Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 28
18. Januar 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Nachkriegssehnsüchte

Erich von Beckerath: Balladen um Li Tai-pe Nach den beiden Weltkriegen erschien in Deutschland jeweils eine sonderbare Art von deutscher China-Literatur. Zwar erscheint die China-Rezeption in der deutschen Literatur seit Goethe als hinlänglich wissenschaftlich aufgearbeitet, doch die gemeinten Texte fanden wohl noch nie Beachtung: Sie gehören zur Minderdichtung.

Gemein ist ihnen, daß sie ein fernes, verträumtes, heiteres China zeigen - in möglichst großer Ferne zu dem realen China, welcher Zeit auch immer, und zu der eigenen unerträglichen Lebenswirklichkeit. Eine Literatur liebenswürdigster Verdrängungen ist das! Ihr gehört auch das abgebildete Bändchen an: 55 Seiten, auf heute vergilbtem Papier.

Der Verfasser, Erich von Beckerath, widmet dem großen T'ang-Dichter Li Po einige Balladen - vor allem dessen Neigung zu den Wirtshäusern, in vielstrophigen Knittelreimereien. Das verhältnismäßig kurze Gedicht zum Auftakt läßt sich ganz zitieren:
Li Tai-Pei
Auf eine Sammlung seiner Gedichte,
die er der Venus (Tai-Pei) weihte.

Immer schöner will ich bauen,
Reicher, rein wie kühler Schnee,
Einen Pavillon aus Jade
Meiner Herrin Frau Tai-Pei

Wohl ist er noch nicht vollendet,
Denn noch setz' ich Stein auf Stein,
Erst am Ende meines Wallens
Wird er gänzlich fertig sein

Und in tausend Farben strahlen,
Wenn die Sonne drüber lacht,
Schöner aber wird er schimmern,
Wenn der Mond in kühler Nacht

Sich an seinen Wänden spiegelt,
Doch am schönsten wird er sein,
Wenn Tai-Pei, die Herrin selber,
Ihres Sternes milden Schein

Über ihn am Abend breitet,
Wenn die Kaiserin dort singt
Und dazu der Klang der Flöte
Aus dem Tor von Jade dringt.

O Tai-Pei! Du Glanz des Abends,
Du des Morgens tröstend Licht,
Rätselhafter Stern, ich denke
Deiner, wenn die Flöte spricht.

Ist Musik doch deine Sphäre,
Tanz und Rhythmus dein Bereich,
Perlen, Ringe, Edelsteine,
Liebe - und der Dichtung Reich!

Und so will ich denn einstweilen
Verse sammeln für den Bau,
Und sie, Steinen gleich, verwenden
Für das Haus der schönsten Frau.

Für den Pavillon aus Jade,
Der so rein sein soll wie Schnee,
Den ich nur der Herrin baue,
Ich, der Dichter Li Tai-Pei.
Ob der Poet, in seinem "Wallen" genug Verse zusammenbekommen hat? - In Lorch erschien dieses Bändchen, im Jahre 1947. Wer träumte damals sonst von Jadepavillons? Über Erich von Beckerath (* 15. 12. 1891 in Düsseldorf) ließ sich leichthin nichts ermitteln. Anscheinend wirkte er, der zu einer bedeutenden Gelehrtenfamilie gehörte, als Astrologe. Seine Muse, seine Venus, seine Tai-Pei nennt Beckerath: "Der Dichterin Ingeborg Freifrau von Loeffelholz und Colberg in aufrichtiger Verehrung und herzlicher Freundschaft zugeeignet." Auch diese Dichterin blieb anscheinend unbekannt.
 
 
 
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Bambusblätter Bambusblatt 11
Die Wasserfee
 
  Noch ist nicht lange her, daß in den Zeiten des Jahreswechsels in deutschen Blumengeschäften kleine Töpfe mit Narzissen auftauchten. Ob die Anregung hierfür aus China kam? Dort galt die Narzisse nach dem traditionellen Blütenkalender (hua-li) als die Blüte des 12. Monats. Sie wurde dann vorzeitig zur Blüte gebracht, um die Düsternis der kalten Jahreszeit aufzuhellen.

Auch in China ist diese Blüte nicht heimisch gewesen. Vielleicht haben arabische oder persische Kauffahrer sie um das Jahr 1000 nach Südostchina gebracht, und bald galten die Narzissen der kleinen Kreisstadt Chia-ting als die vortrefflichsten. Noch der große Denker Chu Hsi (1130-1200) rätselte "Von woher ist die Wasserfee gekommen?"

Shui-hsien, "Wasserfee", ist der gebräuchliche chinesische Name der Narzisse, und die Gelehrten sind sich darüber einig, was der Name besagt: "Dieses Wesen", weiß der Pharmakologe Li Shih-chen (1518-1593), "braucht einen tiefgelegenen feuchten Ort, denn es darf ihm nicht an Wasser fehlen." Sein Zeitgenosse Wang Shih-mou (1536-1588) betrachtet sie in seinem "Traktat über die Blüten" als Schnittblume und erklärt ebenso: "Man sollte sie in eine Vase stecken, denn wenn dieses Wesen an Wasser kommt, dann verwelkt es nicht. Deshalb heißt es Wasserfee."

Narzisse - Shuixian "Bekommt sie Wasser, kann zur Fee sie werden: himmlisch und seltsam", entzückte sich bereits der Dichter Huang T'ing-chien (1045-1105), und im 16. Jahrhundert dichtete Wang Ku-hsiang: "Dieses Feenkraut enthüllt ein edles Strahlen,/ und seine Anmut läßt sich nicht vom Staub beflecken./ Hältst du bei hellem Mond an einem Flusse Ausschau,/ dann meinst du, jemand tändle dort mit Perlen." Andere Namen dieser Blüte sind "Jade-Klingklang" und "Goldnäpfchen auf der Silberterrasse".

Das Wechselspiel zwischen dem Gelb und Weiß der Blüten und dem Grün der eleganten Blätter entzückte die Dichter immer wieder, so Yü Jo-ying (16. Jahrhundert) in seinem "Lobpreis der Narzisse": "Die Wasserfee neigt ihre feinen Blätter,/ die sanft und leicht wie grüne Wolken schweben./ Sich selbst genug, fühlt sie sich unvergleichlich./ Wer sagt, die Pflaumenblüte sei ihr überlegen?" Und Kao Ssu-sun (um 1180) beginnt seine "Poetische Beschreibung der Narzisse" mit der entschiedenen Feststellung: "Der Himmel hat in dieser Einzigartigkeit eine Göttin geboren."

Die chinesischen Literaten haben ihre Lieblingsblüten oft mit Mädchen oder Frauen verglichen und mit ihnen als Symbolen geliebäugelt. Für die Narzisse fanden sie einen besonderen Vergleich - mit der zauberhaften "Fee vom Flusse Lo", die Ts'ao Chih (192-232), Titularkönig von Ch'en, unsterblich gepriesen hatte. Ch'en Lü (1287-1342) schrieb auf das Bild einer Narzisse: "Niemand glaubte dem König von Ch'en,/ als er die Fee vom Flusse Lo beschrieb./ Über die Wellen kam sie und gelangte wieder ins Leben./ Duft auf den Wassern, Leuchten wie Tau,/ an Orten, die still und klar sind,/ und sie verweilt, bis zu passender Zeit/ jemand sie löst und sich ansteckt."

Die Narzisse und jene Flußgöttin, die bald die Göttin aller Blüten wird, sind zu einer Einheit verschmolzen. - Was aber solches "Anstecken" angeht, einen Hauch von Keuschheit vermittelte die Wasserfee anscheinend auch jenen alten Literaten, und einer Göttin gebührt ohnehin Zurückhaltung. "Mit ihren zarten Gliedern von Geburt/ steht sie nicht gern dem Wind entgegen", rät Yang Wan-li (1124-1206) - fürsorglich und, ein wenig, zweideutig.
 
 
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 Wohlgefällige Unkorrektheit

Dreimal bereits verweilte der Berichterstatter im schönen und weinvollen Trier, meist mehr oder wenig dienstlich. Noch nie gelang ihm dann, das Karl-Marx-Haus dort aufzusuchen, dessen Geburtshaus. In jenen fernen Zeiten, als die Volksrepublik China noch eine richtige Volksrepublik voll hehrer kommunistischer Propaganda war, waren jedenfalls chinesische Deutschlandbesucher gehalten, dort zwar nicht Kotau zu verrichten, wohl aber sozialistische Ehrerbietung zu erweisen. Ob sie heute noch kommen, wenigstens ein paar hartgesottene Altkader?

Jedenfalls unterstellt das Bolko, der Cartoonist unseres Lieblingsorgans "Zeit", in dessen Ausgabe vom 17. Dezember 2003 (siehe die Abb.). So ganz politisch korrekt hört sich sein Statement über die Chinesen auf dem Karl-Marx-Locus nicht an, und das hygienisch korrekte Sitzpinkeln hat sich auch unter deutschen Männern noch nicht durchgesetzt, wird von manchen Macho-Hardlinern, chinesischen Altkadern nicht unähnlich, gar dem geschmähten Warmduschen gleichgesetzt.

Bolko, aus: ZEIT v. 17. Dezember 2003

Bolkos Cartoon steht für ein schlimmes Chinabild, das vehement in Zeiten des europäischen China-Kolonialismus im 19. Jahrhundert propagiert wurde. Das Traum-China der Beckerath-Verse steht für ein Gegenbild, das nicht minder schlimm ist, selbst wenn beide vergnügen.

Vielleicht wissen die jüngeren "Zeit"-Leser gar nichts mehr über das Karl-Marx-Haus in Trier - und dann wäre Bolkos unkorrekte Lästerei von ihnen nicht recht verstanden worden, sein Cartoon also unzeitgemäß. Aus welchem Grunde auch - anscheinend haben sich "Zeit" und Bolko, oder umgekehrt, zum Jahresende getrennt. Eigentlich schade.
 
 
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