebste! – Seepferdchen lieben anders. Und sie verdrehen Forschern ganz schön den Kopf. Jetzt stehen sie auch allesamt unter Schutz." Sie gingen nämlich dem Aussterben entgegen – und weshalb? Diskret deutet die FAS (Abb. nach Foto FAS) an, die Chinesen hätten Jahr für Jahr 24 Millionen aus dem Meer gefischt "und zu medizinischen Pülverchen verarbeitet", gegen Asthma und Impotenz etwa, lebend auch für Aquarienergötzungen. – 24 Millionen Seepferdchen für 1.2 Milliarden Chinesen? Die FAS hätte einmal nachzählen sollen, wieviele getrocknete Seepferdchen in Souvenirshops deutscher Nordseebäder ihres Schicksals als Mitbringsel harren, und den Gebrauch des Wortes "auch" sollte die FAS ebenfalls bedenken. Er gelingt nur selten richtig.

Alle Gazetten berichteten darüber, daß sich gegenwärtig ein Engpaß bei der Versorgung mit Ein-, Zwei- und Fünf-Cent-Münzen abzeichne, obwohl 8.3 Milliarden von diesen in Deutschland in Umlauf seien: überall in Europa knapp, aber in Deutschland besonders schlimm, wenngleich nicht alarmierend. Die Bundesbank, mitgeteilt vom "Hamburger Abendblatt" am 10. Juni 2004, wußte eine Erklärung: "Wegen der knappen Rohstofflage am Stahlmarkt könnten sie (d.h. die entsprechenden Betriebe) nicht genügend Kupferrohlinge herstellen. Grund dieses Engpasses ist wiederum der große Bedarf in China." Aha! Was haben Kupferrohlinge mit dem Stahlmarkt zu tun? Der Laie wundert sich und gedenkt gerne eines Hamburger-Hochbahn-Kunden: Als dem Busfahrer Anfang Juni, bei einem Fahrpreis von 1.45 Euro, fünf Cent für das Wechselgeld fehlten, rundete der Kunde großzügig auf: 1.50. Inzwischen hat die Hochbahn diese Aufrundung zum Standard erhoben. Wahrscheinlich sind "die Chinesen" an dieser Fahrpreiserhöhung schuld.

Tja, über die Stahlpreise seufzen alle, auch das "Abendblatt" am 26. Juni: "Stahl – China kauft Markt leer". Demnächst werde deswegen alles teuer: Maschinen, Windräder und Autos, die Hochbahnpreise nicht zu vergessen, denn wer leistet sich schon ein Windrad? In Deutschland werden gegenwärtig jährlich 44 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt, ungefähr soviel importiert die VR China von allen Herstellern der Welt. Wenn die Bedarfe, in China und anderswo, nicht gedeckt werden können und deshalb zu scharfen Preisanstiegen führen, dann hat vielleicht eine größere Zahl hochmögender Manager bei den Produzenten die Marktmöglichkeiten nicht richtig eingeschätzt – oder will von einer Hochpreisknappheit profitieren. Aber China war's wieder mal.

Neben solcher Unterversorgung war auch eine Überversorgung ein gern gepflegtes Thema: zunehmende Fettleibigkeit, von Kindesbeinen angefressen. Einen originellen Beitrag steuerten hierzu "100 Ernährungsexperten" im Auftrag eines italienischen Magazins bei, und das "Abendblatt" berichtete – Dank seiner ausgezeichneten Chinaberichterstattung! – am 22. Juni: "Zu viele Kalorien im Chinarestaurant". Wer kennt schon italienische Chinarestaurants! 68 Prozent der dargereichten Gerichte seien viel zu reichlich und zu kalorienhaltig. Was und wieviel essen solche "Ernährungsexperten" wohl "beim Chinesen" um die Ecke? Mexikaner, Brasilianer und Franzosen solle man ebenfalls meiden. "Besonders gesund und nicht zu kalorienreich" seien hingegen die Speisen italienischer Restaurants. Wo veröffentlichten diese Experten ihre Einsichten?

Seepferdchen, Busfahrer, Bundesbanker und Stahlmanager, vor allem "Experten" – alle haben ihre eigene Chinarezeption – und tragen zu der allgemeinen Chinawahrnehmung hierzulande bei: an allem schuld! – Meistens ist das einfach nur dumm, doch möglicherweise erlebt die allgemeine deutsche Chinawahrnehmung in diesen Jahren wieder einmal einen Bruch.
 
 
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