Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 30
4. April 2004
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Heimliche Geliebte

Das sei Europa für die VR China, zitierte Dr. Klaus Ebermann, der "Botschafter" (sein korrekter Titel ist komplizierter) der Europäischen Union in der VR China, die angesehene Zeitschrift "Far Eastern Economic Review". Sie hatte das unlängst auf ihrer Titelseite ausgeplaudert, und Ebermann sprach am 29. März im Albert-Schäfer-Saal der Handelskammer. Sein Thema war "Die Europäische Union in China".

Handelskammer-Geschäftsführerin Corinna Nienstedt, Staatsrat Reinhard Stuth von der Senatskanzlei und Dr. Thomas Sturm vom Ostasiatischen Verein führten, aus ihrer jeweiligen Perspektive und kenntnisreich, zu seinem Vortrag hin. Die Hamburger China-Gesellschaften hatten ebenfalls zu der Veranstaltung eingeladen, und so war der Saal trotz kurzfristiger Vorbereitungen wohlgefüllt, vor allem mit interessierten Sachverständigen.

Handelskammer Hamburg

Der Botschafter skizzierte die vier Phasen der kurzen Geschichte der EU-VR-Beziehungen, die offiziell seit 1975 bestehen. Er gab Einblicke in einige ihrer Hauptbereiche: Handels- und Sicherheitspolitik sowie Wissenstransfer, wobei er auch die Sonderrolle der Freien und Hansestadt nicht vernachlässigte. Dabei ist Hamburgs Problem, gerade im Bereich der Handelspolitik, bei vielen der EU-Regelungen, daß diese nicht mit den eigenen Hafeninteressen kompatibel sind. Es muß also eine eigene EU-"Außenpolitik" pflegen, um seine Chinainteressen zu wahren.

Das sagte jedoch Corinna Nienstedt, nicht Dr. Ebermann, denn er blickte aus einer weit höheren Warte auf die Gegebenheiten - und sie erschienen ihm frühlingshaft heiter, in beinahe allen Bereichen, und auf der Homepage seines Amtes, das in Peking nur 65 Mitarbeiter zählt, "bis zur letzten Maus", läßt sich das nachlesen, denn er verwies öfter darauf. Die EU-Kommmissare geben sich in seinem Amt, wie er gebührend hervorhob, die Tür in die Hand.

Tatsächlich widmet die VR China, wie Ebermanns anschaulicher Vortrag zeigte, der EU jetzt stärkeres Augenmerk. Bis vor kurzem war es ihr eher auf bilaterale Beziehungen angekommen, vor allem auch mit den europäischen Nationalstaaten, und solche Bilateralitäten prägen bis heute die europäischen Chinabeziehungen, selbst wenn die wichtigeren Kompetenzen bereits bei der EU liegen. Angesichts der unipolaren bzw. höchst individuell geprägten Weltvorstellungen von US-Präsident Bush braucht die VR China in manchen Dingen vor allem Verbündete, die den USA nahestehen. So deutlich kann ein Botschafter das natürlich nicht sagen, und die Europäer sind den Chinesen auch lieb und wert, weil sie nicht so hart verhandeln wie die Amerikaner.

Natürlich erwähnte der Botschafter mehrmals die Chancen der bevorstehenden Osterweiterung der EU, die zu einem weiteren Anwachsen des Geschäfts führen werde - auch für die Chinesen und für Hamburg. Die künftige EU mit 600 Millionen Bürgern entspricht besser als die bisherige der "Augenhöhe" Chinas, welchen Ausdruck der Botschafter öfter nutzte. Auch seine Begeisterung über die EU-Förderungen für den Wissenschaftsaustausch verhehlte er nicht, und seine Ausführungen boten viele Ansätze für interessierte Nachfragen.

Diesen Diskussionen hätte der Berichterstatter gerne noch gelauscht, wohl auch an ihnen teilhaben mögen. Dr. Ebermann sollte eigentlich nur eine halbe Stunde sprechen, doch gleich am Beginn seiner freien Rede genehmigte er sich eine Erweiterung um eine Viertelstunde, und am Ende stellte er zufrieden fest, jetzt habe er eine Stunde gesprochen. Vielleicht währte der Beifall deswegen nicht gar zu lange, denn der Vortrag hätte einen längeren Applaus verdient gehabt, und der Berichterstatter mußte zu einem anderen Termin.

Wahrscheinlich weiß der Botschafter, wiewohl Jurist, daß Europa auch eine Gestalt der griechischen Mythologie war. Der göttliche Zeus machte sich über sie her und entführte sie in seine Bereiche. Obwohl der Stier auch ein Symbol des chinesischen Tierkreises ist, allerdings in Gestalt des eher schlappen Wasserbüffels, käme niemand dort auf die Idee, die Nation mit ihm zu identifizieren. Deren Symbol bleibt der Drachen - und dessen Verführungs- und Siegeskraft ist ungleich größer als die eines Stiers oder, im Hinblick auf die USA, auf die von Elefant und Esel. Ein wenig genauer sollte Europa schon auf sich achtgeben.
 
 
 

 Weite Voraussicht

CD "Gedichte über die Pflaumenblüten" Wer Glück hatte und in der Nähe der Esoterik-Buchhandlung Wrage in der Schlüterstraße herumschlenderte, der erhielt unlängst vielleicht eine hübsche CD geschenkt. Meistens hatten nur Chinesinnen und Chinesen dieses Glück, denn "Gedichte über die Pflaumenblüten" war, in chinesischen Schriftzeichen, deren Titel. Der Untertitel verhieß "Vorhersagen aus der Zeit der Nördlichen Sung (960-1126), und als deren Urheber wurde Shao Yung (1011-1077) genannt.

Der war ein bedeutender Denker des sogenannten Neokonfuzianismus, und kaum einer der Beschenkten wird gewußt haben, daß diesem auch ein - etwas kompliziertes! - "Pflaumenblütenorakel" zugeschrieben wird. Beim Auflegen der CD entdeckte er dann zehn Gedichte über die Pflaumenblüten, die ebenfalls Shao Yung zugeschrieben werden. Jedes besteht aus vier Versen zu je sieben Schriftzeichen.

Auch diese Verse verstanden die Herausgeber der CD als Orakelverse, wie beigefügte Erklärungen erweisen. Das geht folgendermaßen: Der erste Vers des fünften Gedichts, "Barbaren eilen, auf Pferden reitend, nach Ch'ang-an" (jahrhundertelang eine Hauptstadt Chinas) sage die Eroberung Chinas durch die Mandschu im Jahre 1644 vorher. Das "sie öffneten sich die mittleren Ebenen, und die Grenzen der Meere wurden offener" des nächsten Verses prognostizierten die Blütezeit der Mandschu unter den ersten Kaisern. Der dritte Vers - "Mal geglättet waren die gewaltigen Fluten, mal erhoben sie sich" verweise hingegen auf den Aufstand der T'ai-p'ing Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Mandschu, denn das Wort hung, "gewaltig", war auch der Familienname ihres Anführers: Hung Hsiu-ch'üan.

Bis in die jüngste Zeit blickte demnach Shao Yung voraus, aber dann nicht weiter in die Zukunft, denn die ist klar. Der letzte Vers in diesen zehn Gedichten ist zu verstehen als: "Wenn alles innerhalb der vier Weltmeere eine Familie wird - wer ist dann Herr und wer Gast?" Das beziehe sich auf einen gewissen Li Hung-chih, der sich im Jahre 1992 einer weiteren Öffentlichkeit zeigte.

Das also ist des Pudels und der CD Kern! Dieser Li gründete damals nämlich die Falungong-Bewegung, die der chinesischen Regierung äußerst unliebsam ist. Shao Yung hatte auch ihn vorhergesehen - und die durch ihn bewirkte Verwandlung der Welt in eine harmonische Familie!

Der kleine Falungong-Ableger in Hamburg hat mit dieser CD offenbar nichts zu tun. Ihn bildet ein liebenswürdiges Grüppchen junger Menschen, die sich gymnastischen Übungen zur Pflege der Lebenskraft widmen, aber auch für ihre Überzeugungen einstehen, die Gedankenfreiheit verlangen. Dagegen wird sich niemand wenden mögen - auch der nicht, dem die Interpretationen zu den Versen des Shao Yung als etwas abstrus anmuten.
 
 
 

 Wohlfühlende Volkshochschule

"Lernen ist wie rudern gegen den Strom. Sobald man damit aufhört, treibt man zurück." Mit diesem Goldenen Wort schmückt die Hamburger Volkshochschule ihr "Magazin Frühjahr 04". Frühlingshaft, wahrlich, ist das, was das Magazin verheißt, auch Chinesisches und sonst Asiatisches kommt vor.

VHS Hamburg Programm "Mit Chinas Küche gesunder leben" heißt einer der angebotenen Kurse, "Qigong. Sinnvoll bei Verspannungen" der nächste, ein dritter: "Tai-chi. Innere und äußere Kräfte." Verwundert reibt der Berichterstatter sich die Augen. Er hatte gemeint, für diese Bereiche gebe es genug private Anbieter, und die Volkshochschule widme sich den Bereichen einer höheren Volksbildung.

Za-Zen und Kundalini folgen, auch einfaches Yoga, Boule im Stadtpark, und dann ist auch Ayurveda nicht fern und Kartoffelsalat mit fettarmen Zutaten sowie Hatha-Yoga "für jedes Alter", denn: "Entgegen dem gängigen Klischee von Lotussitz und Kopfstand ist für Yoga keine besondere Beweglichkeit nötig."

Das mag so sein, aber hier zeigt sich wieder einmal, daß die Volkshochschule nicht so recht ihre Kernaufgaben im Sinn hat: Lotus ist der Name eines eher unscheinbaren Kräutleins, des Hornklee, auch Spargelbohne geheißen. Der kommt hierzulande als Gemeiner Hornklee (Lotus corniculatus) in mehreren Varietäten vor, auch als Sumpf-Hornklee (Lotus uliginosus) mit hohlen Stengeln.

Er ist nicht zu verwechseln mit dem heiligen Lotos der Inder und Chinesen, den schon die Alten Ägypter verehrten und der im Englischen Lotus heißt. Wenn der Lotos im Gegenwartsdeutsch allgegenwärtig ebenfalls als Lotus bezeichnet wird - vielleicht ist das einfach ein weiterer Anglizismus, der sich eingeschlichen hat, weitgehend unbemerkt. Lotos klingt, nebenbei bemerkt, viel angemessen-würdevoller als das leicht matschige Lotus!
 
 
 

 Evangelische Vorschläge

Gelegentlich liegt der Hamburger Wochenzeitung "Die ZEIT" ein schmales Magazin bei: "chrismon. Das evangelische Magazin", ein Überrest des einstmals angesehenen Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts. Auf dem Titelblatt der Ausgabe 01/2004 mahnte Bundespräsident Rau, etwas verknittert, zu "Mehr Zuversicht". Der Hintergrund deutete einen Berliner Kandelaber aus Kaiserzeiten an, dazu die ebenso kaiserliche Siegessäule, im Volksmund "Goldene Else" genannt, ferner den ehedem Ostberliner Fernsehturm Walter Ulbrichts: "Weltniveau!" Bei bestimmten Sonnenständen zeichnete sich an seiner Kuppel ein christliches Kreuz ab, und die Berliner sind als spottlustig bekannt! Ein schönes Titelblatt!

Im Innern des Heftes suchte der Beitrag "Haben Sie schon vorgesorgt?" mit "klugen Experten" nach Konzepten einer "Super-Vorsorge" für - na ja, für die Rente. Die ehedem deutsch-didaktische Unternehmensberaterin Gertrud Höhler, der Fernsehjournalist Frank Lehmann und Sven Giegold, ein jungökonomisches Wunderbürschchen, gaben die Experten ab. Sie sollten über 12 Möglichkeiten entscheiden, 5000 Euro sinnvoll für die "Vorsorge" anzulegen.

aus: chrismon 01/2004

Ganz ernst nahmen die drei das nicht, doch "Chinesisch-Sprachkurs" stand an erster Stelle. "Schrebergarten", "Rotwein" und "Lotto-Tipp" paßten wohl eher zu deutschen Befindlichkeiten, auch "Schönheitsoperation" und "Große Feier", weniger die "Renovierung eines Kinderspielplatzes".

Dem folgte die "Bewertung" dieser Altersvorsorge-Ideen: "Ausbildung zum Mediator ("Streitschlichter") stand an der Spitze (13 Pkte.), "Renovierung eines Kinderspielplatzes" folgte (12 Pkte.), dann "Kloster auf Zeit" (11 Pkte.). Der Chinesisch-Sprachkurs landete mit 7 Punkten im Mittelfeld.

Von ihren fünf möglichen Punkten gab ihm die Germanistin Höhler nur einen: "Nur wer in China leben und arbeiten will (...); "Dauert viel zu lange", meinte der Jungökonom Giegold und gab trotzdem drei Punkte, wie auch der Fernseher Lehmann: "(...) echte Zukunftsinvestition (...) Wettlauf (...) 'softe Faktoren' (...) Menschen verstehen (...) prima!"

Als für die Altersvorsorge wichtiger betrachtete die vielgefragte Industrieberaterin Gertrud Höhler die Mitgliedschaft in einem Sportverein und die Renovierung eines Kinderspielplatzes: jeweils fünf Punkte. Ihren beiden Mitjuroren galten die 5000 Euro Einsatz als am besten für eine Ausbildung zum Streitschlichter angelegt.

Was immer sich die evangelisch beteiligten Redakteure und Herausgeber dieses Blatts, das in Hamburg produziert wird (und ein stattliches Impressum für die 56 Seiten zeigt), gedacht haben, auch was die Mitwirkenden sich gedacht haben - bei diesem Beitrag war alles "daneben", dazu der Titel der anschließenden Seite: "Du meine Seele, singe". Für deutsche Befindlichkeiten ist er allerdings aufschlußreich: "chrismon" sei gedankt!
 
 
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