Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 26
14. September 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Thomas Harnisch +

Prof. Dr. Thomas Harnisch (Foto: CDHK) Am Nachmittag des 28. August, eines Donnerstags, lief eine bedrückende Nachricht in Windeseile durch die ChinA: Thomas Harnisch sei gestorben. Niemand wollte sie glauben, doch eine Anzeige in der FAZ bestätigte das Unglaubliche.

Thomas Harnisch war der ChinA nicht sehr eng verbunden gewesen. Sein Studium und seine weitere akademische Laufbahn hatte er andernorts absolviert. Als er sich jedoch erbot, an der ChinA hin und wieder einen Lehrauftrag wahrzunehmen, war das hochwillkommen, und bis zu seiner Abreise nach Shanghai, wo ihn eine neue und von ihm gerne angenommene Aufgabe erwartete, lehrte er mehrmals an der ChinA, bis zum Jahre 1999. Auch danach ließ er den Kontakt zur ChinA nicht abbrechen.

Seine Shanghaier haben ihm eine Traueranzeige gewidmet, der nichts hinzuzufügen ist - außer dem Hinweis auf seine auch wissenschaftliche Kompetenz. Auf diesen Nachtrag möchte die ChinA nicht verzichten, und sie wird noch oft an Thomas Harnisch denken, als Menschen und als Wissenschaftler.

Traueranzeige Harnisch

 
 
 

Foto-Sinfonietta im Foyer und anderes aus der Vorlesungsfreien Zeit

An diesem Donnerstag, dem 28. August, so gegen 11 Uhr waren seltsame Geräusche aus dem Foyer des AAI in die Diensträume in den Obergeschossen gedrungen. Neugierig eilte der Berichterstatter an die Balustrade - und siehe da: gut vierzig ostasiatisch aussehende junge Menschen, meist weiblichen Geschlechts, fotografierten - einer den anderen oder zwei andere oder eine Gruppe und dann umgekehrt oder sonstwie anders.

Die "summer school" im AAI war vorüber. Seit Anfang August weilten, schon zum dritten Mal, Studenten meist der Germanistik aus Japan und Taiwan hier, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Neben einem kompetenten Sprachunterricht gehörte zu den Konzepten dieser "summer school", daß nach dem Vormittagsunterricht japanische oder chinesische Muttersprachler den Unterrichtsstoff zusammenfaßten und entsprechende Fragen beantworteten. Ferner gehörte dazu, daß jeweils zwei Gäste am Nachmittag durch eine deutsche Tutorin oder einen Tutor zwei Stunden lang weiter betreut wurden, naheliegenderweise Studierende der Sinologie und der Japanologie. Schöne Bilder gab das im Foyer des AAI und draußen davor: Lernen, Gespräche und Gelächter in Dreiergruppen.

Intensivkurs Jetzt ging es ans Abschiednehmen, und so machten die Auslöser der Fotoapparate das, was sie zu tun pflegen: Sie klickten und klackten, rasselten und surrten, und fast hörte sich das wie eine Sinfonietta der modernen Musik an. Warum auch nicht? Schließlich hat deren Guru und Mysticus Karlheinz Stockhausen auch schon eine Weise mit Hubschraubereinsatz verfaßt, als Engelsbringer mutmaßlich.

Nach Abschluß der "summer school" beginnen Anfang September wieder die Intensivkurse in Chinesisch und Japanisch. Sie richten sich an Interessenten aus der Öffentlichkeit, kommen aber auch Studierenden zugute, die aus irgendwelchen Gründen ihre Sprachkenntnisse aufbessern wollen.

Auch sonst ist in dieser sogenannten Ferienzeit eine Menge Dinge zu erledigen, die nichts mit der wünschenswerten Vorbereitung auf das kommende Semester zu tun haben. Zu den Erfreulichkeiten der letzten Tage zählt wenigstens:

Juniorprofessur Am 25. August verabschiedete der zuständige Ausschuß einen Berufungsvorschlag zur Besetzung der ausgeschriebenen Juniorprofessur Sinologie. Die Reihenfolge der in die engere Wahl gekommenen Bewerberinnen, für welche der Ausschuß sich entschied, ist einstweilen noch vertraulich. Zuletzt hatte dessen Arbeit wegen einiger Äußerlichkeiten "gehakt". Da alle seine Beschlüsse, wie dieser letzte, einstimmig gefaßt worden waren, läßt sich hoffen, daß er zügig seinen Weg durch die zuständigen Gremien geht: Fachbereichsrat, Berufungsprüfungsausschuß, Akademischer Senat, Deputation der HH-Bürgerschaft, Hochschulbehörde, Hochschul-Senator. An jeder dieser Stationen kann es noch haken.

Am 26. August traf endlich auch die Nachricht ein, daß die ebenfalls ausgeschriebene Lektorenstelle, korrekt: Lehrkraft für besondere Aufgaben, jetzt zur Besetzung ansteht. Ni Shaofeng aus München wurde ausgewählt - vor allem aufgrund einer überzeugenden Lehrprobe, die seine Begeisterung, aber auch seine Begeisterungsfähigkeit in dieser wichtigen Aufgabe erwies.

Für jede dieser beiden Stellen waren zahlreiche Bewerbungen eingegangen, die meisten von hochqualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern. Beide mit der Auswahl betrauten Ausschüsse konnten sich die Arbeit nicht leicht machen, und manche Entscheidung schmerzte die Ausschußmitglieder, vor allem bei der Juniorprofessur. Die äußeren Vorgaben, die an solch eine Stelle geknüpft sind, nötigten bei vielen Bewerbungen schon aus formalen Gründen zu ihrer Nichtberücksichtigung. Eine ganze tüchtige und hervorragend qualifizierte Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird auf diese Weise aus dem akademischen Leben gedrängt - "verschrottet" eben, wie aus dem zuständigen Ministerium in Berlin verlautet war. Ob sich dieses Land eine solche Verschwendung von Ressourcen leisten kann?

Täglich treffen auch in dieser Zeit die Anfragen von außerhalb der Universität ein. Diese will sich noch zu einem "Dienstleister" entwickeln, das ChinA ist das längst - und mancher Interessent äußert sich gar unwirsch, wenn ein professorales Telefon einige Stunden nicht besetzt ist oder die Mails gar noch länger im PC schlummern - von einigen Beeinträchtigungen durch Viren einmal zu schweigen. Zwei solcher Anfragen aus dieser Woche:
  • Für eine "Recruiting-Messe, die für Oktober in Frankfurt geplant ist, suchen die Organisatoren Zugang zu deutschen China-Netzwerken und China-Interessierten. Bei der Gelegenheit wollen sich ungefähr 40 chinesische Firmen bzw. Joint Ventures vorstellen. Sie suchen, wie verlautet, wenigstens 120 Mitarbeiter allein für Shanghai, darunter auch Spitzenmanager mit Jahresgehältern von 100.000 Dollar.
  • Ein Firmenchef will zu einer Jahresabschlußfeier nach Hongkong. Eine Mitarbeiterin fragt an, wie er sich kleiden solle. Man habe ihm gesagt, daß Kung-fu-Jacke und Hose "o.k." seien, und ihr Chef wolle gerne "angepaßt" wirken und zeigen, daß er "die Tradition mitlebt".
Wie drahtig mag dieser Firmenchef aussehen? Er erhielt jedenfalls Auskunft: Hose auf jeden Fall und auch sonst nicht anders kleiden als hier, schon gar nicht Bermudas oder Schlabberpulli oder Kung-fu-Kittel.

Auch solche Alltäglichkeiten beanspruchen, man sollte es nicht vergessen, ihre Zeit, selbst wenn sie zu den Erfreulichkeiten zählen. - Ja, und dann war da auch noch jene Examenskandidatin, die wegen der bevorstehenden Klausur wenigstens zehnmal anrief!
 
 
 

Zwei Großzügigkeiten und eine kleine Schlitzohrigkeit

Die Hamburger Sinologische Gesellschaft (HSG) kann Spenden stets gut gebrauchen - immaterieller wie materieller Art, und bei letzteren sowohl Geld- als auch Sachspenden. Sie ist der ChinA eng verbunden, gibt für die eigenen Belange nur unbedeutende Beträge aus und kann deshalb der ChinA "unter die Arme greifen", wenn deren Bibliothek wieder einmal Not leidet oder einer anderen Notwendigkeit unbürokratisch abgeholfen werden soll. In diesen letzten Augusttagen trafen gleich zwei für ihre Verhältnisse bedeutende Spenden bei ihr ein:

Eine HH-Firma hatte bei Aufräumarbeiten in einem Compactus eine Menge Bücher aus und über China gefunden. Die Firma rief in der ChinA an, drei Telefonate gingen noch hin und her, eine Vorbesichtigung war unerläßlich - und dann ließ diese Firma, BlueCapital ihr Name, ungefähr 15 wohlgefüllte Umzugskartons in die ChinA transportieren: seltene Spezialwörterbücher darunter, viel zu Glanz und Gloria der "Kulturrevolution", kaum Dubletten zu den bisherigen Beständen der Bibliothek - insgesamt sehr nützlich.

Der Augenschein ergab, daß Stefan Jaschek diese Chinabibliothek zusammengestellt hatte. Er war der angesehene Chinamanager der Vereins- und Westbank und hatte für diese eine der ersten deutschen Consulting-Firmen aufgebaut. Sein früher Tod, der wohl bald nach 1988 kam, vereitelte damals nachhaltige Erfolge. - Durch seine Bibliothek erhält er jedenfalls in der ChinA eine kleine Gedenkstätte.

Und dann Christoph Eschenbach, der Pianist und Dirigent, bzw. das von ihm beauftragte "Peter Schmidt Studio"! Die wünschten für die Zwecke einer Konzertreise mit dem Philadelphia Symphony Orchestra und die sonstige Pflege des chinesischen Marktes nach den deutschen, englischen und französischen Fassungen der Eschenbach-Homepage auch eine chinesische Version. Das Studio wandte sich an die ChinA, und das sollte eigentlich nur ein Miniauftrag sein, doch solche Profis haben manch gute Eigenschaften. Zu diesen gehört, daß sie neben den eigenen Honoraren auch die der Hilfeleister bedenken.

Martin Hanke Dr. Martin Hanke, aus der Bibliothek der ChinA und oft für die HSG engagiert, kam es nicht so sehr auf diesen festgesetzten Nebenbeiverdienst an. Er verzichtete und bat statt dessen um eine Spende für die HSG. Wundersam wuchs das Konto der HSG seither um 500 Euro aus dieser Quelle an - erheblich mehr als das ausgesetzte Honorar betragen hätte, und ein kleiner "Nachschlag" steht vielleicht noch in Aussicht - und wurde am 28. August auch schon annonciert, gar nicht so klein.

Eine kleine akademische Gesellschaft wie die HSG, die sich allerdings auch an ein allgemein an China interessiertes Publikum wendet, und eine kleine Uni-Institution wie die ChinA leben von solchen Großzügigkeiten und Engagements - denen ihrer Mitglieder und Mitarbeiter und solchen, die von außen kommen. Erfreulicherweise wiederholen sich diese Jahr für Jahr, in manchmal neuer und überraschender Form.

Im Nachhinein, sinnt der Berichterstatter nach - bei einem freuder- und weingefüllten Glas Wein. Ist Martin Hanke nicht ein rechtes Schlitzohr? Durch einen keuschen Honorarverzicht bewirkt er, daß das Eschenbach-Studio mehr spendet, als es für ein Honorar vorgesehen hatte - und Hanke weiß doch, daß diese Mittel bei Gelegenheit in "seine" ChinA-Bibliothek fließen werden! Das tut der Uneigennützigkeit aller Beteiligten - und einige hier nicht genannte kommen noch hinzu- allerdings keinen Abbruch.
 
 
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