Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 28
18. Januar 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Ein Bildbändchen zu Konfuzius

Buchgeschenke sind eine so praktische wie heikle Angelegenheit. Oft sind sie Verlegenheitsgaben, hastig und "zu guter Letzt" erstanden, meist eher dem Geschmack des Gebers denn dem des Bedachten verpflichtet. Ein Nachteil unterscheidet sie zusätzlich von anderen Verlegenheitsgaben wie Krawatten, Taschentüchern und Socken: Sie lassen sich in der Regel nicht umtauschen.

Überdies eignet ihnen eine verhältnismäßig lange Lebensdauer. Deshalb ist selten angezeigt, solche Buchgeschenke sogleich in einen Papiercontainer zu entsorgen. Wer kennte nicht diese erschreckende Frage: "Du, Weihnachten 2003 habe ich dir das Buch ... (Autor und Titel folgen) ... geschenkt. Kannst du es mir kurz ausleihen? Ich will nur schnell eine Stelle überprüfen."

Kongzi lishi ditu ji Daneben gibt es aber auch die Bücher, die der Beschenkte nicht einmal dem Schenker wieder aushändigen würde - aus Furcht, der könnte ihre Rückgabe vergessen. Zu diesen Büchern zählt das abgebildete: auf knapp 200 Seiten Karten, Pläne, Statistiken und ähnliches zu Leben und Wirken des Konfuzius, jeweils durch kurze Texte begleitet, auch durch eine Anzahl Fotos.

Das reicht von Karten zu den Reisen des Altmeisters, über Skizzen zu seinem Heimatstaat Lu einschließlich eines Planes, der die Grabstätten der Lu-Herzöge verzeichnet, bis zu einer Aufstellung über die herrscherlichen Ehrungen für ihn. Das ist alles hübsch auf Hochglanz hergerichtet, oft interessant und meistens einfach nützlich, weil es künftig viele langwierige Nachschlagereien erübrigt. Jedem, der sich für Konfuzius interessiert, sei sein Erwerb angeraten, weil es, auch noch preiswert, bald vergriffen sein dürfte - und, wie bereits gesagt: Ausgeliehen wird das kleine Schmuckstück nicht!
 
 
 
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Bambusblätter Bambusblatt 6
Die "Heeren Zeventien"
 
  Wie auf diesem Gemälde von H.C. Vroom (1566-1640) sah es aus, wenn die holländischen Kauffahrtsschiffe aus Fernost zurückkehrten. "Rückkehr von der zweiten Reise nach den Ostindischen Inseln" heißt dieses Bild, und wie es dann roch, beschreibt ein zeitgenössischer Beobachter: "Die Luft im weiten Umkreis war voll ihres köstlichen Duftes." Ihres - das meint vor allem Nelken, Muskat und Zimt.

Die Schiffe waren von den bald so genannten Gewürzinseln zurückgekehrt, zwischen Borneo und Neuguinea gelegen. Damals wurde ihre Lage geheimgehalten. Die Schiffe gehörten der "Vereenigde Oost-Indische Compagnie": am 20 März 1602 gegründet.

Gemälde von H.C. Vroom

Den frühen europäischen Gewürzhandel mit Südostasien kontrollierten Portugiesen und Spanier. Nach dem Sieg über die spanische Armada 1588 trat England als Konkurrent hinzu. Die holländischen Kaufleute, die ebenfalls in das Geschäft strebten, meinten: "Aus vielerlei Gründen ist es rätlich, die Durchführung dieses Handels einer einzigen Behörde zu übergeben." Trotz aller Schiffs- und sonstigen Verluste auf diesem beschwerlichen Handelsweg erreichten die Profite jeder einzelnen Fracht das Mehrhundertfache des Einsatzes.

Von kleinen, schon bestehenden Ostindien-Gesellschaften und einzelnen Kapitänen wurde diese "Behörde" gegründet: 88 Aktionäre stiegen mit je 10.000 Gulden ein. Die Leitung hatte das Direktorium der "Heeren Zeventien", der siebzehn Herren. Ausgestattet wurde die Gesellschaft mit bedeutenden Privilegien. Ziel war von Anfang an, durch eine Monopolstellung sowohl die Einkaufspreise in Fernost als auch die Verkaufspreise in Europa einheitlich niedrig beziehungsweise hoch zu halten.

Auf den Gewürzinseln begegneten die mijnheers anderen Kaufleuten, darunter denen von den chinesischen Handelsdschunken. Da gingen ihnen die Augen über, als sie sahen, welche Schätze diese feilboten, und die Holländer richteten ihre Blicke nach China und Taiwan. Piraten und Freibeuter waren alle an diesem Handel Beteiligten, denn Konkurrenz wurde mit allen Mitteln unterbunden. Was sie nach Europa brachten, beeinflußte dessen Kultur nachhaltig. Die feineren Schichten erfanden den Fünf-Uhr-Tee, die Damen lernten den Fächer zu handhaben, die Herren den feindekorierten Spazierstock zu schwingen. Sie speisten nicht länger aus Blech- und Steingutgeschirren, sondern aus edlem Porzellan - um nur die Kleinigkeiten zu nennen.

Einer der ersten Weltkonzerne war diese Vereinigte Ostindiengesellschaft. Im Jahre 1796 war sie gleichwohl bankerott, und die holländische Regierung übernahm sie. Indes, welcher der heutigen "global players" wird knapp 200 Jahre Bestand haben?
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 7
Einsame Freuden
 
  Zornerfüllt wandelte er wohl oft in seinem Garten: Ssu-ma Kuang (1019-1086). Bald nach der im Jahre 1068 erfolgten Thronbesteigung hatte Kaiser Shen-tsung seinem Kanzler Wang An-shih (1021-1086) freie Hand für eine radikale Reformpolitik gelassen. Der konservative Ssu-ma Kuang schied 1071, nach einer steilen Karriere, murrend aus der Politik, versagte sich aber auch künftig protestierende Stellungnahmen nicht.

Dabei hatte er schon längst seine Lebensaufgabe gefunden. Seit 1067 schrieb er an seinem Tzu-chih t'ung-chien, "Umfassender Spiegel zur Hilfe bei der Regierung". Dieses monumentale Geschichtswerk, das den Zeitraum von 403 v. Chr. bis 960 n. Chr. darstellt, sollte bis in das 20. Jahrhundert das historische Standardwerk für alle Bildungsbeflissenen in China werden. Auch die Chinageschichtsschreibung der älteren westlichen Sinologie beeinflußte es deutlich.

Nahe Lo-yang legte sich Ssu-ma Kuang im Jahre 1073 einen Gelehrtengarten an, um in dessen Beschaulichkeit seinen Studien nachgehen zu können. Eine kurze Prosanotiz aus seiner Hand nennt die wichtigsten Stätten in diesem Garten: 1. Halle des Lesens, 2. Hütte des Anglers, 3. Garten der Heilkräuter, 4. Terrasse zum Blick auf die Berge, 5. Balustrade für Wasserspiele, 6. Studio für das Pflanzen von Bambus, 7. Pavillon der Wasserblumen.

Duleyuan des Sima Guang, Querrolle von Qiu Ying (1494/5-1552)

Tu-lo-yüan, "Garten der einsamen Freuden", nannte Ssu-ma seinen Rückzugsort und spielte damit auf mehrere ältere Überlieferungen an, angefangen mit dem konfuzianischen Klassiker Meng-tzu. Jeder dieser sieben Stätten widmete er ein Gedicht, das einem früheren Verwandten im Geiste gilt. "Ich liebe Tung Chung-shu", beginnt das erste Gedicht und rühmt an diesem, der im 2. Jahrhundert v. Chr. lebte: "Wo er wohnte, war auch ein Garten,/ doch drei Jahre lang ließ er den Blick nicht zu ihm schweifen." Der galt allein den Büchern, wie eine alte Anekdote will.

Als Einsiedler, der sich der aktuellen Politik verweigerte, fühlte sich Ssu-ma Kuang in seinem Garten. So widmete er die meisten dieser sieben Gedichte früheren "Einsiedlern".

Im Jahre 1084 konnte er sein Tzu-chih t'ung-chien dem Kaiser vorlegen. Bald danach starb der Kaiser, die regierende Kaiserinwitwe übergab ihm die Regierungsführung, und in den achtzehn Monaten bis zu seinem Tode machte er die verhaßten Reformen rückgängig.

Jahrhunderte später malte Ch'iu Ying (1494/5-1552) eine Querrolle mit den sieben Ansichten, aufgrund der Gedichte und seiner Vorstellung. Der abgebildete Ausschnitt zeigt den Pavillon der Wasserblumen.
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 8
Ein ewiger Fehler
 
  Als der große Japan-Reisende Engelbert Kaempfer (1651-1716) im Jahre 1712 sein "Amoenitas exoticae" veröffentlichte, war ihm oder seinem Drucker ein zwar nicht verhängnisvoller, aber unverbesserlicher Fehler unterlaufen. Er begann seine Beschreibung einer japanischen Baumart wie folgt:

"Ein nußtragender Baum mit Blättern, die dem Venushaarfarn ähneln. - Er erreicht die stattliche Größe eines Walnußbaums, hat einen langen geradlinigen Stamm mit vielen Ästen und eine aschgraue, im Alter rauhe, rissige Rinde. Sein Holz ist leicht, weich und schwach, das Mark zart und schwammig."

Er hatte diesen Baum als Ginkgo bezeichnet - nach seinem japanischen Namen, der "Silberaprikose" bedeutet und den er nach seinem Brauch als "Ginkjoo", korrekt "gingyo", hätte wiedergeben sollen. Wie aus dem j-Laut ein "g" wurde, ist umstritten. Vielleicht hatte er sich verschrieben, vielleicht der Drucker sich verlesen, oder Kaempfer, der aus Lemgo stammte, sprach wie manche Niederdeutsche beide Buchstaben gleich aus.

Kaempfer deutete an, wie der Name "Silberaprikose" erklärbar ist: "Die Nuß (...) ähnelt einer Pistaziennuß (...), ist aber fast doppelt so groß. Sie hat das Aussehen eines Aprikosenkerns und besitzt eine dünne, zerbrechliche (...) Schale. Darin liegt locker ein weißer, ungegliederter Kern, der die Süße der Mandel mit einem herben Geschmack verbindet und ziemlich hart ist." Er weiß auch, daß die "Nuß" sich als Nachtisch eines opulenten Mahls vortrefflich eignet - gegen Blähungen.

Silberaprikose war als Name schön, doch in Europa, wo der Ginkgo, als lebendes Fossil unter den Pflanzen, bald ungeheuer populär wurde, fand man noch schönere Namen: Fächerblattbaum, Mädchenhaarbaum, Goldfruchtbaum. Solche Namen bezogen sich entweder auf die Gestalt der Blätter oder die Frucht. Was aber ist mit solchen Namen wie "Tausend Taler", oder, in Portugal, "Arbol de los 40 escudos"? Entweder spielen sie auf die Goldfärbung der Ginkgo-Blätter im Herbst an oder beziehen sich auf die zunächst sehr hohen Preise der Schößlinge.

Gingko, von "Charlott" Ruth Kott

Die japanische Bezeichnung Silberaprikose war mit dem Gewächs aus China eingewandert. Dort hatte es zunächst ya-chüeh, "Entenfuß", geheißen und war nahezu unbekannt geblieben. Mehrere alte chinesische Schriften berichten übereinstimmend, der "Entenfuß" stamme aus einem Gebiet weit im Süden des Reiches und sei erst im 11. Jahrhundert in die Hauptstadt gelangt. Dort kam dann der Name yin-hsing, "Silberaprikose", auf, und bald wurden weitere Namen ersonnen: "Weißfrucht", "Weißauge", "Heiliges Auge", vor allem aber "Großvater-Enkel-Baum", da der Ginkgo so spät Frucht trägt, daß erst die Enkel des Pflanzers sie genießen können.

Der wissenschaftliche Name lautet Ginkgo biloba L. Dabei bedeutet biloba "zweilappig" und bezieht sich darauf, daß die fächerartigen Blätter in der Mitte oft einen Schlitz aufweisen. Das L. geht auf Carl von Linné (1707-1778), den maßgeblichen Klassifikator der Pflanzenwelt.

Seit Kaempfers Fehler entdeckt worden war, versuchten mehrere Botaniker, den Namen entweder behutsam zu korrigieren oder radikal zu erneuern. Ein J.E. Smith (1759-1828) wollte ihn, zu Ehren eines anderen Botanikers, Salisburia adiantfolia genannt sehen. Karl Mägdefrau schrieb ihn einfach und korrekt in Ginkyo um. Beide ernteten nur das Mißfallen ihrer Fachkollegen. Nach den Regeln der botanischen Nomenklatur darf ein einmal festgelegter Name nicht verändert werden.

1955 pflanzten Schüler in New Bedford (Mass., USA) einen Ginkgo als "UN Peace Tree", und im Jahre 2000 flüsterte die Künstlerin und Beatle-Witwe Yoko Ono einem Ginkgo einen weiteren neuen Namen zu - "Wish Tree for Detroit". Der Zauber dieser Baum-Zeugen aus den Urzeiten der Erde wird solche Annäherungen überstehen. - Die Abbildung gibt ein Werk der Künstlerin "Charlott" Ruth Kott, Braunschweig, wieder.
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 9
"Hunnen-Briefe"
 
  So nannte der Sozialdemokrat August Bebel vor dem deutschen Reichstag im Jahre 1900 die verrohten Briefe, die deutsche Bekämpfer des Boxeraufstandes in die Heimat sandten. Er spielte damit auf eine Rede an, die sein Kaiser, Wilhelm II., zur Verabschiedung eben solcher Soldaten am 27. Juli 1900 in Bremerhaven gehalten hatte und die sogleich als "Hunnen-Rede" berüchtigt war. Briefe eines dieser Soldaten, Heinrich Haslinde, wurden vor einigen Jahren veröffentlicht. Unter dem 12.11. 1900 beschreibt er, wie sein Trupp in einem chinesischen Dorf Proviant requirierte:

"Es war wirklich ein ergötzlicher Anblick, die Chinesen so zu betrachten. Sobald man sich einem Dorfe nähert, kann man sicher sein, daß am jenseitigen Dorfende die reinste Völkerwanderung ist, ist man auch noch 2-3 km vom Dorf entfernt. Mann, Frau und Kind versuchen, mit ihrer kostbarsten Habe beladen, in die dichten Maisfelder zu entkommen."

Sie werden gewußt haben, warum. Bei diesem Beutezug lassen der Schreiber und seine Gesellen unter anderem drei Ochsen, 180 Hühner und 3-400 Eier mitgehen. Nicht immer geht es so glimpflich zu:

"Ihr hättet die erstaunten und erschreckten Gesichter dieser Kerle sehen sollen, als sie mich hoch zu Roß erblickten. Ich gab den Kerlen zu verstehen, daß sie mir Eier, Birnen und Hühner bringen sollten. Als sie dieses nicht verstehen wollten, schlug ich dem einen dieser Kerle mit der Lanze über den Schädel (...) durchbohrte (dann) mit der Lanze den einen Chinesen und stach einen anderen nieder, worauf die ganze Bande entsetzt davon floh. (...) Natürlich machte ich Meldung von der Sache und das Geschehene war erledigt."

Heinrich Haslinde Wahrscheinlich hatte dieser stolze Krieger die chinesischen Dorfbewohner in Oldenburgischem Plattdeutsch angesprochen, denn von dort stammte er. Seine Großnichte Marlis Ottmann hat diese Briefe im Jahre 1990 als Privatdruck herausgegeben - aus unklaren Beweggründen, denn sie äußert sich einleitend nur sehr zurückhaltend. Desungeachtet, ein aufschlußreiches Zeitdokument ist dieses 100-Seiten-Bändchen allemal. Nur ein einziges Mal weiß der Schreiber Chinesisches zu rühmen:

"Von der Kochkunst der Chinesen macht Ihr Euch gar keinen Begriff. Dieses wunderschöne Gebäck, das wohlschmeckende Dessert, die großartig zubereiteten Tauben, Hühner und Enten, ferner die verschiedenen Sorten Schweinefleisch usw. wünschte ich bloß bei Euch mal auf den Tische."

Einmal, brüstet er sich, habe er ein Diner erhalten, das aus hundert Gängen bestand. - Man sollte gleichwohl nicht diesen erbärmlichen Krieger tadeln, sondern diejenigen, die solche Verrohung bewirkt hatten. Sein Bild ist dem Bändchen beigegeben.
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 10
Kühle Ignoranz
 
  Unter den umfangreicheren klassischen und spätklassischen Textsammlungen ist diese wahrscheinlich die einzige, die den Namen des Konfuzius nicht ein einziges Mal erwähnt. Selbst die Konvolute Chuang-tzu, "Meister Chuang", und Mo-tzu, "Meister Mo", welche die Haupttexte der gegen die konfuzianische Lehre gerichteten taoistischen und mohistischen Lehrtraditionen enthalten, bedienen sich auf die unterschiedlichste Weise seines Namens und seiner Gestalt, wobei Mo-tzu ihn allerdings oft etwas verächtlich K'ung Mou nennt, "ein gewisser/dieser gewisse K'ung".

Dieser einzige umfangreichere Text, der Konfuzius ganz und kühl ignoriert, ist das Shang-chün shu (SCS), "Schriften des Herrn von Shang", mit seinen 29 Kapiteln, von denen allerdings fünf nicht erhalten sind. Das SCS hat einen Umfang von 19.992 Schriftzeichen. Die Formulierungen in den meist kurzen Traktaten sind weder sonderlich kunstvoll noch abwechslungsreich. Lediglich 1.192 Schriftzeichen umfaßt das Vokabular, beispielsweise. Es soll ein politisches Programm einhämmern.

Diese Schriftensammlung SCS geht auf Wei Yang (390-338) zurück, der bald nach dem Jahre 360 ein hoher Würdentrager des West-Staates Ch'in war und nach seinem dortigen Lehen auch Shang-chün, "Herr von Shang", genannt wurde. Durch ein radikales zentralistisches und bürokratisches Reformprogramm bereitete er Ch'in den Weg zur Führungsmacht in der altchinesischen Staatenwelt und schließlich zur Reichseinigung im Jahre 221 v. Chr. Dieses SCS, das seine politischen Grundmaximen darstellt, gilt als Klassiker einer weiteren Lehrtradition, der - nach ihrem Leitbegriff fa, "Gesetz" - legistisch oder legalistisch genannten.

Das Wort fa, "Gesetz", ist tatsächlich einer der häufigsten Begriffe im SCS. Von den insgesamt 1.192 unterschiedlichen Schriftzeichen kommen in ihm 37 öfter als hundert Male vor. Mehr als zehn davon sind grammatische Hilfswörter ohne inhaltliche Bedeutung, doch die anderen haben es in sich: min, "Volk", 518 mal; kuo, "Staat", 296 mal; dann schon fa, "Gesetz", 224 mal; chih, "regieren", 201 mal; hsing, "Strafen", 124 mal; neng, "Bauern", 151 mal; chan, "Schlacht", 135 mal.

Inschrift auf Tiger-Kreditiv

Eine straffe Staatsordnung lehrte dieser Wei Yang, mit rigorosen Strafandrohungen bei ungesetzlichem Fehlverhalten, dazu eine nachdrückliche Förderung von Landwirtschaft und Militärwesen als Grundlagen für einen starken Staat. Dazu paßt auch die Abbildung, die Inschrift auf einem sogenannten Tiger-Kreditiv - Genauigkeit und Ordnung der Befehlsabläufe gewährleistend. Auch ch'iang, "Stärke", zählt zu den häufigsten Begriffen (154 mal), ebenso i, "eins/einheitlich machen" mit 146 Vorkommen.

Ob Wei Yang, fern im Westen, den Namen und die Lehre des Konfuzius nicht gekannt hat, da dieser schließlich ganz im Osten des damaligen China wirkte? Denkbar mag das sein, doch kaum vorstellbar. Tatsächlich finden sich im SCS einige Stellen, die auf Inhalte der konfuzianischen Lehrtradition anspielen, so in Kapitel 4 (ähnlich in Kapitel 3):

"Wenn es in einem Staat die Sitte gibt und die Musik gibt, wenn es in ihm die 'Lieder' gibt und die 'Schriften' gibt, wenn es das Gute und die Selbstvervollkommnung gibt, Kindesehrfurcht und Bruderliebe, Lauterkeit und Beredsamkeit - wenn es in einem Staate diese zehn Dinge gibt (...), dann werden ihm Gebiete abgetrennt, bis hin zu seinem Untergang."

Geordnet sei ein Staat hingegen und mächtig, wenn verderbtes Volk über die guten Menschen herrsche. Zynisch klingen die Handlungsanweisungen des Wei Yang immer wieder, und die angeführten "zehn Dinge" bezeichnen Leitinhalte der konfuzianischen Tradition. Wenn Wei Yang den Namen des Konfuzius nicht erwähnt, nicht einmal als den eines Gegners, dann wird er sich an eine Maxime der politischen Rhetorik gehalten haben: Sogar eine Schmährede schafft noch Interesse für den Gegner - was zu vermeiden ist.
 
 
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 Amtliche Ordnungswidrigkeiten

"Bußgeld in Höhe von 50.000 Euro, 6.122 geahndete Delikte und eine Aufstockung des Personals von sechs auf 28 Mitarbeiter - das ist die Bilanz nach einem Jahr Städtischem Ordnungsdienst (SOD)." So wußte das Hamburger Abendblatt am 9. Januar 2004, und es wußte auch von den Schwierigkeiten der Mitarbeiter dieser nicht unproblematischen Institution im Umgang mit den Missetätern zu berichten - vor allem beim "Hundekontrolldienst"!

Vielleicht hätten es diese Mitarbeiter einfacher, wenn sie sich auch den Misse- und Faultaten der Mitarbeiter anderer städtischer Dienste zuwendeten. Dort, wo die Moorweide auf den Mittelweg trifft, rosten seit vielen Monaten zahlreiche Absperrgitter hin. Bei den meisten blättert die Farbe ab, niemand wird sie mehr anfassen mögen.

vor dem türk. Generalkonsulat Hamburg

Nahebei liegt das Generalkonsulat der Türkei, und vor Jahren hatten Vertreter von deren kurdischer Bevölkerungsgruppe wiederholt Anlaß gesehen, ihren Zorn zum Ausdruck zu bringen. Damals mag nahegelegen haben, diese Gitter gar nicht abzutransportieren, sondern für die nächste Demonstration bereitzuhalten. Solchen Schutzzwecken diente vor Jahren auch der dort ebenfalls vergammelnde Polizei-Container. Aber heute?

In Ordnung ist das sicherlich nicht, daß dieses städtische Inventar dort verkommt. Außerdem kommt es einer Verschwendung, wenn nicht Veruntreuung, öffentlicher Mittel gleich. Vielleicht richtet der SOD einmal sein Augenmerk darauf und nicht nur auf Kippenwerfer und häufelnde Hunde. Vielleicht käme einem dieser engagierten Mitarbeiter dann auch ein Konzept dafür in den Sinn, wie man den kleinen Backsteinbau nahebei, ehedem wohl ein öffentliches Pissoir, sinnvoll nutzen könnte. Eine Prämie im städtischen Vorschlagswesen wäre ihm sicher.

Wie andernorts auch ließe sich diese Bedürfnisanstalt leicht in ein Café umwandeln. Wenigstens aber wäre das eine geeignete Aufbewahrungsstätte für die Absperrgitter und eine komfortable Bleibe für polizeiliche Konsulatsbeschützer.
 
 
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