Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 30
4. April 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Roter Mohn

12 Kapitel umfaßt dieser pralle Roman, auf 49 Unterkapitel verteilt. Das sind bedeutungsvolle Zahlen. Abgeschlossen hatte ihn Autor Alai (*1959, im nördlichen Sichuan) im Jahre 1996, konnte ihn aber erst 1998 veröffentlichen. Im Jahre 2000 wurde ihm dafür ein nach dem bedeutenden Autor Mao Dun (1896-1981) benannter Literaturpreis zugesprochen, im Februar 2004 brachte der engagierte Unionsverlag in Zürich die deutsche Übersetzung heraus: 435 Seiten Prallheiten, viele Dialoge.

Alai: Roter Mohn Spannende Lektüre! Der Roman erzählt die Geschichte des letzten Tibeterfürsten aus dem Geschlecht Maichi. Er erzählt sie aus der Sicht seines zweiten Sohnes und damit vor allem auch als dessen Geschichte - Geschichte nicht in historischem Sinne verstanden, sondern als Geschichten. Der Fürst hatte diesen Sohn im Suff mit einer seiner Frauen gezeugt, einer Chinesin, und "deshalb" wird der Sohn ein "Idiot", ein immer wieder gewitzter freilich, und am Ende erfährt er, daß seine chinesische Mutter eine Hure gewesen war.

"Zum Leben" erweckt den dreizehnjährigen Idioten eine achtzehnjährige Magd, als sie sich auf ihn legt, und bis zu seinem Ende wird er der Henkersfamilie nahestehen, die der fürstliche Vater sich leistet und die reichlich Arbeit hat, ihr jedoch bedachtsam nachgeht. An diesem Ende tritt ihm ein Meuchler gegenüber: "Das Blut sammelt sich am Boden zu einer großen Pfütze, und während ich im Bett erkalte, nimmt es langsam die Farbe der Nacht an."

Dazwischen schildert Alai den beispiellosen Aufstieg des Fürstenhauses Maichi: Mohnanbau und Opium machen es unermeßlich reich, auch ein geschickter Umgang mit dem Reichtum. Querelen am Hofe und mit den benachbarten, meist verwandten Fürsten bleiben nicht aus. Die Volksbefreiungsarmee setzt dem Treiben schließlich, und eher beiläufig geschildert, ein Ende, und so wird auch klar, in welcher Zeit der Roman spielt.

Eigentlich spielt der Roman in keiner bestimmten Zeit und schon gar nicht in Tibet. Einige eingestreute ethnographische Details stimmen oder könnten zumindest stimmen, und so mag man sich das vergangene Tibet vorstellen, mit pittoresken Brutalitäten des Alltags, auch Zärtlichkeiten - wenn man den spirituellen Darstellungen des Dalai Lama und seinen politischen Erklärungen nicht anhängt. Tibetologen werden an diesem Roman viel auszusetzen finden.

Betrachten läßt sich dieser Roman aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Indirekt legitimiert er die kommunistisch-chinesische Besetzung Tibets, ebenso indirekt erinnert er an gegenwärtig anzuprangernde Praktiken in der VR China. Nicht ganz selten begegnen kurze Passus, die "bedeutungsvoll" erscheinen: moderat. Seine Erzähltechnik ist konventionell - und auch das war eine Voraussetzung dafür, daß er durch die Preisverleihung offiziell sanktioniert werden konnte. Die chinesische Gegenwartsliteratur ist sonst oft aufregender.

Auf eine längere Bahnfahrt mag man diesen Roman "Roter Mohn" mitnehmen, auch für den Nachttisch und für einen Strandurlaub eignet er sich. Niemand muß lange und aufgesetzte Belehrungen über tibetische Historie oder innere Befindlichkeiten der Hauptpersonen befürchten, und jedermann kann sich an den vielen kurzen Geschichten erfreuen - und ihnen nachsinnen, auch im Hinblick auf Hintergründigkeiten.

Karin Hasselblatt übersetzte den Roman in eine angenehme deutsche Prosa. Öfter erfreut der Umfang ihres deutschen Vokabulars, doch manchmal stutzt der Leser bei einer Formulierung: ungeschickt? Indes, da der chinesische Text des Romans nicht zur Hand ist - diese erfahrene Übersetzerin wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

Die ersten Sätze in "Roter Mohn" lauten, in ihrer Übersetzung: "Es war ein schneebedeckter Morgen. Ich lag im Bett und lauschte dem Singen wilder Drosseln vor dem Fenster, während Mutter sich in einer kupfernen Schale wusch. Sie tauchte ihre hellen, schlanken Hände in die warme Kuhmilch und atmete tief durch, als strengte es sie an, sich die Haut zu verschönern."

"Wilde Drosseln"? Und diese bewunderten Hände sind die der einstigen Hure . . . und schon im zweiten Absatz hat jene folgenreiche Magd Sangye Dolma ihren ersten Auftritt.
 
 
 

 Entschuldigter Blume

In der Wochenzeitung ZEIT veröffentlichte deren Chinakorrespondent Georg Blume unlängst einen kleinen Zweispalter unter der Überschrift "Speisung der Wanderarbeiter". Über China gab es in jenen Tagen mehr zu berichten als dieses Artikelchen enthielt, und schon dessen Untertitel verstörte: "Premier Jiabao entdeckte die Nöte der chinesischen Massen".

Nein, so blöd ist Georg Blume nicht! Das hat ein Schreibtischtäter da am Speersort verbrochen. Dieser Untertitel klingt nämlich wie ein "Kanzler Gerhard entdeckte die Nöte der deutschen Massen". Der ahnungslose Redakteur verwechselte wieder einmal den Familiennamen von Premier Wen Jiabao mit dessen persönlichem Namen, obwohl Blume von diesem sonst in seinem Artikelchen korrekt als "Wen forderte ()" sprach. In China ist eben manches anders als am Speersort, und dort steht gemeinhin der Familienname vor dem persönlichen. Auch die Verwendung des Wortes "Massen" hätte dieser flinke Überschriftenschreiber, der den Artikel nur ungenau las, reflektieren sollen.

Auch in dem Artikel findet sich Seltsames: "Zugleich krempelte der Premier den Staatshaushalt um: relativ geringe Erhöhungen des Militärbudgets ()". - Um schlappe 12 Prozent wurde dieses erhöht, von den Verstecktheiten in diesem Staatshaushalt ganz abgesehen! Und vor welchem Gremium sprach Premier Wen? Aber auch für derlei sollte Georg Blume nicht getadelt werden. Wahrscheinlich hatte jener Speersort-Unbedarfte sein Manuskript rigoros zusammengestrichen.

Ob ZEIT-Herausgeber und Altkanzler Helmut Schmidt diesen Artikel gelesen hat - und ob er seine Chinainformationen aus der ZEIT gewinnt? Er ist immer noch der aus Kanzlerzeiten altvertraute "Weltökonom" und spricht oft, als selbstverständlicher Experte, über "China China ", doch die China-Berichterstattung seiner ZEIT: ???!
 
 
 

 Verdienter Polo

Reisen bilden, bekanntlich. Ohne eine solche Reise wäre der Berichterstatter nicht in den Besitz von "DB mobil 03/04" gelangt, die Kundenzeitschrift der Bahn: "Ihr persönliches Exemplar zum Mitnehmen". Möglicherweise hätte er ohne deren Titelseitenhinweis "750. Geburtstag. War Marco Polo wirklich in China?" gar nichts von diesem schönen Buch erfahren.

Im Jahre 1996 hatte eine britische Bibliothekarin in einem Buch vehement bestritten, daß Marco Polo je in China gewesen sei - nach etlichen dies bestreitenden Vorgängern in acht Jahrhunderten. Das, wiederum, ließ den japanischen Fotografen Michael Yamashita nicht ruhen: Im Jahre 1998 klapperte er die mutmaßliche oder bekannte Reiseroute des frühen Weltreisenden und Kaufmanns ab, "mit vier Kameras, einem Dutzend Objektiven und 1000 Rollen Film."

Das Ergebnis, jedenfalls in der Darstellung von "DB mobil", überrascht: "Doch alles, was Polo beschrieb, findet Yamashita tatsächlich." Dann: "Und zu seiner Überraschung sieht die Welt noch immer so aus wie vor knapp 750 Jahren - an bestimmten Orten, in bestimmten Momenten." Da wüßte der Berichterstatter einiges, was Yamashita nicht wiederfand und auch nicht wiederfinden konnte, und noch mehr, das nach diesen 750 Jahren ganz anders aussieht.

Michael Yamashita: Marco Polo

Der Verlag Frederking & Thaler, in Zusammenarbeit mit "Geo" hat einen schönen 501-Seiten-Wälzer herausgebracht, mit Yamashita-Fotos und -Texten, vielen Begleitdarstellungen und konkurrenzlos günstig: 29.90 Euro"!

So, wie Yamashita das will, kann man nicht "beweisen", daß Marco Polo in China war. Das hatte Hans-Wilm Schütte in einer Schrift der Hamburger Sinologischen Gesellschaft wissenschaftlich fundierter getan. Der fand, übrigens, auch eine feinsinnige Deutung dessen, daß Marco Polo die eingebundenen Füße der Chinesinnen nicht gekannt habe. Polos britische Kritikerin hatte an seinem Bericht bemängelt, daß er diesen seltsamen Brauch nicht erwähnte, und Yamashita widmet ihm immerhin einen Augenblick. Schütte zeigte, daß Marco Polo diese Eigenheit durchaus wahrnahm - und sie sich auf eine köstliche Weise erklärte! Solche "schönen Stellen" in der wissenschaftlichen Literatur muß allerdings jeder für sich nachlesen.

Schon im Mittelalter waren des Marco Polo Notizen über ferne Welten, die nie als "Reisebericht" gedacht waren, ein Bestseller. Ungefähr 140 Handschriften geben ihn wieder, mit zahlreichen Varianten und oft illuminiert/illustriert, zahlreicher als alle anderen mittelalterlichen Handschriften. Vielen hat Marco Polo seit seinen Gefängnis-Erzählungen gegenüber einem Literaten, der diese dann niederschrieb, wie die Legende will, Lohn und Brot gebracht. Das tut er, augenscheinlich, auch heute. Ein internationales Forschungsprojekt sollte endlich Klarheit in alle damit verbundenen Probleme bringen. Warum sollten nicht auch einmal einige Nachwuchswissenschaftler aus Italien, Deutschland und China von der Faszination, die seit sieben Jahrhunderten mit diesem Namen verbunden ist, profitieren?
 
 
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