Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 27
1. Dezember 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Sprachwettstreit und gute Laune

Am Sonnabend, dem 15. November 2003, hatte die » ChinA ihre und sonstige Räume des AAI wieder weit geöffnet: Der Chinesische Verein, Hamburg, der älteste und seit 1927 bestehende Zusammenschluß von Chinesen in der Freien und Hansestadt, wollte seinen 2. Rede- und Vorlesewettbewerb in chinesischer Sprache veranstalten. Die "Taiwan Business Association in North Germany" und sechs weitere Vereinigungen/Institutionen luden ein.

Manche chinesische Mutter ermahnte ihren Sprößling in deutscher Sprache zu gesitteten Verhaltensweisen - und eben das gab auch den Hintergrund dieser Veranstaltung ab: wider den Verlust der Muttersprache und der Bindung an die Heimatkultur bei den in Hamburg aufwachsenden Kindern! Um Teilnahme an diesen Wettstreiten waren auch Studierende der ChinA gebeten worden, allerdings sehr kurzfristig.

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Generaldirektorin Agnes Chen vom » Taipeh-Büro Hamburg eröffnete die Veranstaltung - und dann entzückten den deutschen Beobachter die kleinen chinesischen "Dötzken" mit ihren Darbietungen im Rahmenprogramm und zum Wettbewerb! Die zahlreichen chinesischen Anwesenden bedachten vor allem die Hamburger Sino-Studis mit kräftigem Beifall. Einige von diesen führten sogar einen Sketch über Orientierungsschwierigkeiten in Peking auf, worauf der neue Lektor, Ni Shaofeng, sie in weniger als einer Woche vorbereitet hatte.

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Das Getöse der ganz Kleinen, die noch nicht "wettbewerbsfähig" waren, hallte im ganzen AAI wieder. Und ihre Mütter hatten, wie nicht anders zu erwarten, einige Stände mit Imbissen vorbereitet. Erkennbar trug auch deren Wohlgeschmack zu der guten Laune aller bei, während den Beobachter die Unbeschwertheit der ganz Kleinen entzückte.

Ob sich wohl einrichten läßt, daß im nächsten Jahr - und nach viel längerer Vorbereitung- ein solcher, ja doch spielerischer Wettbewerb mit Teilnehmern aus allen Institutionen, die in HH chinesischen Sprachunterricht anbieten, organisieren läßt? Die ChinA, die keine politischen Rücksichtnahmen wahrzunehmen hat, könnte dafür ein geeignetes "Dach" schaffen, und ebenso begeisternd wie sinnvoll für unsere Freie und Hansestadt könnte ein solcher umfassenderer chinesischer Sprachwettbewerb wirken - zum Vorteil aller Beteiligten.

Von allen Preisen abgesehen, die chinesische Juroren den HH-Jungsinologen zuerkannten - da sitzt man als Prof. nebenbei, erlebt sie unversehens auf andere Weise als bisher - und kann angesichts all dieser anwesenden und über sie begeisterten Chinesen seinen Stolz kaum unterdrücken.
 
 
 

Zum Gedenken an Tilemann Grimm (*27.2.1922 + 25.7.2002)

Tilemann Grimm Sein stiller Tod liegt schon länger als ein Jahr zurück. Jetzt bietet die dunkle Jahreszeit die beste Gelegenheit, dieses lichten Menschen zu gedenken.

In den Akten der ChinA befindet sich ein undatierter, wohl Ende der 1950er Jahre geschriebener "Lebenslauf, mit besonderer Berücksichtigung des wissenschaftlichen Werdeganges" aus der Hand von Tilemann Grimm. Er umfaßt, in vier Absätzen, 43 Zeilen Schreibmaschinentext. Der erste Absatz lautet:

"Am 27. Februar 1922 wurde ich als ältester Sohn des Augenarztes Dr. med. Reinhold Grimm in Höxter/Weser geboren. Im März 1923 fuhren meine Eltern mit mir nach China. Mein Vater war schon in den Jahren 1912 bis 1920 in Tsinanfu und Peking als Arzt tätig gewesen. Ich kam im Jahre 1928 auf die deutsche Schule in Peking, seit 1929 in Tientsin. Nebenbei erhielt ich Privatunterricht in Chinesisch, das ich bis zu meiner Abreise aus China in meinem 13. Lebensjahr in Wort und Schrift flüssig erlernte."

Auch am Ende des zweiten Absatzes ist Tilemann Grimm noch nicht bei seinem Sinologiestudium in Hamburg, das für seinen "wissenschaftlichen Werdegang" so bedeutsam werden sollte, angelangt. Kindheit und Jugend in China - und der chinesische Alltag prägte ihn anscheinend viel stärker als die Wissenschaft beziehungsweise prägte er auch seine Wissenschaftlichkeit. Sein Sohn Rüdiger Grimm berichtet in biographischen Erinnerungen an seinen Vater:

"So mischen sich in das Leben eines deutschen Jungen in China die Einflüsse chinesischen Lebens. In seiner Erinnerung hob er später die gleichaltrigen Spielkameraden auf der Straße und das immer wieder erwähnte 'Küchenpersonal' hervor. - Übrigens blieb die chinesische Küche für Tilemann ein Hauptbestandteil seines eigenen Familienlebens. Seine Frau Johanna lernte vorzüglich chinesisch kochen zu Zeiten (den 1950ern), als es in Deutschland keine chinesische Restauration gab. Davon profitierten nicht nur wir Kinder (...), sondern auch zahllose Freunde und Gäste."

Tatsächlich, erst als ich in der ersten Hälfte der 1960er Jahre in Freiburg/Breisgau Sinologie studierte, wurde dort ein vielbestauntes China-Restaurant eröffnet, bald nach einer Pizzeria, und wir wenigen Jungsinologen kratzten immer wieder einmal die letzten Groschen zusammen, um uns auf diese Weise einen Hauch von China-Anschaulichkeit zu verschaffen. Damals, in den Zeiten des Kalten Krieges, zählte die junge VR China durchaus zu den "Schurkenstaaten" in der Sicht des Westens, damals auch lernte ich Tilemann Grimm kennen: Auf Einladung der Arbeitsstelle für kulturwissenschaftliche Forschung, dem Vorgänger des heute renommierten Arnold-Bergstraesser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung, hielt er einen Vortrag, und ich hatte ihn vom Bahnhof abzuholen. Direkt oder indirekt sollten sich unsere Lebenswege noch mehrmals kreuzen.

1953 war Tilemann Grimm mit einer Arbeit über "Das Neiko der Ming-Zeit" und 1959 mit einer solchen über "Erziehung und Politik im konfuzianischen China der Ming-Zeit" habilitiert worden - am damaligen Seminar für Sprache und Kultur Chinas der Universität Hamburg. Jeweils ein Jahr danach waren die Arbeiten erschienen und hatten seinen Ruf als ausgezeichneter Wissenschaftler begründet.

Unter seinem Lehrer Wolfgang Franke war dieses Seminar eine Hochburg für Studien zu der chinesischen Kaiserdynastie Ming (1368-1644) geworden. Noch Jahre später, als Tilemann Grimm nach einem ersten Ruf auf einen Lehrstuhl in Münster (1962) an die neugegründete Ruhr-Universität Bochum berufen wurde (1965), sollte ihm diese Ming-Dynastie dort die Orientierung erleichtern. Die unpersönlichen, gleichförmigen Bauten auf dem Campus fern der Stadt ordnete er sich, wie sein Sohn erzählt, in dieser Folge: Medizin - Ingenieurwissenschaften - Naturwissenschaften - Geisteswissenschaften. Deren Anfangsbuchstaben ergaben eben ein MING.

In Bochum hatte Tilemann Grimm, wie zuvor in Münster, ein neues Institut aufzubauen. Etwas anderes, nicht weniger wichtig, kam hinzu. Damals gab es in Deutschland nur wenige Chinakenner oder Sinologen, die noch über unmittelbare persönliche Chinakenntnisse verfügten und sich dazu für die Vorgänge im gegenwärtigen China des Mao Tse-tung interessierten. Dabei wuchs das Interesse der Öffentlichkeit an zuverlässigen Informationen hierüber. Er trug dem durch eine abgewogene Biographie des "Großen Führers" und eine kommentierte Übersetzung seiner Hauptschriften Rechnung, scheute bei solcher Hinwendung zur Information einer größeren Öffentlichkeit auch nicht journalistischen Formen, wie ihn überhaupt manche unbefangene kleine Grenzüberschreibung auszeichnete - über die Schreibtischgelehrsamkeit hinaus.

Die schönste Zeit seines beruflichen Lebens mag dann nach seinem Ruf an die Universität Tübingen (1974) begonnen haben, wo sich ihm ein zu seinem Lebensgefühl passendes persönliches und dienstliches Umfeld öffnete - angefüllt von Dienstpflichten, Ehrungen und Freundschaften. An dergleichen hatte es ihm auch vorher nicht gefehlt, doch ich erinnere mich gerne an ein gelehrtes Symposium anläßlich seines 60. Geburtstages, dem er voll bescheidener Zurückhaltung beiwohnte, dem er vor allem aber seine vortreffliche Gastfreundschaft erwies.

Bald sollte sich die VR China dann "öffnen", und Reisen und Kontakte nach dort wurden wieder möglich. Mit offiziellen Delegationen oder als Privatreisender brach er nach dort auf, lehrte auch ein Semester lang an der Universität Nanking, der Partneruniversität der Universität Tübingen, plante sogar mit seiner hochbetagten Mutter, Irmgard Grimm, weitere gemeinsame Reisen - auf den Spuren seiner Kindheit. Äußere Gegebenheiten scheinen das verhindert zu haben, doch diese erstaunliche Frau durchquerte China noch auf zwei mehrwöchigen Reisen. Auch sie hat, übrigens, wie auch sein Vater über China publiziert.

Die Leidenschaft, mit der Tilemann Grimm als akademischer Lehrer wirkte, deutet sich unter anderem darin an, daß er sein Lehramt über die übliche Emeritierungsgrenze, das 65. Lebensjahr, hinaus wahrnehmen wollte. Auch dazu sollte es nicht kommen. Ein schleichendes stilles Leiden stahl sich in sein Leben, das so kraft- und freuderfüllt war, und enthob ihn in zunehmendem Maße der Alltäglichkeiten.

Wissenschaftliche Arbeiten haben kurze Halbwertzeiten, das liegt in der Natur wissenschaftlichen, forschenden Arbeitens begründet. Der Blick des Historikers einer Fachdisziplin mag sie in ihrer jeweiligen Bedeutung einschätzen, doch stärker wirkt aus dem Wirken eines Forschers etwas anderes nach - seine Begeisterungsfähigkeit, die sich an seinem Leben, seiner Lehre oder auch an seinen Forschungsarbeiten gezeigt haben mag. An solcher Begeisterungsfähigkeit gebrach es, wahrlich, Tilemann Grimm nicht! - Vielleicht hängt mit ihr auch zusammen, daß gegenwärtig an seinem alten Institut in Hamburg ein junger Verwandter, ein Großneffe (?), Sinologie studiert, augenscheinlich ebenfalls voller Begeisterung.

Und wie der Zufall will: An diesem Wochenende um den 22. November herum, an welchem ich diese HCN 27 schreibe, fiel mir bei Aufräumungen im Institut ein schmales Heft in die Hand - die Druckfassung eines Vortrags, den er vor der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften gehalten und zu dem er mich eingeladen hatte. Einer Aufzeichnung seines Sohnes Rüdiger Grimm entnehme ich ferner, daß sein Vater für das Titelblatt des Hüttenbuches für sein Refugium in den Kärntner Bergen ein dem Konfuzius zugeschriebenes Gedicht übersetzt hatte - zum Lobpreis der Berge, in ihrem "Einklang von Yin und Yang". In solchen Annäherungen an jenen alten Weisen begegne ich ihm noch einmal, indirekt; und vielleicht freut ihn irgendwo, wenn ich ihm später am Abend ein Glas Wein zugedenke.
 
 
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