Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 30
4. April 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Schöner Osterspaziergang

Unlängst fragte ein Hamburger Politiker den Berichterstatter: "Waren Sie denn 'mal in Allermöhe?" Niemand muß in diesen Stadtteil fahren, wenn er nicht gerade dort wohnt. Von einem kleinen Flugzeug aus erscheint er locker und beinahe heiter, mit den vielen Wassern zwischen den Gebäudezeilen, und das verlockt, einmal gelassen dort herumzuschlendern. Er war also in Allermöhe - und zwar am Ostersonntag des vergangenen Jahres.

Allermöhe Allermöhe ist gut und schön: Grachten und Fleete, 13.883 Bewohner, viele junge, 1769 Häuser mit 4205 Wohnungen auf 11.9 qkm, die Wasserflächen unvermessen, nur 7.8 % der Bevölkerung arbeitslos, der Bestand an Bäumen und sonstigem Grün: wachsend! - Eine österliche Anrührung widerfuhr dem Flaneur erst, als er auf angenehmen Spazierwegen zu der kleinen Kirche nahe der S-Bahnstation Nettelnburg gelangte. An deren Pforte begrüßten ihn festlich gewandete kleine Mädchen. Sie reichten dem Besucher handgeschriebene Zettel entgegen. Später nahm er wahr, daß auf ihnen Bibelworte standen, und sie grüßten ihn mit den immer gleichen Worten: "Christus ist auferstanden!"

Diese Worte sollte er im Innern der Kirche noch öfter hören - dort von älteren Frauen, die meisten klein von Gestalt und etwas füllig. Voller Herzlichkeit luden sie den Besucher zum Verweilen bei der Osterfeier, die sie anscheinend gerade vorbereiteten - nicht ein kirchlicher Akt das, sondern ein Frühlings- und Auferstehungsfest voller Lebendigkeit, die das Schiff der Kirche und die angrenzenden, offenen Nebenräume füllte. In einigen Schaukästen entdeckte er aus Pappen geschnittene Fische, auf welchen Namen und Konfirmationsdaten standen. Die zu den Mädchen und den Frauen gehörenden Jungen und Männer kamen erst allmählich hinzu.

Klingt "Christus ist auferstanden" nicht anders als "Frohe Ostern"? Ein solcher Gruß gilt für längere Zeit als für zwei Feiertage, und seine Verheißungskraft hat Jahrtausende überdauert. Nichts wirkte in diesen Kirchenszenen in Nettelnburg bemüht, sondern alles selbstverständlich und licht: Rührung schlich dem Berichterstatter ins Herz. Rußlanddeutsche waren das, die dort Ostern feiern wollten, und die kleinen, runden Frauen trugen alle ein Kopftuch, wie altgewohnt in den Gegenden, aus denen sie kamen - um auch das zu erwähnen, angesichts gegenwärtiger politischer Erörterungen. - Vielleicht spaziert jemand anders an den kommenden Ostertagen einmal von Allermöhe nach Nettelnburg. Für den Berichterstatter war das ein Osterspaziergang, den er nicht vergessen wird.
 
 
 
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Bambusblatt Bambusblatt 19
Erste Grabbibliothek
 
  Bambusstreifen wie die abgebildeten, wahrscheinlich aber gebündelt, leisteten dem Grabräuber, der - wohl im Jahre 280 n. Chr. - bei dem Landstädtchen Chi (Honan) in eine Gruft eindrang, anscheinend gute Dienste. Er hatte sich in ein Grab gestohlen, in das ungefähr 600 Jahre zuvor der König Hsiang von Wei (334-319) gebettet worden war. Das entnahm ein Gelehrter bald nach 280 einigen dieser Bambusstreifen, die im Alten China ein übliches Schreibmaterial abgaben.

Bambusstreifen Außer einem Bronzeschwert von zwei Fuß sieben Zoll Länge und vielleicht einigen Kleinigkeiten hatte der Grabschänder, den man auch einen frühen Archäologen nennen mag, nichts zurückgelassen. Mit den Bambusstreifen wußte er anscheinend nichts anderes anzufangen, denn sie als Fackel zu nutzen. Gleich danach erregten sie Sensation.

Kaum war die ruchlose Tat bekannt, förderte die amtliche Spurensuche die restlichen Bambusstreifen ans Licht - mehrere zehn Wagenladungen, wie ein früher Chronist weiß. Eine Gelehrtenkommission wurde beauftragt, die Schriften, die in einer schon lange unleserlich gewordenen Schrift gehalten waren, in moderne Schriftzeichen zu übertragen.

Ihre Vorgehensweise unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen heutiger Gelehrtenkommissionen in derartigen Angelegenheiten. Seit Beginn der 1970er Jahre gelangen chinesischen Archäologen häufig solche Funde - einzelne Texte oder ganze Grabbibliotheken wie die aus dem Chi-chung, "Tumulus von Chi", als welcher jener Fund von 280 berühmt blieb. Gegen Ende der Chou-Zeit und während der Han-Zeit wurden manchen Toten neben der sonstigen Grabausstattung auch Schriften ins Grab gegeben. Deren Bewandtnis ist noch nicht ganz geklärt. Wahrscheinlich sollten sie den Toten in besonderer Weise vor dem Jenseits ausweisen.

Insgesamt stellten die Gelehrten aus dem Fund damals knapp 30 Texte zusammen, mit einem Umfang von 75 Kapiteln, wie ihre Rechnung ergab. Von sieben weiteren Kapiteln sicherten sie bedeutende Reste. Historische und philosophische Schriften bildeten wesentliche Teile dieser Grabbibliothek, einen großen Teil machten auch kalendarische/prognostische Schriften aus. Die meisten schieden bald wieder aus der Überlieferung aus: keine gute Zeit für Altertümer. Wenige blieben, mehr oder minder vollständig, bis heute erhalten: das Chu-shu chi-nien etwa, die sogenannten "Bambusannalen", und das Mu t'ien-tzu chuan, die "Überlieferungen über den Himmelssohn Mu", doch manche bezweifeln mit unterschiedlichen Argumenten ihre "Authentizität". Von anderen Schriften aus dem Grabfund von 280 zeugen noch Fragmente, zitiert in alten Enzyklopädien.

Mit der Sicherung und Interpretation der in den letzten Jahrzehnten gefundenen Grabtexte und -bibliotheken befassen sich zahlreiche Gelehrte, in China und im Westen, und das Interesse an ihnen wird nicht so schnell vergehen wie damals. Solche Funde vermitteln unschätzbare Einsichten in die Alltäglichkeiten des Schreibens und Denkens jener fernen Zeit und in deren Jenseitsbezüge. Manches freilich bleibt rätselvoll.

Stießen Grabräuber in den 1700 Jahren zwischen dem ersten Fund einer Grabbibliothek und den jüngsten Funden nie wieder auf eine solche? Wenn anders, was wurde dann daraus? Und - in allen Grabbibliotheken fand sich eine Schrift, die nicht in den Zusammenhang der anderen zu passen scheint. Bei dem Fund von Chi-chung war das ein Text über die Jagd mit dem Schnurpfeil, über die Jagd auf Vögel, Wasservögel zumal. War diese ein königliches Privileg, gehörte sie zu den persönlichen Vorlieben des Grabherrn?

Die abgebildeten Bambusstreifen gehören zu der kleinen, 1336 Bambusstreifen umfassenden, Grabbibliothek von Huxishan, im Kreise Yuanling der Provinz Hunan. Sie bilden den Anfang eines Textes über die Fünf Elemente. Diese Bibliothek, im Jahre 1999 geborgen, wurde Wu Yang, Titularmarkgraf von Yüan, im Jahre 162 v. Chr. ins Grab gegeben. Auch zu ihr gehörte eine solche "besondere" Schrift: Mei-shih fang, "Rezepte für schönes Essen".
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 20
Moralfördernde Musik
 
  "Musik ist Freude." Mit dieser so schönen wie apodiktischen Formulierung beginnt das 20. Kapitel der Textsammlung Hsün-tzu, "Meister Hsün", deren Schriften größtenteils auf den altchinesischen Denker Hsün K'uang (340-245) zurückgehen. Vielleicht meinte er aber auch "Freude ist Musik", denn beide Wörter werden mit dem gleichen Schriftzeichen geschrieben, und so sind auch andere Wendungen in diesem Kapitel mit der Überschrift Yüeh-lun, "Über die Musik", mehrdeutig.

Mehrdeutig ist auch die Struktur dieses Yüeh-lun, das aus mehreren, ursprünglich voneinander unabhängigen, Teilen zusammengesetzt erscheint. Hier und da ist auch Liu Hsiang (77-6), der die Textsammlung edierte, einiges durcheinandergeraten, und Hsün K'uang spielt, wie oft, mit den Worten, schon wieder im zweiten Satz: "Sie gehört zu dem, welchem die menschlichen Empfindungen nicht entgehen." Meint Hsün die Musik oder die Freude?

Bald wird die Struktur des Textes klar, wenigstens in den nächsten vier Abschnitten. Hsün preist in ihnen, in welch förderlicher Weise die "früheren Herrscher" die Musik genutzt hätten, und beschließt jeden dieser Abschnitte mit einem Verweis auf diese und der Wendung: "Aber Meister Mo wandte sich dagegen. Warum nur?"

Die mohistische Lehrtradition im Gefolge des Mo Ti (480-390) hatte sich grundsätzlich gegen die Lehrpositionen von Konfuzius (551-479), in dessen Nachfolgte Hsün K'uang stand, gewendet. Konfuzius hatte - anscheinend - betont, daß neben den strengen Regelungen der Sitte/Sittlichkeit (li), die Übung der Musik dank ihrer ausgleichenden, harmonisierenden Kraft wichtig und bedeutungsvoll sei. Mo Ti sah Musikübung schlicht als Verschwendung an.

Den früheren Herrschern sei durch die Musik gelungen, schreibt Hsün (Übers. H. Köster): "1. in den Melodien die Freude so zum Ausdruck zu bringen, daß es nicht zu Ausgelassenheit kam; 2. in ihren Liedertexten die Ordnung zu preisen, ohne nachdenklich (trübsinnig) zu stimmen; 3. in ihren Rhythmen, welcher Art sie auch waren, nur die guten Seiten im Herzen der Menschen anzuregen; keinerlei Anlaß zu abwegiger und melancholischer Stimmung zu geben."

chinesische Glocken

Die Gelehrten sind sich darüber uneins, was für eine Musik Hsün meinte, doch sicher dürfte sein, daß Glocken und Trommeln in ihnen die wichtigsten Instrumente waren - nicht die lieblicher klingenden Flöten- und Saiteninstrumente, die strengen Konfuzianern zunächst als "liederlich (yin) galten, und "liederlich" begegnet auch am Ende von Hsün 20, wo "Kennzeichen einer Zeit der Wirrsal" beschrieben werden: "Die Männer tragen Kleider mit auffallenden Farben; ihr ganzes Gehaben ist weibisch; ihre Gebräuche sind ausgelassen; ihr Streben ist auf materiellen Gewinn gerichtet () usw. - Ansonsten forderten die Trommeln, als Signalinstrumente der Militärs, zum Vormarsch auf, während Glockenklänge den Rückzug eines Heeres geboten.

Viel wichtiger sei hier etwas ganz anderes: Der Anfang des 20. Hsün-Kapitels ist durch die formelhafte Wiederholung der Wendung über die früheren Herrscher und die Ablehnung der Musikübung durch Mo Ti strukturiert. Hierbei nutzt Hsün K'uang, rhetorisch-ironisch, Eigenheiten der mohistischen Lehrschriften, die immer wieder auf die "früheren Könige" verweisen und in ihrer einhämmernden Rhetorik andauernd solche Wendungen wiederholten. - Die Verflechtungen zwischen den einzelnen Schriften der klassischen und nachklassischen Literatur erstaunen immer wieder, vor allem zwischen deren kleineren Teilen.

Ansonsten: Zwanzig chinesische Perkussionisten können ihre Hörer in einen Rausch versetzen, und wer je einem - in wissenschaftlich begründeter Weise rekonstruierten - altchinesischen Glockenspiel lauschte: Sphärenklänge! Dann kommen neue Erwägungen über die altchinesische Musikübung auf - die bei den Konfuzianern und die bei den Militärs und deren Ablehnung durch die Mohisten.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 21
Glorreiche Konstitution
 
  Diese zarte Vase, 22 cm hoch, steht in seltsamem Gegensatz zu dem vierschrötigen, bulligen Mann, dem sie gewidmet war: Yüan Shih-k'ai (16. 9. 1859 - 6. 6. 1916).

Nachdem Sun Yat-sen am 1. Januar 1912 die Republik China ausgerufen hatte und als deren erster Provisorischer Präsident politisch schnell gescheitert war, hatte Yüan am 15. Februar dieses Amt übernommen. Er hatte der untergegangenen Mandschu-Dynastie als herausragender Militär und Würdenträger gedient, dabei stets die eigenen Interessen gefördert. Das tat er auch jetzt. Mit dem Provisorium wollte er sich nicht begnügen, sondern ließ sich am 10. 10. 1913 zum "richtigen" Präsidenten proklamieren.

Spätestens seit Mitte 1914 verfolgte er Pläne zur Wiederherstellung der Monarchie, mit sich als Kaiser, führte schon einmal die offizielle Konfuzius-Verehrung als Staatskult wieder ein und sammelte Petitionen, die ihn zum Besteigen des Thrones drängten. Am 12. 12. 1915 war es dann soweit: Eine Reihe Dekrete regelte den Neubeginn der Monarchie, und dazu gehörte, daß das Jahr 1916 nach traditionellem Muster als das 1. Jahr hung-hsien, "Glorreiche Konstitution", gezählt werden sollte.

Dazu gehörte auch, daß Yüan nach dem Vorbild der früheren Kaiser aus Anlaß der Thronbesteigung Porzellane in Auftrag gab: 40.000, für seinen Haushalt und als Geschenk für die Beamten. Dieser Auftrag begegnete Schwierigkeiten: Die kaiserliche Porzellanmanufaktur war geschlossen worden, die Porzellankünstler in privaten Firmen zerstreut, Ton und Farben für solch einen Großauftrag fehlten, und lange Erörterungen begannen, welcher Dekorstil dem neuen Herrscher angemessen sei.

Die ersten Porzellane, die für Yüan Shih-k'ai gefertigt wurden, trugen den Siegelstempel seines Palastes Chü-jen t'ang, "Halle zum Verweilen in der Menschlichkeit". Dieser lag unweit der Verbotenen Stadt und hatte gut zehn Jahre davor und unter anderem Namen dem Grafen von Waldersee (1832-1904), dem Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte zur Vernichtung der "Boxer", als komfortables Quartier gedient. Für solche Signaturen nach einem Palast gab es Vorbilder. Auch Kaiser Ch'ien-lung (1736-1795) hatte sie veranlaßt. Bald wurden die neuen Porzellane, wie traditionell üblich, mit der Bezeichnung der Regierungsdevise hung-hsien gestempelt.

Die Wiedereinführung der Monarchie und Yüans Selbstherrlichkeiten begegneten inneren Widerständen. Zusätzlich hatte er sich unbeliebt gemacht, weil er den berüchtigten "21 Forderungen" der Japaner vom 12. Januar 1915 nicht entschieden entgegentrat - die Japaner sollten seine monarchischen Pläne stützen. Nach nur 83 Tagen des "Kaisertums" mußte Yüan am 22. März 1916 förmlich resignieren, und bald darauf starb er. Eine förmliche Thronbesteigung gab es wohl nie - obwohl er sie, wie eine Sottise will, im Kreise seines Hofstaats und seiner Hofdamen schon mal geprobt haben soll.

Viel von diesen Vorgängen liegt noch im Dunkel, und das gilt auch für diese Porzellane. In der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit konnten schwerlich so viele hung-hsien/Porzellane gefertigt werden, wie sie im Kunsthandel auftauchten. Entweder hatte Yüan früher als angenommen diese Regierungsdevise festgelegt, oder die Porzellane wurden, wegen ihrer Feinheit gerühmt, nach seinem Ende in rauhen Mengen gefälscht.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 22
Lüsterne Moral
 
  Liu Tsung-yüan (773-819) beginnt seinen kurzen Prosatext, als habe er ihn für eine Boulevard-Zeitung verfaßt: "Ho-chien war eine lüsterne Frau." Im nächsten Satz erklärt er, daß er diese nicht mit ihrem persönlichen Namen vorstellen wolle, sondern sie nach ihrem Wohnort benenne, einer Kreisstadt in Nordostchina. - Ho-chien chuan, "Überlieferungen über die aus Ho-chien", lautet die Überschrift seines Textes, und chuan ist der gebräuchliche Begriff für "Biographie".

Beinahe die Hälfte seines Textes verwendet Liu Tsung-yüan darauf, die Tugend und Sittsamkeit einer jungen Ehefrau zu schildern. Einigen Tunichtguten in der Verwandtschaft ihres Mannes erscheint soviel Prinzipientreue als so anstößig, daß sie beschließen: "Die müssen wir fertigmachen!" Ein erster Versuch hierzu scheitert kläglich.

Nach Jahresfrist gelingt den Lüsterlingen, die tugendbewegte Ho-chien zu einem Ausflug in ein buddhistisches Kloster mitzunehmen. Dort haben sie ein Art Picknick arrangiert, zu welchem auch willige Musikantinnen gehören. Diese erfreuen die männlichen Teilnehmer an der "Party" sichtbarlich. Liu läßt diesem Teil seiner Schilderung die Schlüsselszene seines Textes folgen, bei welcher er kein Klischee ausläßt:

"Sie hatten jemanden ausgewählt, der von Aussehen schön und dessen Männlichkeit groß war, damit er sich über sie hermache. Dieser schnappte sich Ho-chien, welche jammerte und schrie. Dienerinnen hielten sie fest; und die einen bedeuteten ihr, wie 'nützlich' das sei, während andere sie beschimpften oder verlachten. Als Ho-chien sich verstohlen umwandte, bemerkte sie, wie schön der war, der sie gepackt hatte."

tangzeitliche Figur Das erzwungene Liebesspiel geht weiter, und am Abend ist Ho-chien nicht bereit, nach Hause und zu ihrem Mann zurückzukehren. Schließlich dazu genötigt, verweigert sie sich diesem und auch die Nahrungsaufnahme. Listenreich bewegt Ho-chien den besorgten Gatten, an ihr eine - verbotene! - Geistaustreibung vornehmen zu lassen, und zeigt dann ihren Mann an. Er wird hingerichtet.

Jetzt ist der Weg für den Liebhaber aus dem Kloster frei, und Liu Tsung-yüan benötigt nur noch wenige Sätze, um den Niedergang der Ho-chien darzustellen: Nach einem Jahr ist der Galan dermaßen geschwächt, daß sie ihn fortjagt. Sie richtet in ihrem Haus eine kleine Kneipe ein, und beobachtet aus der Verborgenheit die Schlingel, die sich dort verlustieren: "Von denen, die zum Weintrinken kamen, gingen alle, die eine große Nase hatten, die Jungen und Kräftigen, die Schöngesichtigen und die, welche gut bei den Weinspielen waren, zu ihr nach oben und vereinigten sich mit ihr."

Das geschah auf ihr entsprechendes Anerbieten, denn "sie fürchtete, auch nur einen Mann auszulassen" - in ihrer Unersättlichkeit. Das trieb sie länger als zehn Jahre, dann starb sie an Auszehrung.

Was mag Liu Tsung-yüan bewogen haben, derlei niederzuschreiben? Als Verfasser parabelartiger satirischer Texte und subtiler Landschaftsbeschreibungen wurde er, neben seinen Gedichten, berühmt. Vielleicht ist seine "Biographie der Ho-chien" der erste Versuch in der chinesischen Literatur, eine Art Psychogramm zu schreiben.

Mit einem "Herr Liu sagt hierzu" meldet er sich am Ende des Textes explizit, und den Anforderungen der Gattung genügend, zu Wort. Er erklärt, die harmonische Verbindung der Ho-chien mit ihrem Manne sei durch Gewaltanwendung von anderer Seite ruiniert worden. Dergleichen könne auch anderen menschlichen Beziehungen widerfahren, zum Beispiel Freundschaften - vor allem aber im Verhältnis der Beamten zu ihrem Herrscher. Er scheint andeuten zu wollen, auch dieses sei durch mißgünstige Einwirkung von außen, trotz lautersten Verhaltens und heftigen Widerstandes, zu zerrütten. Fühlte Liu, angesichts seiner Karriereprobleme, sich dermaßen geschädigt, oder anders: Galt die lüsterne Ho-chien ihm gar als Sinnbild für Beamtengier und -nöte? In der Metaphorik ihrer literarischen Schriften schlüpften die altchinesischen Literatenbeamten auch sonst öfter in weibliche Rollen: der Untertänige gegenüber dem Kaiser - als Devotheitsfloskel oder als Metapher.
 
 
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 Vorsichtige Frage

ai-Bericht: People's Republic of China: Controls tighten as Internet activism grows Im Januar 2004 legte amnesty international wieder einen Bericht über das Internet und die VR China vor: 36 Seiten. In der Hauptsache dokumentiert diese Schrift 54 "Fälle", mit noch mehr betroffenen Personen, in denen die Betroffenen zu manchmal exorbitant hohen Haftstrafen verurteilt wurden. Natürlich ging es dabei nicht um Internet-Betrügereien. Die häufigsten unter der Rubrik "Accusation" genannten Wörter dürften "Subversion" und "Falungong" sein.

Die Problematik ist bekannt, doch ich will sie nicht kommentieren, denn ich kenne die Einzelfälle nicht, und auch "ai" kennt sie nur ungefähr, doch sonst: "Geben Sie Meinungsfreiheit, Sire!" ist schließlich ein aus Schulzeiten wohlvertrautes Schiller-Wort.

Auf Umwegen erreichte mich von Thomas Buschmann aus Peking die Nachricht, er habe die HCN dort anklicken können. Von anderer Seite war zu vernehmen, daß das in der chinesischen Provinz nicht möglich sei, aber bei einem Besuch in Hongkong lasse sich das nachholen. Mal sehen, was man sonst so hört!
 
 
 

 Ärgerliches Osterei

Den Genuß, ein Frühstücksei zu verspeisen, erlaubt sich der Berichterstatter selten. Das kunstgerechte Anrühren des - selbstverständlich - weichen Dotters mit Pfeffer, Tabasco, einer winzigen Prise Salz, einer Spur Kakao, ein, zwei Kümmelkörnern und allerlei weiteren Ingredienzien - wann wäre schon Muße dafür, bei morgendlichen Muffeligkeiten?

Doch jetzt, als er sich diesem Vergnügen wieder einmal widmen wollte - was entdeckte er? Ja, den Stempel (siehe Abb.), und er erinnerte sich: Die Anfangszahlen, 0 bis 3, weisen auf die Hühnerhaltung hin, von Öko bis Käfig. Das DE steht für Deutschland, was für Dänemark? Warum hat man dafür nicht die KFZ-Kennungen genommen? Die nächsten sieben Ziffern sollen erlauben, das Ei bis zum Hühnerstall zurückzuverfolgen. Was aber macht der Ei-Liebhaber, wenn er einmal die glücklichen Hühner, die seine Öko-Eier legten, besichtigen will - möglicherweise bei einem Osterspaziergang? Nun, vielleicht gibt es eine Website, die diese Zahlenfolge entschlüsselt.

Frühstücksei

Sehr verbraucherfreundlich ist diese Ei-Kennung nicht, und Verbraucherfreundlichkeit leitet selten die Eurokraten in Brüssel. Warum sollte diese sie plötzlich gepackt haben, als sie dieses "Ei" ersannen. - Lieber denkt der Berichterstatter an einen Jugendbrauch: Damals waren die Kiebitze so zahlreich, daß sich die Kinder am Gründonnerstag in die feuchten Niederungen auf dem Lande begaben, um deren Nester zu plündern. Zuletzt erblickte der Berichterstatter diese seltsamen, schönen Vögel in der Wedeler Marsch. Deren Gelege sind jetzt allerdings tabu. Also wird er sich zu Ostern diesmal ein paar ebenso feine Wachteleier aus Fernost genehmigen. Ob auch die solche Euro-Stempel tragen, noch unverständlichere?
 
 
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