Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 30
4. April 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Herzliches Willkommen

Yvonne Schulz Zinda Am 1. April 2004 nahm Dr. Yvonne Schulz Zinda ihren Dienst in der ChinA auf, als sogenannte Juniorprofessorin. Das Besetzungsverfahren hatte sich in die Länge gezogen, denn die Regularien für diese neue Form der Universitätsanstellung lagen weitgehend im Dunkeln. Alle Rechte und Pflichten einer regulären Professur sollen die vorzugsweise jugendlichen Inhaberinnen einer solchen Stelle wahrnehmen, dazu innovativen Projekten nachgehen - und wenn sie nach sechs Jahren nicht irgendwo eine reguläre Professur ergattert haben: gnadenlos gefeuert! Dabei hatten sie, jedenfalls den Vorstellungen dieses Konzepts zufolge, nach der Promotion kaum Gelegenheit, Erfahrungen im universitären und Wissenschafts-"Betrieb" zu sammeln, denn möglichst bald nach der Promotion sollten sie eine solche "Juniora" werden.

Dr. Schulz Zinda (* 1965, in Guayaquil/Ecuador) hatte ihr Sinologiestudium in München 1993 mit einer Magisterarbeit über den Kulturphilosophen Li Zehou abgeschlossen. Ergänzende Studien in mehreren als den vorgeschriebenen Nebenfächern zeigten schon damals die Breite ihrer Interessen.

Längere Studien- und Forschungsaufenthalte in Taipei, London und Seoul führten zu Vertiefungen und Ausweitungen, denn jetzt kamen auch das Koreanische und Korea als Interessengebiete hinzu. Promoviert wurde sie im Jahre 2002 in Hamburg - nach einer Doktorarbeit zum Induktionsproblem im Werk des neuzeitlichen chinesischen Denkers Jin Yuelin: eine so komplexe wie komplizierte Materie.

Nach der Promotion wirkte sie an der Universität Göttingen an Forschungsprojekten mit: "Wissenschaftssprache Chinesisch" und "Internationalität nationaler Literaturen". Diese erneue Ausweitung ihrer Interessen- und Arbeitsgebiete war eine Voraussetzung für ihre Berufung an die ChinA.

Alle damit verbundenen Gremienentscheidungen wurden - soviel darf wohl verraten werden - einstimmig gefaßt, und diese Feststellung mag Dr. Schulz Zinda den Antritt der neuen Stelle und die damit verbundenen Unwägbarkeiten erleichtern. Die ChinA und alle übergeordneten Gremien wollten sie, und sie soll das Spektrum von Forschung und Lehre an der ChinA bereichern, zur Freude der Studierenden - und ihre "Senior"-Kollegen werden sie bereitwillig beraten, wenn es um ihre weitere Laufbahn geht. - Dieser 1. April war also ein erfreulicher Tag.
 
 
 

 Süßer Tau

Niemand weiß genau, was die altchinesischen Geschichtsschreiber meinten, wenn sie in ihren Annalen den Fall von "süßem" Tau (kan-lu) verzeichneten. Sicher ist nur, daß das als ungewöhnliches Glückszeichen galt, neben anderen - und die Kaiser durften sich das als frohe Botschaft aus dem Kosmos anrechnen.

Jetzt wurde Professor Dr. Werner Sasse von den Koreanisten Empfänger einer solchen Botschaft. Sie traf am 30. März ein und wurde, wenig jenseitig, per Mail übermittelt, betraf auch nicht solch ominösen Tau, sondern sagte klar und genau: 180.900 Dollar.

Die Universitätslandschaften werden gegenwärtig umgekrempelt, und niemand kann weit voraussehen, was irgendwelchen Ministerinnen, Senatoren, Präsidenten, Dekanen, Kommissionen - die meisten so wissenschafts- wie bildungsfremd - noch in den Sinn kommen wird. Da sind Vorkehrungen angebracht.

Sasse wird in einigen Jahren in den Ruhestand treten. Dann muß seine Professur zunächst für ein Jahr vakant gehalten werden. Was das bei einem "Ein-Mann-Fach" ausmacht, das kann sich jeder leicht ausrechnen. Jedenfalls wirkt es sich nicht gut für die Studierenden aus, sondern katastrophal. Überdies wecken solche Gelegenheiten angesichts gegenwärtiger Zwänge die kannibalistischen Neigungen fernerer Fächer und Instanzen.

Korea

Die Korea Foundation hat den genannten Betrag, der auf drei Jahre verteilt werden kann, bereitgestellt, damit diese einschneidende Phase in der Hamburger Koreanistik in angemessener Weise überbrückt werden kann. Er deckt zwar nicht die Kosten für eine volle C4-Professur ab, doch immerhin!

Wieder einmal ist dieses kleine Land Südkorea zu würdigen - für die Energie und den Aufwand, mit welchen es sich für die Verbreitung von Kenntnissen über seine Sprache und Kultur einsetzt! Gegenwärtig geht es diesem auch in der Vergangenheit vielfach geplagten Land politisch und wirtschaftlich Land nicht besonders gut. Aber Koreaner sind nun einmal, unter anderem, auch wackere Kämpfer, und sie wissen Prioritäten zu setzen. Viel mehr hierzulande sollten sich für Korea interessieren, vor allem Politiker, die ihre Horizonte gemeinhin sehr eng ziehen.
 
 
 

 Lästerliche Sprüche

Unter den Papieren von Fritz Jäger fand sich auch eine Abschrift aus dem Jahrgang 1828 der Zeitschrift "Das Ausland". Sie trug die Überschrift "Chinesische Gassenhauer" und sei im Wortlaut wiedergegeben:

Abschrift Jäger - für eine große Darstellung bitte klicken In China äussert sich, wie in manchen europäischen Ländern, das Mißvergnügen des Volks häufig durch Spottlieder, die auf den Strassen gesungen werden. So sangen die Gassenbuben in Peking, als Sung, der durch Macartneys Geandtschaft bekannte verdienstvolle Minister, starb (in Bezug auf die Rebellen in der kleinen Bucharei):
Ying-wu kiao
Ying-ko siaou
Sung-schu taou
Taou-kwang taou
Papagei (der Kaiser) ruft,
Der Hahn (Rebelle) lacht,
Der Sung-Baum* ist gefallen,
Der Vernunft Ruhm floh.
In Canton machte sich die Unzufriedenheit über die schlechte Rechtspflege der Behörden durch folgendes Couplet Luft:
Ya mun pa tsze kia
Yen li, wu tsien, mo kwo lai
So weit als das Pa** ist des Mandarins Hof offen;
habt ihr Vernunft, kein Geld; geht nicht hinein!
* Sung, bedeutet einen Tannenbaum ** Ein chinesisches Schriftzeichen

Soweit dieser Text von 1828 in der Abschrift von Fritz Jäger, und dem heutigen Leser sollte vielleicht erklärt werden, daß das Zeichen pa, "acht", aufgrund seiner Schriftform das der Korruption offene Yamen-Tor symbolisiert.

Jäger notiert, mit einer Stahlfeder schreibend, einige Korrekturen an diesen frühen Übersetzungen, so bei dem "Couplet": "Wenn du (zwar) recht hast, (aber) kein Geld, so gehe nicht hinein."

Mit dieser Art chinesischer Volksdichtung hat sich seither kaum jemand befaßt, obwohl sie ein zwar nicht leicht verständliches, aber aufschlußreiches literarisches Genre bildete. Zu rühmen sind auch diese Chinainteressenten von 1828. Über solche Alltäglichkeiten berichten gegenwärtige deutsche China-Korrespondenten selten. Wenn sie doch wenigstens einmal ein paar der unzähligen politischen Witze erzählten, über die man sich in China auf die Schenkel schlägt!
 
 
 
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Bambusblatt Bambusblatt 18
Vergessener Friedensschluß
 
  Wahrscheinlich wird nirgendwo in Deutschland oder China eine vollständige Folge dieser Zeitung aufbewahrt: "Der Friede". Ebenso wahrscheinlich dürfte sein, daß die meisten jüngeren Chinawissenschaftler sie nicht einmal kennen: "Ho Ping Pao" transkribierte sie ihren chinesischen Titel und übersetzte diesen mit "Der Friede". Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war das ein Ausdruck von Sehnsucht und des Versuchs der Freundschaft.

Der Friede - für eine große Darstellung bitte klicken Herausgegeben wurde diese Zeitung zwischen 1946 und 1949 in Berlin, "With the Permission of British Military Government". Sie bestand aus einem beidseitig handschriftlich geschriebenen und dann hektographierten Blatt im a4-Format. Nach zwei deutschsprachigen Sonderausgaben im Jahre 1946 erschienen seit 1947 anscheinend vierwöchentlich Zusammenfassungen in deutscher Sprache, in einem kleineren Format und ordentlich gedruckt. Wahrscheinlich enthielt diese deutsche "Zusammenfassung" zahlreiche Beiträge, die in der chinesischen Version nicht enthalten waren. - Die vorliegenden Ausgaben lassen eine Interpretation nicht zu.

Herausgegeben wurde die Zeitung im Umkreis der "Chinesischen Militär-Mission beim Alliierten Kontrollrat in Deutschland". Die Republik China hatte Nazi-Deutschland 1941 den Krieg erklärt. Damit hatte sie lange gezögert. Schließlich wurde sie schon seit 1937 durch den Nazi-Verbündeten Japan mit Kriegsschrecken heimgesucht. So zählte die Republik China zu den Siegermächten des Weltkriegs, und von seiner Rolle als Großmacht ist in dieser Zeitung oft die Rede. Die Sprache der Beiträge klingt jedoch friedvoll und versöhnlich.

Manchmal veröffentlicht "Der Friede" amtliche Bekanntmachungen: "Verschiedene Anfragen deutscher Exportfirmen hatten die Aufnahme von Handelsbeziehungen zwischen China und Deutschland zum Gegenstand. Auch auf diese Anfragen muß mitgeteilt werden, daß es vor Unterzeichnung eines Friedensvertrages für deutsche Firmen nicht möglich sein wird, mit chinesischen Firmen in wirtschaftliche Beziehungen zu treten."

Hierüber sind die Zeiten bald unachtsam hinweggegangen. - Natürlich wird Tschiang Kai-shek oft gepriesen, andererseits beginnt die Zeitung im Sommer 1947 den Abdruck einer deutschen Übersetzung von Mao Tse-tungs "Chinas Neue Demokratie", wahrscheinlich der ersten deutschen überhaupt. Im gleichen Jahr schreibt sie: "Unglücklicherweise halten die Kommunisten nach mehr als einem Jahr unserer unermüdlichen Bestrebungen an ihrer Politik des bewaffneten Aufstandes fest, und zwar mit der zugestandenen Absicht, den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Nation zustande zu bringen." - Nachrichten aus China bilden einen Schwerpunkt der Berichterstattung, vor allem in der chinesischen Version. Zwischen den Zeilen läßt sich bereits ahnen, daß die Dienstherren dieses Blattes dem Machtwillen des Mao Tse-tung wenig entgegenhalten können.

In der deutschsprachigen Version melden sich mehrere deutsche Sinologen zu Wort - so Erich Haenisch, der Ernst Börschmann zum 75. Geburtstag einen Artikel widmet. Und der stets unermüdliche Franz Kuhn übersetzte mehrmals chinesische Witze, so den von dem Missetäter am Schandpranger, der erklärt, er sei zu Unrecht verurteilt worden: Er habe doch nur ein Stück Seil von der Straße aufgenommen. Erst nach eindringlichen Fragen räumt er ein, daß am anderen Ende des Seils ein Ochse befestigt war.

Eine aufschlußreiche Quelle für einen nahezu unbekannten Zeitraum der deutsch-chinesischen Beziehungen wäre dieses Blatt. Am Kriegsende lebten in Deutschland nur noch wenige Chinesen. Bald kehrten einige zurück, und andere kamen aufgrund neuer politischer Verhältnisse hinzu. Für wen sonst sollte diese Zeitung bestimmt gewesen sein. Beinahe gerührt erblickt der Betrachter unter den wenigen Anzeigen eine, die für das "Chinesische Restaurant Chung Ou" wirbt, auf St. Pauli, Schmuckstraße 9. Damals existierten also noch Überbleibsel dieser einstigen "Chinatown" Hamburg.
 
 
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