Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 31
24. Mai 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Spuren einer "Kulturrevolution"

Am 7. Mai 2004, 18 Uhr, traten im Foyer des AAI manchem anwesenden "68er" die Wasser rührungsvoller Erinnerung in die Augen. Die Ausstellung "Spuren der Kulturrevolution" wurde eröffnet: einige Stellwände, einige Vitrinen nur - aber was alles war da zu betrachten!

Im vergangenen Wintersemester hatten Professor Michael Friedrich und Dr. Ruth Cremerius ein Hauptseminar über die "Kulturrevolution" in der VR China gehalten - jenen radikalen Einschnitt in deren Geschichte, der den "Aufbau" von Sozialismus und Kommunismus vorgeblich beschleunigen sollte, derlei aber zugleich diskredidierte. Letztlich waren diese Exzesse im Hinblick auf eine kommunistische Vervollkommnung der Menschheit die Voraussetzung für die "Öffnung" Chinas - zunächst in der Wirtschaft, dann in Kultur und Gesellschaft, schließlich wohl auch bei den politischen Ordnungsvorstellungen. Der Journalist auf Shi Ming, der unlängst einen Fernsehzweiteiler über eben diese folgenreiche Phase in der jüngeren chinesischen Geschichte mitgestaltet hatte, bereicherte mehrere Seminarsitzungen durch seine Anwesenheit und seine Darlegungen.

Ausstellung Kulturrevolution im AAI

Für manchen unter den bei der Ausstellungseröffnung Anwesenden war das erlebte Geschichte - auch bei den Wirkungen dieser "Großen Proletarischen Kulturrevolution" auf Deutschland und den Westen, wo sie auf eine traditionenbrechende jugendliche Gestimmtheit traf. Für die jungen Studierenden von heute, die zu Zeiten der "Kulturrevolution" noch nicht geboren waren, ist das eine ferne, befremdliche Zeit.

Sie scheint, wohl deswegen, noch heute zu fesseln. Weshalb sonst hätten sich die Teilnehmerinnen und teilnehmer dieses Seminars zusammengefunden, neben den allfälligen Seminararbeiten den "Spuren", also den Hinterlassenschaften und den Nachwirkungen, der "KR" noch weiter nachzugehen? Was haben Sie nicht alles aufgestöbert, sogar einen noch propren Mao-Anzug.

Frederike Ehlers und Florian Schneider berichteten an diesem Frühabend über die Entstehung der Ausstellung, für deren Gestaltung aber auch alle anderen durch Ideen und Beiträge wichtig waren; und Thomas Hammer zeigte während der anschließenden Betrachtung der Exponate per Beamer seine Kollektion von Referenzen in der chinesischen Gegenwartskunst auf die KR.

Selten flackern bei der Eröffnung einer Ausstellung die Gespräche über diese so hin und her wie an diesem Abend: erinnerungsträchtig, lehrreich begeistert, poppig amüsiert - um nur das Spektrum der Betrachtungsweisen anzudeuten.

Da mochte eine Jemandin mosern: Diese Ausstellung habe fachkundig museumspädagogischer Beratung bedurft. Eben dieser bedurfte sie nicht! Die Zahl der verfügbaren Tafeln und Vitrinen war eng begrenzt, das Ausstellungskonzept durchdacht - und aus der bedachten Begrenztheit entfaltet sich die Lebendigkeit dieser Ausstellung, die ihre Betrachter noch einige Wochen erleben können.

"Meine ganze Jugend!" seufzte eine Kollegin aus einem weit entfernten Fach, der Afrikanistik, die an den Exponaten vorbeischritt. Was aber bewegte den Studi, der offenbar Mao-Devotionalien sammelt und nicht wenige Exponate bereitstellte, sich für solche zu interessieren? Er reichte gerade seine Magisterarbeit ein, die sich mit der noch ferneren Zeit der Späteren Han (26-220) beschäftigt. Zusammenhänge mit seinem Thema lassen sich allerdings mutmaßen.

Öfter regt ein Hauptseminar zu Magisterarbeiten an, seltener zu einer Doktorarbeit, wohl überaus selten zu einer Ausstellung wie dieser. - Viel häufiger als gemeinhin dargestellt hat ein Professor Gelegenheit, sich über das Engagement von "Studis" zu freuen.
 
 
 

 Blickpunkte eines Uni-Magazins

Wahrscheinlich weiß schon heute niemand mehr, warum "Das Magazin der Universität Hamburg" den Titel "yousee" trägt, der das langvertraute "uni HH" ablöste. Das haben pfiffig ausgedachte Titel so an sich, doch die Nummer 2004.2 von "yousee" ließ zumindest gleich auf dem Titel erkennen, wohin man blicken soll: "Zukunftsmodell. China im Blickpunkt" lautete der Aufmacher.

Sechs Beiträge auf 14 von 66 Seiten und "das besondere bild" sollten diesem Focus gerecht werden. Die meisten dieser Beiträge hatten allerdings weder mit der Universität Hamburg zu tun, noch mit dem "Zukunftsmodell" China - etwa die "Erfolgsstory einer Wirtschaftsbeziehung" über den Chinahandel im Hamburger Hafen: sehr allgemein, kaum Zahlen, keine Problematisierung.

Uni-Magazine Natürlich ist China, die immer noch "Volksrepublik", für Hamburg ein Imagefaktor, auch ein wirtschaftlicher, doch man kann auch genauer hinsehen - und ob diese VR, von der sich überhitzenden Wirtschaft abgesehen, tatsächlich ein "Zukunftsmodell" ist? Sind da nicht noch ein paar andere Dinge zu bedenken, bevor ein Staat zum "Modell" erklärt wird?

Ein weiterer Beitrag , neben solchen über Vorgänge und Projekte an der ChinA und dem ICGS, berichtete auch über die fleißigen chinesischen Studierenden an der Uni HH: drei Seiten, anschaulich, wieder, aber auch wieder ohne Problembewußtsein, denn über das Erzählte hinaus gibt es auch in diesem Bereich einige Dinge, die demnächst reflektiert werden müssen.

Neben allen möglichen denkbaren Beiträgen, die "hautnäher" und bewußter zu diesem Focus hätten beitragen können, fehlt vor allem wohl einer - über deutsche Studierende in China. Nützlich und empfehlenswert, weil zukunftsträchtig, wären solche Studienaufenthalte nicht nur für Sinologen, sondern auch für Germanisten, Juristen, Mediziner, Volkswirte usw. Viel zu wenige von diesen erwägen solche Studien in China, obwohl sie vielen anzuraten wären. Über die Bewältigung der sprachlichen und bürokratischen Barrieren und die der Studien- und Lebensbedingungen, in der Partnerstadt Shanghai zum Beispiel, hätte "yousee" orientieren sollen. Erst dann hätte "yousee" seinem Focus genügt. "Blickpunkt China" sollte doch wohl nicht nur ein China meinen, das aus möglichst großer Ferne betrachtet wird!

Da sind Hamburgs Studis China schon viel näher: "Hamburgs junges Magazin" mit dem Titel "uniscene" titelte seine Mai-Nummer 2004 mit "uniscene goes china". Gemeint ist allerdings ebenfalls ein China nahebei - die China Lounge, Nobistor 14, die gegenwärtige "in"-Disco. Dort haben künftig Studis jeden Donnerstag, ab 21 Uhr, freien Eintritt. Was die allerdings mit China zu tun hat?! - Vergnügt erinnert sich der Berichterstatter eines Proseminar-Referats im vergangenen Semester. Eine engagierte Studentin vermittelte einige anschauliche Einblicke in die Landschaften der chinesischen Popmusik. Vielleicht widmet die "China Lounge" dieser einmal einen ganzen Abend. Der würde noch einmal neue Erwägungen über das "Zukunftsmodell China" nahelegen.
 
 
 

 Gedichte von Sinologinnen (und anderen)

Manchmal erhält unsereins an seinem Schreibtisch ein Geschenk - und dann ist größte Bedachtsamkeit angesagt! Unsereins ist schließlich auch Beamter, und das Delikt der Vorteilsannahme könnte leicht die Zahl seiner Dienstjahre und die Höhe seiner Pension verkürzen.

Ein Buch scheint nicht als "Vorteil" in diesem Sinne zu gelten - zumal dann, wenn es sich um ein Büchlein handelt und überdies ein Abschiedsgeschenk ist. Am 8. April 2004 brachte "Charly" es mir, bevor sie sich nach Jinan davonmachte. Es umfaßt knapp 50 Seiten, herausgegeben hat es "mathilde. literatur & café" nach einer einschlägigen Veranstaltung, und der Titel lautet: "Autorinnen und Autoren lesen Lyrik". Ihm folgt noch ein Zusatz: "mehr oder weniger?/ lotte und leise/ reimlos/ Anagrammgedichte/AUTOPOESIE/UTOPIEOASE."

Bild v. Charlotte Hirsch Unter den Autoren finden sich auch zwei Hamburger Sinologinnen: Christine Berg mit einer Auswahl aus der Folge "Wassergedicht" und Charlotte Hirsch, die sich genau und reimlos betrachtet. "und nun ist da das wasser" läßt Berg jeden ihrer Texte beginnen und dann lange Assoziationsketten aufwirbeln, während Hirsch ihre partnerverdrossenen Ausbrüche manchmal lakonisch abtut: "Die Maden aus den Splittern/ Eignen sich gut/ Altes neu durchzukauen."

Beide sind Mehrfachbegabungen. Das gilt auch für Gerd Gompert, der zu dem Heft auch eine Titelvignette beisteuerte. Mario Dütsch veröffentlichte hier, im Vorgang zu einer umfassenderen Publikation schon einmal einige seiner Anagramm-Verse, darunter: "Sinnlichkeit/ Kinn seitlich" und das Gottfried Benn zugedachte: "Ein Wort/ Rotwein".

Diese concettoartige Lakonie beherrscht auch Gompert: "Lyrik/ sprachlicher Sondermüll". - Das ist ebenfalls schon das ganze Gedicht. Wenn ein Gedicht nicht bloß eine Reimerei ist, dann muß ihm ein Moment des Überraschenden innewohnen, sprachlich und/oder inhaltlich, jedenfalls ein Nachsinnen anregend. - Tschüß, "Charly", und den anderen in diesem Heft ein Gruß. Ich hatte bei einem Glas Rotwein und der Lektüre am Gründonnerstag viel nachzusinnen, und der Abend öffnete sich auf eine ganz eigentümliche Art.
 
 
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