Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 28
18. Januar 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Alter Gelehrtenfleiß

Der Umzug der Bibliothek der ChinA in den Flügelbau Ost förderte eine Fülle von Entdeckungen und Überraschungen zutage. Dazu zählten auch zahlreiche alltägliche Arbeitsmaterialien von Fritz Jäger (1886-1957), der von 1935 bis 1945 das damalige Seminar für Sprache und Kultur Chinas leitete. Als seinerzeitigem Nazi-Dozentenführer an der Uni Hamburg ist sein Name befleckt, weshalb er 1945 seinen Lehrstuhl aufgeben mußte. Politisch scheint er allerdings nur naiv gewesen zu sein, und persönlich integer. Anscheinend deshalb wurde er später "rehabilitiert" und ihm eine volle Pension zugesprochen.

Das war bekannt, und etwas viel Banaleres ist jetzt ans Licht gekommen - nämlich die Notizen, mit denen er seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine Lehrveranstaltungen vorbereitete - schmale Schulhefte, noch kleinere Notizhefte. Sie bieten amüsante Einblicke in seine Arbeitsweise und die Bedingungen sinologischen Arbeitens vor sieben, acht Jahrzehnten.

Handschrift Fritz Jäger

Zunächst schrieb Jäger die Texte, die ihn interessierten, vollständig ab - in senkrechter Schreibrichtung. Natürlich benutzte er, obwohl er sich nicht sonderlich kalligraphisch mühte, dafür eine Stahlfeder, denn eine solche verfügte über die Fähigkeit, durch Druck den Schreibduktus so zu verändern, daß er ein wenig dem Pinselduktus ähnelte.

Die senkrechte Linienführung erlaubte Jäger, neben die Schriftzeichen Angaben zu deren Lautung, zu ihrer Bedeutung, aber mitunter auch Hinweise auf die Sekundärliteratur anzubringen. Erstaunlich ist manchmal, bei welch einfachen Dingen er derlei notierte, aber das erinnert ebenfalls daran, daß die Sinologen aus dieser Zeit nur über kleine Bibliotheken und nur wenige lexikalische Hilfsmittel verfügten. Zu den heute vorliegenden vielbändigen Wörterbüchern mit den so wichtigen Zeichenverbindungen lagen damals nur bescheidene Vorläufer vor, die chinesischen überdies nur mühsam zu handhaben.

Umso höher sollten die Heutigen die bahnbrechenden oder anregenden Arbeiten dieser frühen Sinologen schätzen - und auch Fritz Jäger hat einige geschrieben, obwohl sie nur unzulänglich beachtet wurden. Und seine Art, sich einen Text zu erschließen, könnte auch heute vorbildlich sein, zumindest das Abschreiben. Anders als beim Fotokopieren vergewissert sich der Abschreiber des zu erschließenden Textes allmählich - und gewinnt schon einmal einen Eindruck von dessen Strukturen.

Eine strukturierte Abschrift eines Textes aus der literarischen Tradition Chinas ist nach meiner Auffassung auch heute noch die erste Voraussetzung für Annäherungen an dessen Verständnis. Das ist heute am PC leichter zu bewerkstelligen, doch nach manchen Eindrücken werden solche Jäger'schen Mühewaltungen gescheut - sehr zum Nachteil der Interpretationen.
 
 
 

 Gegenwärtiger Gelehrtenfleiß

Am letzten Wochenende im Februar werden sich in Hamburg wieder Gelehrte aus aller Welt treffen, knapp zwanzig - zum Second Tomb Text Workshop. Sie kommen aus den USA, Japan, Frankreich, Großbritannien, der Schweiz, und natürlich aus China und Deutschland.

Die Themen der vorgesehenen Vorträge mögen auf den ersten Blick befremden: "Towards a Transparent Transcription" beispielsweise oder "A lexicographer's visit to the graves" oder gar "Orison in jade". Das sind keine Themen für Außenstehende, und deshalb sind für die einzelnen Vorträge und deren Diskussion nicht, wie oft bei solchen Veranstaltungen, dreißig Minuten vorgesehen, sondern siebzig. Zeit für gründliche Diskussionen soll bleiben, und allmählich treffen schon die Kurzfassungen der Vorträge ein.

Es geht wieder um die Texte unterschiedlichster Art, die chinesische Archäologen seit dreißig Jahren regelmäßig aus Gräbern der drei Jahrhunderte vor und nach Beginn unserer Zeitrechung bergen. Unbekannte Texte sind das, viele prognostischer Art, aber auch neue Versionen von Texten, die aus alter Zeit überliefert sind; viele Alltagsschriften kommen hinzu. Neben allem inhaltlich Interessantem soll es bei diesem Workshop vor allem um methodische Grundlegungen für deren Bearbeitung und Interpretation gehen. Neue Textsorten verlangen auch nach neuen Wegen wissenschaftlicher Betrachtung.

Die Abbildung zeigt ein Teilmanuskript aus einer solchen Grabbibliothek. Diese wurde in den Jahren 1990 bis 1992 erschlossen, doch erst im Jahre 2002 wurde der erste umfangreiche Bericht über sie veröffentlicht. Die chinesischen Archäologen kommen angesichts ihrer sensationellen Funde kaum dazu, diese angemessen zu publizieren - und noch weniger schaffen es die Wissenschaftler, diese dann auch forschend zu durchdringen. Es sind einfach zu wenige, die sich damit beschäftigen können. So gibt es noch viel Material dafür, daß die ChinA auch in kommenden Jahren zu solch einem Tomb Text Workshop einlädt.

Für den Herbst wird eine ganz andere Tagung vorbereitet, zu einem höchst aktuellen Thema. Um die Stadtstaaten soll es gehen und um vergleichbare Gebilde, auch um die Megahäfen und deren strukturelle Probleme. Auch hierzu werden Wissenschaftler aus aller Welt einreisen.
 
 
 

 Junger Gelehrtenfleiß

Die Weihnachtszeit ist stets eine Examenszeit, weniger wegen der Weihnachtsfeiern, sondern wegen des bevorstehenden Jahresendes. Was lange währte, das soll nun doch auch förmlich abgeschlossen werden. Zwei junge Wissenschaftlerinnen wurden diesmal, nach Würdigung der Dissertationen und jeweils anregenden Disputationen zum Dr. phil. promoviert:

Stephanie Kirschnick: "In China wirft man keine Perlen vor die Säue!" - Probleme bei der Übersetzung von Phraseologismen in deutschsprachigen literarischen Werken ins Chinesische;

Sarah Kirchberger: Informelle Institutionen der Politik in China und Taiwan.

Davor war, schon im Juli, Dr. Thomas Fröhlich aus Zürich habilitiert worden, hatte also die höchste akademische Prüfung absolviert. Er hatte das durch eine sogenannte kumulative Habilitation erreicht - bei welcher nicht eine dickleibige Monographie die Grundlage bildet, sondern eine Sammlung von kleineren Beiträgen zur wissenschaftlichen Erkenntnis. Bei Dr. Fröhlich stand in deren Mittelpunkt der neukonfuzianische Denker Tang Junyi (1909-1978), dessen zugleich schillerndes wie anspruchvolles Werk noch längst nicht die ihm gebührende Durchdringung erfahren hat.

Das tägliche Brot der universitären Wissenschaft bilden allerdings die Magisterarbeiten. Zwölf entsprechende Examen wurden an der ChinA im Jahre 2003 abgeschlossen (s. die abgebildete Aufstellung). Erfreulich war in diesem Jahre, daß auch wieder die kulturelle Tradition Chinas bei den Themen eine Rolle spielte, nicht nur die atemberaubende Gegenwart. Auffällig ist jedoch etwas ganz anderes: nur ein männlicher Absolvent darunter! Das spiegelt keineswegs die Geschlechterverteilung in der Studierendenstatistik wieder. Ob die Männer in einem Jahr besser dastehen werden? - Ja, das ist schon heute ganz sicher.

Hamburger Magisterarbeiten 2003
» Alle Magisterarbeiten der Hamburger Sinologie

Was aber wird überhaupt aus Magisterarbeiten als akademischer Institution? Grund besteht zu der Befürchtung, daß auch sie der blindwütigen und unverständigen Reformsucht Buhlman'scher Prägung und der ihrer Gefolgsleute, auch in Hamburg, zum Opfer fallen werden. Ein Forum für engagierte und immer wieder ergebnisreiche Nachwuchsforschung, gerade auch im Fach Sinologie, würde vernichtet oder zumindest an Bedeutung einbüßen. ´

Einige hundert Gutachten über Magisterarbeiten hat der Berichterstatter in den letzten zwanzig Jahren geschrieben - manchmal fluchend, wenn Termine drängten oder aus anderen Gründen, viel öfter angeregt und belehrt. Nicht eben selten hat er diese Arbeiten mit ausgesprochenen Vergnügen gelesen. - Die Abbildung stammt aus der Magister-Arbeit von Simone Schweitzer.

Magisterarbeit Simone Schweitzer

 
 
 

 Wider den Gelehrtenfleiß: Posaunen und Wissenschaft

Am Nachmittag des 21. Novembers wunderten sich die fleißigen Wissenschaftler und Studenten im AAI nicht schlecht über neuartige Klänge im Foyer zum Flügelbau Ost: Posaunen! Der Berichterstatter verließ, wie gewohnt, um 16 Uhr 30 das Gebäude. Entnervt gab zwei Stunden später auch Kollege M.F. auf, wie er erzählte. Posaunen ließen schon die Mauern des biblischen Jericho einstürzen!

Am Sonnabendvormittag, am 22. November, wiederholte sich dieses Spiel - und jetzt wurde auch der Anlaß sichtbar: Jahresversammlung einer Hamburg-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften! - Sollten diese Posaunen von dem wohlergehenstrotzenden Befinden hiesiger Wissenschaftsförderung zeugen? Zunächst einmal haben sie einfach stundenlang gestört, und auch nach der sonstigen Lage der Dinge wäre ein Streichquartett angemessener gewesen.

Im Grunde ist schön, daß durch solche Veranstaltungen - durch externe Raummieter - zusätzliches Leben ins AAI kommt, auch ein wenig Geld in universitäre Kassen. Wenn sich diese Nutzer nur angemessen zu benehmen wüßten! Ein solcher drang vorweihnachtlich um 13 Uhr 45 in eine Lehrveranstaltung mit zahlreichen Teilnehmern ein und verlangte mit rüden Worten das sofortige Verlassen des Raumes: Er habe den ab 14 Uhr gemietet und müsse ihn noch vorbereiten. Von anderen Mißhelligkeiten will ich einstweilen schweigen, doch - manche Notwendigkeiten zeichnen sich ab.

Interessant und lehrreich ist bei solchen Gelegenheiten stets ein Blick auf Platten mit den "Häppchen" - kein bißchen frugal, wiewohl abgestuft in ihrer Kulinarik, je nach Veranstalter. Da staunt der Betrachter manchmal nicht wenig darüber, wie öffentliche Mittel anschaulich in Lebenswirklichkeiten umgesetzt werden. Vielleicht sollten die Veranstalter wenigstens die vorbeigehenden Studis um einen beherzten Zugriff bitten. In jedem Falle haben sie nämlich deren Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt.
 
 
 
 [China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte] 
 
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum