Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 32
6. Juli 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 ChinA: festtäglich

Beinahe jeden Tag bereitet es dem Berichterstatter Freude, wen er das lichte Foyer des Asien-Afrika-Instituts (AAI) der Universität Hamburg betritt. Schon in den Morgenstunden herrscht dort reges Leben. Lehrende und Studierende eilen oder schlendern zu den Seminar- oder Diensträumen, doch meistens arbeiten an den kleinen Tischen bereits individuelle Arbeitsgruppen.

Besonders erfreulich wirkte dieses Foyer am Morgen des 19. Juni 2004, eines Sonnabends. Jetzt waren kleine Arbeitsgruppen dabei, den 3. Asien-Afrika-Boulevard vorzubereiten. Dieser sollte zu fachübergreifenden Begegnungen und Informationen zwischen den Abteilungen des AAI anregen, aber auch ein außeruniversitäres Publikum interessieren. Eine kleine Bühne war im Foyer bereits errichtet, doch die stattlichen Stuhlreihen davor waren noch leer.

AAI-Boulevard 3

Das sollte sich um 13 Uhr geändert haben: "schlagartig" sozusagen. Die "Taiku-Trommler" der Japanologie stimmten mit Macht auf diesen Boulevard ein, und ihre Zuschauer und -hörer füllten nicht nur die Stuhlreihen, sondern auch die Ränge, die Treppenaufgänge nämlich. Das war, wie schon bei den vorangegangenen Boulevards, ein begeisternder Auftakt!

Um 13.45 Uhr eröffnete der Dekan, Prof. Dr. Rainer Carle, den Boulevard dann offiziell – und alsbald zerstreute sich das Publikum. Auf der Bühne im Foyer schlossen sich Musikaufführungen und Tänze aus zahlreichen Regionen Asiens, aber auch aus Afrika, an; in anderen Räumen gab es Vorträge und Lesungen, mehrere Fotoausstellungen zeigten zum Teil meisterliche Aufnahmen von Studierenden, andere Veranstaltungen luden zum Mitmachen ein, sieben Stände mit Kulinarica aus den Regionen durften nicht fehlen. Mehr als vierzig Programmpunkte kamen insgesamt zusammen – und zwei kleine Besonderheiten hatten sich die Organisatoren zusätzlich ausgedacht: Wer "Sterne pflücken" wollte, das heißt: Lose kaufen und angeln, der konnte sich bald eines Gewinns erfreuen, und dann gab es noch ein weiteres Gewinnspiel. Nach dem Muster der Illustrierten-Preisausschreiben brauchten die Spiellustigen nur das Programm des Boulevards aufmerksam zu studieren, doch der didaktisch-interessierende Hintersinn war größer als bei diesen. Vielleicht weiß ein Sinologe noch, daß mit "vietnamesische Zither" die Dàn Tranh gemeint ist, aber was ist die Landessprache Äthiopiens?

Hübsch und bunt und lebendig ging alles zu, die Tücken der Technik waren unvermeidlich, die Mienen heiter, und tatsächlich mischten sich Inner- und Außeruniversitäre, und unter den AAI-lern bemerkte mancher erstaunt, daß auch andere Fächer Bemerkenswertes vorzuzeigen haben. Organisatoren und Mitwirkende haben Mühen nicht gescheut, doch nebenbei schnappte der Berichterstatter die Bemerkung einer Dame auf, die von außerhalb der Uni kam: "Das ist einfach großartig, was die hier machen!" Sie sprach das in ein Handy, dort wo vor der Drehtür die Aschenbecher stehen, und dann eilte sie schnell die Treppen in das erste Obergeschoß empor – ob zu einer Veranstaltung oder zu einem Imbiß ließ sich aus der Distanz nicht mehr bemerken.

Welches Universitätsinstitut könnte wohl einen vergleichbaren "Boulevard" veranstalten – oder wollte das auch nur, angesichts der Mühen! Wenn das AAI sich, in welchen Zusammenhängen auch, nach außen darstellt, dann sollte es stets auch die Einladungen und Programme dieser "Boulevards" dabei nicht vergessen. Sie, die Boulevards, dienen der Unterhaltung, nicht der Wissenschaft, doch sie vermitteln auch Eindrücke von fernen Kulturen,
die ohne die Begeisterung für die jeweilige Wissenschaft nicht zu gewinnen wären. – Von der ChinA hatten sich die Vietnamisten und Koreanisten engagiert

Was wird – so eine beklommene Frage – mit den japanologischen Trommlern, wenn diese einmal alle ihre Examen bewältigt haben? Denken sie daran, rechtzeitig für eine Nachwuchsriege zu sorgen, damit diese eine vergleichbare Perfektion ausbilden kann? Schließlich sollen diese wilden Klänge das AAI auch künftig aufwühlen und begeistern – damit es sich stets seiner Ziele bewußt bleibt.
 
 
 

 ChinA: vorträglich

An dem Tag, an dem Meinhard Liebing in die ChinA kam, füllten er und das Unternehmen, dessen Vorstandsvorsitzender er ist, eine ganze Seite im "Hamburger Abendblatt": "Conti kauft Harburger Phoenix". Es war der 30.Juni 2004, und vorangegangen waren dem turbulente Wochen, denn diese Übernahme verlief nicht ganz freundlich. Für das Hannoversche Unternehmen war die Phoenix AG, deren Jahresumsatz von zuletzt knapp 1.2 Mrd. nur ein Zehntel des Umsatzes von Intercontinental ausmacht, vor allem als Zulieferer für die Autoproduktion interessant.

PHOENIX

Über einen anderen Unternehmenszweig und dessen Chinaengagement sprach Liebing am 30. Juni in der ChinA, auf Einladung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft. Dieser Produktionszweig sind sogenannte Fördergurte, vor allem für den Bergbau, auch für die Stahlproduktion – bis hin zu den Kassenbändern von ALDI. Vor knapp zehn Jahren war den Managern von Phoenix in Harburg klar geworden, daß sie hier nicht mehr konkurrenzfähig produzieren würden. Neue Standorte in Thüringen, Ungarn, Indien und China, im Kohlerevier von Changzhi, wurden geplant und aufgebaut. Im Falle von China wurden ältere, bis 1975 zurückreichende geschäftliche Kontakte genutzt.

Qualität des Angebots und eine hohe Frustrationstoleranz bei der Umsetzung unternehmerischer Vorstellungen nannte Liebing als Voraussetzungen für einen Erfolg im Chinageschäft. Systematisch und zugleich historisch zeichnete er dieses Engagement in Changzhi nach, das 1997 begann. Er rühmte die Qualität des Beratungsangebots, das inzwischen zugänglich ist, verschwieg aber erst recht nicht die "Fallen", in welche Phoenix trotzdem tappte: eine andere Wirtschaftskultur, Mentalitäts-, Sprach- und sonstige Verständigungsprobleme.

Nicht alles, was Meinhard Liebing berichtete, war grundsätzlich neu, vieles eher wohlvertraut, doch in der Schilderung des Einzelfalles höchst anschaulich. Nachdem er zunächst verhalten begonnen hatte, wurde sein Vortrag immer gelöster, denn er bemerkte offenbar, daß sein ansehnliches Publikum, überwiegend Sinologie-Studenten, ihm interessiert folgte. Tatsächlich, diese bekamen nicht nur etwas über unternehmerische Strategien zu hören, sondern auch über die Anschaulichkeiten von deren Umsetzung in die Alltage. – So benötigte auch das Joint Venture der Phoenix AG in Changzhi mehrere Umstrukturierungen, bevor es zuletzt profitabel wurde.

Meinhard Liebing hatte nicht nur harte Wochen hinter sich, er hat sie auch vor sich. Die Übernahme durch Conti, die allerdings noch von den Wettbewerbshütern in Brüssel überprüft wird, wird tief in die Strukturen des Unternehmens, das er leitet, eingreifen. Trotzdem nahm er sich Zeit für diesen Vortrag in der ChinA. Man kann solche Industrie-"Bosse" wie ihn, der allerdings so gar nicht wie ein solcher auftritt, nicht genug rühmen. Wer sie bittet, den Studierenden etwas über das wirtschaftliche Geschehen zu vermitteln, der wird beinahe nie enttäuscht – und wer könnte ihnen schon ein angemessenes Honorar anbieten? Auch das ist unternehmerisches Engagement.
 
 
 

 ChinA: liebenswürdig

Simone Amores und Lisa Tinschert, Studentinnen im Grundstudium der Sinologie in der ChinA, interessierten sich für Schriftzeichen-Tattoos – im Rahmen eine kleinen Hausarbeit in einem Proseminar zur Geschichte der chinesischen Schrift und Sprache. Sie streiften durch Tattoo-Studios, ob die nun "Älteste Tätowierstube", "Art of Ink" oder "Endless Pain" heißen; sie befragten auch Trägerinnen solch reizvoller Hautbilder. Die Ergebnisse ihrer Erkundungen, unabhängig voneinander vorgenommen, decken sich weitgehend.

Chinesische Tattoos Beliebt sind diese Schriftzeichen-Tattoos seit einigen Jahren, und die Studios halten eine Fülle von Vorlagen bereit. Diese schließen sogar Listen mit Übersetzungen deutscher Vornamen ins Chinesische ein. Hierbei unterscheiden sich allerdings nicht selten – und nicht tadelnswert – die Wiedergabeformen, wie sich auch sonst die Bedeutungsangaben unterscheiden. Auch hierfür finden sich jedoch meistens Erklärungen.

Auf die Vorbereitung eines Tattoos verwenden die Interessentinnen an einem solchen meistens beträchtliche Zeit – bei Beratungen im Studio, vorbereitender Recherche im Internet und anderen Erkundungen. Bei der Auswahl der Zeichen spielen sowohl deren Bedeutungen als auch deren Ästhetik eine Rolle. Manche entzückt sich vielleicht am Aussehen eines Zeichens, doch wenn sie erfährt, daß dieses "Rattenfalle" bedeutet, dann verzichtet sie lieber. Zeichenformen für die Wörter Liebe, Glück, Kraft, Freude, Freundschaft scheinen die häufigsten zu sein, auch die Zeichen für die zwölf Tiere des chinesischen Tierkreises sind vorhanden, doch auch hierbei mag nicht jede "Pferd" oder "Schwein" oder "Affe" usw. auf der Haut tragen. Auch längere Schriftzüge bieten die Studios an, mit mehr oder weniger Sinn – wie die Recherchen andeuteten.

Die Ausführung eines Schriftzeichens als Tattoo kann zwischen 30 und 90 Euro kosten, je nach Schwierigkeit. Manchmal verunglückt ein Schriftzeichen, doch es gibt Möglichkeiten der Nachbesserung. Einer der häufigsten Fehler scheint zu sein, daß die Schriftzeichen spiegelverkehrt aufgetragen werden. Da muß man dann schon vorher aufgepaßt haben, und beide Tattoo-Forscherinnen, Simone Amores und Lisa Tinschert, bemängeln, daß die Aussprache der Zeichen nirgends zu erfahren sei. Nun, da können sie Abhilfe schaffen.

Vergnüglich ist nachzulesen, was sie bei ihren Erkundungen herausfanden, und welche Fragen sie sich zusätzlich stellten. Da die junge Dame, deren Taille das Schriftzeichen für "Seele" ziert, plant, sich ein weiteres Zeichen stechen zu lassen, und auf der Suche danach ist, sei ihr vielleicht erklärt: Nach traditioneller chinesischer Auffassung verfügt ein Mensch über zwei Seelen, also gibt es auch zwei Schriftzeichen dafür. Das an ihrer rechten Taille ist das Zeichen für po, "Körperseele", die derbere und vergänglichere von beiden. Wie wäre das, wenn sie sich auf die andere Seite das Zeichen für hun, "Hauchseele", gravieren ließe – die schwebende und unsterbliche? Erst dadurch würde der Ausdruck ihrer Tattoos vollkommen – und zu beiden Schriftzeichen und diesen "Seelen" ließe sich natürlich noch manches erklären.
 
 
 

 ChinA: mißvergnüglich

Am Donnerstag, dem 24. Juni, staunte ich nicht schlecht, als ich das Foyer des AAI durchschritt. Ein aufwendiges Plakat wies auf einen "Wissenschaftssommer Sylt" hin. Zwischen dem 29. Juni und dem 11. August würden dort im "kunstraum Sylt-Quelle" unter anderem namhafte Wissenschaftler der Uni Hamburg vortragen, mit irgendeiner "Moderation" von außerhalb: 10 Euro Eintritt, ermäßigt 7.50.

Wer wohl diese Ermäßigung beanspruchen wird ? Wahrscheinlich eher ein Bankier im Ruhestand als ein Ziwi, der sich auf sein Studium an der Uni Hamburg vorbereitet. – Sylt ist schließlich die Lieblingsinsel der Hamburger Gutbetuchten und – später hinzugekommen – der Medien-Darlings, die sich ihnen annähern möchten. Die jungen Schönen haben letzteren noch nie gefehlt, wie bei der Formel 1.

Eine Universität mag gute Gründe haben, sich in solch einem Umfeld darzustellen. Ein solches Projekt kostet allerdings auch! Demnächst verlangt die Uni Hamburg von allen Studierenden pro Semester 50 Euro "Verwaltungsgebühr", von weiteren "Innovationen" zu schweigen, über welche sich Irrenhausgeschichten erzählen ließen. Noch niemand hat, was öffentlich-schuldig gewesen wäre, dargestellt, wie – betriebswirtschaftlich! – diese 50 Euro errechnet wurden. Juristen mögen darüber urteilen, denn eine "Gebühr" im eigentlichen Sinne ist das nicht. Der Betrag wurde einfach und willkürlich festgesetzt, nach "Gutsherrenart".

Das war ein Schlagwort, das nach meiner Erinnerung in den 1970er Jahren auf den FDP-Politiker Graf Lambsdorff gemünzt wurde. Heute verhalten sich Hochschulpolitiker, außerhalb und innerhalb der Universitäten, oft auf diese Art, wenn sie ihre wichtigtuerischen und oft ahnungslosen Vorstellungen in neue Realitäten umsetzen.

Uni HH - Hauptgebäude Die Hamburger Gutbetuchten von vor knapp hundert Jahren gaben der Uni Hamburg das Motto "Der Forschung, der Lehre, der Bildung", das noch heute über ihrem Hauptportal prangt. Ob dem der "Sylt-Sommer 2004" genügt? Immerhin, vielleicht paßt er zu neueren Notwendigkeiten, und vielleicht bricht auch der Berichterstatter in diesem Sommer einmal für einen Tag nach Sylt auf, um sich diesen "Wissenschaftssommer Sylt" der Uni Hamburg anzusehen.
 
 
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