Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 27
1. Dezember 2003
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

COSCO und Ginkgo GMF: Unternehmen aus der VR China in HH - ein Überblick

Hamburg und China, das ist die Geschichte einer alten Freundschaft. Seit dem 18. Jahrhundert unterhalten Hamburger Kaufleute wichtige Handelsbeziehungen mit China. Aufgrund dieser historisch engen und guten Verbindungen hat Hamburg eine ausgeprägt günstige Infrastruktur für Chinesen. Ab 1984 begannen chinesische Firmen deshalb verstärkt, eigene Niederlassungen in Hamburg zu gründen - eine neue Entwicklung.

Heute ist Hamburg für China das Handelszentrum Europas. Müßig zu sagen, daß Deutschland in Europa Chinas stärkster Wirtschaftspartner ist und Hamburg mittlerweile mehr Unternehmen von dort angezogen hat als jede andere deutsche Stadt.

Ungefähr 350 chinesische Firmen, Institutionen und Repräsentanzen (davon ca. 20% aus Taiwan und ca. 10% aus Hongkong) sind heute in Hamburg und von Hamburg aus aktiv. So wundert es nicht, daß mehr als 60% des deutsch-chinesischen Handels über Hamburg abgewickelt werden. Die meisten Firmen (ca. 90%) betreiben Import/Export-Geschäfte. Die Mehrzahl unter ihnen sind kleine Firmen mit wenigen Mitarbeitern. Aber auch die großen Staatskonzerne, Staatsreedereien und die Staatsbank, die Bank of China, sind vertreten.

International agierende Handelsunternehmen wie der Staatskonzern Baosteel Trading Europe (Stahlhandel) nutzen Hamburg als Drehscheibe für Dienstleistungen oder für den Export von Waren in alle Teile Europas. Über die Umsätze der Firmen in Hamburg liegen keine genauen Angaben vor, jedoch gehört Baosteel mit einem Umsatzvolumen von geschätzten mehr als 100 Millionen zu den umsatzstärksten Unternehmen. Als eine der jüngsten großen Ansiedlungen hat der Staatskonzern Chinatex mit der Firma Mode Contor seine Europazentrale in Hamburg gegründet. Chinatex setzt auf Kleidung, die in China produziert und in Europa vertrieben wird.

cosco Die Bedeutung des Hamburger Hafens hat die großen Container-Reedereien Chinas wie die China Overseas Shipping Corporation (COSCO), China Shipping und Sinotrans nach Hamburg gezogen. Diese haben in der Hansestadt ihre Deutschland- und Europazentren aufgebaut und nutzen die Chinakompetenz Hamburgs für ihre Aktivitäten in ganz Europa. COSCO gehört mit über hundert Mitarbeitern zu den größten chinesischen Arbeitgebern der Stadt. Mit der Benennung des neuen Container-Schiffes "COSCO Hamburg" wurde die starke Bindung des Unternehmens an Hamburg unterstrichen. Das Unternehmen ist in Hamburg auch im Im- & Export-Bereich tätig.

Auch das Erscheinungsbild der Firmen erinnert nicht mehr an die Verschlossenheit früherer in China üblicher Kassenhäuschen. Gerade am Beispiel von COSCO, mit seinem modernen gläsernen Verwaltungsgebäude, wird deutlich, mit welcher Offenheit und auch voller Selbstbewußtsein chinesische Firmen sich heute im Ausland präsentieren. Ein Blick in den Internet-Auftritt solcher Firmen bietet meistens eine Fülle von Informationen und läßt für deren Besucher kaum Wünsche offen.

Die Vielfalt der Geschäftsziele ist immens. Schaut man sich die Liste der Firmen an, so fallen einem Namen wie "China Classification Society" auf, und auf Anfrage erfährt man, daß die Firma technische Ausrüstungsgegenstände deutscher Hersteller für den chinesischen Schiffbau auf ihre Zulassung für China prüft. Und die Ginkgo GMF Außenhandelsgesellschaft mbH handelt nicht, wie man vermuten könnte, mit in China hergestellten Produkten aus dem gleichnamigen chinesischen Tempelbaum, sondern exportiert deutsches Buchenholz nach China, weil es dort für Furniere und Dekorationen beliebt ist. Hinter dem Firmenkürzel ZPMC steht die Zhenhua Port Machinery Co. aus Shanghai, die mit Kränen handelt und unter anderem die mächtigen Containerbrücken des neuen Container Terminals Altenwerder (CTA) mit aufsehenerregenden Spezialschiffen, komplett montiert, nach Hamburg gebracht hat (Foto Ursula Leuppi).

Containerbrücken. Foto: Ursula Leuppi

Neugierig machen auch phantasievolle Namen wie New Tomorrow Deutschland GmbH oder Proud World Int. Ltd. Erstere will den Namen in die Zukunft ausgerichtet sehen, denn sie bietet Produkte der Solartechnologie an, während letztere uns mit Kosmetikprodukten dekorativer erscheinen lassen will. Auch die Reisebranche ist gut vertreten. Hier zählt die Caissa Touristic Group zu den bekanntesten Unternehmen. Caissa organisiert nicht nur Reisen nach China, sondern betreut auch die jetzt vermehrt aus China kommenden privaten Reisegruppen. Ihnen ist es aufgrund eines von China Deutschland zugebilligten Sonderstatus, dem Approved Destination Status (ADS), möglich, Privatreisen nach Deutschland zu unternehmen. Deutschland hat sich damit als erstes europäisches Land für den chinesischen Tourismus geöffnet.

Bunt erscheint schon jetzt die Szenerie der in Hamburg ansässigen chinesischen Firmen, und in Zukunft wird sie wohl noch bunter werden. Manches in ihr wird mit einiger Diskretion behandelt, und wirklich "harte" Fakten über ihre Geschäftstätigkeiten lassen sich nur selten ermitteln, auch nicht über ihre konkrete Bedeutung für die Freie und Hansestadt - jedenfalls darüber hinaus, daß sie auch als sogenannter Standortfaktor wichtig sind.

Klaus Brockmann

 
 
 

China-HH, so nebenbei

Im Jahre 2002 heiratete in Hamburg ein chinesischer Mann eine deutsche Frau, umgekehrt gewannen sieben chinesische Frauen einen Deutschen für die Ehe. Tatsächlich nicht mehr - angesichts der 3.122 Chinesen, die 2002 in Hamburg lebten, ungefähr 350 mehr als im Vorjahr? 579 zogen in diesem Jahr zu, bevorzugtes Wohngebiet Wilhelmsburg, 304 kehrten nach China zurück.

Solche und andere interessante Zahlen enthält das China-Faltblatt, welches das Statistische Landesamt Hamburg jetzt, um den 22. November herum, da diese Notizen geschrieben werden, veröffentlichte.

WamS, 5.10.2003 Während der vergangenen Wochen waltete wieder ein "China-Boom in Hamburg", wie das "Abendblatt" am 7. November titelte. Für den 30. September, etwas vorzeitig, hatte der neue Generalkonsul Ma Jinsheng, zur Feier des 54. Jahrestages der VR China ins "Atlantic" eingeladen (Abb. nach WamS, 5.10.2003). Er lobte die "Bürgernähe" der neuen Führung in Peking, Bürgermeister von Beust lobte sein "Chinazentrum Europas", und Altschlagerbarde Freddy Quinn grantelte dazu. Er hatte sich eine chinesische Krawatte umgehalst und sah beinahe auch wie ein alter Chinese aus. Vielleicht begab er sich hinterher in die "Aufgehende Sonne" - das Chinarestaurant, welches das "Atlantic" sich unlängst zugelegt hatte. Ein Gourmet entdeckte in diesem "Tsao Yang" allerdings reichlich Schatten. Nun, auch die Morgensonne muß manchmal alle Kraft zusammennehmen, um durch die Wolken zu dringen.

Zuvor, Ende September, hatte die HH-Landesvertretung in Berlin ihr beinahe schon traditionelles "Mondfest" gefeiert - chinesisch gefeiert also, wie denn auch die ganze Landesvertretung mit zeitgenössischer Kunst aus Shanghai dekoriert ist. Wohlberaten - denn bei dieser Gelegenheit herrschen dabei eine schreckliche Enge und ein entsprechendes Kleinklima - hatte Altbundeskanzler Helmut Schmidt sich diesen Termin versagt, aber diese Kunstsammlung zuvor gewürdigt. Als langjähriger Chinaexperte bekannt, wußte er mit kräftiger Stimme ebenso kräftige Urteile abzugeben.

Chinesische Kunst boten auch wieder mehrere kleine Ausstellungen, doch Aufsehen erregten auf Kampnagel die Oktober-Darbietungen des "The Living Dance Studio" aus Peking. Soviel öffentlichen Sex hatte "den Chinesen" wohl niemand zugetraut. Ein kluger Criticus wußte dann auch: "Die Chinesen suchen zwischen dem Eifer, unseren Lebensstil zu kopieren, und der Treue gegenüber ihrer Kulturtradition nach neuer Identität. Das Körperbild spiegelt den sozialen Umbruch im rapiden Sozialwandel." - Ja, das Körperbild im sozialen Umbruch im Sozialwandel"! Welche Körperteile brachen auf Kampnagel wohl um?

Seriöser ging es im Museum für Kunst und Gewerbe zu. Dieses zeigte in einer faszinierenden Ausstellung die Projekte, die das HH-Architekturbüro von Meinhard von Gerkan und seinen Partnern in China bereits verwirklicht beziehungsweise dafür konzipiert hat. Dazu gehört Luchao, der neue Hafen von Shanghai, der nach jüngsten Planungen noch grandioser, zugleich auch heiterer gestaltet werden soll als ursprünglich gedacht.

HA 12.08.03 China-Visionen kamen auch wieder in HH auf. Eine einfallsreiche Sachverständigengruppe plant für die Hafen City ein "Chinator" (siehe die Abb. aus HA 12.08.03), ganz chinesisch symbolreich. Sonst war über die Verwirklichung der Chinaträume für die Hafen City einstweilen nicht mehr viel zu erfahren, wohl aber: Harburg plant "Drachen-Türme" für sich, und zukunftsfroh titelte das HA schon am 21. Oktober: "Harburg bekommt eine Chinatown". Angesichts solcher Aufmüpfigkeit des "kleinen Bruders" Harburg erscholl dann, am 21. 11. 03 laut der Ruf im Abendblatt: "Wirtschaft will China-Zentrum".

Wo viel Licht ist, können auch (siehe oben) Schatten oder Wolken nicht ausbleiben. In einem chinesischen Reiseunternehmen ereignete sich ein merkwürdiger Totschlag, zwei Mitarbeiterinnen als Opfer und Täterin. Dieser Fall scheint tragische Züge zu haben. - Lediglich bedauerlich ist, daß der Zoll wieder etliche Millionen Schmuggelzigaretten aus China aufstöberte. Nach den bevorstehenden Steuererhöhungen ist der hiermit verbundenen Sparte chinesischer Geschäftsleute zu wünschen, daß sie sich der Umsicht und Raffinesse vergewissern, die chinesischen Geschäftsleuten gemeinhin nachgesagt wird - und daß sie vor allem eine gezielte Marktorientierung entwickeln.

Einen Höhepunkt der HH-Chinalust bildete dann der Besuch des neuen Shanghaier Oberbürgermeisters, Han Zheng. Ole von Beust hatte sich vorher noch schnell die Tonkrieger auf der Kleinen Moorweide angesehen - gebührend beeindruckt, auch von der damit verbundenen Demonstrationsgymnastik eines Taiji-Meisters. "Machen Sie so etwas auch?" fragte er verwundert den Berichterstatter, und beide einigten sich schnell, daß ihnen als meditative Übung das Schwenken eines Rotweinglases ausreiche. - Beide Bürgermeister scheinen sich später gut verstanden zu haben.

Das mit diesem Besuch verbundene "Senatsfrühstück" im Kaisersaal des Rathauses erwies sich als eine raffinierte Mischung aus Zukunftsvisionen und Traditionspflege. Nach dem Hauptgang, "Streifen von der Rinderlende, Blumenkohlröschen, grüne Bohnen, Pfeffersauce, Maismehl-Plätzchen", skizzierten beide Bürgermeister Zukunftserwartungen und Zukunftsblicke. Der Hauptgang selbst wurde, traditionsgemäß, beinahe kalt aufgetragen, und seine Maismehl-Bratlinge erinnerten an die unmittelbare Nachkriegszeit. Die "Hamburger Vorspeise" zum Auftakt war ohnehin der vertraute Rathaus-Klassiker. Eine überraschende Hinwendung zur Tradition gelang den Rathausköchen dann mit dem Dessert: "Salat von Tropenfrüchten". In den 1960er Jahren hieß dergleichen Obstsalat und stammte an einem bürgerlichen Eßtisch aus Blechdosen.

Fröhlich pfeifend verließ der Berichterstatter das Rathaus noch vor der "Hanseaten-Mischung" aus Mocca und grünem Tee. Alle seine Erwartungen waren erfüllt worden, bei den beiden Rieslingen gar übertroffen, und er hatte sich mit einem Grünen-Abgeordneten vortrefflich unterhalten. Ihm klang noch im Ohr, "300 Firmen aus dem Reich der Mitte seien bereits an der Alster" und daß der HH-Kleidermacher Tom Tailor endlich nach China aufbrach und bereits alle Geheimnisse des chinesischen Marktes kenne.

Ernüchternd waren, nach tagelanger Hochstimmung, dann wieder die Zahlen des Statistischen Landesamtes. Im Jahre 2002 haben HH-Unternehmen 5.8 Millionen Euro für Direktinvestitionen in China aufgewendet. Von chinesischer Seite wurden in HH 0.04 Mill. Euro in Hamburg investiert, das sind 40.000 Euro. Eine Bürgermeister-Reise kostet mehr. - Indes, welche Bemessungskriterien legt das Landesamt für Investitionen an? Und, hat wirklich nur ein einziger chinesischer Mann in HH eine Deutsche im Jahre 2002 ehelich an sich gebunden?
 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum