Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 26
14. September 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Taoisten-Reime

In der China-Bibliothek von Dr. Stefan Jaschek (» siehe oben) fand sich eine kleine bibliophile Kostbarkeit - "Die Weisheit des Dschuang-Dse in deutschen Lehrgedichten", von Vincenz Hundhausen (» siehe HCN 12) 1926 in seinem "Peking-Verlag" veröffentlicht.

Hierin münzt Hundhausen Parabeln und andere Texte aus der "Chuang-tzu" genannten Sammlung früher taoistischer Schriften in deutsche Verse um, meistens recht nahe am Original. Zwei Beispiele:
Die Eule und der Argusfasan

Als Hui-Dse einst Minister war
In Dschuang-Dse's Heimatstaat Ljang,
Da warnte jemand: "Dieser Dschuang
Will dich verdrängen offenbar.
Sei auf der Hut! Komm ihm zuvor!"
Und Hui-Dse lieh dem gern sein Ohr;
Er ward um seinen Posten bang,
Drei Tage und drei Nächte lang
Liess er das ganze Land durchstreifen,
Um Meister Dschuang-Dse zu ergreifen.
Doch dieser trat vor Hui-Dse hin
Und sprach: "Im fernen Süden lebt
Ein Vogel stolz und frei, mit Namen
Argusfasan. Freund, kennst du ihn?
Der breiten Schwinge Stärke hebt
Ihn über Süd- und Nordmeer fort.
Er nährt sich von des Bambus Samen;
Zum Trunke dient ihm nur der reine
Und kühle Quell, des Rastens Ort
Ist ihm die Stille heiliger Haine. -
Vor ihrem Höhlenloche saß
Bei einer Maus verwestem Aas,
Davon sie speiste, eine Eule.
Da sah sie den Fasan, der hoch
Am Himmel seine Bahnen zog,
Und schrie mit ängstlichem Geheule
Besorgt um ihren Fraß: 'Uhuuh!'
So schrie die Eule: - so schreist du!"


Der Spiegel

Wie einen Spiegel trägt sein Herz der Weise,
Darin die Dinge er sich spiegeln läßt.
Er sucht sie nicht auf seiner Erdenreise,
Er greift sie nicht und hält sie auch nicht fest.

So macht er nie zum Sklaven sich der Dinge,
Die Welt verwundet und besiegt ihn nicht,
Kein Handeln ist ihm Zwang, kein Ruhm ihm Schlinge,
Ihn stört kein Plan, ihn kümmert keine Pflicht.

Er achtet wohl der Dinge, die sich zeigen;
Doch weil er jenseits seines Ichs stets weilt,
Besitzt er so, als wäre nichts sein eigen,
Bis auf das Letzte, was ihm zugeteilt.
Zwei in chinesischer Fadenheftung und auch sonst überaus sorgfältig gestaltete Bändchen füllte Hundhausen mit solchen Reimereien, und steckte die Bändchen in einen Schuber in chinesischem Stil. - Über Hundhausens Werk sind die Zeiten längst hinweggegangen.
Immerhin bewirkt seine liebenswürdige Chinaverliebtheit, daß sein Name auch in künftigen Jahrzehnten noch für mehr als eine Fußnote gut sein wird. Das ist mehr, als sich über die weniger versponnenen Chinaexperten von damals sagen läßt.
 
 
 

Elefanten-Verse

Heinz Stein: der elefant der fantasie

Das ist ein amüsantes Heftchen: "Heinz Stein: der elefant der fantasie. 101 elefantastische Reime für erwachsene Kinder, mit 3 Originalholzschnitten des Autors"! Auch ein China-Reim findet sich darunter und deshalb sei darauf verwiesen:
der elefant in china
fühlt sich danach immer prima
Wonach wohl? - Diesem schlichten Muster folgen die meisten dieser Reime. Am häufigsten stammen die Elefanten aus deutschen Orten:
die elefanten aus stralsund
trieben es schon immer bunt

auch der elefant auf rügen
genießt sehr gern in vollen zügen

Solche Verse stehen in den Traditionen deutscher Kinder- und Kneipendichtung, die eine unendliche Fülle von Themen entwickelt hat. Peter Rühmkorf hat sie dereinst -in "Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund"- gesammelt und analysiert - alle diese Witwen/Adler/Pfarrer/Tannenbaum- usw. Verse. Sie grassieren zu manchen Zeiten, um dann plötzlich vergessen zu werden. Rühmkorf kannte trotz seiner zahlreichen Gewährsleute viele ihrer Ausprägungen nicht, zum Beispiel die makabren Willy-Verse:
Willy nagelt Schwester Hildchen
an die Wand als Andachtsbildchen.
Dahinter verbirgt sich gut katholische Aufmüpfigkeit. Nicht anders gehrt es in den drastischen Sch…-Reimen der DDR-Vergangenheit zu:
Sch … auf dem Lampenschalter
Ist besser als ein Bild von Walter (Ulbricht).
Auch Heinz Stein kannte eine Menge solcher Texte, doch seine klingen durchweg liebenswürdig. Sie sind direkt bei ihm zu beziehen: Bergmannstraße 65, 45886 Gelsenkirchen-Ückendorf. Ein Reim gilt auch seiner Heimatstadt, und in dem spielt er mit dem immer herrlichen Ruhrgebietsdeutsch:
der elefant aus gelsenkirchen
ist gut für mancherlei pläsierchen
Für Kurzweil sind diese Verse allemal gut - und natürlich zum Nachmachen! - China kommt in solchen Reimereien selten vor, doch unlängst entdeckte ich es auch in einem ABC-Buch von Manfred Mai und Susanne Berger: "Eine ABC-Weltreise":
Das C ist reich und reist sehr gern,
kennt alle Länder nah und fern.
Nach China traut das C sich nicht,
weil man dort nur chinesisch spricht.
Hoffentlich behalten ABC-Schützen solche Clichés nicht bis zum Erwachsenenalter im Kopf.
 
 
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