Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 27
1. Dezember 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

In eigener Sache

Diese Nummer der HCN erscheint mit einiger Verspätung. Das hat unter anderem den Grund, daß mit ihr einige Umstrukturierungen beginnen, die dann das nächste Jahr fortgeführt werden sollen. Anlaß für diese Überlegungen war die Möglichkeit, einen längeren und zugleich fulminanten Beitrag von Prof. Dr. Frank Münzel, diesem vorzüglichen Kenner Chinas und des chinesischen Rechts, in diese Folge aufnehmen zu können (siehe unter "Dt. Chinatexte"). Zu diesen Änderungen einige Bemerkungen:

1. Bambusblätter

Bambusblätter Diese Folge von Notizen löst einstweilen die "Annäherungen an Konfuzius" ab. Der Grund dafür ist nicht etwa, daß mir zu Konfuzius nichts mehr einfiele. Ganz im Gegenteil, die entsprechenden Arbeitsordner sind prall gefüllt. Aber diese Arbeitsnotizen interessieren nur einen kleinen Teil der Leser und können also eine Pause vertragen.

Die "Bambusblätter" haben eine Geschichte. Zu dieser gehört, daß ich eine Folge von ihnen vor drei Jahren für die Website der "Bambusrunde" schrieb - unzusammenhängende Notizen zur Kultur und Geschichte Chinas. Als "Bambusblatt" 40 ins Netz gelangt war, nahm der Webmaster eine Auszeit und die Seite aus dem Netz.

Im September 2003 kam mir in den Sinn, solche Notizen zur beiläufigen Orientierung der Studierenden der ChinA auszuhängen: jede Woche fünf Blätter, zu Themen, die auf sinologisches Elementarwissen verweisen. Sie tragen in dieser Form den Titel "ChinA-Notizen" und teilen nur eine äußerliche Gemeinsamkeit: ein Bild und eine knappe Seite Text. Ansonsten sollen sie inhaltlich einigermaßen abwechslungsreich aussehen, und häufiger werde ich auch eine "Annäherung an Konfuzius" einschmuggeln, freilich ohne sie als solche kenntlich zu machen.

Eine Auswahl aus diesen China-Notizen gebe ich künftig als neue "Bambusblätter" an dieser Stelle ins Netz - aber auch nicht nur eine Auswahl aus den bereits ausgehängten. (Da manches Mitglied der ChinA nicht nur die Aushänge am Schwarzen Brett, sondern auch diese HCN ansieht, soll es sich nicht über zu viele Wiederholungen ärgern, sondern auch Neues wahrnehmen können.) Alljährlich werden das gut 250 ChinA-Notizen werden. Nicht alle können einstweilen als "Bambusblatt" ins Netz gehen, aber vielleicht ergibt sich später eine Gelegenheit dafür.

"Bambusblätter" sollen diese Notizen hier heißen, um sie von den anderen auf dieser Homepage abzuheben. Das eine oder andere "Bambusblatt" wird dann auch nicht unter dem "nächtlichen Schreibtisch" erscheinen, sondern in einer anderen Rubrik.

2. Vorstellungen neuer Bücher

Mich haben zahlreiche Anfragen erreicht, ob ich nicht regelmäßig neue deutsche China-Publikationen unter der Rubrik "Deutsche Chinatexte" vorstellen könne. Das kann ich, aber ich wollte es eigentlich nicht. Der » Beitrag von Prof. Münzel, der im Ansatz eine Rezension des unlängst erschienenen "Grosses China-Lexikon", das in die Nachfolge des lange renommierten "China-Handbuch" treten will, darstellt, hat mich erneut hierüber nachdenken lassen.

Die deutsche China-Literatur steckt in einem gewissen Dilemma. Ein gehöriger Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird von den sinologischen Fachkollegen und den Studierenden des Faches Sinologie wahrgenommen. Wenige belletristische Texte und Veröffentlichungen von allgemeinerem Interesse werden auch durch Zeitungen gelegentlich vorgestellt. Daneben gibt es aber die "eigentliche" deutsche Chinaliteratur der Gegenwart - nach Umfang und thematischer Breite beinahe unübersehbar. Wenigstens auf einige, dann aber auch etwas "besondere" neue Texte werde ich also künftig kurz hinweisen - zur Förderung ihrer Verbreitung oder als Warnung.

3. Affirmation und Gedächtnis

Natürlich ist der » Beitrag von Prof. Münzel keine Rezension des "Grossen China-Lexikons". Schon zu dessen Titel ... aber lassen wir das, obwohl sich Vergleichstitel wie "Großes Rätsel-Lexikon" aufdrängen! Zu überaus zahlreichen redaktionellen Unverträglichkeiten gesellen sich inhaltliche und redaktionelle Probleme von größerer Bedeutung.

Prof. Münzel, langjähriger Chinareferent des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht und Honorarprofessor der Universität Göttingen, geht es um ein Grundsatzproblem bei der Darstellung der Geschichte der VR China in der jüngeren und gegenwärtigen Sinologie in Deutschland. Es entstand in den 1960er Jahren, als die sinologische Beschäftigung mit der jungen VR China gerade begann, in Zeiten des Kalten Krieges und angesichts einer schlechten Nachrichten- und Quellenlage, ebenso mit einer gewissen vorurteilshaften, aber auch naheliegenden Sympathie für die VR.

Viele damals gefundene Darstellungsmuster wurden hierzulande bis heute perpetuiert, obwohl längst neue Wissenschaftlergenerationen zur Feder gegriffen haben und die heute zugänglichen Quellen und Forschungen längst klarere Aussagen zulassen. "Bewältigungen" von Vergangenheiten sind nicht jedermanns Sache, auch nicht in der VR China, wo problematische Aspekte ihrer kurzen Geschichte weitgehend in affirmativem Schweigen aufgehoben wurden, nach kurzzeitigen Versuchen zu ihrer "Problematisierung". Indes, das ist ein Problem der chinesischen Kultur und Gesellschaft - oder eben kein Problem. Die Sinologen und andere Chinawissenschaftler haben hingegen das Problem, wie sie damit in wissenschaftlich vertretbarer und nachvollziehbarer Weise umgehen wollen.

Affirmative Beschönigungen oder ebensolches Verschweigen dienen im gesellschaftlichen Umgang oft dem gemeinsamen Einverständnis und dem wechselseitigen Auskommen - im gesellschaftlichen Umfang. Ein Wissenschaftler hat jedoch andere Aufgaben - und eine davon ist, zum Gedächtnis beizutragen, und zwar im umfassendsten Sinne dieses Wortes.
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 1
Dieser Herr: der Bambus
 
  Bambusdarstellung, Guan Yu gewidmet "Ich kann nicht einen einzigen Tag ohne diesen Herrn sein", soll im 4. Jahrhundert Wang Hui-chih, Sohn einer berühmten Literaten- und Kalligraphenfamilie, gesagt haben. Er hatte das Haus eines Freundes "eingehütet" und in dessen Garten Bambus gepflanzt und erklärte seinen Beweggrund mit diesen Worten. Das wurden geflügelte Worte.

Später wurde der Bambus sogar ein Edler (chün-tzu) geheißen - einer der "Vier Edlen": Pflaumenblüte, Orchidee, Chrysantheme, Bambus, die jeweils mit einer der vier Jahreszeiten verbunden wurden, der Bambus mit dem Winter. Zu den "Drei Freunden" der kalten Jahreszeit wurde er ebenfalls gezählt, neben der Kiefer und der Pflaumenblüte.

Die Kultur des traditionellen China war so blüten- und pflanzenverliebt wie kaum eine andere. Vieles hat sie in ihre Lieblingsgewächse hineingeheimnist und diese dann als Symbole verstanden. Und da zu einem gebildeten Menschen, einem Beamten zumal, gehörte, daß er die Kunst der Tuschemalerei und die Dichtkunst beherrschte, sind unzählige Bilder und Gedichte überliefert, die diesen Blüten und Gewächsen gewidmet sind. Vielleicht am vornehmsten von allen war "dieser Herr".

Nicht jeder kann die chinesischen Schriftzeichen auf dem abgebildeten Bambusbild lesen. Sie zeigen, daß diese Bambusdarstellung einem Manne namens Kuan Yü galt. Dieser war, Anfang des 3. Jahrhunderts, ein ebenso ungestümer wie seinem Herrscher loyal ergebener Feldherr. Unter dem Volk war er so beliebt, daß es ihm nach seinem Tode göttliche Ehren erwies und ihn, wie hier, gar Kaiser Kuan nannte. Als solcher wird er noch heute verehrt.

Es ist also nicht verwunderlich, daß der ihm gewidmete Bambus vor allem dessen geraden Stamm betont. An diesem wiederum sind die Knoten hervorgehoben, denn die Knoten (chin. chieh) stehen als Symbole unter anderem für Lauterkeit und Unbestechlichkeit, was dieses Wort chieh ebenfalls bedeutet.

Noch ein weiteres kleines Geheimnis birgt dieses Bambusbild, das 1718 in eine Steintafel geschnitten wurde, von der die Abbildung einen Abklatsch wiedergibt. Die Blätter des Bambus lassen sich wie Schriftzeichen lesen, die ein kurzes Gedicht bilden. Der Siegelstempel, der Kuan Yü mit einem Beinamen nennt, soll im Jahre 1490 aus einem Fluß bei Yang-chou geborgen worden sein, wie eine Untersuchung dieser Darstellung durch Bernd Eberstein ergab.
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 2
Sühne ohne Geschenke
 
  Am Nachmittag des 10. September im Jahre 1901 unternahm Prinz Tschun (1883-1951), ein Bruder des letzten chinesischen Kaisers, in Berlin einen Museumsbummel. Dabei kam ihm eine Idee, die ihm sein Gesicht zu wahren half.

Prinz Tschun war der "Sühneprinz". Das sogenannte "Boxerprotokoll" hatte in § 1 festgelegt, China solle die Ermordung des deutschen Gesandten Clemens Freiherr von Ketteler durch aufrührerische "Boxer" am 20. Juni 1900 durch eine solch hochrangige Gesandtschaft "sühnen". Am 20. Juli 1901 reiste der Prinz aus Shanghai ab, am 3. September traf er in Potsdam ein.

Die Reise und der Aufenthalt des Prinzen wurden durch große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und lebhaftes diplomatisches Hin und Her begleitet. Der offizielle Sühneakt vor Kaiser Wilhelm II. war für den 4. September anberaumt. Über ihn schreibt ein Berichterstatter:

"Der Kaiser ließ sich, ohne den Helm abzunehmen, mit dem Marschallstabe in der Hand, auf dem Throne nieder und schaute mit tiefernster Miene dem jugendlichen Prinzen entgegen, der unter tiefer Verbeugung in der Thür des Saales erschienen war. Mit langsamen feierlichen Schritten, wie es der chinesischen Sitte entspricht, nahte sich Prinz Tschun, (...) in beiden Händen das in gelbe Seide gebundene und mit dem goldenen Drachen bestickte Handschreiben des Kaisers von China tragend. Wenige Schritte vor Seiner Majestät hielt der Prinz inne und verlas mit zwar leiser, aber vernehmlicher Stimme den bereits veröffentlichten Wortlaut seiner Ansprache. (...) Der Kaiser, auf den Erscheinen und Auftreten des fremden Prinzen augenscheinlich sympathischen Eindruck gemacht hatten, nahm das ihm dargebotene Schreiben huldvollst entgegen."

Sühnegesandtschaft des Prinzen Chun 1901

Da der Prinz noch bis zum 29. September in Deutschland blieb, mit einem regen Programm dazu, hatte er reichlich Gelegenheit, auch Öffentlichkeit und die feine Gesellschaft zu entzücken, besonders die Damen. Der Liebreiz und die Eleganz des Prinzen hoben sich offenbar vorteilhaft von der Zackigkeit preußischer Leutnants ab.

Der Prinz hatte auch Geschenke mitgebracht: sechs des chinesischen Kaisers für den deutschen, sechs von der Kaiserinwitwe Tz'u-hsi für die Kaiserin, für beide noch einmal je vier von Prinz Tschun: Bronzegefäße, Lackarbeiten, kostbare Seiden, Kunsthandwerk vor allem. Wilhelm II. und sein Protokoll sahen die Zeit für eine Übergabe von Geschenken noch nicht gekommen, doch der Prinz konnte sie schlecht wieder mit nach Hause nehmen. Der Museumsbesuch am 10. September gab ihm eine Lösung ein: Die China-Sammlungen in den Berliner Museen seien noch erweiterungsfähig, deutete er diskret an. Hiermit war der deutsche Kaiser einverstanden, und die prachtvollen Geschenke gelangten in zwei Sammlungen in Berlin sowie solche in Dresden, München und Stuttgart.

Dort kann ihr Betrachter noch heute über manches rätseln: Warum bezeichnen etwa die Geschenklisten eine Bronze als aus der Chou-Zeit im Altertum stammend, obwohl es sich eindeutig um eine Replik aus viel späterer Zeit handelt? Rechneten die chinesischen "Sühner" mit der Ahnungslosigkeit der Preußen? Oder wie?
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 3
Das Gift der Steuern
 
  Wer in der T'ang-Hauptstadt Ch'ang-an, einer Weltstadt damals, aufwuchs, dürfte sich in der Kreisstadt Yung-chou, in der heutigen Provinz Hunan gelegen, nicht sonderlich wohlgefühlt haben. Den jungen und hochbegabten Literaten und Beamten Liu Tsung-yüan (773-819) traf bald nach dem Jahre 800 das Los, nach dort versetzt zu werden.

Liu machte anscheinend das Beste daraus. Er schrieb die bis heute berühmten Yung-chou pa-chi, "Acht Aufzeichnungen über Yung-chou", kurze Aufzeichnungen über Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten in der Natur, und begründete damit eine Gattung der chinesischen Prosaliteratur. Dort verfaßte er auch einen parabelartigen Text, der etwas von seinen politischen Grundüberzeugungen andeutet. "Der Schlangenfänger" ist diese, ebenfalls bis heute berühmte, Notiz überschrieben.

In Yung-chou lebten, erzählt Liu, schwarze Schlangen mit weißer Rückenzeichnung, deren Gift unweigerlich töte. Wenn man jedoch ihr Fleisch dörre, heile es zahlreiche Gebresten. Deshalb forderten die Palastärzte in der Hauptstadt zweimal jährlich solches Schlangenfleisch an. Wegen der damit verbundenen Gefahren würden den Schlangenfängern die Steuern erlassen.

Liu lernt einen Schlangenfänger namens Chang kennen, in dessen Familie das Gewerbe seit dem Großvater überliefert wurde. Er bietet ihm an zu bewirken, daß dieser das gefährliche Gewerbe aufgeben dürfe, um statt dessen Steuern zu zahlen. Da bricht es aus dem einfachen Manne heraus: Von den Familien, die zu Großvaters und Vaters Zeiten hier ansässig gewesen seien, lebe kaum noch eine - dahingerafft durch Plackerei und Not oder geflüchtet. Der Grund:

"Wenn die erbarmungslose Meute der Steuereinnehmer in unser Dorf kommt, zieht sie brüllend und schreiend von Haus zu Haus, und allerorts ist ein solcher Lärm und eine solche Aufregung, daß selbst die Hunde und Hühner aufgeschreckt werden."

Die Last der Steuern und Fronarbeiten, klagt der Schlangenfänger, vergälle allen Menschen das Leben; er hingegen:

"Ich füttere sie (die gefangenen Schlangen) sorgsam, und wenn die Zeit gekommen ist, liefere ich sie ab. Kehre ich vom Amtshaus zurück, genieße ich in Ruhe die Früchte meines Feldes. (...) So muß ich nur zweimal im Jahr dem Tode ins Auge schauen. Die übrige Zeit verbringe ich in Glück und Frieden. Um wieviel besser ergeht es also mir als meinen Nachbarn."

Leicht ist zu vermuten, daß Liu Tsung-yüan sich mit solchen Texten kaum Förderer für seine Amtskarriere erwarb. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt, 805, wurde er Präfekt des ebenfalls abgelegenen Liu-chou (Kuangsi), wo er auch starb. Seine Parabel über den Schlangenfänger schloß er mit den folgenden Worten:

"Ach, wer hätte gedacht, daß das Gift der Steuern und Abgaben ärger ist als das der giftigsten Schlangen! So schrieb ich diese Geschichte nieder, damit jene, welche die Sitten des Menschengeschlechts studieren, davon Gebrauch machen mögen."

Tang-Beamte

Die Abbildung zeigt zwei Grabfiguren aus der T'ang-Zeit (618-906). Sie stellen Beamte dar, jede ist 101.6 cm hoch. Die Übersetzungen stammen von Ernst Schwarz.
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 4
Entenfuß- und Goethebaum
 
  Am 15. September 1815 hatte J.W. Goethe (1749-1832) seiner Herzensfreundin Marianne von Willemer das Blatt eines Ginkgo-Baumes zugeeignet, und bei ihr weilte er an diesem Abend zusammen mit anderen Gästen im Sommerhaus der jungverheirateten Willemers in der Gerbermühle bei Frankfurt. Ihr widmete er auch eines seiner berühmtesten Gedichte:

"Dieses Baums Blatt, der von Osten/ Meinem Garten anvertraut,/ Gibt geheimen Sinn zu kosten,/ Wie's den Wissenden erbaut.// Ist es ein lebendig Wesen,/ Das sich in sich selbst getrennt?/ Sind es zwei, die sich erlesen,/ Daß man sie als eines kennt?// Solche Frage zu erwidern,/ Find ich wohl den rechten Sinn./ Fühlst du nicht an meinen Liedern,/ daß ich eins und doppelt bin?"

Aus seinem Garten stammte das überreichte Blatt, über das sich in vielfacher Weise nachsinnen läßt, gewiß nicht. Ganz sicher ist allerdings nicht, von welchem Ginkgobaum Goethe das Blatt pflückte. Genau gegenüber seinem Quartier in Frankfurt, in welchem er damals eine Woche verweilt war, stand in dem Garten des mit ihm befreundeten Apothekers Peter Saltzwedel ein schon recht stattliches Exemplar. Am Mittag dieses 15. September war er zudem Gast bei Georg Brentano in Rödelheim gewesen, und der hegte auf seinem Anwesen ebenfalls ein solches Gewächs. Noch weitere Exemplare kommen als Stifter dieses Blattes in Betracht.

Bei der gleichen Reise, jedoch später im Jahr, sah Goethe auch in der Orangerie in Karlsruhe einige Ginkgo, doch am deutlichsten hat Heidelberg die Erinnerung an Goethe, die Willemer und den Ginkgo bewahrt - durch ein Relief auf einer steinernen Bank im Schloßpark.

Schon lange davor hatte G. einen anderen Ginkgo betrachtet - den bei Schloß Weißenstein nahe Kassel, den der Botaniker Conrad Moench in seinem "Verzeichnis ausländischer Bäume und Stauden des Lustschlosses Weißenstein bei Cassel" 1785 beschrieb:

"Dieser in Japan einheimische Baum ist zwar nur vier Jahre hier, und die ersten 2 Jahre im kalten Gewächshaus aufbewahret worden, hernach an eine Mauer ins Freye gepflanzt, woselbst er auch den harten Winter von 1783 auf 84, doch mit Stroh eingebunden, ganz unbeschädigt ausgehalten hat. Da man nun schon in Holland im Freyen große Bäume davon hat, so ist kein Zweifel, daß sich dieser wegen seines Laubes sonderbare Baum gänzlich an unser Clima gewöhnen wird."

Das Sinngedicht des Meisters dürfte also nicht auf einen spontanen Eindruck zurückgehen. Indes, eine frischentflammte Liebe entschuldigt jede Camouflage. - Der Japanreisende Engelbert Kaempfer (1651-1716) hatte den Baum nach Europa gebracht und 1712 eine Beschreibung veröffentlicht. Deshalb galt der Baum als von dort stammend, obwohl er auch in Japan ein Neubürger war - aus China gekommen. Kaempfer ist auch für den seltsamen Namen Ginkgo verantwortlich. Übrigens, auch in Weimar standen bereits einige Exemplare. Einen seiner vielen weiteren deutschen Namen, Goethebaum, den auch Engländer als "Goethe tree" übernahmen, erhielt er natürlich nach dem zitierten Gedicht, während er im Alten China nach der Gestalt seiner Blätter Entenfuß hieß. Die Namen des Ginkgo sind allerdings eine eigene Geschichte.

Die Ahnherren des Ginkgo, dieses lebenden Fossils unter den Bäumen, lassen sich bis in die Ferne von 300 Millionen Jahren zurückverfolgen. In seinem Stammbaum klaffte allerdings bislang eine Lücke zwischen dem Zeitraum von vor 170 Jahrmillionen und seinem Ginkgo yimaensis und dem Ginkgo adiantoides, ungefähr vor 60 Millionen Jahren. Diese Lücke haben jetzt chinesische Fossilienforscher durch einen Fund in Liaoning verkleinert. Dort gefundene Versteinerungen von Blättern und Samen eines frühen Ginkgo fügen sich gut zwischen die beiden genannten Formen.

Gingko

In Japan waren die Ginkgo Tempelbäume, deshalb standen sie in Europa früher oft auf Friedhöfen -auch gegenwärtig auf dem ins Ohlsdorf. Daß einer neuerdings auch vor der Uni Hamburg steht, mag damit zusammenhängen, daß zwei Ginkgo früher vor jeder Dorfschule in Korea emporragten. Was aber erklärt, daß auch vor mancher Bank in Hamburg einer steht? - Am schönsten erscheinen die Ginkgo, wenn sie herbstlich in strahlendem Gelb prangen. Oft fällt dann die ganze Pracht in einer einzigen Nacht ab. Sollen die Banken-Ginkgo diskret an solchen crash gemahnen?
 
 
 
Bambusblätter Bambusblatt 5
Spitzfindige Textordnung
 
  Wie mag der gelehrte Chao Ch'i (+ 221) vorgegangen sein, nachdem er sich entschlossen hatte, die Gesamtzahl der Schriftzeichen in der Textsammlung Meng-tzu, "Meister Meng", festzustellen? Er hatte dieses Hauptwerk der konfuzianischen Tradition ediert und sodann mit einem Kommentar versehen. Vielleicht zählte er Zeichen für Zeichen, vielleicht auch war sein Text so sorgfältig geschrieben, daß jede Zeile exakt die gleiche Zahl von Schriftzeichen aufwies. Dann hätte er es leichter gehabt.

Jedenfalls kam er auf 34.685 Schriftzeichen, wie er in seinem Vorwort schreibt, und er erklärt ferner, diese Zahl möge zum Ausdruck bringen, "(...) wie man den Weg der Fünf Elemente beschreitet und Maßstäbe für die sieben Arten der Regierung setzt. Deshalb habe ich 5 mal 7 zum Muster genommen - ohne so vermessen zu sein, dieses ganz zu erfüllen." Chao Ch'i rechnet den Textumfang also auf 35.000 Schriftzeichen hoch, wollte seinem Zahlenspiel aber zugleich nicht zu viel Anmaßung unterlegen, denn die Zahlen Fünf und Sieben haben in der altchinesischen Zahlenmystik eine ganz ausgezeichnete Bedeutung.

Viel leichter als Chao Ch'i hatten es die Herausgeber der ICS-Konkordanz zu Meng-tzu, als sie ebenfalls die Gesamtzeichenzahl feststellen wollten. Sie brauchten nur auf eine Taste ihres PC zu drücken, und schon zeigte der diese Zahl: 35.417. Seit Chao Ch'i ist der Text also um 732 Schriftzeichen gewachsen, oder Chao Ch'i hat einfach schlecht gezählt. Eine Diskrepanz ergibt sich auch in der Zahl der Abschnitte, eine gegenläufige allerdings. Der heutige Text weist in den sieben Doppelkapiteln 260 Abschnitte aus, Chao Ch'i hingegen zählte 269 und erklärte, er habe bei deren Festlegung die Zahl der Tage dreier Jahreszeiten zum Muster genommen. Auch hier habe er sich bedacht eine genaue Entsprechung zur Musterzahl, wohl 270, versagt.

Auch bei der Festlegung der Kapitelzahl und deren Reihung ging Chao Ch'i offenbar mit großem Bedacht vor. Er erklärt für jedes der sieben Doppelkapitel, warum er diesem jeweils seinen Namen gegeben habe, zum Beispiel bei Kapitel drei: "Nichts ist vortrefflicher für die Regierung als der Weg der Rückkehr zum Altertum. Weil Herzog Wen von T'eng sich freudig zum Altertum zurückwandte, folgt als nächstes Kapitel das mit dem Bericht darüber, wie Herzog Wen schon als Kronprinz begann, eine Gesinnung auszubilden, die sich an das Gute hielt und der Sitte gedachte."

Bei diesen Erläuterungen nimmt Chao stets einen Begriff auf, den er als den wesentlichen des vorstehenden Kapitels bezeichnet hatte. Da das im vierten Kapitel die Klarsichtigkeit (ming) war, erklärt er zu Kapitel fünf: "Klarsicht bedeutet auch, seinen Wandel klar zu machen, und kein Wandel steht höher als der in der Kindesehrfurcht (hsiao). Deshalb folgt als nächstes Kapitel das mit der Frage des Wang Chang, warum Shun zum Klagen und Weinen auf das Feld zog." - Dieser weise Urkaiser wollte in der Jugend seinen Jammer über fehlende elterliche Zuneigung nur für sich und unbemerkt äußern.

Von den "sieben Arten der Regierung" (ch'i-cheng) hatte Chao Ch'i gesprochen, und eben diesen sollen die Kapitel des Meng-tzu entsprechen. Der Begriff ch'i-cheng war zu seinen Lebzeiten auf unterschiedliche Weise gefüllt und hatte mehrere Bedeutungen. Meistens wurde er, mit unterschiedlichen Bezügen, als "sieben Ordnungskräfte" verstanden. Chao Ch'i stellt jedoch auch klar, welche von diesen er meint - nämlich Sonne, Mond und die fünf Sterne, die damals bekannten fünf Planeten. Auch hierbei rückt er seine Textgestaltung des Meng-tzu, wie bei den anderen Zahlenrelationen, in kosmische Zusammenhänge - und das bei den Überlieferungen über die Lehre des orthodoxen und rechtschaffenen Konfuzianers Meng K'o!

Mengzi

Immer wieder läßt sich bei der Analyse klassischer chinesischer Texte aufweisen, daß sich hinter ihrer Textgestalt Erwägungen verbergen mögen, die mit dem Inhalt der in ihnen wiedergegebenen Schriften nicht oder nur lose zusammenhängen. - Die Abbildung zeigt die Titelseite einer frühen deutschen Auseinandersetzung mit Meng-tzu. Sie blieb weitgehend unbekannt und soll deshalb wenigstens in historischem Interesse dokumentiert sein.
 
 
» Nächste Bambusblätter
 
 
 

Endlich: Kyritz an der Knatter!

Als der sommerliche Müßiggänger sich auf den Weg von Berlin nach Hamburg begab, erfreuten ihn bald beiläufige Beobachtungen: In fast allen Orten, Landstädtchen wie Dörfern, entdeckte er eine Hamburger Straße, selten aber eine Berliner! Eigentlich wollte er in Neustadt an der Dosse ein wenig länger verweilen, denn dieser Ort hatte eine Wende seines Lebens bewirkt, obwohl er nie dort gewesen war. Dann entdeckte er, daß ein Städtchen namens Kyritz ganz in der Nähe lag.

Der "Ferkelexpreß" der Prignitzer Eisenbahn fuhr ihn stimmungsvoll nach dort - und es war tatsächlich nicht irgendein Kyritz, sondern eben Kyritz an der Knatter. Vor länger als vierzig Jahren hatte er diesen Namen gelesen, und seitdem war er ihm unauslöschlich im Gedächtnis geblieben.

Kyritz an der Knatter Nicht, daß diese Landstadt, die ehedem sogar Mitglied der Hanse war, sich durch viele Besonderheiten auszeichnete! Der Marktplatz zeigt sich aber hübsch hergerichtet, wie die ganze Stadt. Rathaus, Volksbank und eine mächtige hundertjährige Eiche beherrschen das Bild der einen Seite, und hinter der anderen ragten die eleganten Zwillingstürme der Marienkirche in den blauen Himmel. Einige Ehrenmäler entdeckte der Müßiggänger bei seinen Herumströpereien - für sowjetische und andere Soldaten, auch für die Verfolgten des Naziregimes.

An ansehnlichen Bauwerken fehlte es nicht, auch nicht an Kultur. Letztere bewegte sich zwischen einem Festival mittelalterlicher Musik in den Überbleibseln eines alten Klosters, einem anscheinend recht anspruchsvollen Vereinsleben und einem Ballermann-Saufen am Wochenende. Sogar ein richtiger Tabakladen existiert dort noch. Anscheinend geht es Kyritz nicht ganz schlecht. Einige größere Betriebe sind in ihm angesiedelt, die Gullydeckel der städtischen Kanalisation sehen nach städtischem Wohlstand aus, die Gießkannen auf dem Friedhof wurden allerdings sorgfältig gesichert.

Chinapfanne (Kyritz) Kyritz lädt zum Verweilen ein. Im städtischen Café in Marktnähe erquickten sich die jungen Frauen, darunter eine mit langen roten Haaren und vielen allerliebsten Sommersprossen, die F6, die alte DDR-Marke, schmökte; bei dem Italiener am Markt traf sich anscheinend abendlich die örtliche Jugend, in der altdeutschen Wirtschaft schräg gegenüber ein Teil des gesetzteren Bürgertums. Das Hotel am Markt war freilich geschlossen, doch gleich nebenan liegt die örtliche Touristeninformation. Deren Mitarbeiter - nicht übermäßig beansprucht, aber hilfsbereit - vermittelten ein Zimmer am Stadtausgang: ein angenehmes Landhotel, und beim Ströpen zeigte sich, daß China auch Kyritz zu erobern beginnt.

Nur eine Enttäuschung bereitet Kyritz: Es nennt sich offiziell nicht "an der Knatter", und das Flüßchen nahebei heißt denn auch Jäglitz. Eine Schautafel am Markt erklärt, das "an der Knatter" gehe auf die Geräusche zweier Windmühlen am Ortseingang zurück. Trotzdem, wie ließe sich dieser Name "Kyritz an der Knatter" touristisch vermarkten, so unvergeßlich wie er ist! Ein ganzes Fremdenverkehrskonzept in dieser sonst wenig spektakulären Gegend ließe sich darum entwerfen.

Den Ferkelexpreß gibt es bereits, ein Lügen-Museum liegt unweit, und das wohlbefinden- und leberkräftigende "Knatterwasser" ist in der örtlichen Apotheke zu erwerben. Noch einige solcher Dinge, und nach Kyritz an der Knatter würden viel mehr Müßiggänger streben - in dieses liebenswürdige Städtchen, das einst Chorizi hieß, das für seine 300 Tuchmacher berühmt war und dessen Bier bis nach Hamburg als "Mord und Totschlag" verkauft wurde. Offenbar zog es den nördlicheren Hanseaten die Schuhe aus.
 
 
 

Trauerzeiten: der kleine Alfa am Mittelweg

Eigentlich müßte jedermann diesem liebenswürdigen Auto mit der beziehungsreichen Bezeichnung Alfa Romeo zugeneigt sein. Schon wochenlang steht es jedoch verlassen am Mittelweg, schräg gegenüber der Einmündung der Alsterchaussee in diesen. Regenstaub und Straßendreck decken allmählich seinen Liebreiz zu.

Hierzulande werden diesen Gefährten, ganz wie das Wort gebietet, oft menschliche Kosenamen beigegeben. Cousine Marianne nennt, wohl angemessen, ihr Auto kosend "Paulchen", doch für die wartende Zierlichkeit am Mittelweg erschiene ein klingender Frauenname angemessener. Barbara vielleicht, Antje, Johanna wohl nicht, eher Christiane, vielleicht am besten Anika? Ja, das klingt zierlich und hell, auch hinlänglich beschwingt. Und wenn jetzt morgens schon einmal Rauhreif den Schmutz auf dem roten Lack zudeckt, wird einem vielleicht auch einer dieser poetischen chinesischen Frauennamen einfallen - "Schneeglanz" zum Beipiel.

Wer hat dieses hübsche kleine Sommerauto so lange vergessen, daß es wie nach einem vergessenen Rendezvous aussieht? War das ein rüder Autodieb, der seine Beute schnöde abstellte? War es eine junge Frau, zu der ein solches Gefährt allein paßt? Vielleicht ist sie mit sich verfallen, vielleicht ist sie für eine Weile in einen mächtigen Bentley umgestiegen? Wer weiß.

alfa

Am meisten verwundert, daß niemand sich dieser wartenden Schönheit annimmt. Polizeistreifen, Abschleppdienste und Müllabfuhr fahren alle Augenblicke daran vorüber - und sollte sich nicht auch ein richtiger Liebhaber dafür interessieren?
 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum