Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 29
2. März 2004
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 China im Wahlkampf

An diesen Wahlgang wird kaum ein Hamburger gerne zurückdenken - zumindest kein Wähler. Das "Ringen um seine Gunst", wie derlei manchmal genannt wird, begannen SPD und Grüne mit Stelltafeln an den großen Autostraßen: sämtlich etwas perfide in der Aussage. Beide warben mit dem Slogan "Hamburg kann es besser" - und sie genierten sich nicht weiter, als sie darauf hingewiesen wurden, daß die CDU 1999 schon damit geworben hatte.

Während der nächsten Etappe wurden die Kandidaten, auch die eine oder andere Kandidatin, ausgestellt. Thomas Mirow von der SPD sah aus wie ein Musterschüler, der sich in seinem Konfirmationsanzug inzwischen einigermaßen unwohl fühlt. Ole von Beust war hingegen stets Weltmann und akkurat gescheitelt, und seine Augen blickten die Autofahrer etwas plüschig an. Seine Partei hatte für den Wahlkampf sinnträchtig ein "Café Olé" eingerichtet, und handelte sich prompt eines Klage des Betreibers eines richtigen Cafés dieses Namens ein.

Die meisten dieser plakatierten Politiker-Antlitze hat ohnehin niemand wahrgenommen, denn auch die zugehörigen Namen blieben unbekannt. Mit programmatischen Aussagen ließen sie sich, aber auch die der beiden Hauptkonkurrenten, nicht verbinden, denn an solchen fehlte es bei allen - einmal davon abgesehen, daß candidatus Mirow für 18.000 KITA-Plätze "bürgte". Hat er genug privates Geld dafür?

wahlkampf

Die Grünen hielten sich meist hoffnungsschwanger im Hintergrund, denn die Umfragen verhießen ihnen stattliche Stimmzuwächse. Die FDP hingegen drängelte. In der Schlußphase des Wahlkampfs stellte sie riesige Plakate auf (siehe Abbildung): "FDP statt Rot-Grün"! Will sie diesmal gar über deren gemeinsame 40 Prozent kommen, nicht bloß über schlappe 18, wie von Westerwelle verheißen? Erst das Nachsinnen lehrt, daß sich dieses Schrott-Fahrrad von Rathauspartei nur an den zugkräftigeren Ole von Beust anlehnen will.

Am Ende warben die Meisten nur noch mit großen, fast leeren Postern - was vortrefflich zu der fehlenden Programmatik paßte. Einige verbale Perfidien kamen wieder hinzu, seitens der SPD. Mirow vermarktete die seinen mit unschuldigem Augenaufschlag: nicht so gemeint, doch der Noch-Partei-Chef Olaf Scholz stand zu seinen. In Berlin gefeuert, braucht er wieder die Hamburger Bühne.

Natürlich war für China in diesem Wahlkampf kein Platz. Die SPD-Bürgermeister haben die Beziehungen nach dort gepflegt, und Ole von Beust übertraf sie darin noch. Die Grünen interessieren an China ohnehin vor allem die Menschenrechte, ein bißchen auch der Umweltschutz; die FDP in Hamburg interessiert sich in erster Linie für sich selbst. Da bleibt keine Zeit für so ferne Dinge. Einmal allerdings kam China aber doch im Wahlkampf vor: Bürgermeister von Beust kündigte in einem Rundfunk-Statement den weiteren Ausbau der Beziehungen an, neben dem der Beziehungen zum Ostseeraum.
 
 
 

 China im Rathaus

Alljährlich gedenkt die Hamburger Bürgerschaft, das Parlament der Freien und Hansestadt, in einer öffentlichen Veranstaltung der Nazi-Opfer in Hamburg, vor allem in den KZs, die im Hamburger Umland angelegt worden waren. In diesem Jahr waren die chinesischen an der Reihe. Für Dienstag, den 27. Januar 2004, 18 Uhr hatte Bürgerschaftspräsidentin Dr. Dorothea Stapelfeldt in den Großen Rathaussaal geladen. Die Veranstaltung stand unter dem Titel "Dokumentarstück "Morgen und Abend der Chinesen. Über das Schicksal der chinesischen Kolonie in Hamburg in den Jahren 1933-1944", gestaltet von dem Hamburger Autor und Lichtkünstler Michael Batz.

Das "Stück" holte weiter aus, bis in die Anfänge von Hamburgs "Chinatown", in der düsteren Schmuckstraße, um 1890: pittoresk und ein wenig opiumverseucht, wie alte Polizeiakten lehren, auch mit einigen plötzlichen Toten. Unter den Nazis lebten die Chinesen hier zunächst unbehelligt. Das änderte sich auch nicht, als China 1941 Deutschland den Krieg erklärt hatte. Die Republik China hatte lange damit gezögert: Deutschland war ein enger Verbündeter Japans, das seinerseits schon seit 1937 China mit grauenhaften Kriegswütereien heimgesucht hatte. Danach begannen die Hamburger Chinesen, sich von hier abzusetzen. Am 13. Mai 1944 wurden die verbliebenen 165 in einer sogenannten "Chinesenaktion" interniert, 17 starben bis zum Ende des Krieges; die meisten Überlebenden machten sich nach Kriegsende davon.

Lin Xiuyong, Dorothee Stapelfeldt, Uwe Friedrichsen, Michael Batz und Igor Zeller Das sind allgemein bekannte Dinge, und Michael Batz hatte dem wenig hinzuzufügen. Auch war das "Stück" nicht ein solches, sondern ein Vortrag, den der Schauspieler Uwe Friedrichsen und der liebenswürdige chinesische Student Xiuyong Lin abwechselnd lasen. Igor Zeller spielte zwischendurch auf dem Klavier und Mona Li auf dem alten chinesischen Literateninstrument Ch'in - und das war schon ein wenig schräg! Kein Chinese in der Schmuckstraße hätte sich die Ch'in-Weisen je angehört. Wenn einige von ihnen sich für Musik interessierten, dann war es die der Ballhäuser, die in den 1920er, 1930er Jahren auf St. Pauli florierten - wilde Schwoofbuden. Auch sonst floß in diesen Abend hier und da China-Kitsch ein. - Die Abbildung gibt ein "Abendblatt"-Foto vom 28. Januar 2004 wieder. Es zeigt die Mitwirkenden des Abends mit Bürgerschaftspräsidentin Stapelfeldt bei einem Besuch der einstigen "Chinatown".

Schräg war auch einiges in einem "Abendblatt"-Bericht von Matthias Schmoock über diese Veranstaltung, am nächsten Tag. So schreibt er: "(...) am 1. Oktober 1929 - dem chinesischen Nationalfeiertag - wurde sogar der Chinesische Verein e.V. gegründet." Damals feierte die Republik China auf dem Festland und heute auf Taiwan ihren Nationalfeiertag am 10. Oktober, alljährlich auch in Hamburg. Erst die 1949 proklamierte Volksrepublik China legte ihren Feiertag auf den 1. Oktober, und der Chinesische Verein stand dieser früher wie heute nicht sonderlich nahe. Das Datum der Vereinsgründung muß also andere Beweggründe haben - und, nebenbei bemerkt, gegründet wurde er in einem Ballhaus, nämlich dem Cheong Shing, "Lange Mauer".

Der Große Rathaussaal war bei weitem nicht vollbesetzt. Offenbar verhinderte der gegenwärtige Wahlkampf eine angemessene Vorbereitung. Immerhin, der Abend und die Berichterstattung darüber sollten manchen nachdenklich gestimmt haben: Wie gehen manche Hamburger Behörden und manche Hamburger Bürger mit unseren chinesischen und anderen ausländischen Gästen und Mitbürgern um! Vielleicht gelingt der neuen Bürgerschaft ja ein Konzept für eine ähnliche Veranstaltungsfolge über die Gegenwart unserer heutigen ausländischen Mitbürger. Information und Aufklärung über Gegenwärtiges sind allemal wichtiger als zelebriertes Gedenken.
 
 
 

 China in Harburg

Ein Hamburger fährt nicht ohne guten Grund nach Harburg. Diese "kleine Schwester" war schon zuletzt öfter durch China-Aktivitäten der ortsansässigen Wirtschaft aufgefallen (wie auch der abgebildete Abendblatt-Artikel vom 4. Juni 2003 zeigt), und für den 17. Februar, frühabends, hatte Jochen Winand, Vorstandsvorsitzender des "Wirtschaftsvereins für den Hamburger Süden" zu einem "China Forum Süderelbe" eingeladen.

Staatsrat Reinhard Stuth von der Senatskanzlei hielt den ersten von vier Kurzvorträgen: "Hamburgs neue Chinaoffensive - Chance für den Hamburger Süden". Er plauderte, sozusagen, aus dem Nähkästchen, denn am gleichen Tag hatte die Chinarunde der Hamburger Senatssyndici getagt, wie vierteljährlich. Vieles von seinem Bericht lohnte die Weitergabe - zum Beispiel, daß das ankündigte China-Zentrum Hamburgs keineswegs in der Hafen City angesiedelt sein muß. Mehrere diesbezügliche Gutachten stehen noch aus, und auch ein Standort in Harburg sei vorstellbar. Außerdem mahnte er die Technische Uni Hamburg, sich um mehr chinesische Studenten zu bemühen. - Wahrscheinlich wußte er nicht, daß Hamburgs Studentenwohnheime schon vor zwei Jahren eine Art Aufnahmestopp für Chinesen eingeführt hatten.

China-Handelszentrum; aus Hamburger Abendblatt 4.6.2003

Meinhard Liebing, Vorstandsvorsitzender des in Harburg unübersehbaren Milliarden-Unternehmens Phönix AG berichtete über dessen Chinaengagement, das 1978 begann. Dort operiert vor allem der Unternehmenszweig, der Förderbänder produziert - von riesigen für Bergwerke bis zu solchen an den Kassen bei ALDI. Nach einigen Fehlentscheidungen schreibt das Joint Venture in China jetzt "gute" schwarze Zahlen und expandiert. Seine Anregungen und Warnungen waren die allseits zu hörenden, aber lange nicht jeder interessierte Unternehmer hat bisher auch hingehört. Die anwesenden, sicher mehr als 120, taten das und spendeten kräftig Beifall, weil Liebing anschaulich und unprätentiös erzählte.

Nach solchen Darstellungen des "outgoing", wie das hier hieß, war das "incoming" an der Reihe: Dr. Dietmar Düdden von der Hamburger Behörde für Wirtschaftsförderung berichtete über "Chinesische Firmen in Hamburg". 400 dürften das demnächst sein, und insofern ist das eine - oft genug dargestellte - Erfolgsgeschichte. Er verschwieg aber nicht, daß beinahe 80 Prozent von ihnen Wohnzimmerfirmen sind, mit ein bis drei Beschäftigten. Die sind vor allem in Wandsbek ansässig, wo Wohn/Büroraum billig ist. Für sie ist ein China-Zentrum bestimmt nicht interessant, weil zu teuer - weder am Hafen noch in Harburg. Er wies auch auf einen anderen Grund hin: Sie lassen sich nicht gerne in die Geschäfte blicken, schon gar nicht von Nachbarchinesen.

Mathias Keßler aus Düsseldorf - "China in Deutschland - Anforderungen an den Standort" - blickte respektvoll auf Hamburg, doch er zeigte, daß auch Düsseldorf ein großer Chinastandort werden will, nachdem es schon Hamburgs Japaner abgeworben hatte. Sogar das kleine rheinische Neuss strebt danach, von größeren Kalibern zu schweigen. - Dazu paßt vortrefflich, daß der Studiengang für die Wirtschaft Ostasiens an der Universität Düsseldorf demnächst eingestellt wird.

Das Publikum war interessiert und aufgeschlossen, und die Vorträge kamen erfreulich genau zur Sache. Wahrscheinlich wird man demnächst öfter wegen China nach Harburg und darüber hinaus fahren müssen. Der einladende Wirtschaftsverein wirkt nämlich, bundesländerübergreifend, auch in den angrenzenden Regionen, von Stade bis Lüneburg. Zu seinen Konzeptionen scheint noch manch andere Innovation zu gehören. Dieses "China Forum Süderelbe" war jedenfalls gelungen, selbst wenn die Infrastruktur des Café Madrid in der Harburger Schloßstraße als Ort der Veranstaltung nicht allen Erwartungen genügte. Dafür herrschte dann eine eher beiläufige Club-Atmosphäre, ohne alle Wichtigtuerei.
 
 
 

 China im Auditorium Maximum

Das war ein schmuddeliger Hamburg-Tag, für dessen Abend die in Hamburg ansässige Vereinigung der Chinesischen Kaufleute in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Chinesischen Verein für 19 Uhr in das Audimax der Universität Hamburg eingeladen hatte. Die Einladung erfolgte anläßlich des chinesischen Neujahrsfestes, das zugleich auch das Frühlingsfest heißt. Es war der 10. Februar.

Ungefähr 90 Prozent der Plätze waren besetzt. Nicht wenige der chinesischen Mitbürger in Hamburg hatten ihre Kinder, wie bei solchen Gelegenheiten erfreulicherweise Brauch, mitgebracht. Auch zahlreiche deutsche Freunde hatten dem Regen getrotzt. Staatsrat Studt von der Senatskanzlei sprach zur Eröffnung, auch Generalkonsul Ma Jinsheng. Das deutet an, daß ein geselliges Ereignis noch andere Dimensionen hat.

Chinesischer Kulturabend im Audimax Das Ensemble von Sängerinnen und Sängern aus Shenzhen, liebenswürdigen Tänzerinnen zumal, das die Veranstalter für die Darbietungen ausgewählt hatten, mochte die eine Zuschauerin oder den anderen Zuschauer etwas eigenartig angerührt haben. Farben, Gestik, Pathos und mancherlei sonst erinnerten an Schulungen von vor 40 Jahren, obwohl die Akteure weit jünger waren - aber derlei sollte ein Gast respektieren.

Gegangen ist der Berichterstatter nach einer halben Stunde aus einem anderen Grund: Die Lautsprecher waren "überdreht", was jeden Liedvortrag und jedes Tanzspiel beinahe unerträglich machte. Eine Auskunft ergab, daß die zuständigen Instanzen der Uni Hamburg den Wunsch der Veranstalter abgelehnt hatten, eine Regulierung der Lautsprecher vornehmen zu dürfen - mit der Begründung, dann müsse ja bei der nächsten Vorlesung oder Veranstaltung eine Neuregulierung erfolgen!

Die Uni Hamburg will durch Raumvermietungen an Externe ihre Einkünfte aufbessern und stellt sich in ihren Leitbildern mit ihren "Servicekompetenzen" dar. Zur Programmatik der Hamburger Stadtregierung gehört, wie erklärt und dokumentiert, den Chinabeziehungen besonderes Augenmerk widmen zu wollen. Eine solche Lautsprecher-Faulheit der Zuständigen bzw. nur die fehlende Bereitwilligkeit, einer Regulierung von chinesischer Hand zuzustimmen, steht nicht nur jeder Idee von "Service" entgegen. Auch an Gastfreundschaft ließe sich in diesem Zusammenhang denken, ebenso an Interesse. - Der Campus am Audimax ist, zumal an einem Regenabend und angesichts der bizarr erleuchteten "Fahrradstation" nebenan, kein Ort für frühlingsfestliche Heiterkeit. Das muß nicht durch mürrisch-unwilliges Verhalten gegenüber Gästen unterstrichen werden!
 
 
 

 China im Walddörfer-Gymnasium

Dieses Gymnasium hat während der letzten Jahre ein Lehrangebot für Chinesisch und eine dazugehörige kleine Chinaszene aufgebaut, die mustergültig für solche Unternehmungen an Schulen sind - trotz auch hier beschränkter Mittel. Das zeigte sich wieder einmal am 11. Februar, einen ganzen Abend lang.

Chinaabend am Walddörfer Gymnasium Helga von der Nahmer, Lehrerin an diesem Gymnasium, und Xiaoyong Chen, Komponist und Sprachlehrer, hatten einen "China-Abend" vorbereitet. Gestaltet wurde dieser überwiegend von Schülerinnen und Schülern - mit Instrumental- und Gesangsdarbietungen, Rezitationen chinesischer Gedichte, kleinen Vorträgen und Demonstrationen, sogar einer Vorführung traditioneller chinesischer Mode. Neben der erkennbaren Freude beeindruckte den Außenstehenden vor allem die vortreffliche Aussprache des Chinesischen bei den Schülern.

Auch das Publikum, mindestens hundert Personen, schien begeistert zu sein. Eltern waren das, vor allem auch viele Mitschüler und Lehrer. Die Stimmung war in allen Einzelheiten angenehm und aufgeschlossen, und der Direktor der Schule beehrte die Gesellschaft durch seine Anwesenheit - ein schönes Zeichen dafür, daß er dem Chinesisch-Unterricht in den Walddörfern auch künftig seine Unterstützung angedeihen lassen dürfte.

Wie mag der ebenfalls anwesende chinesische Generalkonsul Ma Jinsheng diese Stimmung aufgenommen haben? Der durch das Generalkonsulat geförderte bilinguale, deutsch-chinesische, Ausbildungsgang im Marienthal hat anscheinend noch nicht eine vergleichbare Lebendigkeit entwickelt. Seine Gegenwart an diesem Abend, die sich nicht auf einen protokollarischen Kurzaufenthalt beschränkte, dokumentiert nachdrücklich, wie genau die Vertreter asiatischer Länder in der Freien und Hansestadt Hamburg beobachten, was Hamburg auch für diese Länder bietet. Gute wirtschaftliche und politische Beziehungen setzen in der Regel wechselseitige Kenntnisse voraus, auch sprachliche. Zu deren Vermittlung hat das Walddörfer-Gymnasium wieder einmal beigetragen.
 
 
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