Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 31
24. Mai 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Wird Rotherbaum nordkoreanisiert?

Unlängst prangten hier am Rotherbaum an allen Straßenrändern und Wegecken wieder die Blüten des Löwenzahns, vulgo: Butterblume, in ihrem saftigen Gelb. Jetzt sind daraus schon die Pusteblumen geworden, mit diesen wundersamen weißen Fallschirmen.

Dergleichen Wildwuchs ärgert manchen Hamburger. Vor einigen Jahren wurden deshalb an der Bushaltestelle Alsterchaussee zwei kleine Rasenflächen durch Steine eingefaßt, der Rasen wurde abgetragen, kleine Sträucher sollten künftig in den steinumränderten Dreiecken, die insgesamt vielleicht 20 qm umfassen, blühen. Bald überwucherten Wildgräser und -kräuter sie. Auch in diesem Frühjahr gediehen diese schneller als die Sträucher, doch deren Blüten waren unübersehbar.

Dann, Mitte April, an einem zarten Frühlingsmorgen - was ging da vor? Sieben, wirklich: sieben, städtische Gartenfacharbeiter regten sich auf diesen beiden kleinen Dreiecken. Sie beseitigten rigoros den Wildwuchs, und die Sträucher, die sich gerade zur Blüte anschickten, rissen sie, spatenbewehrt, aus dem Boden.

Am 26. April verschaffte das "Abendblatt" Aufklärung: "Rotherbaum erblüht: Bürger pflanzen Blumen". Der Zweispalter rühmte das vereinte Engagement der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur und des Bezirksamtes Eimsbüttel, gefördert auch noch durch eine spendenfreudige Anwohnerin. Nicht länger soll es dort "öde und unscheinbar" aussehen, und: "Ab Juni blüht alles gelb und orange", schwärmt Anke Kuhbier, Vorsitzende der Gesellschaft, und fügt liebevoll hinzu: "... mit einem Hauch Apricot." Das ist das Japangras, sind Strauchrosen und Potentilla.

Mitarbeiter des Bezirksamts hätten sogar Muttererde eingefüllt. - Einfach lobpreiswürdig! Das Gelb allerdings hätte schon jetzt dort prangen können, dank der Butterblumen. - Seit zwei Jahren lassen sich an manchen Straßenecken hier im Rotherbaum ähnliche "Verschönerungen" wahrnehmen. Unvermittelt steht der Flaneur vor Sonnen- oder Studentenblumen, wo zu Füßen der mächtigen Linden ehedem Gräser und Glockenblumen blühten: etwas bescheidener, vor allem nicht so ganz ordentlich.

Ob die Urheber dieser Aktion einmal in Nordkorea weilten? Dort säumen Gartenblumen und -sträucher viele hundert Kilometer lang Autobahnen und Überlandstraßen. Wahrscheinlich ist das dort eine Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme, die überdies Lebensfreude vorgaukeln soll.

Rotherbaum-Beet Ganz so weit ist Rotherbaum noch nicht. Noch sind diese Gartenblumenecken an den Straßenrändern selten, in ihrer Abwegigkeit. Und was das "Einfüllen" von Muttererde an der Bushaltestelle Alsterchaussee angeht - so sehr weit sind die einsatzfreudigen Gartenfacharbeiter damit noch nicht gekommen. Am 1. Mai sah es dort wie auf dem Foto aus: wenig frühlingshaft.

Warten wir also auf den Juni - und den "Hauch Apricot". Der Müßiggänger wird ihn sorgfältig dokumentieren. - Was ist eigentlich "Apricot", diese Modefarbe? Und was ist eine Potentilla? Naja, Fingerkraut eben, blüht sogar noch im Hochgebirge. Schickimicki am Straßenrand ist das auf jeden Fall.

Die Umgestaltung dieser beiden Bushaltestelle-Dreiecke schritt fort: Am Dienstag, dem 4. Mai waren Zweidrittel des zweiten Dreiecks umgegraben. Am Mittwoch, dem 5. Mai - zwei Gärtnereifahrzeuge stehen herum, drei Spaten stecken in der Erde, vier Arbeiter frühstücken in den Autos: bei MoPo und BILD und schweigend, doch am Donnerstag, dem 6. Mai waren die Grabungsarbeiten abgeschlossen und drei Vierteil des zweiten Dreiecks mit Anpflanzungen versehen. Reichten die mitgebrachten Setzlinge nicht für den Rest der Fläche, oder war die Arbeitszeit abgelaufen? Eine Woche danach war dann auch die letzte Ecke bepflanzt

Und jetzt kucken wir mal! - Viel guter Wille, wenngleich vielleicht nicht gut begründet, viele An- und Abfahrtswege, vier Wochen, um solch kleine Flächen neu zu gestalten! In dieser Zeit entsteht in Shanghai ein Wolkenkratzer. Einstmals waren die Deutschen für ihr organisatorisches Talent gerühmt, jetzt beherrschen sie anscheinend die Zeit- und Mittelverschwendung besser.
 
 
 
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Auch eine Bibliothek
 
  Wenn die Archäologen über die Entdeckung eines Hortes berichten, beginnt sogleich das große Rätselraten: Wann und aus welchem Grunde wurden diese Dinge verborgen? Was waren die Umstände, unter denen der Hort angelegt wurde? Meistens, wenn überhaupt, lassen sich diese Fragen erst nach langen Forschungen beantworten. Das gilt für Horte aller möglichen Art - die von Münzen, solche von buddhistischen Skulpturen, von kostbaren Gebrauchsgegenständen usw.

Das gilt auch für den Hort, den fünf Bewohner des Dorfes Yangjia im Kreis Meixian der Provinz Shaanxi am 19. Januar 2003 entdeckten. Er bestand aus 27 Bronzegefäßen und war zusätzlich dadurch bedeutungsvoll, daß alle Gefäße Inschriften trugen.

Bronzegefäß-Fund in Yangjia, Kreis Meixian, Provinz Shaanxi

Die längste, auf eine Bronzeschale geschrieben, umfaßte 372 Schriftzeichen. Sie beginnt mit der Rede eines gewissen Lai. In kurzen, eindringlichen Formulierungen stellt dieser dar, daß sieben Generationen seiner Vorfahren namentlich genannten Königen der Chou gedient hätten, mit dem vordynastischen König Wen angefangen. Das klingt folgendermaßen: "Mein erhabener Vater Kung-shu - voll Würde und Ernst, emsig und rege beriet er in aller Eintracht bei der Regierungsführung, bemühte sich in aller Klarheit um die Tugend und stand so dem König Li zur Seite." Nachdem Lai sich auch des eigenen Wirkens im Königsdienst gerühmt hatte, hebt der nicht benannte König zu sprechen an: Er verlängert und beschreibt in kurzen Formeln ein Mandat, das er diesem Lai gewährt, und beschenkt ihn reich.

In zwei weiteren langen (280 und 316 Zeichen) Inschriften, von denen die eine auf zwei, die andere auf zehn Gefäßen im gleichen Wortlaut steht, begegnet dieser Lai ebenfalls. Sie beschreiben zunächst ein aus vielen anderen Inschriften bekanntes Zeremoniell am Chou-Hofe. Dann würdigt der ungenannte König die Taten des Lai und seiner Ahnen, die auch militärischer Natur waren, und verheißt ihm bedeutende Geschenke, darunter solche von Ländereien. Diese Inschriften sind in das 42. und 43. Jahr eines Königs datiert. Nach Lage der Dinge sollte es sich um König Hsüan handeln. Also ereigneten sich die beschriebenen Vorgänge in den Jahren 786/785 v. Chr.

Weitere, allerdings kürzere, Inschriften auf Gefäßen unterschiedlicher Formen stammen von Vorfahren dieses Lai; bei einer handelt es sich um ein Widmungsgefäß für eine Gemahlin eines dieser Vorfahren, auch mehrere Stiftungen des Lai sind noch darunter. - Mit einigen früher gefundenen Inschriften auf Bronzegefäßen lassen sich die Neufunde über die Nennung gleicher Namen verbinden.

Der Bronzehort vom Dorfe Yangjia zählt zu den ungewöhnlichsten Inschriftenfunden der letzten Jahrzehnte. Man muß sich wohl vorstellen, daß diese Bronzegefäße ursprünglich im Ahnentempel jenes Lai standen. Gewaltig dürfte sein Stolz gewesen sein, wenn er in zehnfach gleicher Weise die Verdienste seines Hauses gegenüber dem Königshaus rühmt und dessen Schenkungen für sich verzeichnet! Eine Art Archiv waren sie ursprünglich oder eine Bibliothek - zur immerwährenden Selbstvergewisserung zum Ruhm des Hauses.

Wahrscheinlich gehörte Lai zu einer Nebenlinie des Fürstenhauses des Kronstaates Shan/Tan, von dem auch sonst gelegentlich die Rede ist. Die Herren dieser meist kleinen kronstaatlichen Herrschaften zählten wohl nicht zu den eigentlichen Reichsfürsten, aber sie waren in besonderer Weise auf den Königsdienst verpflichtet. Eine vergleichbare Dokumentation der Geschichte einer solchen Herrschaft durch Inschriften gab es bisher nicht.

Wahrscheinlich wurde der Hort bald nach den Jahren 786/785 angelegt. Unter dem verderblichen König Yu (781-771) hatte das Chou-Reich durch verheerende "Barbaren"-Einfälle zu leiden, mußte deswegen sogar seine Hauptstadt verlegen. In die Zeit dieser Wirren paßt die Anlage des Bronzehorts, und in ihr starb dann wohl auch dieser Zweig des Hauses Shan/Tan aus. Jedenfalls geriet der so kostbare wie stolze Bronzehort in Vergessenheit, bis ihn ein paar Dörfler nach ungefähr 2.800 Jahren entdeckten. Künftig wird er berühmt bleiben.
 
 
 
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Asiens 1. Republik (19)
 
  Am 17. April 1895 wurde nach dem für China verheerenden Chinesisch-japanischen Krieg in Shimonoseki ein Friedensvertrag unterzeichnet. Unter anderem sah er die Abtretung Taiwans an Japan vor. Am 19. April unterrichtete das chinesische Außenamt, das Tsung-li ya-men, den Mandschu-Gouverneur auf Taiwan, T'ang Ching-sung, hiervon.

Von interessierter Seite, wahrscheinlich Kaufleuten aus dem Westen, waren Gerüchte über diese Abtretung auf Taiwan schon am 18. April verbreitet worden. Schnell wurde von unbekannter Hand, doch unterzeichnet mit "das ganze Volk Taiwans" noch am gleichen Tag eine Proklamation gegen die "japanischen Zwerge", wie China die Menschen gegenüber am Ostmeer seit dem Altertum verachtungsvoll genannt hatte, verbreitet.

Am 8. Mai wurde der Vertrag von Shimonoseki ratifiziert und trat damit in Kraft. In der Zwischenzeit ging es auf Taiwan hoch her: Ch'iu Feng-chia, ein herausragender Vertreter der taiwanischen Gentry, der auch als Gelehrter und Literat bekannt war, organisierte - zunächst in Zusammenarbeit mit Gouverneur T'ang - einen Widerstand gegen die Übernahme durch Japan. Der Mob nutzte die Situation und plünderte, die öffentliche Ordnung war bedroht.

Auch mit den Ausländern berieten sich die Widerständler, darunter mit dem deutschen Konsul C. Merz. Mehrere Kriegsschiffe, auch zwei deutsche, kreuzten vor den Küsten Taiwans auf: Europa hatte die Insel schon lange für sich wiederentdeckt, nach dem 17. Jahrhundert.

Nach einer Voraberklärung vom 16. Mai, die aus nur 16 Schriftzeichen bestand, war es am 23. Mai so weit: Die "Republik Taiwan", T'ai-wan min-chu-kuo, wurde ausgerufen, als unabhängiger Staat, der allerdings die Suzeränität der Mandschu-Kaiser auf dem chinesischen Festland respektieren wollte. Das war, wie man sich in manchen Kreisen auf Taiwan stolz erinnert, Asiens erste Republik.

T'ang Ching-sung wird ihr erster Präsident. Er bittet die Beamten, bei ihm zu bleiben - bei doppeltem Gehalt. Die meisten kehren trotzdem auf das Festland zurück, und schon nach zwölf Tagen folgt ihnen T'ang. Damit ist die junge Republik schon am Ende. Die westlichen Mächte hatten sich nicht zu ihrer Unterstützung bereitgefunden, und niemand hatte sie diplomatisch anerkannt. Am 21. Oktober fand sie dann auch drastisch ihr Ende: Tainan im Süden, wo sich ihre letzten Verfechter verschanzt hatten, wurde durch die Japaner eingenommen.

Republik Taiwan (1895)

Manche Historiker sehen diese Republikgründung als ein etwas undurchsichtiges, jedenfalls abgekartetes Spiel an. Für ein begründetes Urteil sind noch zu wenige Dokumente bekannt. Und auch - diese junge Republik hatte es schon zu einem Präsidentensiegel, einer Nationalflagge mit dem Tiger als Symboltier, eigenen Briefmarken und Geldscheinen gebracht. Das erforderte einige Vorbereitung und zeugt von wirklichen politischen Unabhängigkeitsabsichten. Außerdem proklamierte die Republik für eine unabhängige Jahreszählung eine Regierungsdevise (nien-hao).

Die hatte es in ihrer Mehrdeutigkeit ebenfalls in sich: yung-ch'ing. Das konnte bedeuten "Ewige Ch'ing", wünschte also den Mandschukaisern auf dem Festland dauerhaften Erfolg, konnte aber auch als "Ewige Klarheit" gedeutet werden - von jetzt an, in der Unabhängigkeit.
 
 
 
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Präfektur des Himmels
 
  Fischfang mit dem Pelikan, von einem Bambusfloß aus, die Jagd auf Wasservögel, Feldbestellung und das Dreschen des Korns - hanzeitliche Grabziegel aus dem Gebiet der heutigen Provinz Ssechuan zeigen solche Szenen. Sie waren farbig gefaßt, und ihre Maße entsprechen sich weitgehend. Folgen von mehreren Ziegeln wurden in die Wände eines Grabhauses eingelassen.

Hanzeitliche Grabziegel, Provinz Sichuan Einige tausend bildhafte Darstellungen aus der Grabkunst dieser Zeit sind inzwischen bekannt, und alljährlich wird deren Zahl durch neue Funde größer. Die Darstellungsformen, auch die Inhalte unterscheiden sich teilweise auffällig von Region zu Region. Motive aus der Mythologie und historische Themen sind nicht selten, auch Darstellungen, die mit den Jenseitsvorstellungen dieser Zeit zusammenhängen. Nicht ganz klar ist, warum solche Bilder für die Gräber geschaffen wurden. Lebenserinnerungen für die Totenseele, eine anschauliche Art der Auskunft über das Leben des Toten vor den Mächten im Jenseits, ein Jenseitsführer für die Totenseele - das sind nur drei mögliche Beweggründe hierfür. Vielleicht wirkten auch mehrere davon und weitere zusammen.

Die Bildziegel aus Ssechuan unterscheiden sich nach Form und Inhalt von allen anderen. Vor allem Alltagsszenen aus dieser Region werden auf ihnen dargestellt, am bekanntesten darunter die von Salz-/Eisen-Bergwerken, für welche Ssechuan schon früh bekannt war. Nicht, daß religiöse Motive unter ihnen gänzlich fehlten! Sie beanspruchen allerdings nicht die gleiche Bedeutung wie andernorts.

Vielleicht hängt das damit zusammen, daß in dieser Gegend bis zum Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. zwei vom sonstigen "China" unabhängige "Staaten" bestanden: Pa und Shu, an welche die Erinnerung noch lange fortlebte. Auch nachdem das Ch'in- und dann das Han-Reich sich dieses Gebiet einverleibt hatten, zeigte sich hier immer wieder ein starker, eigenständiger Selbstbehauptungswille. Die Bevölkerung bestand weitgehend aus nicht-"chinesischen" Völkern und Stämmen, die ihr eigenes Brauchtum noch lange pflegten.

Gewaltiger Stolz auf das Heimatland scheint aus solchen alltagsnahen Grabbildern zu sprechen. Als t'ien-fu, "Präfektur des Himmels", wurden die Reichtümer dieser Gegend schon früh gerühmt, als Paradies. Mächtige, unzugängliche Bergketten schirmten sie von dem übrigen China ab, der gefährliche Jangtsekiang war die wichtigste Verbindungslinie. Alte, noch beschwerlichere Handelswege verbanden sie mit Indien und ferneren Gegenden im Westen.

"Es gibt nichts, das hier fehlte", hebt Ch'ang Ch'ü (um 350 n.Chr.) rühmend hervor, in seinem Hua-yang kuo-chih, "Aufzeichnungen über die Staaten in Hua-yang" - ein anderer Name für diese Gegend. Er preist die Reichtümer der Berge und Wälder, die Fruchtbarkeit der Niederungen, die Fülle der Fische in den Gewässern, und: "Die Gemüse und Früchte in den Gärten reifen abwechselnd in allen vier Jahreszeiten." Genau das drücken auch die Bildziegel in den Gräbern aus.
 
 
 
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Lobpreis des Lotos (44)
 
  Am 8.Tag des 4. Monats nach dem Mondkalender wurde in China der Geburtstag des Buddha gefeiert, und just an diesem Tag öffnen sich angeblich die Lotosblüten - diese Blüten des Buddha, Symbol der Reinheit und der Harmonie, auch eine der Acht Kostbarkeiten der buddhistischen Tradition.

Schon früh besangen Dichter den Lotos. "Ich habe einen Teich voll Lotosblüten,/ die ich so sehr liebe, als seien sie aus Gold", sagt Chiang Yen (444-505) in seiner "Poetischen Beschreibung des Lotos". Ein anderer, Yao Ho (um 831), widmet ihm einen "Lobpreis der schönen Lotosse auf dem Südteich": "Wie dicht die Blätter auf dem Lotosteiche prangen!/ Das Blütenpaar an jedem Stiel leuchtet im dunklen Wasser wieder."

Unübersehbar ist die Zahl der Gedichte, welche dieser "Reinen" gewidmet wurden. Berühmter als sie alle wurde gleichwohl ein ganz schlichter Prosatext, der den Titel "Erklärung meiner Liebe zum Lotos" trägt. Er ist einer der bekanntesten Texte der chinesischen Literatur und lautet:

"Unter den Blüten der Kräuter und Bäume zu Wasser und zu Lande gibt es eine, die vorzüglich liebenswert ist. ´T'ao Yüan-ming (365-427) aus der Dynastie Chin liebte in Sonderheit die Chrysanthemen, und seit der T'ang-zeit lieben die Menschen die Päonien am meisten. Ich liebe vor allem den Lotos, weil er aus dem trüben Schlamm emporstrebt, ohne von ihm beschmutzt zu werden, und auch nicht dünkelhaft wirkt, wenn er in klarem Wasser badet. Innen leer und außen gerade, ohne zu wuchern und ohne sich zu verästeln, wird sein Duft mit der Entfernung immer reiner, und voller Stolz steht er da.
Ich meine, die Chrysantheme sei der Einsiedler unter den Blütengewächsen, die Päonie das reichste und vornehmste von allen, der Lotos aber ist der Edle unter ihnen. Ach, nach T'ao habe ich von kaum jemandem gehört, daß er die Chrysantheme liebte! Und wer teilt meine Liebe zum Lotos? So ist wohl angemessen, daß eine Menge die Päonie liebt."

Chou Tun-i (1017-1073) verfaßte diesen Text, der nur 119 Schriftzeichen umfaßt. Obwohl er zu seinen Lebzeiten kaum bekannt war und, aus einer Literatenfamilie stammend, als Privatier lebte, gilt er als einer der Urheber der Erneuerung des Konfuzianismus in der Sung-Zeit. Die Brüder (Ch'eng I (1033-1107) und Ch'eng Hao (1032-1085), beide bedeutende Denker in dieser Erneuerung, sollen für kurze Zeit seine Schüler gewesen sein. Wenn er überhaupt Schüler hatte - die beiden haben augenscheinlich von seiner Lehre wenig mitgenommen. Wenigstens hoben sie seine charakterliche Integrität hervor.

Erst der große Chu Hsi (1130-1200), der diese konfuzianische Erneuerung vollendete, weiß Chou Tun-i zu schätzen. Er rühmt ihn als den ersten wahren Konfuzianer nach Meng K'o im Altertum und pilgert zu seiner einstigen Wohnstatt am Berge Lu (Kiangsi). Dort hatte sich der Lien-hsi hsien-sheng, "Herr vom Bach der Lauterkeit", wie Chou sich nach einem Flüßchen in seiner Heimat in Hunan nannte, eine "Halle der Liebe zum Lotos" errichtet. In sie hatte er eine Tafel mit diesem Text eingelassen. Chu Hsi hatte den Text einmal "verehrungsvoll" gelesen, doch die Tafel war längst vergangen. Er errichtete für Chou Tun-i einen Gedenkschrein, und im Jahre 1241 wird Chou gar in die staatlichen Opfer in den Konfuziustempeln aufgenommen.

Chou Tun-i scheint den Lotos als Inbegriff seiner selbst und der eigenen Lebenshaltung angesehen zu haben. Ob er nicht daran gedacht hat, daß der Lotos in all seinen Teilen Symbol der Erotik und der Geschlechtlichkeiten ist? Daß der Lotos im Buddhismus hochgeschätzt ist, störte ihn jedenfalls nicht. Auch sonst nahm die neokonfuzianische Erneuerung buddhistische Lehrtraditionen auf.
 
 
 
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Streit um Hosen
 
  Ein heftiger Streit tobte im Jahre 307 v. Chr. unter den Würdenträgern in Han-tan, der Hauptstadt des nordchinesischen Staates Chao: eine Diskussion, die auf den ersten Blick bizarre Züge trug. Angezettelt wurde sie anscheinend durch den Herrscher von Chao, den später so genannten König Wu-ling. In jungen Jahren auf den Thron gelangt, hatte er jetzt, im 19. Jahr auf diesem, sein 30. Lebensjahr gewiß schon überschritten.

Ssu-ma Ch'ien (um 100 v. Chr.) beginnt im 43. Kapitel seines Shih-chi, "Historische Aufzeichnungen", die Darstellung dieser Erörterungen mit einer lakonischen Notiz: "In seinem 19. Jahr hielt er eine große Audienz im Hsin-Palast. Er rief Fei I hinzu und beriet mit ihm über das Reich. Nach fünf Tagen wurde das beendet." Das Reich, die Gesamtheit der altchinesischen Staatenwelt, von der Chao nur einen kleinen Teil ausmachte, war Gegenstand dieser Beratungen? Ssu-ma Ch'ien verschweigt die Einzelheiten und schildert dann, daß Wu-ling zu einer Inspektionsreise durch sein Chao aufbrach.

Deren Eindrücke waren offenbar bedenklich. Nach seiner Rückkehr ruft Wu-ling einen nächsten Würdenträger zu sich. Er erklärt ihm, daß er die Position von Chao im Reich als gefährdet ansehe, zumal an mehreren seiner Grenzen auch barbarische Völker lebten, vor allem in dem Staat Chung-shan. Ohne starke Truppen, so fürchtet der Herrscher, werde sein Staat untergehen. Er schließt mit der kategorischen Feststellung: "Ich will die Barbarenkleidung." Der angesprochene Würdenträger ist damit einverstanden, alle anderen Würdenträger, sagt der Geschichtsschreiber, "wollten sie nicht."

Damit war das Wort gefallen, das diese hauptstädtische Diskussion prägte: die Barbarenkleidung. Der Herrscher wandte sein ganzes politisches Geschick auf, um seinen Willen durchzusetzen: Überredung, Schmeichelei, Drohung, auch Verheißung. Er trägt diese Barbarenkleidung schon einmal höchstpersönlich und nötigt auch manchen Würdenträger, sich in dieser öffentlich zu zeigen.

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Genauer gesagt, ging es bei dieser Barbarenkleidung nur um Hosen, und eigentlich ging es auch gar nicht um Hosen, sondern um eine beispiellose Umgestaltung des Militärwesens. Die altchinesischen Heere bestanden überwiegend aus schwerfälligen Streitwagen, die von jeweils drei Mann besetzt waren: Wagenlenker, Bogenschütze und der "dritte Mann", der eine Nahkampfwaffe führte. Den Streitwagen, von denen damals mehrere tausend ein Heer bildeten, waren bestimmte Zahlen von Fußkämpfern zugeordnet. Vor allem in der Auseinandersetzung mit "barbarischen" Steppenvölkern, die Reiterheere bildeten, hatten sich die chinesischen Kampfformationen als hoffnungslos unterlegen erwiesen.

König Wu-ling führte also entschlossen die Kavallerie ein, und die langen Hemden und Kittel, in welche sich auch die chinesischen Männer hüllten, waren für das Reiten kaum zuträglich. Deshalb die Hosen, die zunächst sehr schlicht geschnitten waren! Noch etwas Wichtiges kam hinzu: Das "Bogenschießen zu Pferde", im Galopp gar, mußte geübt werden. Anscheinend gelang das schnell, denn in den nächsten Jahren führte Wu-ling erfolgreiche Feldzüge gegen die Barbaren, vor allem die von Chung-shan. Wahrscheinlich ging es ihm dabei nicht nur um Gebietserweiterungen seines Staates Chao, sondern auch um Pferde als Beute. Die beweglichen Reiterheere wurden bald erheblich größer als die Streitwagen-Bollwerke.

Warum aber ging es in der hauptstädtischen Diskussion anscheinend nicht um all dies, sondern eben nur um hu-fu, "Barbarenkleidung"? Vielleicht faßte ein früher Geschichtsschreiber, die Quelle von Ssu-ma Ch'ien, diese Erörterungen, in beinahe journalistischer Manier, unter einem plakativen, anschaulichen Begriff zusammen. Vielleicht hatte das auch der Herrscher bereits getan. Dann sollte wohl die Fixierung auf die praktischen Hosen darüber hinwegtäuschen, daß die gewünschten Veränderungen viel tiefgreifender waren.

Vergnügt mag man sich vorstellen, wie sich König Wu-ling in Hosen gleich der, die später die berühmten Tonkrieger trugen, seinen Würdenträgern und seinem Volk zeigte - und wie beide darauf reagierten. Die beiden Figuren aus der Chan-kuo-Zeit zeigen noch die traditionellen Wickelgewänder.
 
 
 
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Auch ein General
 
  Sobald seine roten Stengel geschnitten werden, besagt eine alte deutsche Hausfrauenweisheit, zieht der Frühling in die Küche ein. Sie meint den Rhabarber, der zu den Knöterichgewächsen zählt, eigentlich ein Gemüse ist, aber in der Küche eher wie ein Obst verwendet wird - für Kompotte, Gelees und Kuchen.

Sehr alt kann diese Weisheit nicht sein, denn der Rhabarber kam erst spät in den Westen. Sein Name wird als Rheum barbarum erklärt, "Wurzel der Barbaren", auch als Rha barbarum, "Barbar von der Rha", was ein alter Name der Wolga war. Im 16. Jahrhundert soll er aus dem Wolgagebiet westwärts gewandert sein, im 18. Jahrhundert wurde er in England kultiviert, seit den 1840er Jahren auch in den Vierlanden nahe Hamburg.

Rhabarber Die Heimat des Rhabarbers sind die Hochebenen des westlichen/ nordwestlichen China, auch die von Tibet. Sein chinesischer Name ist ta-huang, "Großer Gelber". Der Literat Sung Ch'i (998-1061) sagt über ihn in einer Beschreibung der Pflanzen des heutigen Ssechuan: "Auf den hohen Bergen von Shu gibt es ihn in großer Zahl - mit seinen roten Stengeln und den großen Blättern." Sung kennt auch die heilende Wirkung des Rhabarbers, weshalb dieser im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Exportgütern Chinas im Englandhandel gehörte.

Sung Ch'i meinte die Ursprungsart dieses Gewächses, deren wissenschaftlicher Name Rheum palmatum ist, auch Medizinalrhabarber genannt. Dessen Blätter können weit über einen Meter hoch schießen. Verwendet wurden jedoch die dicken Wurzeln, meist bei Darmbeschwerden, auch für andere Anwendungen. Als ein Mongolenheer im Nordwesten einmal eine chinesische Stadt erobert hatte und alle anderen Sieger sich über die Frauen hermachten und Gold und Seide raubten, sammelte der bekannte Feldherr und Literat Ye-lü Ch'u-ts'ai (1190-1243) die zurückgelassenen Bücher ein - und eben den Rhabarber, in welcher Form auch immer. Wenn seine Soldaten künftig Beschwerden hatten, kurierte er sie hiermit - und, wie eine Quelle weiß: "Sie genasen sofort."

Wenn westliche Notizen zur Kulturgeschichte des Rhabarbers meinen, er sei bereits vor 5000 Jahren in einem chinesischen Kräuterbuch erwähnt oder schon 2700 v. Chr. "ein bewährtes Heilmittel" gewesen, dann ist das allerdings Unsinn. Anscheinend wird er erstmals von T'ao Hung-ching (453-536) erwähnt, der seinen Geschmack als "sehr bitter" beschreibt, aber gewiß die Wurzeln meint, die im 9. Monat gewonnen wurden.

Die Gemüseform des Rhabarbers, Rheum rhabarbarum, existiert wohl erst seit dem 18. Jahrhundert. Ihre Stengel sind reich an Mineralstoffen, auch an Vitamin C. In großen Mengen sollen sie nicht genossen werden, denn die Stengel, erst recht die ungenießbaren Blätter, enthalten Oxalsäure, und deren Menge steigt mit den Monaten. Diese Säure, auch Kleesäure genannt, kann dem Körper Kalzium entziehen und zur Bildung von Nierensteinen beitragen. Die Blätterpracht führte zur Züchtung von Zierformen für die Gärten.

Wenigstens ein Gedicht haben chinesische Literaten auch dem Rhabarber gewidmet. Es stammt von dem Pflanzenkenner und -liebhaber Fan Ch'eng-ta (1126-1193) und vergleicht dessen Blätterpracht mit derjenigen der Wasserlilien und seine Stengel mit Haarnadeln aus Jaspis. Dann sagt es: "Wer weiß, daß in einem einzigen Blatt, das dem des Lotos gleicht,/ ein Herz steckt - kämpferisch wie das eines Generals?"

Neben "Ochsenzunge" und "Lautloser Tiger" war auch "General" (chiang-chün) ein Name des Rhabarbers. T'ao Hung-ching meint, dieser Name beziehe sich auf die "Schnelligkeit" des Rhabarbers. Entweder meint er dessen schnelles Wachsen oder seine Wirkung als Medikament. Ein anderer malt die segensreichen Wirkungen des Rhabarbers noch weiter aus: "Er beseitigt Unheil und Aufruhr und bewirkt dadurch höchsten Frieden. Deswegen hat er den Namen General."

Wie dem auch sei. Die Wurzel mag hilfreich wirken, doch die roten Stengel munden, als Kompott, angenehm erfrischend. Die übliche Beigabe von Milch, Sahne oder Vanillesauce hat dann die Nebenwirkung, die Oxalsäure zu binden. So lassen sich auch große Mengen dieser erfrischenden Köstlichkeit vertilgen - und die Erfahrungsweisheit der Hausfrauen hat die Notwendigkeit der Zuordnung von Milch zum Rhabarber offenbar bald herausgefunden. Aber wie?
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 29
Hintergründige Elementenlehre?
 
  Ein Gourmet war Wu Yang, Markgraf von Yüan-ling, das in der südchinesischen Provinz Hunan lag, gewiß. Aus seinem Grab, in das er im Jahre 162 v. Chr. gebettet wurde, bargen die Archäologen im Jahre 1999 eine stattliche Zahl von Ton- und Lackgefäßen, die Speisen und Getränke für die Jenseitsreise enthielten. Zwei große Tische, ebenfalls in Lacktechnik ausgeführt, kamen hinzu, auch 101 "Ohrenschalen", aus welchen milder Schnaps genossen wurde.

In der kleinen Grabbibliothek, die Wu Yang ebenfalls in Jenseits begleiten sollte, befand sich auch eine Schrift mit dem Titel Mei-shih fang, "Rezepte für gutes Essen". Diese fügt sich gut in die übrige Grabausstattung ein, doch wie paßt eine weitere kleine Schrift mit dem Titel Yen-shih wu-sheng, "Die Fünf Überwinder des Herrn Yen", dazu?

Yanshi wusheng

Mit den "Überwindern" sind die fünf Urelemente gemeint. "Metall überwindet Holz, Holz überwindet Erde, Erde überwindet Wasser, Wasser überwindet Feuer, Feuer überwindet Metall," hebt die kleine Schrift an, und statt "überwinden" ließe sich auch "besiegen" übersetzen. Die der Lehre von Yin und Yang verbundene Elementenlehre sieht vor, daß alle Gegebenheiten in Kosmos und Menschenwelt von ihnen abhängen, daß ihre Wirkkräfte wachsen und schwinden - und so lösen sie einander ab.

Die Elemente wirken jedoch nicht einfach aus sich. Der Text fährt fort: "Die Macht (shu) des Metalls mag zwar die des Holzes überwinden, doch mit der Kraft einer einzigen Axt lassen sich nicht die Wälder eines ganzen Gebirges zerstören; () die Macht des Feuers mag zwar die des Metalls überwinden, doch mit dem Feuer einer einzigen Fackel lassen sich nicht tausend Pfund Metall schmelzen." Im Verhältnis 10:1 sollten die Kräfteverhältnisse schon stehen! - Auch solche Wendungen sind aus der überlieferten Literatur bekannt, so aus Huai-nan tzu, "Der Meister von Huai-nan".

Hiernach beginnt der zweite Teil dieses kurzen Textes. Ein sonst unbekannter Yen Chao, der Herr Yen des Titels, wird zitiert. Dieser sagt, beim Aufbieten zu Diensten, wohl bei allen Unternehmungen, müßten neben den Jahreszeiten auch die diesen korrespondierenden Wirkungskräfte der Elemente Holz, Wasser, Metall und Feuer berücksichtigt werden, denn dann - "() die zehntausend Wesen gedeihen, das Jahr bringt eine große Ernte, die Zahl der Lebensjahre verlängert sich, und das Volk leidet nicht. Starke Staaten können ihr Gebiet ausweiten, schwache Staaten können starke Gegner niederhalten."

Hiernach stellt dieser Herr Yen dar, daß in den einzelnen Jahreszeiten bestimmte Tage glückverheißend seien, andere aber schädlich. Letztere nennt er k'un-jih, "Tage der Bedrängnis", und fa-jih, "Tage der Strafe". Er schließt: "Deshalb gefällt es gefährdeten Staaten und untergehenden Häusern oft, an den Tagen der Bedrängnis und denen der Strafe zu Diensten aufzubieten. So gehen die Personen in den Tod und die Staaten in den Untergang, und die Reichsfürsten wenden die Waffen gegen sie."

Dieses Yen-shih wu-sheng ist offenbar nicht in allen Einzelheiten bedacht, doch was sollte es überhaupt im Grabe "bedeuten" - und welche Bedeutung hatte es für Wu Yang zu Lebzeiten? Er war ein Angehöriger des Königshauses von Ch'ang-sha, das nicht - wie bald üblich - zur kaiserlichen Familie Liu gehörte. Dort unten im Süden wurden politische Ordnungsvorstellungen gehegt, die nicht zu den Interessen des Kaiserhauses paßten. Auch die bedeutendere und schon berühmte Grabbibliothek von Ma-wang-tui, die aus diesem Staat und aus der gleichen Zeit stammt, trägt solche Züge. Vielleicht verbergen sich hinter manchen zunächst unauffälligen Einzelformulierungen auch dieses Textes Hinweise auf solche Insubordination. Wer weiß, vielleicht ist nicht Zufall, daß gerade die Schriftensammlung Huai-nan tzu eine auffällige Parallele enthält. Auch deren angeblicher Autor Liu An (um 178-um 122), Titularkönig von Huai-nan, verhielt sich gegenüber dem Kaiserhaus nicht gerade botmäßig.
 
 
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