Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 26
14. September 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Siegelgeschichten I

Wang Fu: "Verabschiedung eines Freundes" Unlängst fragte mich Nachbar Heinrich Esch, Diplom-Ingenieur seines Zeichens, was denn die kleinen roten Flecken auf diesem Bild bedeuteten. Dabei deutete er auf die Reproduktion eines chinesischen Tuschebildes. Als ich ihm erklärte, das seien Siegelabdrucke, zeigte er sich befremdet - nicht verwunderlich.

Mit den Siegelabdrucken auf chinesischen Kunstwerken hat es eine Bewandtnis, eigentlich gleich mehrere Bewandtnisse, und die oft auch noch gleichzeitig. Natürlich gehören dazu die Abdrucke der Künstlersiegel, die einer Signatur in europäischen Kunstwerken entsprechen. Befremdlicher ist schon, daß auch spätere Eigentümer und Sammler eines solchen Bildwerkes oder einer Kalligraphie ihr Siegel, noch dazu in Rot, auf die Bildfläche drücken. In den westlichen Traditionen gehören solche Vermerke allenfalls auf die Rückseite des Werkes.

Die chinesischen Künstler legten, ganz anders, ihre bildhaften Darstellungen oft so an, daß sie willentlich Raum für solche Siegelabdrucke, auch künftige, ließen und diese gar herausforderten. Sie bilden einen Teil der Bildkomposition und bezeugen auf jeden Fall die Auseinandersetzung des Betrachters mit diesem Kunstwerk. Dabei kann der Siegler sich selbstredend auch als Banause erweisen - wenn er sein Siegel gar zu protzig oder zu ungeschickt placiert. Auf vielen Bildern und ihren Montierungen finden sich mehr als zehn solcher Siegelabdrucke, und oft erzählen diese ganze Geschichten. - In der Ausstellung aus dem Palastmuseum Taipeh/Taiwan, die gegenwärtig in Berlin gezeigt wird, lassen sie sich studieren. Zwei Sonderfälle solcher Vielfachsieglungen gehören dazu (Abb. Katalog):

Tsou I-kuei: Aprikosenzweig Ein Bild von Wang Fu (1362-1416), das eine Berglandschaft mit Pavillon, in dem einige Menschen hocken, zeigt, ist "Verabschiedung eines Freundes" betitelt. Das war ein schöner Brauch unter den Literatenbeamten des kaiserlichen China, daß sie einem Freund oder Kollegen, der an einen anderen Ort versetzt war, ein Weggeleit gaben! Nicht selten führte dieses Geleit bis zu Stätten mit besonderen Sehenswürdigkeiten. Eben einen solchen Abschied dokumentiert dieses Bild, und jeder der Freunde fügte der Landschaft ein Gedicht und eben einen Siegelabdruck hinzu.

So wohne der alten chinesischen Kunst, meinte der Ingenieur-Nachbar, also schon früh ein starkes kommunikatives Element inne. Das gilt zwar für alle Kunst, aber die chinesische zeigt das, unter anderem durch die Sieglungen, besonders deutlich. - Was hätte dieser Nachbar aber zu dem folgenden "Fall" gesagt?

Kaiser Ch'ien-lung (1736-1795) bat seinen Hofmaler Tsou I-kuei, ihm in einem bestimmten Kloster einen Zweig mit Aprikosenblüten zu malen. Im Laufe der Jahre nahm der Herrscher sich dieses Bild immer wieder vor. Insgesamt 14 Gedichtaufschriften fügte er ihm hinzu, nicht weniger Siegel. In beinahe manischem Aneignungswillen hat sich dieser Kaiser mit den Kunstwerken seiner Sammlung auseinandergesetzt, mit bis zu dreißig Sieglungen von seiner Hand, wenn nicht noch mehr.

Eine andere Art der Sieglung zeigen die Kalligraphien des gerade in HH weilenden chinesischen Künstlers Chen Heliang, wie der Kaiser ein Vielfachsiegler. Frech, listig und lustig lugen seine Sieglungen zwischen den Schriftzeichen, die alte Philosophenweisheiten oder Gedichte wiedergeben, hervor oder tanzen zwischen ihnen herum. So schaffen sie anmutige Distanz zu deren Bedeutungsschwere.

Kalligraphie von Chen Heliang

 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 14, HCN 25
 
 

Kongzi

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Wer war eigentlich alles bei König Hui von Liang?

1. Die Unterredungen des Meng K'o mit König Hui von Liang

Der Text Meng-tzu beginnt fulminant: Meng 1A.1 zeigt den Meister, Meng K'o (trad. 372-289, nach Ch'ien Mu 390-305), augenscheinlich bei einem ersten förmlichen Besuch bei König Hui von Liang (regn. 370-335). Der König fragt, wie er seinem Staate nutzen (li) könne. Meng fährt aus der Haut: Nicht auf den Nutzen komme es an, sondern auf Menschlichkeit (jen) und Rechtlichkeit (i). Die Rage des Meng läßt sich nachvollziehen. Er hatte, nach Ausweis der Textsammlung Meng-tzu, oft genug gegen mohistische Lehrtraditionen gewettert, und zu deren zentralen Begriffen gehörte eben li, "Nutzen". - Vier weitere Gespräche zwischen dem König und Meng stellt Meng-tzu sodann dar:

Meng 1A.2: An einem See erfreut sich der König der Wasservögel und Hirsche und fragt, ob auch ein Würdiger sich daran freue. Meng erklärt, ein Nicht-Würdiger könne sich an derlei nicht erfreuen. Durch ein längeres Zitat aus dem Buch der Lieder, das sich auf den Musterkönig Wen von Chou bezieht, und einen Hinweis auf das Buch der Schriften, mit Chieh, dem letzten Herrscher der Hsia, als Gegenbeispiel legt Meng dar, besser als solche "alleinige Freude" (tu-lo) sei allerdings, die Freuden mit dem Volke zu teilen.

Meng 1A.3: König Hui von Liang erklärt, er setze sich doch mit ganzem Herzen (chin-hsin) für den Staat ein, gibt Beispiele dafür und fragt, wieso sein Volk trotzdem nicht durch Zuzug aus den Nachbarstaaten zahlreicher werde. Da der König den Krieg liebe, erklärt Meng, wolle er ihm zunächst ein entsprechendes Beispiel nennen. Sodann führt er aus, daß der König auf dem Wege der Besserung der allgemeinen Lebensverhältnisse, auch der moralischen Bildung, nicht weit genug gegangen sei bzw. diesen noch gar nicht beschritten habe. Wenn er sich darum bemühe und verhindere, "daß Hunde und Schweine die Nahrung der Menschen fressen", dann würde Volk aus dem ganzen Reiche zu ihm kommen.

Meng 1A.4: König Hui von Liang erklärt, er wolle "ruhig" (an) Belehrungen annehmen. Durch ein Fragespiel bringt Meng ihn zu der Einsicht, daß zwischen der Tötung eines Menschen durch ein Messer oder durch Regierungsmaßnahmen ein Unterschied nicht bestehe. Sodann erklärt er ihm, daß durch Wohlleben der Herrschenden die Tiere dazu gebracht würden, die Menschen zu fressen. In seine Argumentation ist ein Chung-ni/Zitat eingebettet.

Meng 1A.5: König Hui von Liang stellt kurz die prekäre Lage seines Staates dar und fragt, wie er diese Schmach ausgleichen könne. Meng verweist ihn auf eine Regierung der Menschlichkeit (jen-cheng), die den Menschen Zeit für ihre eigenen Belange lasse, und die Pflege weiterer moralischer Normen.

Nur bei zwei von diesen fünf Abschnitten ist, überdies in äußerster Knappheit, die Gesprächssituation angedeutet (1A.1/1A.2), sonst bestehen sie nur aus wörtlichen Reden. Das ist bei solchen "Anekdoten" in der klassischen/spätklassischen Literatur nicht ungewöhnlich. Besonders bei diesen ist allerdings, daß drei Abschnitte mit einem Wort des Königs beginnen. Würde dieser nicht stets neu und förmlich als König Hui von Liang bezeichnet, ließen sich diese Abschnitte auch als fortlaufender Text lesen - wobei vielleicht die Reihenfolge nicht die plausibelste wäre. Durch die Abschnittsunterteilung entsteht der Eindruck, der Meister Meng habe wiederholt mit dem Herrscher gesprochen. - Möglicherweise stammt diese Unterteilung in Abschnitte ja von Chao Ch'i, dem Urkommentator des Meng-tzu.


2. Wann und wie lange weilte Meng K'o in Liang?

SC 14 und SC 44 sagen klar und deutlich, Meng K'o sei im Jahre 336 an den Hof von Liang gekommen. Im nächsten Jahr schon, 335, starb König Hui.

Meng 1A.6 bietet noch eine Aufzeichnung über einen förmlichen Besuch von Meng K'o bei dessen Nachfolger, König Hsiang. Meng erzählt hinterher irgendwelchen Menschen/ jemandem (jen), der König habe ihn unvermittelt gefragt, wie er das ganze Reich festigen könne, d.h. durch eigene Hand und für sich, nicht nur den eigenen Staat. Er habe ihn darauf hingewiesen, daß das nur jemandem gelinge, der auf das Töten von Menschen verzichte.

Demnach hätte Meng möglicherweise ein Jahr oder länger in Wei geweilt. - Ist es tatsächlich erst nach der Inthronisation des Hsiang zu diesem Gespräch gekommen? Denkbar wäre auch, daß irgend jemand ein früheres Gespräch mit dem Kronprinzen einfach auf diesen als König umgeschrieben hat.

Aus diesen kargen Überlieferungen läßt sich jedenfalls nicht einmal ein ungefähres Bild von den Umständen des Aufenthaltes von Meng K'o in Liang gewinnen.

SC 74, die seltsame "Biographie" des Meng K'o, sagt über diesen Aufenthalt nur, König Hui habe seine Worte nicht für wirklichkeitsnah (kuo) gehalten, und bemerkt an anderer Stelle als teil einer Art Spruch: "König Hui von Liang beriet über seinen Wunsch, Chao anzugreifen; Meng K'o führte an, wie der Große König Pin verlassen habe."

Nun, das Beispiel des Großen Königs, dieses Altvorderen der Chou, hatte Meng auch Herzog Wen von T'eng vorgehalten (siehe HCN 25), zwar nicht wegen eines Angriffs auf das mächtige Chao, doch gleich zweimal. - Wiederholt Meng sich in seinen Darlegungen so oft?

Übrigens, Meng 7B.1 dokumentiert noch ein Gespräch zwischen Meng und seinem Schüler Kung-sun Ch'ou über König Hui von Liang. In diesem bezeichnet er den König als nicht menschlich (pu jen) und erklärt, in dem Wunsche, sein Land zu erweitern, habe er Volk und Verwandte in Elend und Tod getrieben.


3. Was geschah unter König Hui von Liang?

Eine umsichtige Geschichte der Staaten der Zeit der Chan-kuo, der "Kämpfenden Staaten", ist anscheinend nicht einfach zu schreiben, doch sie ist ein schmerzliches Desiderat. Das gilt auch für die Geschichte von Wei.

Den Darstellungen in SC 44 (verbunden mit dem tabellarischen SC 14) zufolge dürfte das bedeutendste Ereignis unter König Hui (370-335) die Verlegung der Hauptstadt von Wei nach Ta-liang im Jahre 340 gewesen sei. Diese erklärt denn auch, warum er in Meng-tzu und anderen Quellen als König von Liang bezeichnet wird. König wird er zudem nur gleichsam ehrenhalber genannt, denn erst im Jahre 334 sollen sich die Herrscher der größeren Staaten sich gegenseitig als Könige anerkannt haben.

Dieser Prinz Ying von Wei kommt auch nur einigermaßen zufällig auf den Thron, weil die Nachbarn Han und Chao sich bei einem Nachfolgestreit in Wei nicht darüber einigen können, wie sie den ausnutzen sollen. So bleibt Wei, wie das SC will, vor der drohenden Auslöschung bewahrt.

In den ersten 15 Jahren seiner Herrschaft scheint der wohl noch junge Ying von Wei, der später sogenannte König Hui, den Bestand seines Staates konsolidiert zu haben: ein paar Siege hier, die eine oder andere Niederlage dort. Eine Audienzbesuch der Herrscher von Lu, des alten Wei, von Sung und Cheng/Han 356 deutet wohl an, daß er die die Kleinstaaten in seinem Umfeld auf sich verpflichten konnte. Danach treten die größeren Staaten Ch'i, Chao und Ch'in als seine Rivalen in Erscheinung, es kommt zu Kriegen, aber auch zu manchen Begegnungen zwischen den Herrschern. Im Jahre 352 errichtet Wei seine Lange Mauer, wobei nicht ganz klar ist, vor wem diese hauptsächlich schützen soll.

Die Jahre 341 und 340 sehen dann schmerzliche Niederlagen in Kriegen gegen Ch'i bzw. gegen eine Allianz aus Ch'in, Chao und Ch'i, die nicht ohne umfangreiche Gebietsverluste abgegangen sein dürften. 341 werden überdies sein Kronprinz kriegsgefangen und sein herausragender Heerführer P'ang Chüan getötet.

Das Jahr 338 sah noch einmal ein dramatisches, wiewohl äußerlich geringfügiges Ereignis. In Ch'in starb Herzog Hsiao, und dessen einfluß- und folgenreicher Kanzler Wei/Shang Yang, auch er ein Prinz von Wei, mußte fliehen. Wegen der auch durch ihn zu verantwortenden Aggressionen von Ch'in läßt Wei ihn nicht in sein Heimatland einziehen. - Möglicherweise hängt mit dem Tod des Ch'in-Fürsten zusammen, daß Hui von Liang sich 336 und 335 mit König Hsüan von Ch'i traf.

Ob beide sich über Meng K'o ausgetauscht haben? Zwischen beide Treffen datiert SC nämlich den Vorgang, um den es in dieser Notiz geht: In der Not seines Staates habe Hui von Liang die Würdigen (hsien) des Reiches aufgefordert, an seinen Hof zu kommen - und Tsou Yen (305-240 !), Shun-yü K'un (385-305) und Meng K'o (390-305) seien gekommen. - In dieser Reihenfolge führt Ssu-ma Ch'ien sie auf, und -wie ersichtlich- irgend etwas stimmt an seinem Bericht nicht oder an den von Ch'ien Mu kalkulierten Lebensdaten dieser "Würdigen".

In welchem Verhältnis stehen nun die Berichte in Meng 1A.1 und folgende (siehe oben) zu diesem "Treffen in Liang", von dem sie auf den ersten Blick nichts erkennen lassen?


4. Eine Abschweifung von etwas grundsätzlicherer Art

Der Text Meng-tzu ist die Hauptquelle zu Leben und Wirken des Meng K'o. Bei ihm, wie bei fast allen Texten der klassischen und spätklassischen Literatur, besteht freilich keine hinlängliche Sicherheit darüber, wann, von wem und mit welchen Zielsetzungen er kompiliert wurde, schon gar nicht über die Kompilation seiner Teile. Nicht einmal gut begründete Hypothesen gibt es hierfür, und vielleicht aus gutem Grund.

Der Text Meng-tzu wurde, wie andere Textsammlungen, durch die chinesische Tradition gleichsam "geheiligt", also als autorativ geschätzt. Anderen Textsammlungen widerfuhr dieses Los nicht, und die westliche Sinologie schenkte ihnen dann auch weniger oder kaum Augenmerk. Das gilt beispielsweise für das Shuo-yüan, von welchem in diesen "Annäherungen" schon öfter die Rede war.

Aus gegenwärtiger philologischer Sicht sollten zur Entwicklung eines Problems alle diese klassischen und spätklassischen Texte als gleichwertig behandelt werden - bis geklärt ist, wie die von ihnen weitergegebenen Überlieferungen zustandegekommen sind. Eine Überlieferung über Meng K'o oder in Zusammenhang mit diesem beispielsweise im Shuo-yüan darf nicht von vorneherein als weniger authentisch angesehen werden als die im Meng-tzu. Vielleicht sollte sogar das Gegenteil gelten, denn das Zustandekommen und die Zielsetzungen bei der Zusammenstellung des Shuo-yüan sind viel leichter augenfällig zu machen als beim Meng-tzu, und deshalb sind Qualität und Authentizität der in ihm versammelten Texte leichter einzuschätzen.

Bei Meng-tzu kommt noch etwas anderes hinzu: Ein Meng-tzu wai-shu, "Äußere Schriften des/über Meister Meng" enthält nicht wenige ergänzende und zusätzliche Materialien. Natürlich ist auch bei diesem schmalen Werk (in 4 Kapiteln 60 Notizen) die Authentizität nicht eindeutig, In sprachlicher Hinsicht findet sich in ihm allerdings nichts, das gegen eine Herkunft dieser Notizen aus klassischer/spätklassischer Zeit spräche. Ferner gibt es auch das I Meng-tzu, "Fragmente des Meng-tzu" - mit Meng-tzu/Zitaten aus der späteren enzyklopädischen Literatur, für die es im heutigen Meng-Text keine Entsprechung gibt. Was spricht gegen deren Authentizität? Diese ist im Grunde keine andere als die der Überlieferungen im tradierten Meng-tzu mit seiner Problematik. - Die klassische und spätklassische Literatur ist nicht so umfangreich, als daß man beim Nachdenken über ihre Strukturen auf solche Überlieferungen verzichten sollte. Weitere entsprechende "Überlieferungs-Sorten" seien hier zunächst einmal übergangen.


5. Die "Würdigen" bei König Hui von Liang

Meng 1A.1 bis 5 weisen eine klare inhaltliche Abfolge auf, wie darin vorkommende Begriffe erweisen. 1A.1 ist anti-mohistisch ausgerichtet, 1A.2 wendet sich gegen den Hedonismus des Yang Chu, 1A.3 polemisiert gegen die um Yin-yang usw. zentrierte Lehre der Naturphilosophen, 1A.4 gegen den rigorosen Legismus, 1A.5 erinnert dann an die eigene konfuzianische Lehre.

Aus anderen Überlieferungen ist bekannt, daß Vertreter eben dieser Lehren am Hofe in Liang vorstellig wurden oder gar dort tätig waren:
Den Hedonisten Yang Chu zeigen mehrere Anekdoten im Gespräch mit König Hui, zum Beispiel SY 7.32, Lieh 7/42/20, 2/13/16.
Der Naturphilosoph Tsou Yen war nach dem Bericht des SC (siehe) oben ebenfalls nach Liang gekommen.
Der Legist und Logiker Hui Shih soll in Liang gar "Kanzler" gewesen sein und dort ein Gesetzessystem geschaffen haben; vgl. etwa SY 11.8, 17.9, LSCC 18.5, 18.6, Chuang 45/17/84.
Das sind Vertreter eben jener Lehren, gegen welche Meng 1A.1 bis 4 polemisieren, neben dem Mohismus, der Mengs "Lieblingsgegner" ist.

Weitere bekannte Denker anderer Prägung zeigen anekdotenhafte Überlieferung ebenfalls im Gespräch mit König Hui oder einem König von Wei, als welcher König Hui anzunehmen ist - zum Beispiel den Militärtheoretiker Wei Liao (WLT 1) und den Achsenpolitiker Shun-yü K'un (LSCC 18.4, HNT 12/118/10). Andere Personen, die nicht ohne weiteres genau einzuordnen sind, kommen hinzu - ein gewisser T'ang Ch'ü (Hsin-hsü 3.3), Tai Chin-sheng (HSWC 9.22), Yüeh I (Hsin-shu 10.3) usw.

Einerseits scheinen diese und weitere Überlieferungen einen historischen Vorgang wiederzuspiegeln - nämlich eben dieses Aufgebot von "Würdigen", von welchem das SC sprach. Dieser hätte dann andererseits in Meng 1A.1 bis 5 eine prägnante literarische Ausformung erhalten, die diese historische Situation einfach übergeht, um die Einzigartigkeit des Meng K'o herauszustellen, sie aber indirekt, in der Polemik, erkennen läßt. Auf irgendeine Weise dürften aber auch die Überlieferungen über die weiteren Besucher bei König Hui von Liang mit diesem -literarischen!- Überlieferungskomplex zusammenhängen.

Ganz einfach wird sich dieser nicht durchdringen lassen, denn eine weitere Gruppe von anekdotenhaften Überlieferungen könnte ebenfalls hierzu gehören. Das oben erwähnte Treffen zwischen den beiden Königen Hui von Liang und Hsüan von Ch'i wird mehrmals in dieser Form dargestellt, und mehrere jener Denker am Hofe von Liang werden auch im Gespräch mit Hsüan von Ch'i gezeigt. Wenn oben gefragt wurde, ob die beiden Herrscher sich wohl über Meng K'o ausgetauscht hätten, geschah das nicht ohne Hintersinn. Mehr davon später, und auch über den Mohismus in Wei wird noch nachzudenken sein.

 
  (wird fortgesetzt)

 
 
 

Siegelgeschichten II

Die Sphragistik, "Siegelkunde", ist in der europäischen Geschichtswissenschaft eine etablierte Hilfswissenschaft, denn sie ermöglicht genaue Einblicke in vergangene Rechts- und Verwaltungsstandarts. In der westlichen Sinologie spielt sie nur eine geringe Rolle. Nur den Maler- und Sammlersiegeln bzw. deren Abdrucken wurde größere Aufmerksamkeit zuteil. Dabei haben chinesische Liebhaber bereits seit Jahrhunderten Siegel gesammelt und deren Abdrucke auch in Katalogen publiziert. Für systematische Forschungen eignen sich diese alten Publikationen allerdings nicht.

In den letzten Jahrzehnten bargen chinesische Archäologen bei wissenschaftlichen Grabungen auch Siegel, und bei ihnen könnten systematische Arbeiten beginnen. Obwohl Siegel in Jahrhunderte ältere Zeiten datieren, scheint ein ausgeprägtes Siegelwesen erst unter der Dynastie Han (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) faßbar zu werden, was auch durch literarische Quellen bestätigt wird. Sogleich zeigen sich Überraschungen.

Zunächst fällt auf, daß Siegelfunde in Gräbern verhältnismäßig selten sind - sowohl was Amtssiegel als auch was persönliche Siegel betrifft. Entweder war das Siegelwesen doch noch nicht sehr ausgeprägt, was nicht überaus wahrscheinlich ist, oder die Beigabe eines Siegels in eine Grabausstattung unterlag behördlichen Beschränkungen, für welche Annahme einiges spricht.

Der Stoff, aus dem die Siegelstempel gefertigt wurden (Gold, Silber, Bronze, Jade, Horn u.a.), die Gestaltung des Siegelknaufs und die Größe der Siegelfläche waren anscheinend reglementiert. Trotzdem leistete sich jemand ein ausdrücklich als solches deklariertes privates Siegel, dessen Siegelfläche die sonstiger Privatsiegel um mehr als das Doppelte überstieg usw.! Vor dem Jenseits wurde auch damals schon geschummelt. - Von Untersuchungen solcher Befunde lassen sich, erst recht für spätere Zeiten, aufschlußreiche Einzelheiten aus Alltags- und Amtsleben erwarten.

Manchmal gelangen den Archäologen spektakuläre Siegelfunde - spektakulär im Hinblick auf die Kostbarkeit der Siegels, vor allem aber deswegen, weil sie historische Berichte veranschaulichen, bestätigen und ergänzen. Zwei herausragende Siegel aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.:

"Siegel des Kaisers Wen" - "Siegel des Kaisers Wen" lautet die Legende des oben abgebildeten Siegels: Gold, 148.5 Gramm, Höhe 1.8 cm, Siegelfläche 3.1 mal 3.0 cm, Knauf in Gestalt eines Drachens. Dieser Kaiser Wen war nicht etwa der Han-Kaiser gleichen Namens. Vielmehr hatte sich ein Chinese namens Chao T'o in den Wirren zu Beginn der Han an die Spitze von Völkerschaften im Südosten gesetzt und dort ein eigenes Staatswesen begründet. Dieses Siegel bezeugt den Machtanspruch auch noch seiner Nachfolger, die sich anscheinend den Han-Kaisern als gleichrangig erachteten.

"Siegel des Königs von Tien" - "Siegel des Königs von Tien" lautet die Legende des unten angebildeten Siegels: Gold, 90 Gramm, Höhe 2 cm, Siegelfläche 2 mal 2 cm, Knauf in Gestalt einer Schlange. Der Han-Kaiser Wu, ist überliefert, unternahm im Jahre 109 v. Chr. einen Feldzug gegen die Völker im Südwesten, darunter diese Tian, deren Kultur bis weit nach Vietnam und darüber hinaus wirkte. Er errichtete in deren Gebiet eine Provinz des Han-Reiches, beließ dem König jedoch seine Funktion und, wie ein Geschichtsschreiber überliefert, "händigte dem König ein Königssiegel aus, und dieser herrschte weiter über sein Volk." Eben dieses Siegel wurde 1956 aus einem Grab geborgen.

Beide Siegel erzählen also etwas über das Verhältnis zwischen dem Han-Reich und seinen "barbarischen" Nachbarn, und sie erzählen noch weit mehr als hier gesagt. Solche Geschichten hängen auch an unscheinbareren Siegeln aus der Han-Zeit und späteren Epochen. Vielleicht erzähle ich hier gelegentlich noch die eine und die andere.
 
 
 

Endlich das richtige Siegel!

Über einige chinesische Namenssiegel verfügt der Berichterstatter bereits, und er kennt auch eine Reihe von Arten, mit denen sein Name in chinesische Schriftzeichen umgesetzt wurde. Die crux war nur, daß Siegel und Name nie richtig zusammenpaßten. Er benutzte für sich nämlich nur eine bestimmte Version seines chinesischen Namens.

Diese hatten vor ungefähr zwanzig Jahren die beiden damaligen Lektoren des ChinS festgelegt: Chao Jung-lang und Dr. Kuan Yü-ch'ien, nach längerer Beratung. Ssu-t'u Han lautet in Umschrift dieser chinesische Name, und der Berichterstatter fühlte sich durch ihn sehr geehrt. Wer etwas von den Eigenarten chinesischer Namensgebung versteht, der wird das nachvollziehen. Seine Freude wurde auch nicht durch die Kunde getrübt, daß es unter der Milliarde Chinesen zumindest einen gebe, der exakt den gleichen Namen trägt.

Ssu-t'u Han Er war ein wenig skeptisch, als Chen Heliang - Maler, Schriftkünstler und Siegelschneider aus Shanghai (siehe oben) - spontan bei einer Begegnung anbot, ihm ein weiteres Siegel zu schneiden. Welche Namensform würde der wohl finden? Nun, Chen war zu Gast bei Dr. Kuan, und der sagte ihm natürlich den richtigen chinesischen Namen. Schon eine Woche lag der vollendete Siegelstempel vor.

Wahrscheinlich wird Ssu-t'u Han aber auch diesen Siegelstempel nie so schön chinesisch rot unter einen Brief oder ein Dokument abdrücken. Der liebenswürdige Künstler wählte dafür ein Format, daß etwas großwürdenträgerhaft geriet jedenfalls nach den Traditionen der chinesischen Han-Zeit, an welche auch der Name unter anderem erinnert. In verkleinerter Form läßt es sich allerdings vortrefflich dem Briefkopf einfügen. - In China regelten strenge Bestimmungen die Verwendung von Amts- und Namensiegeln, und die sollten durch einen Fremden, auch in der Gegenwart, geachtet werden.
 
 
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