Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 29
2. März 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Preußische Chinesen

In dem wissenschaftlichen Teilnachlaß von Prof. Fritz Jäger, von 1935 bis 1945 Lehrstuhlinhaber am Seminar für Spreche und Kultur Chinas der Universität Hamburg (» siehe HCN 28) befand sich auch ein Aktendeckel mit dem Aufdruck "Dienstliches". Darin befand sich freilich gar nicht so recht Dienstliches, sondern er enthielt Hinweise auf einige Nebenwege von Jägers wissenschaftlichen Interessen.

In dieser Arbeitsmappe versammelte Fritz Jäger maschinenschriftliche Abschriften von Artikeln in Zeitschriften, die sich in seiner Seminarbibliothek nicht befanden und die er sich über die schon damals existierende Fernausleihe beschafft hatte, nicht ohne Mühe, wie erhaltene Bibliothekszettel belegen. - Mühsam waren damals die Wege, solche Alltäglichkeiten zu bewältigen!

Das Chinesische Teehaus in den Potsdamer Schloßgärten

Unter diesen Abschriften befand sich auch eine aus der Zeitschrift "Der Ostasiatische Lloyd" ( XV. Jg., Nr. 4 (25. Januar 1901), 85/6). Dieser Beitrag trug die Überschrift "Zwei Chinesen am Hofe König Friedrich Wilhelms III." Für die Frühgeschichte der deutschen Chinabeziehungen mag er interessant sein. Deshalb sei er hier wortgetreu wiedergegeben. - Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) saß seit 1797 auf Preußens Königsthron. Da er sich auch darum kümmerte, daß das Chinesische Teehaus in den Potsdamer Schloßgärten in ein besseres Blickfeld kam, sei dieses nebenbei abgebildet. Der genannte Artikel lautet:

"Dass einst zwei Chinesen zur Hofdienerschaft König Friedrich Wilhelms III. gehörten, dürfte wenig bekannt sein. Die Erinnerungen des verstorbenen Geh. Reg.-Rates Dohme vom Ober-Hofmarschallamt enthalten darüber Folgendes:

Dem König war mithgeteilt worden, daß in Berlin in einer Thierbude zwei Chinesen gezeigt würden; es widersprach dies so seinem menschlichen Gefühl und er fand es derart entwürdigend, das er den Besitzer veranlassen ließ, alle Sachen an ihn gegen eine reiche Entschädigung abzutreten, demnächst würden diese Chinesen nach Hause geschickt, um dort drei Jahre in einer Erziehungsanstalt zu bleiben und nach genügendem Unterricht zum christlichen Glauben überzutreten.

Hieran reihte sich dann die Einverleibung dieser Leute in die königliche Hofdienerschaft; der ganze Dienst bestand darin, daß sie bei größeren Hoffesten in einem reichen National-Kostüm Thürdienst versehen mußten und auch zum Präsentierdienst herangezogen wurden.

Der eine dieser Chinesen, Acpeu, war schon in seiner Heimath angeblich ein Schriftgelehrter gewesen und übersetzte denn auch unter Leitung seines Rektors die Bibel in das Chinesische. Nach Potsdam übergesiedelt, zeigte er wenig Ausdauer, er war ein leichtlebiger Mensch, und man erfüllte gern seinen Wunsch, ihn mit einem Schiff der Seehandlung nach seinem Vaterlande zurückzusenden.

Von seinen in Potsdam verbliebenen Kindern trat ein Sohn, ein flotter Bursche, bei den Husaren ein. Der König Friedrich Wilhelm IV., dem es Spaß machte, einen Halbchinesen bei seiner Kavallerie zu haben, ließ über manche Ungehörigkeiten, die der Acpeu begangen hatte, hinwegsehen, aber weiter als bis zum Fähnrich brachte er es trotzdem nicht; er mußte seinen Abschied nehmen.

Eine Tochter des Acpeu heirathete einen Lehrer in einem Vorort Berlins. Da sich ein reicher Kindersegen einstellte, so war bei der geringen Einnahme die Noth oft recht groß, aber mit einem unendlichen Muth und Gottvertrauen suchte die Frau diese schlimmen Zeiten zu überwinden und erfreute sich auch mehrfach königlicher Unterstützungen. Mit der Zeit rückte der Gatte in die Rektorstelle ein, das Gehalt verbesserte sich, die Kinder waren erwachsen. Somit ist dieses vielgeprüfte Ehepaar hoffentlich einem glücklichen Lebensalter entgegen gegangen.

Der zweite Chinese, Ahok, war klein und wohlgenährt, da er keine Nahrungssorgen hatte und immer zufrieden war; er hatte sich am Mühlenweg bei Sansscoussi ein Stückchen Land gekauft, um es zu kultivieren und später ein Haus darauf zu bauen. Letzteres konnte er in Ausführung bringen, da Friedrich Wilhelm IV. ihm die nöthigen Baugelder unter der Bedingung zahlen liess, daß auf der Vorderseite des Hauses in einer halbrunden Nische ein Chinese angebracht würde, lebensgroß mit untergeschlagenen Beinen und in bunter Nationaltracht. So geschah es, und wenn die Potsdamer ein Haus oder einen Garten am Mühlberg bezeichnen wollten, so hieß es nur: "Bei Ahok" oder "rechts von Ahok, links oder geradeüber von Ahok." Die Bezeichnung Mühlenweg war für lange Zeit außer Kurs gesetzt."

Hiermit endet der Artikel aus dem Ostasiatischen Lloyd. Ob diese ersten Chinesen am Preußenhof wohl noch heute Nachkommen haben, die ihre Herkunft kennen, und ob es in Potsdam heute vielleicht gar einen Ahokweg gibt? Mühlenweg klingt doch gar langweilig.
 
 
 
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Submissest, Majestät!
 
  Im Zusammenhang mit China ist Wilhelm II. (1859-1941), bis 1918 Deutscher Kaiser und König von Preußen, vor allem durch zwei Dinge bekannt, eher berüchtigt - durch die "Hunnen-Rede", mit welcher er im Jahre 1900 deutsche Soldaten zur Bekämpfung des Boxer-Aufstandes in China verabschiedete, und durch das Schlagwort von der "Gelben Gefahr", das er proklamierte. Vielleicht hat er es sogar in die Welt gesetzt.

Kaiser Wilhelm II.: Die chinesische Monade Weniger bekannt ist, daß er sich - bereits im Exil, im holländischen Schloß Doorn - noch einmal China zuwandte und darüber sogar publizierte (siehe Abb.). Vielen ist über seine Betätigungen im Exil nur bekannt, daß er rastlos Holz hackte. Vielleicht wollte er sich hierdurch körperlich ertüchtigen, vielleicht hängt das auch damit zusammen, daß er wie alle Hohenzollernprinzen ein Handwerk hatte lernen müssen.

Auf Schloß Doorn gründete er 1932 auch die "Doorner Arbeitsgemeinschaft", die ganz andere Betätigungen zum Ziel hatte. Schon ein Jahr danach schreibt er in der Vorbemerkung zu einer Schrift über "diesen mir bisher fernliegenden Gegenstand": "Das allgemeine Thema, das die D.A.G. für ihre diesjährige Tagung bestimmt hat, lautet: 'Deutung der Symbolik alter Kulturen'. Im Rahmen dieser Aufgabe habe ich als Gegenstand meiner wissenschaftlichen Untersuchungen das Thema gewählt: 'Die chinesische Monade, ihre Geschichte und ihre Deutung.'"

Jenen "bisher fernliegenden Gegenstand", das fernöstliche Yin-Yang/Symbol, hatte er während einer USA-Reise im Vorjahr kennengelernt - bei Lektüre einer Reklameschrift der Northern-Pacific-Eisenbahngesellschaft: "Sie enthält wertvolles wissenschaftliches Material, das meiner sorgfältigen Nachprüfung durchaus standgehalten hat." Wie schon in seinen Jahren auf dem Thron - er entflammte schnell und raffte in seiner Begeisterung zusammen, was ihm als Vergleichmaterial unter die Augen geriet: indianische Stickereien, neolithische Tondekore, christliche Kreuze, natürlich Swastika und Hakenkreuz.

Der pensionierte Kaiser erkennt in dem Yin-Yang/Symbol ein "verkommates Hakenkreuz" und freut sich in seinem Nachwort, sein Auditorium habe nach der Diskussion "einstimmig erklärt, daß Monade und Hakenkreuz sowohl Sonnensymbole wie Symbole für die sich um sich selbst bewegende Sonne, also Bewegungssymbole für die Sonne sind."

Das ist verquast und verquer, doch das Literaturverzeichnis dokumentiert, daß er sich in der einschlägigen sinologischen Literatur jener Zeit umgesehen hat. Auch sonst stehen manche Schriften damals anerkannter Wissenschaftler der seinen an Verblasenheit in nichts nach. Deren Schriften sind heute vergessen, doch die des Kaisers verdient ein wenig ergebenen Respekt. Welcher fast 75jährige kann sich schon über etwas Fernliegendes, zuvor Verabscheutes, dem er in der Eisenbahn zufällig begegnet, dermaßen begeistern, daß er es zu ergründen trachtet, damit dieses Fernliegende "dem strebend bemühten Sinne des hingebend suchenden Forschers seine Gedankenwelt offenbart."

Das ist ein schönes Kaiserwort - wenn nicht noch etwas anderes in den Sinn käme! Wahrscheinlich wollte Wilhelm sich durch diese Schrift, die 1934 erschien, auch bei Adolf Hitler ins rechte Licht setzen: Yin-Yang bloß ein "verkommates" Hakenkreuz! Der dankte ihm das wenig, doch bei Wilhelms Tod ordnete er eine Grablege mit militärischem Gepränge an. Ob diese Wilhelm, jetzt "Wissenschaftler", noch gefreut hätte?
 
 
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