Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 29
2. März 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Der Weg ist das Ziel ...,

Dieses Wort geistert seit ungefähr zwanzig Jahren, oft sinnreich abgewandelt, durch deutsche Veröffentlichungen. Zunächst fügte es sich eher esoterischen Publikationen ein, doch inzwischen wurde daraus eine Redewendung, die sich verselbständigt hat. Sie scheint zu besagen, daß allein das strebende Bemühen zähle, nicht der Erfolg oder das Ergebnis der Bemühungen. So sah der Berichterstatter dieses Weg/Ziel auch schon auf der Speisekarte eines neueröffneten Restaurants. Nachdem er dort getafelt hatte, dachte er für sich und still eine gepfefferte Rechnung studierend, daß manche Wege sehr lang sein können. - Möglicherweise geht diese Wendung auf die 1920er Jahre zurück.

Die Ursprünge dieses Wortes liegen noch tiefer im Dunkeln. Manche schreiben es Konfuzius zu, andere Lao-tzu, weitere flüchten sich in ein unverbindliches "Chinesisch", und einige, buddhistisch inspiriert, fühlen sich an den weisen Buddha erinnert. Eine chinesische Quelle ließ sich bisher nicht ermitteln, obwohl der Berichterstatter manchmal meinte, einer solchen sehr nahe gekommen zu sein. Jedenfalls ist - die sprachlichen Strukturen des alten Chinesisch zeigen das - klar, daß dieses dictum nicht auf einer korrekten Übersetzung beruhen kann. Welches Wort für "Weg" und welches für "Ziel" sollte da im Chinesischen gestanden haben, daß beide in eine solche Nominalsatz-Konstruktion gebracht werden könnten!

Irgendein sprachliches Mißverständnis scheint zu diesem Geisterwort geführt zu haben, aber welches? Aufklären ließe sich das wohl nur, wenn sich herausfinden ließe, wann "der Weg ist das Ziel" erstmals auftauchte. Davon abgesehen, die Kulturgeschichte ist eine einzige Geschichte von Mißverständnissen - und wenn dann noch fremde Kulturen ins Spiel kommen, dann gilt das erst recht.

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Bambusblatt Bambusblatt 12
Wie ein Gelächter
 
  Die chinesischen Schriftzeichen bestehen größtenteils aus einem sinn- und einem lautandeutenden Element. Die sinnandeutenden Elemente, Radikale genannt, weisen das Schriftzeichen in ungefährer Weise einem bestimmten Vorstellungsbereich zu. "Berg" und "Fluß", "Sonne" und "Mond", "Baum" und "Stein" sind solche Radikale, deren Zahl in Standardwörterbüchern 214 beträgt. Alle Zeichen, die Baumnamen und verwandte Dinge schreiben, sind also mit dem Radikal "Baum" versehen - auch solche, die mit Holz und aus diesem gefertigten Gegenständen zusammenhängen. Schriftzeichen, die mit Gemütsregungen oder dem Verstand zu tun haben, werden mit dem Radikal "Herz" geschrieben, und so weiter.

Auch das Schriftzeichen für "Bambus", chu, ist ein solcher Radikal. Alle möglichen Bezeichnungen für Körbe, beispielsweise, sind mit ihm versehen. Sie wurden weitgehend aus Bambus geflochten. Warum aber wird das Schriftzeichen für "lachen, Gelächter", ebenfalls mit dem Radikal Bambus als Sinnandeuter geschrieben? Eine alte - und zugleich liebenswürdige, wenngleich nicht wissenschaftliche - Erklärung besagt: "Wenn der Bambus dem Wind begegnet, krümmt er sich, wie ein Mensch sich beim Lachen krümmt." Mit Gelächter wurde also im Altertum der Bambus assoziiert.

In der frühen Symbolik ging es sonst vor allem um die Abschnitte des Bambus, die chieh genannt wurden. Aufgrund lautlicher Entsprechungen wurde dieses chieh mit einem Wort der Bedeutung "Lauterkeit, Standhaftigkeit, Mäßigung" verbunden und dann mit dem gleichen Schriftzeichen geschrieben. Symbol für diese Tugenden wurde bald der Bambus. Die Bambusblätter scheinen für die frühe Symbolik noch nicht interessant gewesen zu sein.

Bambus; hanzeitl. Darstellung Die Abbildung zeigt die früheste bildhafte Darstellung eines Bambus. In der Zeit der Späteren/Östlichen Han (26-220) wurde sie in Stein geschnitten. Viele Jahrhunderte später wurde von diesem Stein eine Abreibung genommen, die dann in einen Holzschnitt übertragen und gedruckt wurde. Die Steintafel ist anscheinend verschollen.

Die Schriftzeichen auf dieser Steintafel geben keine genauere Auskunft darüber, welche Bewandtnis es dereinst mit dieser Bambusdarstellung hatte. Sie nennen lediglich Namen, Herkunftsorte und Amtstitel: kleine Beamte, die im Gebiet der heutigen Provinz Shantung lebten. Wahrscheinlich waren sie die Stifter eines größeren Objekts, vielleicht eines Gedenkschreins für eine hochrangige und in der Öffentlichkeit beliebte Persönlichkeit. - Auf dieser Tafel sind auch die Bambusblätter zu sehen.

Schon im klassischen "Buch der Lieder" begegnen die Bambusblätter. Dessen 300 Texte entstanden zwischen dem 11. und dem 6. Jahrhundert v. Chr. In einem solchen heißt es, in der mehr als hundert Jahre alten Übersetzung des Victor von Strauß: "Schau, wie am Ufersaum des Khi/ Die grünen Bambus reich gedeihn!/ Welch edlen Fürsten haben wir!/ Sein Ohrgehäng ist Edelstein."

Einem Fürsten, genauer: einem Fürstensohn (chün-tzu) soll dieses Lied gegolten haben, wie die konfuzianische Interpretation wollte, und chün-tzu, "Fürstensohn/Edler", wurde bald auch der Bambus geheißen. Das Lied klingt allerdings eher wie ein Liebeslied. Dann wäre der chün-tzu im Lied weder ein edler Fürst noch ein konfuzianisch-moralisch Edler, sondern der Ausdruck hörte sich an wie ein zärtlich-kosendes "mein Prinzchen". - Viel mehr Bedeutungen sollten später dem Bambus verbunden werden.
 
 
 
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Fort Zeelandia
 
  Am 26. August 1624 landete die "Zeelandia" unter Kapitän Marten Sonk an Taiwans Küste. Sonk hatte mit dem chinesischen Reich auf dem Festland Handelsbeziehungen aufnehmen wollen, wurde aber abgewiesen. Danach setzte er sich einige Monate lang auf den Penghu-Inseln, damals Pescadores geheißen, fest. Von dort vertrieb ihn eine übermächtige chinesische Flotte.

Zeelandia

Marten Sonk sollte der erste Gouverneur der "Vereenigde Oost-Indische Compagnie" auf Formosa werden, welchen Namen die Insel von portugiesischen Seefahrern erhalten hatte: "die Wunderbare". Knapp vierzig Jahre blieben die Holländer auf der Insel, und noch elf Gouverneure folgten Sonk.

Unweit des heutigen Tainan, nahe der Stadt Anping, begann Sonk sogleich mit dem Bau einer Befestigungsanlage. Sie entstand auf einer kleinen, der Küste vorgelagerten Insel an einer Stelle, wo eine geschützte Bucht einen idealen Hafen abgab. Das Fort erhielt den Namen des Schiffes, das die ersten Holländer nach Taiwan gebracht hatte.

Das Fort wuchs schnell. Die Residenz des Gouverneurs, eine Kirche, ein Gefängnis und Warenhäuser entstanden. Nördlich des Forts befanden sich Wohn- und Marktanlagen für holländische und chinesische Kaufleute. An anderer Stelle entstand eine umwallte Anlage für Warenlager und Amtsstellen, welche den Namen Utrecht erhielt. Vor allem aber wurde der Zugang zum Hafen durch die Versenkung von mit Steinen beladenen alten Kähnen gesichert und zugleich verengt. Jedes Schiff, das anlanden wollte, befand sich in Feuerweite der Gouverneurskanonen.

Sehr bald holten die Holländer christliche Missionare ins Land. Diese sollten die eingeborene Bevölkerung zum Christentum bekehren, mit wechselndem Erfolg, denn es kam auch zu antiholländischen Aufständen. Insgesamt gelang den holländischen Gouverneuren jedoch, eine Art politischer Ordnung unter den noch in steinzeitlichen Verhältnissen lebenden Stämmen herzustellen.

Die Holländer-Zeit ist eine spannende Phase in der Geschichte Taiwans. Damals interessierten sich auch die Japaner und die Spanier für diese in den Monsunwinden günstig gelegene Insel, die für die Handelsschiffahrt eine ideale Zwischenstation bildete. Das Kaiserreich auf dem Festland interessierte sich überhaupt nicht für Taiwan. Damals wußten wohl nur See- und Kaufleute, wo es lag, die hauptstädtischen Beamten verwechselten es öfter mit kleineren Inseln, wie den Liu-ch'iu.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 14
Die Auen der Familie Yüan
 
  Wenn im älteren China ein hauptstädtischer Beamter in ein Provinzamt versetzt wurde, galt das oft als Strafmaßnahme, als Verbannung. Das war auch bei Liu Tsung-yüan (773-819), diesem aufstrebenden Literatenbeamten, so, als er 806 nach Yung-chou, fern im Süden, in das Gebiet der heutigen Provinz Hunan versetzt wurde. Er war in Thronfolgeauseinandersetzungen geraten.

Andere überfiel angesichts der Hauptstadtferne und ungeachtet der herrlichen Landschaften des Südens und der heiteren Lebensbedingungen dort ein namenloses Elend. Nicht so Liu, der sich aufmachte, die Schönheiten des Südens zu entdecken. Sein Yung-chou pa-chi, "Acht Aufzeichnungen über Yung-chou", berichtet von solchen Entdeckungen. Diese kurzen Texte waren nicht ohne Vorläufer, doch sie erst begründeten die Prosagattung der yu-chi, der "Reisenotizen", welchen Begriff schon Liu benutzte.

Einer dieser acht Texte ist Yüan-chia ho chi, "Aufzeichnung über die Auen der Familie Yüan", überschrieben, ungefähr 250 Schriftzeichen. Die Bedeutung des Wortes ho, hier: "Auen", ist nicht ganz klar. Liu nennt es ein Dialektwort des Südens. Gemeint ist damit offenbar ein sich stark verzweigendes flaches, weites Flußbett mit gegenläufigen Strömungen, wie das in Chinas Süden oft anzutreffen ist. Eine vergleichbare Szenerie zeigt auch das abgebildete Gemälde von Lu Tai-yu (um 1660).

Liu Tsung-yüan beginnt seine Notizen gewöhnlich mit einer ungefähren Lagebestimmung: "Wenn man vom Flusse Jan aus in südwestlicher Richtung zu Wasser zehn Meilen reist, kommt man an fünf ansehnlichen Stätten vorüber ()." Er verengt diese Lokalisierung weiter: "Wenn man von der Klippe 'Morgenlicht' in südöstlicher Richtung zu Wasser zum Flusse Wu fährt, sind es drei Ansehnlichkeiten, von denen die Auen der Familie Yüan die vortrefflichste ist."

Gemälde von Lu Tai-yu (um 1660)

Dergestalt an seinem Ziel angelangt, beschreibt Liu die Szenerie zunächst unaufwendig: "Es ist, als sei das Boot an ein Ende gelangt, doch plötzlich öffnen sich wieder Unendlichkeiten. Kleine Berge, die aus schönen Felsen bestehen und auf denen grünes Buschwerk wächst, das in Winter und Sommer üppig prangt, ragen aus den Wassern. An den Seiten öffnen sich zahlreiche Felsengrotten ()." Dann zählt Liu die Arten der Bäume auf, die dort wachsen, spricht auch ein Rankengewächs mit dem erquicklichen Namen ho-huan, "Gemeinsame Freuden", an. Das klingt alles noch sehr nüchtern.

Dann aber: "Jedesmal, wenn die Winde von den Bergen der Umgebung herniederkommen, die großen Bäume rütteln und schütteln, und die Kräuter in ihrer Fülle sich untereinander verbergen, ihr Rot sich verwebt und ihr Grün aufschreckt." - Von den Düften spricht er, und das heutige "rot" (hung) bezeichnete damals eigentlich "rosa", das "aufschreckende Grün" meinte wohl die im Winde wieder jäh aufragenden Blütenstengel. An solchen Stellen verschwimmen in seinen Aufzeichnungen die syntaktischen Bezüge - zu einer impressionistischen Malerei von Sinneseindrücken. "Wunderbar", rühmte Su Tung-p'o (1036-1101) diese Wendung mit dem sich verwebenden Rosa und dem jähen Grün, die auch in ihrer Lautgestalt kunstvoll ist.

Ganz trocken beendet Liu Tsung-yüan seine Notiz: "Die Leute von Yung (-chou) fahren nie nach dort. Mir gelang das, und ich erlaube mir nicht, das für mich zu behalten, sondern überliefere es der Welt." Er hat die Landschaft dort entdeckt und eine angemessene literarische Form zu ihrer Beschreibung gefunden - und ohne seine "Acht Aufzeichnungen" hätte die chinesische Landschaftsmalerei wohl nicht ihre charakteristischen Sichtweiten ausgebildet.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 15
Lange Freuden
 
  Unbekannt ist, woher der Bildziegel, den die Abbildung wiedergibt, stammt. Unzweifelhaft dürfte sein, daß das Original in der Han-Zeit geschaffen wurde. Aus den 400 Jahren dieser Dynastie sind inzwischen einige tausend bildhafter Darstellungen bekannt, überwiegend aus Gräbern. Eine vergleichbare findet sich nicht unter ihnen, doch ansonsten ist das Dargestellte wohlvertraut.

Bildziegel Die Symboltiere der vier Himmelsrichtungen sind wiedergegeben: rechts der Tiger für den Westen, links der Drachen für den Osten, oben der Rote Vogel, der für den Süden steht, manchmal wie ein Phönix, hier aber etwas gerupft erscheint. Unten befindet sich Hsüan-wu, der "Dunkle Krieger", der den Norden repräsentiert. Üblicherweise wird er als Schildkröte dargestellt, um die sich eine Schlange windet. Die Darstellung ist gesüdet, und im Alten China hieß auch der Kompaß chih-nan, "Südweiser".

Die Welt stellt dieses Bild in nuce dar. - Darstellungen dieser vier Symboltiere für die Himmelsrichtungen bargen die Archäologen aus vielen Gräbern dieser Zeit - in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Techniken wiedergegeben. Gemeinhin werden solche Grabdarstellungen mit der Jenseitsreise der Totenseele in Verbindung gebracht. Das dürfte richtig sein, wenngleich die Bildprogramme dieser hanzeitlichen Bildsteine und -ziegel von einer Entschlüsselung noch weit entfernt sind.

Die Beischriften zu diesen vier Himmelsrichtungssymbolen erleichtern deren Deutung nicht gerade! Sie bedeuten: ch'ien-ch'iu wan-sui ch'ang-lo wei-yang, "tausend Herbste, zehntausend Jahre - die lange Freude endet nie." - Eine, von mehreren Jenseitsvorstellungen in der Han-Zeit besagt, daß dieses Jenseits das genaue Gegenbild zur diesseitigen Welt sei. Und die Toten wurden dann so ausgestattet, daß sie sich vor dem Jenseits gemäß ihrem irdischen Status ausweisen konnten, um dort eine vergleichbare Stellung zu erhalten.

Die Han-Zeit war eine Zeit, die - ungeachtet all ihrer Schrecknisse und Verstiegenheiten - von einer ungeheuren Festfreude erfüllt scheint, zumindest bei der aristokratischen Oberschicht. Da wäre naheliegend, die Fortsetzung solcher Freuden im Jenseits zu wünschen: tausend Herbste und zehntausend Jahre, bis in alle Ewigkeit.

Gar so einfach lassen sich diese Beischriften allerdings nicht verstehen. "Tausend Herbste" hieß schon damals eine Glückwunschadresse für die Kaiserin, "zehntausend Jahre" eine ebensolche für den Kaiser. Möglicherweise spielen die Beischriften auf diese an. Hinzukommt: "Niemals endend" und "Lange Freude" waren seit Beginn dieser Herscherdynastie Han die Namen zweier ihrer Paläste, die - in gewaltigen Dimensionen - auch noch parallel zueinander lagen. Der "Palast zur Langen Freude" wurde später der Sitz der Kaiserinwitwe.

Auch diese beiden Formulierungen der Acht-Zeichen-Beischrift weisen also auf die Kaiserlichkeiten hin. Vielleicht sollen die Bilder der Himmelsrichtungs-Symbole und die Beischriften auf die ordnende Kraft von Kaiserin und Kaiser verweisen, im Kosmos und in der irdischen Welt. Keineswegs darf diese Beischrift einfach beim Wortsinn genommen werden. Auch die Han-Kunst liebte bereits die Verschlüsselungen.

Ein "Palast zur Langen Freude" für die Kaiserinwitwe? Klingt das, eingedenk ihres keuschen Witwentums, etwa nicht spöttisch-ironisch? Wer weiß! Vielleicht fanden diese oft noch jungen Frauen Wege, auch weiterhin die Freuden des Diesseits zu genießen. Manche von ihnen haben anstelle ihrer unmündigen oder schwachen Söhne regiert, tatkräftig und auch rabiat. Auch dabei mögen sie Freuden empfunden haben.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 16
Bescheidener Winterfreund
 
  Wenn kleine chinesische Mädchen miteinander spielten, noch vor zwanzig Jahren, dann suchten sie sich Blumennamen, die zu ihnen paßten. Eine, im Dezember geboren und zart von Gestalt, nannte sich dann "Wasserfee", Narzisse. Wahrscheinlich kam nie eines dieser Mädchen auf die Idee, sich dermaßen mit dem Chinakohl zu identifizieren, obwohl auch dessen Blätter zart - an Gestalt und nach Geschmack - sind und er das klassische Wintergemüse bildet.

Er sei ein "gewöhnliches Gemüse", qualifiziert schon T'ao Hung-ching (456-526) den Chinakohl (Brassica chinensis) oder den verwandten Pekingkohl (Brassica pekinensis) ab. Ein anderer Kenner entgegnet hingegen auf die Frage, welches das vortrefflichste Gemüse sei, im Frühling sei das der Lauch, am Ende des Herbstes der Kohl.

Chinakohl Tatsächlich weist dieser Kreuzblütler Chinakohl beträchtliche Vorzüge auf: Hundert Gramm enthalten nur wenige Kalorien, aber gut 140 mg Kalium, 40 mg Calcium, 30 mg Phosphor, unverzichtbare Mineralstoffe, und viel von dem hochgepriesenen Vitamin C dazu. Viel milder als sein hiesiger entfernter Verwandter, der Weißkohl, mundet er, und er läßt sich fast ohne Abfall nutzen. Eine Roulade aus ihm (siehe die Abb.), mit einem Gemisch aus Schweine- und Pilzhack gefüllt, verdient, ganz anders als eine deutsche Kohlroulade, durchaus den schmückenden Beinamen fo-shou, "Von Buddhas Hand". Wahrscheinlich haben Mönche durch die zarten Blätter des Kohls verhüllt, daß sie das Gebot des Fleischverzichts umgingen.

Die Heimat des Chinakohls scheint Chinas Nordosten zu sein, wo auch heute wichtige Anbaugebiete liegen. Darauf deutet auch ein nächster seiner deutschen Namen: Schantungkohl, und Selleriekohl ist ein weiterer. Bekannt ist er Hausfrauen hier seit ungefähr hundert Jahren, doch wohl erst seit zwanzig Jahren wird er hierzulande auch angebaut - in den Vierlanden nahe Hamburg, in Schleswig-Holstein, auch schon in Bayern.

Seltsamerweise läßt sich der Chinakohl in chinesischen Quellen erst verhältnismäßig spät nachweisen, im 5./6. Jahrhundert. Damals war sein Name noch ein anderer als heute: sung. Das Schriftzeichen hierfür ist aus dem Bedeutungsanzeiger "Kraut" und dem Ausspracheanzeiger sung, mit der Bedeutung "Kiefer", zusammengesetzt. Die chinesische Tradition liebt, solche Fügungen zu deuten. So sagt ein altes Wörterbuch: "Der Kohl überwindet seiner Natur nach den Winter und verfällt erst spät. Er ist in allen vier Jahreszeiten zu sehen und verfügt über die Wesensart der Kiefer." Wegen ihrer Widerstandskraft und ihres Immergrüns hieß die Kiefer auch "Freund der kalten Jahreszeit". Durch solche Zeichendeutung wird der Kohl zu ihrem kleinen Bruder.

Heute heißt der Chinakohl chinesisch po-ts'ai, "Weißes Gemüse", oder hsiao po-ts'ai, "Kleines weißes Gemüse", oder ch'ing-ts'ai, "Grünes Gemüse". Eine in Shantung angebaute Unterart trägt den Beinamen huang-ya, "der Gelbsprossige", wie denn schon alte Kräuterbücher mehrere Arten des Chinakohls unterschieden - und einen Sud aus seinen Blättern als Mittel gegen die Nachwirkungen der Trunkenheit empfahlen.

Der Gourmet und Dichter Su Shih (1036-1101) meinte, Chinakohl passe vortrefflich als Beilage zu Lamm und zartem Ferkel, während sein jüngerer Bruder Su Ch'e (1039-1112) im Gedicht einmal seufzte, er sei während einer Reise all des Kohls überdrüssig geworden. Dem Pflanzenliebhaber und Dichter Fan Ch'eng-ta (1126-1193) galt sein Geschmack als honigsüß, allerdings der des im Frühling angebauten. Anscheinend gedieh dieses Gemüse nämlich schon früh das ganze Jahr über, doch mit dem Frühlingskohl verband Lo Yin (833-909) mehr als kulinarische Genüsse: "Die Blätter schwellen, und der Frühlingskohl öffnet sich."

Erstmals nennt anscheinend der landwirtschaftliche Klassiker Ch'i-min yao-shu, "Wichtigste Methoden für das einfache Volk", im 5./6. Jh. den Chinakohl. Er enthält auch ein Kurzrezept für dessen Konservierung mit Salz und Wasser - für das Sauerkraut also. Diese urdeutsche Köstlichkeit soll aus China stammen, denn die Mongolen mochten und konnten während ihrer Eroberungsritte im 13./14. Jahrhundert nicht auf dieses gehaltvolle Nahrungsmittel verzichten. Wahrscheinlich hatten sie sich jedoch in Korea eingedeckt, nicht in China. In Korea wird der Chinakohl nach vielen dutzend Rezepten eingelegt - und, unter der Bezeichnung Kimchi, als Nationalgericht sogar schon zum Frühstück genossen.
 
 
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 ... und was ist der "chinesische Weg"?

Solch ein chinesischer Weg geistert als jüngstes China-Schlagwort durch die Presse. In diesem Falle ist der Ursprung noch einigermaßen deutlich, und deshalb sei er "für alle Zeiten" dokumentiert:

Einige deutsche Großmanager stehen vor Gericht. Sie werden durch die Staatsanwaltschaft bezichtigt, sich nach der Übernahme des Unternehmens Mannesmann durch das britische Vodafone unangemessen und zum Schaden der Mannesmann-Aktionäre bereichert zu haben, millionenschwer. Im Verlauf der Übernahme-Erörterungen sei seitens eines chinesischen Großaktionärs von Mannesmann, der Hutchison Whampoa, vorgeschlagen worden, diesen "chinesischen Weg" zu gehen - das heißt, durch Zahlung einer beträchtlichen Summe seitens dieses Großaktionärs den Mannesmann-Managern die Übernahme durch Vodafone zu erleichtern. Schließlich stand ihnen dann erst einmal die Arbeitslosigkeit vor Augen. - Wer genau von der chinesischen Seite dieses Wort, wohl "in the Chinese way", in den Mund nahm, ist unklar. Mehrere Namen wurden genannt, und vielleicht fiel es auch mehrmals.

Als "Bestechungsversuch" hätten die Mannesmann-Manager das verstanden, so gerichtsnotorisch angedeutet, und standhaft seien sie geblieben. Einige Mißverständnisse spielen hierbei anscheinend mit: Ein chinesischer Milliardär, als Privatmann, will einen Entscheidungsprozeß in seinem Sinne beschleunigen und will sich das einige zehn Millionen kosten lassen. Dagegen wäre nichts einzuwenden - wenn er denn auch bedacht hätte, daß das Mannesmann-Personal nicht "auf Augenhöhe" mit ihm stand! Im Grunde sind auch hochmögende und sich noch großartiger fühlende Manager stets nur "kleine" Angestellte, im Dienst der Eigentümer, der Aktionäre.

In einer aufstrebenden und weitgehend unreglementierten Wirtschaft wie der chinesischen sind solche Vorgänge nicht ungewöhnlich, sondern im Gegenteil förderlich. In der chinesischen Tradition finden sich immer wieder explizite Stellungnahmen für solch eine förderliche "Korruption", und wenn derlei zwischen Privatleuten verabredet wird, ist dagegen wenig einzuwenden. Gegen die Korruption in den Ämtern wird in China seit Jahren mehr oder minder energisch und ebenso erfolgreich vorgegangen. Der "chinesische Weg" meinte in diesem Falle eben auch die Geschäftserleichterung zwischen Privatleuten, was die einbezogenen deutschen Manager allerdings nicht waren.

Sie haben sich dagegen verwahrt: gut so! Sie sollten allerdings in der Öffentlichkeit nicht andeuten, Bestechung sei der "chinesische Weg". Das war ein institutionelles Mißverständnis seitens der chinesischen Seite, und wie gesagt ... die Kulturgeschichte ist eine einzige Geschichte von Mißverständnissen. Was führte eigentlich dazu, daß die deutsche Wirtschaft in allen internationalen Korruptions-Statistiken ganz vorne steht, auch im Hinblick auf Bestechlichkeiten? Vielleicht hatte die chinesische Seite in diesem Falle auch solche Statistiken gelesen.

Die im Falle Mannesmann Angeklagten haben dem "chinesischen Weg" widerstanden. Vielleicht haben sie durch ihre "Abfindungen" nicht den Interessen aller ihrer Dienstherren genügt, der Gesamtheit der Eigentümer, nicht nur eines Großaktionärs. Darüber wird eine engagierte Richterin entscheiden, nachdem die anklagenden Staatsanwälte das Interesse an dem Prozeß bereits verloren zu haben scheinen - und der Berichterstatter wird sich ihr Urteil ansehen: In welcher Weise kommt der "chinesische Weg" darin vor, wenn er denn zur Entscheidungsfindung beitrug?
 
 
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