Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 29
2. März 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Wie ein Fach gedeiht: die Koreanistik!

In diesen Zeiten streichen die Universitäten - auf Veranlassung der Politik, durchaus aber auch eigenwillig - überall das Spektrum ihrer Fächer rigoros zusammen. Oft gefährden sie das, was ihr Name im Grunde verlangte - ihre universitas, den Anspruch, die Gesamtheit der Wissenschaften zu beherbergen und eine umfassende Allgemeinbildung zu gewährleisten. Wahrscheinlich ist solcher Anspruch bei vielen in Vergessenheit geraten. Stattdessen bezeichnen sich bemühte kleine und kostenintensive Privatinstitutionen, deren behauptete Großartigkeiten sich erst einmal über wenigstens zwanzig Jahre erweisen sollten, großspurig als "University".

Der Aufbau eines akademischen Faches ist Angelegenheit von Jahrzehnten. - Im Jahre 1962 wurde am Seminar für Sprache und Kultur Chinas der Universität Hamburg mit dem Unterricht der koreanischen Sprache begonnen. Im Jahre 1970 wurde Myongho Oh festangestellter Lektor hierfür. Es brauchte noch einmal über zwanzig Jahre, bevor auch eine Professur für Koreanistik geschaffen werden konnte. Professor Werner Sasse, vorher an der Ruhruniversität Bochum, nimmt sie seit 1992 wahr.

Korea

Dieses ferne Land Korea ist Deutschland in vielfältiger Hinsicht verbunden. Das hat historische Gründe, gewisse politische Parallelitäten nach dem 2. Weltkrieg kamen hinzu, auch die wirtschaftlichen Beziehungen zu der wichtigen Industriemacht Südkorea spielen eine Rolle. Jedenfalls lernten und lernen in den gegenwärtigen beiden koreanischen Staaten tausende, eher zehntausende junger Menschen die deutsche Sprache - und ein nationalstolzes Volk wie das der Koreaner achtet sorgfältig darauf, wie seine Kultur, neben der Wirtschaft, in den Partner- und Freundesländern beachtet wird. Was in den letzten Wochen und Monaten aus der Hamburger Koreanistik bekannt wurde, dürfte sie erfreut haben:

- Am 16. Dezember 2003 wurde Dr. Jung-Hee An nach einem Probevortrag über "Der Einfluß chinesischer Elemente auf das koreanische Kurzgedicht Sijo" habilitiert. Sie hatte ihre Habilitationsschrift zum Thema "Zur Entschlüsselung altkoreanischer Lieder"verfaßt

- Am 4. Februar 2004 wurde Dr. Johannes Reckel nach einem Probevortrag mit Kolloquium zum Thema "Die Einstellung der Koreaner zum Gebrauch der chinesischen Schriftzeichen in Korea" habilitiert. Das Thema der Habilitationsschrift war "Nordostasien am Ende der Mongolenherrschaft. Die Jurcen in den Grenzmarken Koreas bis zum Ende des 14. Jahrhunderts".

Im gleichen Semester hatten auch wieder zwei jüngere Koreanisten ihr Studium mit dem Magisterexamen abgeschlossen und sind problemlos danach auch zu Lohn und Brot gekommen:

- Frau Helene Kang schrieb ihre Examensarbeit über das Thema "Die Darstellung des koreanischen Kasussystems in der Grammatikforschung: 1832 - 1939."

- Anton Scholz führte in seiner Magisterarbeit eine "Untersuchung des Wandels in der Darstellung Mimanas in westlichsprachigen Texten zwischen 1969 und 2002" ebenfalls zu einem vortrefflichen Abschluß.

Ein Universitätsfach braucht seine Zeit, bis es sich entfaltet. Der Ausbau einer halbwegs arbeitsfähigen Fachbibliothek und damit verbundener Medien verschlingt viel Arbeitszeit und Mittel. Noch schwieriger ist, engagierte Studierende zu finden, die ein echtes fachliches Interesse mit einer hohen Studienbelastung verbinden können, um diese zu den notwendigen Examina zu führen. Dabei darf allerdings nicht verkannt werden, daß nicht alle, die sich für das Fach Koreanistik immatrikulieren, das auch im Hinblick auf ein Examen tun. Manche wollen einfach nur grundlegende sprachliche und landeskundliche Kenntnisse erwerben, andere - zumal solche koreanischer Herkunft, die jedoch in Deutschland geboren wurden - streben nach Informationen über ihre angestammte Kultur. - Gegenwärtig trägt auch der Gastprofessor Song Yun-yeop aus Seoul zu solchen Vermittlungen bei.

Die Koreanistik in Tübingen, älter als die in Hamburg, wurde bereits aufgegeben, ebenso die noch traditionsreichere in Berlin. Die Koreanistik in Hamburg erscheint nicht als gefährdet, obwohl auch sie mit Mittelkürzungen zu kämpfen hat. Das dürfte ihren bisherigen koreanischen Sponsoren nicht sehr gefallen, denn wie es bei derlei nun einmal ist - Ausgewogenheiten und gleichwertiger Einsatz spielen eine Rolle. Glanzvoll zeigte sich die Hamburger Koreanistik im vergangenen Semester wieder, doch Sparbedenklichkeiten mischen sich trist in die Freude darüber.

Korea

Ein kleines Fach unter den "kleinen Fächern" der Universitäten ist die Koreanistik, und solchermaßen "klein" sind nicht nur andere Asienwissenschaften. Sie sind Sparvorgaben besonders nachdrücklich ausgesetzt, und am leichtesten lassen sie sich durch die "großen" Fächer einsparen. Dabei haben die meisten Universitäten eine sogenannte "Internationalität" auf ihre Fahnen geschrieben. Gerade diese Fächer sind jedoch ein Muster für Internationalität, wie an der Koreanistik in Hamburg deutlich sichtbar - im Unterschied zu vielen "großen" Fächern.

Den gegenwärtigen Hochschulreformer sind zwei Wörter besonders gelegen: Exzellenz und Cluster, was leicht dazu führt, daß planerische Arbeitsgruppen für eine Konzeption zur Schaffung "internationaler Exzellenz-Cluster" tagen - und dergestalt ihr Amtsgehalt mühsam verdienen.

Sie seien erinnert, wie das in Hamburg heißt, daß die feinen Hamburger Damen sich niemals schwere Goldklunker bzw. -cluster um den Hals legten und legen. Sie bevorzugen die unauffälligeren Ketten aus kleinen Perlen, natürlich die allmählich gewachsenen Naturperlen, die mit einigem Aufwand und unter Gefahren in den Tiefen der Meere entdeckt werden müssen, nicht die billigen Kunstkügelchen und -kuller, die man hier und dort heranzieht. Exzellenz hängt augenscheinlich eher mit Perlen zusammen als mit Klunkern. - Eine Perle wächst langsam heran, viele gleichmäßig geformte Perlen werden dann zu einer Kette aufgefädelt, deren Glanz ein Kenner ohne weiteres erkennt. Gegenwärtige Uni-Reformer haben anscheinend eher die Schmuck-Abteilungen bei Woolworth im Sinn.
 
 
 

 Ein erfolgreiches Studienprogramm

Mit den bescheidenen verfügbaren Mitteln läßt sich ein anspruchsvolles Lehrprogramm in einem Fach wie der Koreanistik kaum gestalten. Deshalb mußte Professor Werner Sasse von Anfang an versuchen, neue Wege zu bahnen - wobei naturgemäß einige Hindernisse zu überwinden waren. Über einen Teilaspekt schreibt Kangsun Lee, seit 2003 Lektor für das Koreanische:

"Im Jahre 1998 wurde zwischen der Uni Hamburg und der Hankuk University of Foreign Studies (HUFS) ein Vertrag über den Austausch in Lehre und Forschung geschlossen. Die HUFS ist im Hinblick auf die Vermittlung von Fremdsprachen eine der führenden Universitäten in Korea. In dieser Vereinbarung verpflichteten sich beide Hochschulen für einen Studentenaustausch. Seit dem SS 1999 gehen jährlich ca. 20 Hamburger Studenten nach Korea, um an der HUFS an einem weiteren Koreanisch-Intensivkurs teilzunehmen. Diese Teilnehmer hatten zuvor einen Koreanisch-Grundkurs im Umfang von 20 Wochenstunden in Hamburg erfolgreich abgeschlossen.

Ein Wintersemester in Hamburg, ein Sommersemester in Seoul! Letzteres beginnt dort Anfang März und dauert bis Ende Juni, und dann bleibt noch Zeit für landeskundliche Erkundungen, bis im Oktober wieder das Wintersemester in Hamburg zu absolvieren ist. - Hierbei handelt es sich um einen europaweit einmaligen zweisemestrigen Intensivkurs für "Koreanische Sprache und Kultur". Derzeit gibt es den fünften "Durchlauf" dieses Programms.

Zunächst erhielten die 20 deutschen Teilnehmer ein Stipendium des DAAD, wenn sie bestimmten Qualifikationen genügten. Diese Unterstützung seitens des DAAD war von 1999 bis 2001 befristet. Seither unterstützt die Partner-Uni HUFS die Hamburger Studenten. Sie erläßt ihnen nicht nur die Kursgebühren in Höhe von 800 EURO - für 20 Wochenstunden, 10 Wochen lang. Auch die Kosten für die Unterkünfte übernimmt die HUFS. Die Reise und den Lebensunterhalt müssen die Hamburger Studenten selbst bestreiten; sonstige Kosten - für Exkursionen, die Teilnahme an Kulturveranstaltungen - finanzieren die Partner.

Bis jetzt flogen ungefähr 90 deutsche Studenten in diesem Programm nach Korea, und aus Korea kommen jährlich 20 Germanistik Studenten nach hier. Sie verbessern in einem Intensivkurs ihr Deutsch und bleiben ein oder zwei Semester in Hamburg.

In einer Zwischenbilanz sind drei Punkte hervorzuheben:

1. Für das Interesse der deutschen Studenten an Korea und an der koreanischen Sprache hat das vom DAAD angebotene Stipendium eine große Rolle gespielt.

2. Das Austauschprogramm hat zu einer Verbesserung für die Koreanistik-Studenten geführt, wodurch das Niveau des nachfolgenden Unterrichts erfreulich angehoben werden konnte. Die Studentenzahlen steigen, an dem Einführungskurs in das Koreanische im WS 2003/2004 nahmen 34 Studenten teil.

3. Das Austauschprogramm ist ein gutes Beispiel für die guten deutsch-koreanischen Beziehungen."

Soweit Kangsun Lee. - Der Berichterstatter muß allerdings auch festhalten, daß ein Sprachkurs mit 34 Teilnehmern didaktische Probleme bietet, wenn nicht für Sprachübungen regelhaft Untergruppen gebildet werden können. Aber, wer weiß? Vielleicht finden sich koreanische Sponsoren, die hierfür Mittel bereitstellen. Ein ganz klein wenig könnte sich der eine oder andere hierzulande vielleicht aber auch schämen - wenn für Studien und Ausbildungen über ein Land mit einer bedeutenden und eigenständigen Kultur, einem wichtigen Faktor in der Weltwirtschaft überdies, keine ausreichenden Mittel bereitstehen - im deutschen Interesse!
 
 
 

 Bedeutende Bücherspende

Die Wirtschaft der VR China boomt bekanntermaßen. Das bedeutet nicht, daß das Land schon reich genannt werden könnte. Überdies sind seine gewaltigen sozialen Probleme unübersehbar, auch die des Umweltschutzes, und deren Lösungen werden noch viele Anstrengungen und Mittel beanspruchen.

Trotzdem wendet das Land beträchtliche Mittel auf, um im Ausland die Kenntnisse der chinesischen Sprache und Kultur zu fördern. Solche Mittel standen auch in vergangenen Jahren zur Verfügung, doch damals dienten sie vordergründig politischen Zwecken. Von neuen Projekten konnte die ChinA bereits öfter profitieren, auch jetzt im Februar 2003. Eine gewaltige Menge von Bücherpaketen traf aus Peking ein: 301 Titel insgesamt, nicht wenige davon vielbändig.

Sprachlehrwerke sind das, Nachschlagewerke, Textsammlungen und Darstellungen zur Literatur und Geschichte, China-Atlanten zu diversen Sachgebieten, aufwendig gestalte Kunst- und Tafelbände - den Titel einer kleinen China-Bibliothek verdienen sie durchaus. Die meisten dieser Werke hätte die ChinA nicht anschaffen können - aus Mangel an Mitteln, weil sie nicht unmittelbar zu ihren Kernsammelgebieten gehören, aus anderen Gründen. Eine hochwillkommene Ergänzung ist diese geschenkte Bibliothek.

Das Geschenk stammt vom Informationsbüro des Staatsrates der VR. Dieser stellt ausgewählten Institutionen im Ausland alljährlich ähnliche Geschenke zur Verfügung. Die Auswahlkriterien liegen einigermaßen im Verborgenen, doch in diesem Falle vermittelte Guoji shudian die Stiftung, und da kommt einem natürlich in den Sinn, daß ChinA-Bibliothekar Dr. Martin Hanke zu diesem Verlag auch sonst ausgezeichnete Beziehungen pflegt.

In Anbetracht des Stifters ist unvermeidlich, daß zu den Hintergründen einer solchen Sammlung nicht nur allgemeine kulturpolitische Bestrebungen zählen, sondern auch spezifische politische. So fallen in ihr mehrere Titel zu Tibet auf, doch sie dienen vor allem einer Bestandaufnahme traditioneller tibetischer Kultur. Und der erste dieser 301 Titel hat deutlich programmatischen Charakter: Er entstand anläßlich der hundertjährigen Wiederkehr der Neuentdeckung der Grottenklöster von Tunhuang an der alten Seidenstraße. Was immer man sich dabei gedacht hat, kulturelle und politische Engstirnigkeit läßt sich mit dem Namen Tunhuang nicht verbinden.

Manchmal sieht der hiesige Betrachter beschämt, mit welchem Engagement und Aufwand diese fernöstlichen Länder versuchen, Kenntnisse über sich und ihre Traditionen im Ausland zu verbreiten. Hierzulande sind viele von den Universitätsfächern, die für solche Vermittlung von Kenntnissen zuständig sind, durch die obwaltenden Sparmaßnahmen in ihrem Bestand gefährdet. Vieles von der Kultur der Welt wird in Deutschland dann keine Bleibe mehr haben, von einigen aufgeblasenen Aktualitäten oder Bizarrheiten abgesehen.

Herder, Goethe und die Humboldts träumten, neben vielen anderen, im kleinstaatlichen Deutschland von einer Weltkultur. Sie hatten Politiker, in diesen Fällen Fürsten, die sie förderten. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts träumen auch ostasiatische Intellektuelle von einer Weltkultur, zu welcher ihre Traditionen und Aktualitäten beitragen sollten. Dort gibt es, ersichtlich, auch heute Politiker, die sich für ihre Ziele verwenden. Derlei Weitsicht schwindet hier immer stärker.

Noch über eine weitere Spende aus China ließe sich hier berichten. Sie traf ebenfalls vor einigen Tagen (Diese Folge der HCN entsteht am Wochenende des 21./22. Februar.) in der ChinA ein: 1 ½ Tonnen schwer! Sie ist noch bedeutender als die staatliche, stammt aber von einer eher privaten Institution. Sie setzt abermals ein Zeichen, doch darüber wird später zu berichten sein!
 
 
 

 Ein neuer sinologischer Doktor

Am 30. Januar 2004 brachte Alexander Saechtig aus Celle die Disputation in seinem Promotionsverfahren hinter sich. Das Thema seiner Dissertation "Schreiben als Therapie: Die Selbstheilungsversuche des Yu Dafu nach dem Vorbild japanischer shisosetse-Autoren" galt dem Frühwerk eines der bekanntesten chinesischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Titel der Arbeit weist auf einige der aufgestellten Thesen hin, und bei derlei liegen kontroverse Ansichten nahe. Saechtig stellte sich den Fragen der sinologischen Fachvertreter und Kennern der chinesischen Literatur des 20. Jahrhunderts eloquent und kenntnisreich.

Weishenme ba Ba Jin de wenxue zuopin jieshao gei Deguo duzhe Im November 2003 hatte die chinesischsprachige » Wenhui Book Review dem ebenfalls bedeutenden Schriftsteller Ba Jin (* 1904) eine ganze Ausgabe gewidmet. In ihr findet sich auch ein großer Beitrag von Saechtig über die Rezeption Ba Jins in Deutschland (siehe Abb.). Er bringt demnächst einen Band mit Übersetzungen aus dessen Werk heraus.

Yu Dafu (1896-1945) hatte zumindest in seinen Anfängen das unverblümte Schreiben über die Landschaften seiner Seele auch als Genesungshilfe eingedenk der damit verbundenen Gefährdungen verstanden. Auch bei der Vorbereitung und Niederschrift einer Doktorarbeit sind oft Monate unvermeidlich, in welchen der jeweilige Nachwuchswissenschaftler meint, er sei irgendeiner Therapie bedürftig. Offenbar suchte Saechtig dann bei Ba Jin, beinahe einem Gegenpol zu Yu Dafu, eine Ausflucht: bedacht und gewitzt, und so entstanden eben gleichzeitig zwei Bücher.
 
 
 
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