Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 31
24. Mai 2004
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Laschwegeindrücke

An den Tagen, an welchen diese Notizen geschrieben werden, steht das Fest der Himmelfahrt von Jesus Christus bevor - doch über die Großartigkeit dieses Festes werden die wenigsten von denen nachsinnen, die sich des arbeitsfreien Tages erfreuen. Ostern liegt einige Wochen zurück, Pfingsten folgt in kürzerer Zeit. Frühlingsfeste sind das allemal, doch sie sind zusätzlich mit einer beinahe unglaublichen und zukunftsweisenden Botschaft verbunden: Wie das Ich sich erneuern, sich auf- und emporheben kann, in wohlverstandenem Sinne.

Christliche Theologen werden für die Sinnstiftung dieser Feste feinsinnigere Ansichten vortragen - jenseits auch von Ostereiern und pfingstlich Schlimmerem, doch ein ostermontäglicher Spaziergänger führte den Berichterstatter am Agathe-Lasch-Weg vorbei - und dabei fiel ihm eine Adresse ein: Nr. 16. Diese Adresse ist die einer Hamburger China-Institution, die in weiteren Kreisen möglicherweise nicht bekannt ist.

China InfoStelle

In einem stattlichen Bau, neben einem nahegelegenen Kirchlein, residiert das Missionswerk der Evangelischen Kirchen in China. Unter dessen Dach wurde eine "China InfoStelle" untergebracht, die durch die Sinologin Dr. Monika Gänßbauer geleitet wird.

Sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten in den letzten Jahren mehrere Publikationen zum Thema Christentum im gegenwärtigen China herausgebracht: "Christsein in China. Chinesische Stimmen aus Kirche und Forschung", "Christentum im Reich der Mitte. Aktuelle Thesen und Texte aus China", "Christentum in China - in Theorie und Praxis". Alle drei Bände, die überdies liebevoll gestaltet sind, sind bemerkenswert, weil sie vor allem chinesische Stimmen zu Wort kommen lassen, in vortrefflichen Übersetzungen.

Christsein in China Das Christentum im gegenwärtigen China ist ein eigen Ding, manchmal auch ein heikles. Nur wenige verfügen über tiefere Einblicke in die damit zusammenhängenden Vorgänge, die oft politische Implikationen haben. Deshalb sind die umsichtigen Eindrücke aus dieser Stimmenvielfalt, die Monika Gänßbauer, vermittelt, beinahe unschätzbar. Und sie tut das auf eine beiläufige, manchmal gar witzige Weise - so wenn sie die weiter unten abgebildete Titelseite mit dem Bild eines gegenwärtigen Künstlers schmückt: "Die Seele des Mondbaumes". Dieser Mondbaum, der zu eher "heidnischen", volkstümlichen Vorstellungen in China gehört, verheißt Unsterblichkeit. Eigentlich ist das die Kassie, der Zimtstrauch, von dem wirklich jeder Teil dem inneren und äußeren Wohlbefinden eines Menschen dienen kann.

Manches in diesen Schriften mag den deutschen Leser verblüffen. Die assoziationsfreudige und aneignungsstarke chinesische Tradition hat sich fremder Lehren stets auf eine sehr eigene Weise angenommen - und eben das geschieht auch heute mit dem Christentum, das in China in mancherlei Formen stärker gedeiht als in Deutschland.

Diesen spannenden Vorgängen gilt heute außerhalb kirchlicher Kreise viel zu wenig Beachtung. Deshalb möchte diese Folge der "Hamburger China-Notizen" nachdrücklich auf diese verdienstvolle "China InfoStelle" hinweisen. Das folgende Interview mit ihrer Leiterin soll zusätzliche Informationen vermitteln.

Ansonsten sind die Chinainteressen im Umfeld der christlichen Kirchen vielfältig. So existiert auch ein Ökumenischer China-Arbeitskreis, und anläßlich von dessen Frühjahrssitzung lädt das Evangelische Missionswerk für Donnerstag, den 3. Juni, 15.00 Uhr, zu einem Vortrag "Nationalismus in der VR China - Positionen und Politik" ein: ein wahrhaft aktuelles Thema. Referentin ist Kristin Kupfer von der Uni Bochum. Der Vortrag findet in der Missionsakademie, Rupertistraße 67, statt. Die Veranstalter bitten Interessenten um eine Anmeldung.
 
 
 

 Gänßbauerantworten

1. Ein Sinologe kennt Sie, Frau Dr. Gänßbauer, als ausgezeichnete Literaturwissenschaftlerin. Wie kamen Sie zum Missionswerk der Evangelischen Kirchen?

Von 1990 bis 1992 hatte ich ein DAAD-Stipendium für Beijing erhalten. Mit diesem Stipendium war ein Forschungsvorhaben verbunden. Ich beschäftigte mich im Rahmen dieses Vorhabens mit Religionspolitik in China und der Interaktion zwischen Parteistaat und protestantischer Kirche. Als ich zurückkam, erhielt ich bald die Möglichkeit zur Mitarbeit an der Sektion Sprache und Literatur Chinas in Bochum. So kam es, daß meine Dissertation sich mit der Aufarbeitung der "Kulturrevolution" in der Literatur befaßte. Die Materialien zur Religionspolitik lagen nun erst einmal in der Schublade. Zu meiner Freude konnte ich das Thema aber in den letzten Jahren wieder aufnehmen und im April dieses Jahres eine Monographie darüber publizieren. Sie fragen, wie ich dazu kam, in einem Missionswerk zu arbeiten. 1996 beschlossen mehrere evangelische Kirchen und Werke Deutschlands, eine Studienstelle zum Thema "Religion und Christentum in China" zu etablieren - gedacht als ein kleines "Pendant" zum katholischen China-Zentrum in St. Augustin. Es waren wohl mein kirchlicher Hintergrund und die eben genannte Forschungsarbeit, die zu meiner Auswahl bei der Besetzung dieser Stelle beitrugen.

2. Manche China-Beobachter schrieben während der letzten Jahre, abermillionen Chinesen hätten sich dem Christentum zugewandt. Was halten Sie von solchen Berichten?

In Berichten über die Entwicklung des Christentums in China scheint tatsächlich zuweilen ein regelrechter Zahlenkrieg entbrannt. Sicher kann niemand in diesem Bereich exakte Angaben machen. Die von evangelikaler Seite manchmal genannte Zahl von 100 Mio. Christen in China halte ich persönlich für weit überzogen. Konservative Schätzungen der chinesischen Kirchen gehen derzeit von 16. Mio. protestantischen und etwa 14. Mio. katholischen Christen aus. Tatsache ist, daß die Kirchen viel Zulauf haben. Jährlich wächst die Zahl der Christinnen und Christen, allein auf evangelischer Seite um etwa eine Million. Aber nicht nur das Christentum, auch andere Religionen Chinas verzeichnen ein zunehmendes Interesse in der Bevölkerung. Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Zhuo Xinping, der vor einigen Jahren auch einen Vortrag vor der Hamburger Sinologischen Gesellschaft hielt, nennt als Ursache dafür u.a. ein zunehmendes "moralisches Vakuum" und eine Sinnkrise in China.

3. Was sind die Ziele Ihrer Arbeit im "Missionswerk"?

Eine Aufgabe der China InfoStelle ist, fundiert über die Entwicklung von Religionen in China, mit Schwerpunkt Christentum, zu berichten - in Vorträgen und Artikeln für die kirchliche und nicht-kirchliche Presse. Seit 1996 hat die China InfoStelle außerdem drei Buchpublikationen herausgegeben, die Stimmen aus China zu Wort kommen lassen. Die Publikationen versammeln Texte zu theologischen, religionswissenschaftlichen und religionspolitischen Fragen. Eine andere Aufgabe ist für mich die Begleitung von Reisen nach China und Reisegruppen aus China. Wir erhalten in Deutschland regelmäßig Besuche von Vertreterinnen und Vertretern der chinesischen Kirche. Ich bin im Rahmen solcher Besuche meist mit Übersetzung und interkultureller Interpretation betraut. Im Herbst diesen Jahres werde ich eine Delegation des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Dr. Huber, auf seiner ersten Chinareise begleiten. Manchmal bekomme ich aber in der China InfoStelle auch ganz allgemeine Anfragen, zum Beispiel von einer Lehrerin, die im Unterricht gerade China durchnimmt und wissen möchte, wo sie entsprechenden Material erhält.

4. Können Sie mir drei "Dinge" nennen und kurz charakterisieren, die ich im Zusammenhang von deutsch-evangelischem Christentum und China wissen sollte, in Vergangenheit und/oder Gegenwart?

Ich traf neulich auf einer Konferenz einen jungen Sinologieprofessor, der mich beim Mittagessen spöttisch fragte, "wie denn die Missionierung Chinas so laufe". Manchmal habe ich den Eindruck, daß das Wissen darüber, wie internationale kirchliche Zusammenarbeit heute abläuft, auf einem Stand irgendwo weit in der Vergangenheit stehen geblieben ist. Meines Erachtens geht es heute vorrangig um den Versuch, zu einem Austausch über gemeinsame Herausforderungen zu kommen - zum Beispiel zu der Frage nach der (zivil)gesellschaftlichen und politischen Relevanz der Kirche - in China wie bei uns. Die Marginalisierung von Kirche läßt sich nicht nur in China beobachten. So mancher Besucher aus China kommt mit einem völlig falschen Bild zu uns - von Deutschland als einem noch immer durch und durch christlich geprägten "Land der Reformation".

Eine andere historische Tatsache prägt bis heute die Wahrnehmung von Christentum in China - die Verquickung von Mission und Kolonialismus im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. In China ist dies sicher ein Grund dafür, daß dort eine eigenständige und sehr selbstbewußte Lokalkirche entstanden ist, die auch in ihrer Wahrnehmung von internationaler Partnerschaft den Grundsatz der Gleichberechtigung sehr ernst nimmt.

Zum Thema "deutsch-evangelisches Christentum und China" fällt mir drittens eine herausragende Persönlichkeit ein - Richard Wilhelm, der ja als Missionar und als Sinologe gewirkt hat. Auch wenn die Wortwahl seiner Übersetzungen chinesischer Klassiker - wie des Daodejing - deutlich seinen kirchlichen Hintergrund erkennen läßt und dadurch zuweilen fehlgeht, zeigen seine Arbeiten doch durchgehend Achtung und Bewunderung für die Tiefe und den Reichtum der chinesischen Kultur. Er hielt die "westliche" Zivilisation gegenüber der "östlichen" in keiner Weise für überlegen. Eine solche Einstellung war unter den Kulturmittlern seiner Zeit durchaus nicht allgemein verbreitet.

5. In welchen Formen informieren Ihre InfoStelle und andere Institutionen der evangelischen Kirchen kontinuierlich über die Gegebenheiten ihrer Mitgläubigen in China?

Dies geschieht in Zeitschriftenorganen der kirchlichen und nichtkirchlichen Presse sowie in Buchpublikationen der Werke. Die China InfoStelle gibt einen etwa zweimonatlich erscheinenden Nachrichtendienst heraus, die "Aktuellen China Nachrichten". Schwerpunkt der Berichterstattung ist auch hier die Situation von Religion und Christentum in China. Es gibt aber auch Meldungen und Texte zur politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung.

6. Gibt es in Hamburg eine chinesisch-evangelische Gemeinde, oder gab/gibt es chinesische Pastoren hier oder dergleichen Unbekanntes?

Es gibt in Hamburg momentan zwei chinesische Gemeinden, die für ChinesInnen aus Taiwan, Hongkong und Festlandchina gleichermaßen offen stehen. Die eine Gemeinde steht unter Leitung von Pastor Samuel Ng aus Hongkong, die andere wird geleitet von Pastor Arthur Deng aus Taiwan. Beide erzählen, daß derzeit viele chinesische Studentinnen und Studenten, die neu in Hamburg sind, sich an sie wenden.
 
 
 

 Zukunftsfeldpflege

In der Woche vom 16. bis 23. Mai 2004 hält sich eine Gruppe von knapp dreißig Vizerektoren/präsidenten chinesischer Hochschulen in der Freien und Hansestadt auf. Sie nehmen an einem Seminar des ICGS der Universität Hamburg teil, dessen Thema das "Higher Education Management" ist. - In Hamburg scheint gegenwärtig die Sonne, und möglicherweise verstehen die Gäste von diesem Thema mehr als die meisten hiesigen Hochschulpolitiker.

Hochschulsenator Jörg Draeger lud anläßlich dieses Aufenthaltes zu einem Empfang ins Rathaus: 18. Mai, 12 Uhr. Er nannte Hamburg/Hanbao natürlich "Chinesenburg". Das gehörte zu den Üblichkeiten bei solch einer Gelegenheit. Er sagte ferner, China sei eines der sechs Zukunftsfelder, die Hamburg künftig pflegen werde. Das hörten alle Anwesenden gerne. Ansonsten führte er manches aus, auf das er vielleicht stolz ist, das aber die Chinesen nicht verstanden: Wegen der allfälligen Studiengebühren klage er vor dem Verfassungsgericht.

Danach bat er zu Sekt und Mineralwasser und ermunterte zu angeregten Gesprächen. Neben der Abordnung aus China, einigen Begleitpersonen für sie und einigen Journalisten war allerdings kaum jemand anwesend. Und davor stand auch noch die Erwiderungsrede seitens der Chinesen. Wegen einer Lehrveranstaltung mußte der Berichterstatter allerdings schon gehen.

Er ging leichten Herzens, denn möglicherweise ersparte er sich eine weitere Peinlichkeit. Neben dem Rednerpult hatte er einen schmalen Plastikbucheinband entdeckt: "Schönes Hamburg". Wahrscheinlich hatte der Senator im Sinn, so stand zu befürchten, dieses eine Büchlein seinen bald dreißig Gästen zu schenken.

Vor ungefähr zwei Jahren hatte dieser Senator den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust nach Shanghai begleitet. Dort hätte er doch wahrnehmen müssen, wie chinesische Gastfreundschaft aussieht - und er hätte auch darüber nachdenken können, was seine chinesischen Gäste tatsächlich interessiert, jenseits von Politikerallgemeinplätzen.

Immerhin und wie gesagt, die Sonne schien. Die Pracht der Räume im Senatsflügel des Rathauses beeindruckte, wie gewohnt, die Gäste aus Fernost, und die Fotoapparate klickten munter. So war das ein gelungener Termin, und die erwünschten Sachauskünfte holen sich die Reisenden hoffentlich bei ihren Besuchen anderer Hamburg-Institutionen. Ob man sich dort besser auf sie einstellt?

Vielleicht aber waren die reisenden Vizerektorinnen und -rektoren gar nicht so informationsneugierig, sondern eher touristisch gestimmt. Solche Motive einer chinesischen "Delegation", wie die rathäusliche Einladung diese Gruppe nannte, sind nicht ganz unbekannt, doch sie dienen der Anbahnung und der Pflege von Kontakten: kein schlechtes Motiv, doch es bedarf dafür entsprechender Vorbereitungen - und vor Hamburg waren diese chinesischen Damen und Herren eine Woche in Paris. Auf derlei verstehen sich unsere französischen Nachbarn gut.

Ist, ferner, vorstellbar, daß sich 20, 30 deutsche Hochschulpräsidenten oder deren Vize sich eine Woche lang nach Peking und eine weitere Woche nach Shanghai und eine dritte nach Sonstwo "verfügen", um sich dort über "Higher Education Management" zu informieren und nebenbei touristisch Eindrücke zu sammeln? Unvorstellbar ist das, aber sie sollten es tun. Vielleicht verstünden sie dann etwas mehr von der Internationalisierung und Globalisierung, von der sie unausgesetzt schwatzen.

Von der Kulisse der Rathausräume abgesehen, eine "performance" war das nicht, sondern war gar nichts, und die Pflege eines "Zukunftsfeldes" ließ sich erst recht nicht erkennen: offenbar nur so ein "Termin" für den Hochschulsenator. Ein wenig genauer sollte der sich über das senatspolitisch festgelegte "Zukunftsfeld China" informieren! Dann könnte auch ein solcher Anlaß, genau vorbereitet, diesem Ziel dienen.
 
 
 

 Holzschnittbetrachtungen

Wilhelmsburg steht in einem gewissen Ruch, und nicht jeder Hamburger fährt gerne nach dort. Bunt allerdings geht es dort zu, und in mancher Hinsicht hat es das Zeug, in den nächsten Jahren zu einer Kultadresse zu werden.

Demnächst sollte zumindest ein Liebhaber chinesischer Gegenwartskunst schon einmal nach dort fahren. Die Galerie "Fluchtplattform 13", Ernst-August-Deich 55, zeigt Holzschnitte von He Weimin (* 1964). Dieser Künstler wurde an der renommierten Lu Xun-Akademie ausgebildet, die ihren Namen deshalb erhielt, weil sich dieser bedeutende Autor (1881-1936) für eine stärkere Verbreitung der künstlerischen Holzschnitt-Technik in China einsetzte. In Sonderheit machte er in China die Holzschnitte von Käthe Kollwitz bekannt.

Holzschnitt von He Weimin

He Weimin, in China und Japan mehrfach ausgezeichnet, gilt inzwischen als ihr Meister. Der abgebildete Schnitt, der den Titel "Im Sonnenlicht" trägt, mißt 40 mal 160 Zentimeter, er entstand im Jahre 2002. Nur schwer läßt sich für einen Außenstehenden ahnen, welch gewaltige Probleme der Schnitt und dann auch der Druck eines solchen Werkes bereitet. Er wurde für diese Abbildung mittig durchgetrennt, damit wenigstens einige Einzelheiten erkennbar bleiben. Über deren Fülle läßt sich nur vor dem Original nachsinnen.

Diese Holzschnitte sind an folgenden Wochenenden zu betrachten: 5./6. Juni, 12./13. Juni, auch noch am 19. Juni, jeweils von 11 bis 18 Uhr. Fraglos lohnen sie einen Ausflug nach Wilhelmsburg, und anschließend schadet ein Rundgang durch dieses gewiß nicht.
 
 
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