Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 31
24. Mai 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 China-Christentum

Der abgebildete Scherenschnitt stammt aus dem von Monika Gänßbauer herausgegebenen Band "Christsein in China". Die auf ihm erkennbaren Schriftzeichen geben ein Wort des Konfuzius wieder: "Der Edle bemüht sich, neun Dinge zu bedenken: Beim Sehen achtet er auf Erkennen, beim Hören achtet er auf Verstehen, in seinen Mienen achtet er auf Milde, in seinem Benehmen achtet er auf Würde, in seinen Worten achtet er auf Aufrichtigkeit, in seinen Geschäften achtet er auf Gewissenhaftigkeit, im Zweifel stellt er sich Fragen, im Zorn bedenkt er die Schwierigkeiten (welche als Folge auftreten könnten), wenn er etwas empfängt, achtet er auf seine Pflicht."

Scherenschnitt von Fan Pu

Fan Pu (* 1948), die diesen Scherenschnitt gestaltete, lebt in Nanjing und gibt unter anderem einen Newsletter zur christlichen Kunst in China heraus. Sie schreibt zu diesem Motiv:

"Wie können Menschen, die an Christus glauben, sein Vorbild lebendig werden lassen? Die 'neun Gedanken' des Konfuzius geben uns eine Anleitung, wie wir edle Christen werden können:
Zunächst haben wir beim Sehen darauf zu achten, daß wir erkennen. In der Bibel steht: 'Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein?''

Knapper interpretiert sie sodann die weiteren "Gedanken" des Konfuzius, um dann darzustellen, was sie sich bei der Gestaltung des Bildraumes dachte: Von Menschen geschaffen, steht er für die gesellschaftliche Umgebung, schnell und modern in ihrem Rhythmus. Die neun Seidenreiher stehen für die neun "Gedanken", weil die Silbe ssu in dem Wort für Seidenreiher ähnlich lautet wie das Wort für "Gedanke". Der Mond deutet eine nächtliche Szenerie an, denn die tiefe Nacht sei der geeignete Zeitpunkt, um nachzudenken und in einer unruhigen Umgebung zu bedenken, "wie man als Mensch handeln soll."

"Das ist eine Form der Übung, der Selbstdisziplin und der Sublimation", schließt Fan Pu ihre Betrachtung. Sie läßt ahnen, wie ernsthaft und phantasievoll chinesische Christen sich in den Spannungsfeldern zweier Traditionen und dazu der Gegenwart orientieren.
 
 
 

 China-Schwiegertochter

Im Jahre 2001 veröffentlichte Y.C. Kuan seine Lebensgeschichte unter dem Titel "Mein Leben unter zwei Himmeln": ein buntes, manchmal abenteuerliches Leben, dazu lebendig erzählt.

Petra Häring-Kuan, seine Frau, die vorher schon manches Buch gemeinsam mit ihm herausbrachte, läßt jetzt ihre Eindrücke über die gemeinsame Lebensgeschichte folgen: "Meine chinesische Familie. Dreißig Jahre Wandel in China". Spannende Lektüre bieten auch diese 379 Seiten, die der Scherz-Verlag herausbrachte. Einige Fotos sind ihnen beigegeben.

"Ein wunderbares Buch!" rief ein Kollege aus - und dem ist nichts hinzuzufügen. Mit dem Aufbruch zu einem ersten Besuch bei der chinesischen Verwandtschaft ihres Mannes beginnt Petra Häring-Kuan: beklommen und beklemmend manche Erwartug, aber dann: reine und offne Herzlichkeit. Sie läßt es nicht bei den gewiß aufschlußreichen Familiengeschichten bewenden, sondern nutzt diese oft nur als Aufhänger, um Einblicke in die Entwicklungen in der chinesischen Gesellschaft während der beiden letzten Jahrzehnte zu vermitteln, immer wieder auch Einblicke in Alltäglichkeiten der chinesischen Kultur.

4 Fotos Häring-Kuan / Kuan

Wie stark sich chinesische Mentalitäten in diesen Jahren veränderten, zeigt anschaulich ein kleiner Passus über die Wohnung der beiden Kuan in Hamburg-Pöseldorf. Sie führen ein gastfreundliches "Haus", und in manchen Jahren kam wohl kaum ein Chinese aus der VR China nach Hamburg, der nicht auch in die Milchstraße zu den beiden gelangte, in ihre Wohnung , "(), die wir urgemütlich finden. Das fanden unsere chinesischen Besucher früher auch. Feudal wie ein chinesischer Minister wohnt ihr hier, meinten sie. Heute bedauern uns die meisten. Ziemlich eng die ganze Bude, sagen sie, und die sanitären Anlagen sind auch schon über zwanzig Jahre alt, eigentlich unzumutbar. Da war ich doch froh, als kürzlich eine Shanghaier Journalistin wenigstens eine recht stimmungsvolle Atmosphäre bei uns ausmachte."

Die Veränderungen des Lebensgefühls und der Lebenswirklichkeiten in China während der letzten zwanzig Jahre lassen sich schwerlich sonst so anschaulich nacherleben wie in den Veränderungen dieses Familiengefüges. Natürlich kommt es dabei auch zu befremdlichen Augenblicken, ebenso zu komischen. So beschreibt sie - wie häufig dialoghaft - eine der ersten Begegnungen mit ihrem späteren Liebsten und Ehemann:

"Für uns ist das Essen ein Kommunikationsmittel", sagte Yuqian. "Kein Treffen unter Verwandten, Freunden, Kaufleuten oder Politikern ohne gutes Essen. Selbst hier in unseren Studentenbuden so fern der Heimat steht es im Mittelpunkt. Das war schon immer so. Selbst Konfuzius hat gesagt: Das Wichtigste im Leben ist Essen und Sex."
"Das hat er gesagt? Der hat schon von Sex gesprochen?" Das hätte ich Konfuzius nicht zugetraut.
"Nun, er hat sich etwas anders ausgedrückt, aber gemeint hat er dasselbe."

So ähnlich mag es auch bei mancher Schilderung von Petra Häring-Kuan sein. Vielleicht war es nicht genauso, aber - im Rückblick - so gemeint. Schließlich schrieb sie keine trockene Familiengeschichte, sondern Familiengeschichten nieder, auch mit der gehörigen Diskretion - und unterscheidet sich damit von allen möglichen "Selbstbiographien", die gegenwärtig den Buchmarkt beherrschen. Petra Häring-Kuan hatte beim Schreiben eben nicht sich im Sinn, auch nicht nur den chinesischen Teil ihrer Familie, sondern auch das atemberaubende China der Gegenwart - sie, diese "China-Schwiegertochter"!
 
 
 

 China-Wissenschaft

Im Jahre 1966 veröffentlichte die Münchener, vordem Leipziger, Sinologin Käte Finsterbusch ein überaus nützliches Werk - "Verzeichnis und Motivindex der Han-Darstellungen". In diesem beschrieb sie die damals bekannten bildhaften Darstellungen aus der Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) in katalogartiger Form und identifizierte die häufig wiederkehrenden Motive. Erst 1971 sollte der dazugehörige Tafelband folgen.
Damals erschloß sie ungefähr 1500 solcher Darstellungen, überwiegend Bildsteine und Bildziegel.

Der Zeitpunkt dieser Veröffentlichung war günstig - allerdings nur in einer einzigen Hinsicht. Damals wütete
in China die "Kulturrevolution", die archäologischen Zeitschriften hatten ihr Erscheinen eingestellt, und die meisten Archäologen wurden wahrscheinlich bei landwirtschaftlichen Arbeiten "umerzogen". Günstig war allein, daß dieser "Motivindex" von damals praktisch einen abgeschlossenen Zeitraum dokumentieren konnte.

1972 begannen die archäologischen Zeitschriften wieder zu erscheinen - und gerade für die Zeit der Han wurden die Funde immer staunenerregender. Bald mochte der eine oder andere an dieser Zeit interessierte Wissenschaftler eine Fortführung dieses "Motivindex" vermißt haben.

Jetzt liegt diese vor. Zunächst erschien, im Jahre 2000, Band 3, wieder als Textband - mit mehr als 900 Seiten. Nach Behebung von - vorstellbar! - offenbar gewaltigen Problemen konnten, 2004, auch die beiden Teile von Band 4 mit den entsprechenden Abbildungen folgen. Auf nahezu 700 Tafeln finden sich ungefähr 2500 solcher "Han-Darstellungen".

In ihrer, selbstredend, kenntnisreichen Einleitung sagt Käte Finsterbusch, inzwischen hochbetagt, in aller Bescheidenheit: "Die beschriebenen und im Motivindex erfaßten Abbildungen sollen einen Überblick über die wichtigsten Motive der Grabkunst dieser Periode geben, die ein Stück Geistes- und Kulturgeschichte der Han-Zeit widerspiegelt."

Han-Darstellungen

Das tun diese Bilder, aber was bedeuten sie - im Hinblick auf die Geistes- und Kulturgeschichte dieses vergangenen China? Die auf dem abgebildeten Bildstein begegnenden Motive identifiziert Finsterbusch als, von oben nach unten, Königinmutter des Westens mit Gefolge, eine damals populäre Gottheit. Darunter wird das Protektorat dargestellt, das der legendäre Herzog von Chou bald nach 1050 v. Chr. über den jugendlichen König Ch'eng, seinen Neffen, ausübte. Über dem Wagenzug ganz unten wird ein berüchtigter Vorgang aus dem 7. Jh. v. Chr. wiedergegeben: Eine gewisse Li-chi hat sich in die Gunst des Herzogs Hsien von Chin geliebt, sie will den angestammten Kronprinzen zugunsten ihres eigenen Sohnes beseitigen, bezichtigt den Kronprinzen, eine Speisegabe an seinen herzoglichen Vater vergiftet zu haben - und läßt dies durch den verreckenden Hund, der den Vorkoster spielen mußte, bestätigen. - Was sollen solche Darstellungen in Gräbern aus der Han-Zeit oder nachfolgender Jahrzehnte, wobei in diesem Falle noch hinzukommt, daß dieser Bildstein sich anscheinend ursprünglich in einem anderen Grab befand?

An diesen Han-Darstellungen ist vieles rätselhaft - und bedarf der Forschung und der Interpretationen. Hierfür ist hier nicht der geeignete Ort, aber ich werde im "Oriens Extremus" ausführlicher darauf eingehen. Die gelehrte Professorin Finsterbusch hat hierfür die besten denkbaren Voraussetzungen geschaffen. Fasziniert blättert der Liebhaber dieser frühen chinesischen Kunst in den Tafelbänden und sucht dann öfter Rat im Motivindex, und allmählich verschlingen sich die Assoziationen, führen vielleicht auch schon zu vorläufigen Hypothesen: spannende Augenblicke in diesem ewigen Prozeß der Wissenschaft und der Erkenntnis!

Die deutsche Sinologie kann stolz auf dieses grandiose Werk sein. Die Geisteswissenschaften hierzulande und ihre Pflege an den Universitäten und häuslichen Schreibtischen wurden in den letzten Jahren oft gescholten. Andererseits ist symptomatisch, daß dieses Werk eben nicht in den USA, auch nicht China, nicht auch in Japan geschaffen wurde. Erst manche Gegebenheit der bisherigen deutschen Wissenschaftstradition machte es möglich.

Aus diesen traditionellen Gegebenheiten ist auch der Verlag Harrassowitz, Wiesbaden (vor langen Jahrzehnten: Leipzig) nicht fortzudenken. Ich habe, verschämt, nicht gefragt, was dieser stattliche Motivindex, der weit mehr als ein solcher ist, und die beiden prachtvollen Tafelbände kosten. Nur Bibliotheken werden sich das leisten mögen - und trotzdem: Der Einsatz des Verlages, der weit über den Einsatz seines Kapitals hinausgegangen sein muß und der seit vielen Jahrzehnten die Asienwissenschaften in Deutschland, doch nicht nur diese, begleitet hat, muß immens gewesen sein. Auch solcher Einsatz ist Teil dieser "traditionellen Gegebenheiten". Zur Bewahrung ihrer zukunftsträchtigen Elemente tragen die Verantwortlichen in diesem so traditionsgesinnten wie zukunftsorientierten Hause immer wieder bei.

Lediglich in einer Hinsicht blättere ich wehmütig in diesen neuen VHD-Bänden, wie sie auch künftig zitiert werden. Die Qualität der Abbildungen in dem Tafelband von 1971 war besser als die auf den Tafeln von 2004, nicht viel, aber doch. Digitalisierungen führen eben immer auch zu Verlusten.
 
 
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