Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 25
17. August 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ferienfreuden I: Steinreiche

Die erste Woche der Semesterferien hat stets dem Aufarbeiten der dringlichsten Hinterlassenschaften des Semesters zu gelten, die zweite mag dann Müßiggängereien gewidmet sein. In dieser zweiten Woche werden also diese HCN 25 geschrieben, wenn auch nur nebenbei. Drei kleine Vorträglein stehen bevor, und was viel mehr ablenkt: Auf dem Schreibtisch liegen zahlreiche Holzschnitte zur chinesischen "Steinlust".

Den liebenswürdigen Jüngling Strizz und seine Sammlung bemooster Feldsteine kennen wahrscheinlich nur Elke Heidenreich, die leserbrieflich bekannte, daß Strizz ihr am Sonnabend fehle, und deutsche Professoren. Letztere veröffentlichen nämlich am liebsten in der FAZ, vorzugsweise Leserbriefe, und die kleinen Bildgeschichten von Volker Reiche um Strizz und Konsorten erscheinen nur in der FAZ von Montag bis Freitag.

Das Vergnügen von Strizz an seinen bemoosten Feldsteinen mag bizarr erscheinen, noch bizarrer, doch nicht weniger liebenswürdig, war die Freude chinesischer Literaten und Gartenkünstler an bizarren Steinen, Kalksteinen zumeist, mit denen sie ihre Gärten und Studios schmückten - als Verkörperung der Welt und des Welthauchs (ch'i) zugleich.

Holzschnitt "Steinlust"

"Wie reich er an Steinen ist!" rief Po Chü-i (772-846) aus, als er die Sammlung des Kanzlers Niu Seng-ju beschrieb - in seinem "Notizen über die Steine aus dem T'ai-hu", aus welchem südchinesischen See die berühmtesten stammen. Weiter schreibt er über diese Sammlung (in der Übersetzung von Ernst Schwarz), "(...) daß alle berühmten Berge und Höhlen mit ihren wundersamen Schwingungen, Windungen und Ballungen sich hier zusammengefunden zu haben scheinen. Hundert Klafter hohe Gebirgswände sind hier zu Faustesgröße zusammengeschrumpft, tausend Meilen sich hinstreckende Landschaften mit einem Blick zu überschauen. Und gemächlich sitzend hat man in diesem Gärtchen hier eine ganze Welt vor sich in faßbarer Nähe. Das eben ist es, was der Neigung des Kanzlers so sehr entspricht."

Po Chü-i weiß auch, wie der Kanzler an seine Sammlung kam: "Viele seiner früheren Mitarbeiter und Untergebenen bekleideten Ämter in der Gegend jenes Sees. Da sie von der Leidenschaft des Kanzlers wußten, suchten sie überall nach Steinen und schafften für ihn die schönsten und seltsamsten Exemplare herbei. So entstand innerhalb von vier, fünf Jahren in seinem Ziergarten ein wahres Miniaturgebirge. Und von allen Geschenken, die man ihm brachte, waren es lediglich Steine, die ihn seine Bescheidenheit vergessen ließen und die er niemals ablehnte."

Holzschnitt "Steinlust"

Kostspielige Geschenke waren das durchaus, und auch Po Chü-i, ein rechtes Schlitzohr, wird gewußt haben, warum er die Sammlung des Kanzlers pries. Dieser hatte auch die Eigenart, seine Sammlungsstücke auf der Rückseite zu klassifizieren: "Zweiter Rang, mittlerer Grad", zum Beispiel.

Seit der T'ang-Zeit entstand eine reichhaltige Liebhaber-Literatur über diese Steine, sogar eine Art Ideologie ihres Sammelns bildete sich aus. Leider findet dieser liebenswürdige Seitenzug der chinesischen Literatenkultur viel zu selten die Aufmerksamkeit der sinologischen Gelehrten.
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 13, HCN 24
 
 

Kongzi

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Was begeisterte den jungen Konfuzius an der Rede des Freiherrn von T'an?

Niemand wird die Feststellung bestreiten, daß das Tso-chuan, diese älteste chinesische Chronik, dem K. nahe stehe. Das zeigt sich immer wieder - in resümierenden Bemerkungen des Kompilators/der Kompilatoren zu geschilderten Vorgängen, in kommentierenden Bemerkungen eines Edlen (chün-tzu) zu eben solchen, aber auch darin, daß K. im Tso-chuan in ungefähr 40 Zusammenhängen namentlich und direkt begegnet.

Solche K.-Erwähnungen im Tso-chuan lassen sich in drei Gruppen scheiden: Erstens sind das beiläufige Bemerkungen - so zum Beispiel, wenn das Tso unter dem 10. Jahr des Herzogs Hsiang von Lu (563 v. Chr.) erwähnt, der Sohn des Ch'in Chin-fu, dessen vortreffliches Verhalten es gerade beschrieben hatte, werde dereinst den Chung-ni zum Lehrer nehmen. Damals war K. noch gar nicht geboren. Eine zweite Gruppe von K.-Nennungen im Tso-chuan zeigt K. als redende und handelnde Person im Alltagsgeschehen, vornehmlich in seinem Heimatstaat Lu. So verweigert er Ai 11 (484) dem maßgeblichen Würdenträger von Lu eine Stellungnahme in Angelegenheit einer neuen Steuer, worum der ihn durch einen "Schüler" hatte bitten lassen. Zur dritten Gruppe zählen Äußerungen über Personen, die in zeitlicher und räumlicher Ferne von Lu anzusiedeln sind, so die sarkastische Äußerung über den Würdenträger eines Nachbarstaates, die sich auf das Jahr Ch'eng 17 (574) bezieht, also lange vor seiner Geburt: Dessen Klugheit habe nicht an die einer Sonnenblume herangereicht. Die wisse wenigstens ihre "Füße" zu schützen. - Jenem Würdenträger hatte sein Fürst zur Strafe die Füße abschlagen lassen. An Sarkasmus ließ sich K. offenbar nicht überbieten.

Natürlich lassen sich diese drei Gruppen nicht scharf voneinander trennen. - Wenn man K. als Verfasser des "Frühling und Herbst" akzeptiert und prüft, wie das Tso sein historisches Wissen darstellt, dann ist dieses überaus dürftig. Viel hat er zu Personen der Vergangenheit offenbar nicht zu sagen gehabt, jedenfalls nicht in deren Tso-Dokumentation. Und was das Tso davon dokumentiert, das gereicht dem "Meister", unbefangen betrachtet, eher zum Nachteil - wegen der Bosheit dieser Äußerungen oder ihrer Banalität. In diesem Zusammenhang erscheint ein Bericht als aufschlußreich:

Im Jahre Chao 17 (525) kommt ein namentlich nicht genannter Freiherr von T'an an den Hof von Lu. Im Jahre 566 war ein solcher Besuch bereits einmal und erstmals erfolgt. Frühere, mehr oder weniger direkte Kontakte zwischen Lu und T'an sind für die Jahre 700, 605, 584, 583 bezeugt; und vor dem Jahre 593 scheint gar eine Prinzessin von Lu einem Freiherrn von T'an vermählt gewesen zu sein. Vielleicht war eine solche Verbindung danach noch wiederholt worden.

T'an war ein Kleinstaat, südlich von Lu gelegen, der damals lediglich aus zwei Gründen Interesse wecken konnte. Er lag, strategisch günstig, in der Nähe einer Kreuzung einer ostwestlichen mit einer nordsüdlichen Überlandstraße. Sein Fürstenhaus, das zum Geschlecht Ch'i (? oder Ying) gehörte, führte sich auf den mythischen Herrscher Shao-hao zurück. Deshalb war es von den Chou zur Fortführung der Opfer an diesen bestimmt worden.

In jenem Jahr 525 richtete Herzog Chao von Lu dem Freiherrn von T'an ein Fest aus, bei welchem ein Lu-Würdenträger diesen fragte, warum Shao-hao seine Ämter nach Vögeln benannt habe. In einer nicht sonderlich langen Rede klärt der Freiherr ihn auf: Herrscher vor Shao-hao hätten andere Benennungskategorien für Ämter gehabt - Wolken, Feuer, Wasser, Drachen. Weil zur Thronbesteigung seines Vorfahren Shao-hao ein Phönix erschienen sei, habe der eben die Ämter nach Vögeln benannt. Kurz führt er dieses Benennungssystem für Ämter noch aus und erklärt dann, spätere Herrscher seien dazu nicht in der Lage gewesen und hätten die Ämter nach den "Angelegenheiten der Menschen" benannt - ein Niedergang, augenscheinlich. Ob der fragende Würdenträger mit dieser Antwort zufrieden war oder nicht, läßt das Tso offen.

K. jedoch, ein Mittzwanziger zum Zeitpunkt dieser Rede, hört davon (wann?), wird durch den Freiherrn empfangen (wo?), lernt von ihm und erklärt dann gegenüber irgendwelchen "Menschen": Wenn der Himmelssohn die Ämter "verliere", liege die Gelehrsamkeit eben bei den Barbaren. - Ob K. den Freiherrn noch in Lu aufsuchte oder ob er zum "Lernen" nach T'an fahren mußte, bleibt offen, ebenso der Zeitpunkt dieser Begegnung, der schließlich auch zehn Jahre nach dem Besuch des Freiherrn in Lu gelegen haben könnte.

Ebenso ist keineswegs deutlich, worauf sich der "Verlust" (wohl: die mangelnde herrscherliche Kontrolle) der Ämter bezieht - auf gegenwärtige Verhältnisse, auf den Machtverlust bei den "Himmelssöhnen" der Chou Jahrhunderte zuvor oder gar auf die Gegebenheiten nach Shao-hao, in grauer Urzeit dann. Vielleicht sind die beiden erstgenannten Möglichkeiten wahrscheinlicher, doch nicht ohne weiteres. Sicher ist nur, daß K. den Staat T'an -in der Darstellung des Tso- den "Barbaren" zugerechnet hat. Das könnte zu damaligen ethnischen Gegebenheiten passen, aber nicht zu den Vorstellungen jener gelehrten "Reichs-Ideologen", die Jahrhunderte nach K. alle regionalen Herrscher-Mythen in eine Abfolge von "chinesischen" Frühherrschern pressten, also auch Shao-hao.

Was mag K. an den reichlich kryptischen Darlegungen des Freiherrn von T'an interessiert haben? Das Tso-chuan bietet wohl auch Hinweise auf solche Beweggründe, doch an dieser Stelle sei nur unterstrichen, daß in den Überlieferungen über K. die Kleinstaaten im Umkreis seines Heimatstaates Lu selten eine Rolle spielen. Warum?

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Meng K'o und Herzog Wen von T'eng

Ein Förderer des frühen Konfuzianismus, der jedenfalls noch in der unmittelbaren Tradition des Meisters gestanden hätte, mag Herzog Mu von Lu gewesen sein (siehe Annäherungen 12). Ein nächster war möglicherweise Herzog Wen von T'eng, von dessen Staat in diesen Notizen bereits einmal die Rede war (Annäherungen 30) Die Textsammlung Meng-tzu, welche dem großen Konfuzius-Nachfolger Meng K'o (390-305) gewidmet wurde, scheint den Herzog jedenfalls so darzustellen. Sie berichtet öfter über Begegnungen zwischen beiden:

01 (Meng 1B.13) Herzog Wen von T'eng fragt Meng, wie er sich mit seinem kleinen Land zu den übermächtigen Nachbarn Ch'i und Ch'u stellen solle. Meng rät zu umfassenden Verteidigungsvorbereitungen.

02 (Meng 1B.14) Herzog Wen von T'eng fragt Meng, wie er sich angesichts des Umstandes verhalten solle, daß Ch'i eine Stadt in seiner Nachbarschaft befestige. Meng rät ihm, unter Verweis auf einen Altvorderen der Chou-Könige angesichts barbarischer Bedrohung, "gut" zu sein, denn dadurch könne man es zum Königtum bringen.

03 (Meng 1B.15) Herzog Wen von T'eng fragt Meng, wie er mit seinem kleinen Land den Ansprüchen der mächtigen Nachbarn entkommen könne. Meng rät ihm mit einem längeren Verweis auf den gleichen Altvorderen der Chou-Könige angesichts barbarischer Bedrohung, von dem sein Volk gesagt habe, einen "menschlichen" Menschen dürfe es nicht verlieren.

04 (Meng 2B.6) Als Minister von Ch'i begibt Meng sich nach T'eng, um dort zu kondolieren. Ein "Schüler" fragt ihn, warum er mit einem weiteren offiziellen Mitglied der Gesandtschaft kein Wort gewechselt habe.

05 (Meng 3A.1) Als der nachmalige Herzog Wen von T'eng, jetzt noch Kronprinz, in den Südstaat Ch'u reiste, suchte er in Sung den Meng auf und wiederholt den Besuch bei der Rückreise. Meng erklärt, daß man aus dem Staat mit seinen nur fünfzig Meilen einen "guten" Staat machen könne.

06 (Meng 3A.2) Nach dem Tode des Herzogs Ting von T'eng bittet der Erbsohn einen gewissen Jan Yu, Meister Meng über die Formalia der Bestattung zu befragen. Er erinnert sich dabei an ein persönliches Gespräch mit dem Meister in Sung. Durch Hin- und Herreisen zwischen T'eng und Tsou, wo Meng lebt, vermittelt Jan Yu dessen Auskünfte.

07 (Meng 3A.3) Herzog Wen von T'eng fragt Meister Meng, wie ein Staat zu führen sei. Dieser rät ihm in langer Rede, wie sein Staat zu "erneuern" sei. Der Fürst veranlaßt dann einen gewissen Pi Chan, den Meister nach dem Brunnenfelddsystem der Landaufteilung zu fragen, und auch jetzt gibt der ausführlich Auskunft.

08 (Meng 3A.4) Der sogenannte "Agrarier" Hsü Hsing kommt von Ch'u nach T'eng. Herzog Wen zeigt sich von dessen Lehre angetan und gibt ihm eine Bleibe. Darauf kommen vergleichbare Schlichtheitsapostel aus Sung nach T'eng und schließen sich Hsü Hsing an. In einem langen Disput weist Meng solche Lehren zurück.

09 (Meng 7A.43) Der Meng-Schüler Kung-tu Tzu fragt den Meister nach der Art und Weise, wie er den Prinzen (?) Keng von T'eng behandelt habe. Der Meister erklärt sein Verhalten mit dessen Hoffahrt.

10 (Meng 7A.43) Meister Meng kommt nach T'eng und wird vornehm untergebracht. Er führt mit dem Quartiermeister einen Disput über einen verschwundenen Schuh.

Bei drei, vier Gelegenheiten mag es demzufolge zu Kontakten zwischen Meng K'o und dem Herzog Wen von T'eng gekommen sein: persönlich in Sung, als der noch Kronprinz war; indirekt beim Tod des Vorgängers Herzog Ting; wieder direkt bei einem Kondolenzbesuch, als Würdenträger von Ch'i; bei dieser oder einer weiteren Gelegenheit, als es zu Gesprächen über die Staatsführung kam. Die weiteren Berichte mögen zu diesen Gelegenheiten gehören. - Wichtig in diesem Zusammenhang scheint vor allem zu sein, daß Herzog Wen sich für "konfuzianische" Bestattungsriten interessiert, und auch sonst: Seine Regierung wird ausdrücklich als eine der Menschlichkeit (jen) gekennzeichnet. War dieser Fürst eines Kleinstaates tatsächlich ein früherer Förderer des Konfuzianismus, ähnlich dem Herzog Mu von Lu?

Manches an diesen Aufzeichnungen paßt nicht recht zusammen. Einmal weilt Meng K'o in Sung, das 286 ausgelöscht wurde. Ein anderes Mal ist er in Tsou, das unweit von T'eng und Sung lag und sein Heimatort war. Ein drittes Mal ist er Würdenträger von Ch'i. Derlei mag sich aus unterschiedlichen Gegebenheiten des Lebens von Meng erklären, über das wir kaum Sicheres wissen.

Nicht recht nachvollziehen läßt sich, warum der Fürst den Meng ausgerechnet danach fragt, wie er sich gegen den mächtigen Nachbarn Ch'i rüsten solle. Schließlich hat Meng augenscheinlich gewisse Loyalitätsverpflichtungen gegenüber Ch'i. Auch hierfür ließe sich wohl eine Erklärung finden. Seltsam mutet hingegen an, daß Meng dem Fürsten auf vergleichbare Fragen auch vergleichbare Antworten gibt (01 bis 03). Das dürfte nicht auf zwei zeitlich auseinanderliegende Gespräche zurückzuführen sein, sondern darauf, daß ein und derselbe Vorgang in zwei Versionen der Überlieferung dargestellt wurde. Das hatte sich (siehe Annäherungen 25) auch schon bei den Aufzeichnungen über eine Begegnung des Meng K'o mit einem anderen Herrscher gezeigt.

So ganz "konfuzianisch" aufgeschlossen war Herzog Wen dann allerdings doch nicht! Er läßt sich auch mit den Anhängern anderer Lehrtraditionen ein (08). Über diese ist kaum etwas bekannt, doch hilfsweise seien sie hier einmal als mohistisch-agrarisch gekennzeichnet. Vehement polemisiert Meng gegen sie - so wie er, laut weiteren Aufzeichnungen in der Textsammlung Meng-tzu am Hofe des Königs Hui von Liang gegen solche nichtkonfuzianischen Traditionen, vorab die mohistische, gewettert hatte. Derlei mag in Zeitverhältnissen begründet sein, aber die Entsprechungen der Motive fallen doch ins Auge und bedürfen der Erklärung.

58
Zur Geschichte des Staates T'eng

In » Annäherungen 30 hatte ich angekündigt, bei Gelegenheit eine Kurzdarstellung der Geschichte des Kleinstaates T'eng nachreichen zu wollen. Jetzt bietet sich diese Gelegenheit.
- Ch'un-ch'iu und Tso-chuan geben nur wenige Einblicke in die Geschichte dieser kleinen Herrschaft. Die - sicher nicht vollständige - Abfolge ihrer Fürsten stellt sich nach ihnen folgendermaßen dar:

Markgraf X von T'eng (persönlicher Name: ?): + 716
Herzog Hsüan von T'eng (persönlicher Name: Ying-ch'i): + ?, erwähnt 641
Herzog Chao von T'eng: (persönlicher Name: ?): + 600
Herzog Wen von T'eng (persönlicher Name: ?): + 575
Herzog Ch'eng von T'eng (persönlicher Name: Yüan): + 539
Herzog Tao von T'eng (persönlicher Name: Ning): + 514
Herzog Ch'ing von T'eng (persönlicher Name: Chieh): + 491
Herzog Yin von T'eng (persönlicher Name: Yü-mu): + 484
(In Verbindung mit einem posthumen Namen kam nach chouzeitlichem Brauch jedem Fürsten die Bezeichnung kung, "Herzog", zu. Bei allgemeinen Benennungen oder in Zusammenhang mit anderen Namensformen werden die Fürstenränge genauer genannt. Die Herren von T'eng hießen laut CC/Tso zunächst hou, "Markgraf", dann -in entschiedener Abstufung- tzu, "Freiherr".)

Die Fragmente des Shih-pen, "Geneaologische Grundlegungen", bestätigen diese Folge von T'eng-Fürsten. Sie variieren lediglich die Schreibweise zweier persönlicher Namen geringfügig und fügen hinzu, daß Herzog Hsüan in 17. Generation ein Nachkomme des Tso- shu-hsiu, gewesen sei - ein Sohn des legendären vordynastischen Chou-Königs Wen. Für die Zeit nach dem Ende des CC bietet das Shih-pen einige kryptische Bemerkungen (siehe unten).

In der Zeit des CC scheint T'eng enge Beziehungen zu Lu unterhalten zu haben. Für folgende Jahre sind "Audienzen" oder andere Besuche seiner Herren in Lu bezeugt: 712, 710, 615, 567, 542, 495, 493. Solche Besuche können auf verwandtschaftlichen Beziehungen beruhen, wie auch 539 die Anwesenheit eines Lu-Würdenträgers bei der Grablege eines Freiherrn von T'eng. Sie können allerdings auch eine Art Vorherrschaft von Lu über T'eng dokumentieren.

Zwischendurch scheint Sung sich bemüht zu haben, eine Vorherrschaft über T'eng zu erlangen. Für die Jahre 641, 638, 600 und 599 berichten CC/Tso entsprechende Vorgänge: Gefangensetzung des Freiherrn von T'eng, Angriff auf dieses, weil es nicht "dienstbar" gewesen sei, und ähnlich.

Als gleichberechtigtes Mitglied der Staatenwelt des nördlichen China jener Zeit führen CC/Tso T'eng bei Konferenzen der Fürsten oder von Würdenträgern und bei entsprechenden Gelegenheiten für die folgenden Jahre auf, leider ohne alle Einzelheiten: 578, 572, 571, 568, 564, 563, 562, 559, 555, 553, 551, 549, 548, 546, 544, 543, 538, 529, 517, 515, 506.

Die vorstehenden drei Zusammenstellungen von Daten legen die Vermutung nahe, daß T'eng nur für knapp Dreiviertel eines Jahrhunderts als eigenständiger Staat dargestellt wurde - unter welchen Vorausaussetzungen auch immer. Das war just die Regierungszeit der Herzöge Wen, "der Gebildete", Ch'eng, "der Vollender", und Tao, "der Beklagenswerte". Posthume Namen haben nun einmal ihre Bedeutung, sollen die Herrschafts- und Lebensführung ihrer Träger charakterisieren, und diese Namen passen vortrefflich zu den Daten. - Dieser Herzog Wen von T'eng ist natürlich ein anderer als der, dem Meng K'o Jahrhunderte später begegnet sein soll.

Sonst ist aus CC/Tso kaum etwas über die Geschichte von T'eng zu erfahren: Bei der Audienz in Lu im Jahre 712 streitet der noch Markgraf genannte Herr von T'eng mit dem Markgrafen von Hsieh, einem vergleichbaren Kleinstaat, um den Vorrang und behauptet, seine Vorfahren seien am Königshofe der Chou pu-cheng gewesen, "Ordner der Orakel". Später, 660, hilft ein Herr von T'eng, den durch Fremdvölker vernichteten Chou-Staat Wei durch Neuansiedlung eines Teils seiner Untertanen dort wiederherzustellen (Tso Min 2).

Die glanzvollste Zeit der Geschichte von T'eng mag in den Anfängen von Chou gelegen haben, also im 11./10. Jh. Um die Mitte des 6. Jh. knüpfte es anscheinend an diese an, obwohl sein Territorium -inmitten von sich stetig ausweitenden Staaten- wohl nicht größer war als das eines späteren Landkreises: Stadt und einige Dörfer im Umfeld. Welche Bedeutung hatte T'eng dann in der Zeit der Kämpfenden Staaten (479-221), in welcher Meng K'o und "sein" T'eng-Herzog Wen lebten?

59
Gab es Herzog Wen von T'eng tatsächlich?

Außerhalb von CC/Tso wird der Staat T'eng in der klassischen und spätklassischen Literatur selten erwähnt, und wenn er erwähnt wird, gilt er als Inbegriff der Kleinheit. Schon K. hatte einmal boshaft angemerkt (LY 14.11), jemand sei zwar geeignet, Hausmeier einer großen Würdenträgerfamilie zu sein, nicht aber Würdenträger eines Staates wie T'eng oder Hsieh, sei also nicht zu eigenverantwortlichem Handeln in der Lage, nicht einmal in einem Kleinststaat.

Zusammen mit diesem Hsieh sowie Chu/Tsou, beide in seiner Nachbarschaft, wird T'eng auch sonst erwähnt und dann verwundert registriert, daß dessen Herren sich Markgraf und Herzog genannt hätten (YTCC 3.8, CCFL 4.1, 9.3). Dem YTCC gelingt in diesem Zusammenhang die schöne Formulierung, ein Fasan auf seiner Flucht eile weiter, als das Staatsgebiet von T'eng ausmache.

Das Ende von T'eng liegt im Dunkeln, und deshalb ist unklar, ob es zu Lebzeiten des Meng K'o (390-305) überhaupt noch bestand. Eine Anekdote um den seltsamen König K'ang von Sung (CKT 447, Hsin-hsü 4.28, Hsin-shu 6.3) überliefert, es sei durch diesen ausgelöscht worden. Das müßte dann zwischen 318 und 286 geschehen sein. Die Überlieferungen über diesen König K'ang erscheinen allerdings sämtlich als dubios.

Den "Bambusannalen" zufolge verlor T'eng schon viel früher, nämlich ungefähr 412, seine staatliche Unabhängigkeit; es wurde durch Yüeh vernichtet, und diese Notiz in den Bambus-Annalen wird durch ein Zitat in einem SC-Kommentar als authentisch bestätigt (SC 41.1747). Andere Aufzeichnungen nennen Ch'i bzw. Ch'u als Vernichter von T'eng.

All das paßte besser in unsere Vorstellungen von den historischen Entwicklungen damals, besser jedenfalls als die Anekdote mit König K'ang von Sung. Natürlich bestände die Möglichkeit, daß irgendwann/durch irgendwen/aus irgendwelchen Gründen der Staat T'eng wiederhergestellt wurde. Große Wahrscheinlichkeit läßt sich dafür nicht beanspruchen.

Das Shih-pen kannte offenbar neben den oben aufgeführten Herren von T'eng noch zwei weitere: Herzog K'ao und Herzog Yüan, einen Herzog Ting und einen Herzog Wen offenbar nicht. Ein direktes Fragment/Zitat dieses Inhalts aus dem ja nur bruchstückhaft erhaltenen Shih-pen ist anscheinend nicht überliefert, sondern nur dessen Spiegelung in dem Meng-Kommentar des Chao Ch'i (zu Meng 3A.1). Einigermaßen gewunden erklärt der, die Herzöge K'ao und Yüan sowie Ting und Wen "entsprächen einander" (hsiang-chih); möglicherweise sei es wegen irgendwelcher Namenstabus zu Umbenennungen gekommen. Was ist davon zu halten? - Hier können wohl nur genauere Einblicke in die Strukturen der Meng-Überlieferungen weiterhelfen.

Wie dem auch sei, ein wenig erstaunlich ist schon, daß die frühkonfuzianische Überlieferung augenscheinlich schon stolz darüber war, wenn solch ein Winzling wie der Herr von T'eng sich für ihre Lehren interessierte. Da kam die Überlieferung sehr gelegen, daß die frühen Chou von einem vergleichbar kleinen Gebiet aus das ganze Reich erobert hätten - und eben das erzählt Meng K'o dann auch gleich mehrmals dem Herrn von T'eng. - Vielleicht sollten die Meng-tzu/Überlieferungen über Meng K'o und T'eng aus einem ganz anderen Blickwinkel als dem historischen betrachtet werden.

 
 
» Teil 15, HCN 26
 
 
 

Ferienfreuden II: Ansichten eines Gegenstandes von geringer Bedeutung

Stuhl 1 Der Schreibtisch wurde erneuert. Da ist wohl geraten, auch den dazugehörigen Stuhl auszuwechseln. Gut dreißig Jahre leistete er vortreffliche Dienste, doch jetzt erscheint er gelegentlich altersschwach und geht aus den Fugen.

Wie alt mag er sein? Eine Inventarnummer, von alter Hand und sorgfältig aufgemalt, erweist, daß er dereinst der Katholischen Fakultät der Universität Münster zugehörte. Geheimnisvoll wird der Weg gewesen sein, auf welchem er in meinen Besitz gelangte. Alle paar Jahre mußte er neu gestrichen werden, doch mehr an Pflege war nicht notwendig.

Sehr ansehnlich mutete er nie an, eher bescheiden, doch er bot vorzüglichen Sitzkomfort. So paßte er gut in eine Katholische Fakultät. Im Laufe der Jahre gewöhnte er sich auch an sinologische Sitzbefindlichkeiten. So widerstanden beide, der Gegenstand und sein Besitzer, manchem Ansinnen, ihn zu ersetzen. Eine Erneuerung, mit Farbtopf und Pinsel, konnte dem dann wehren.

Stuhl 2 Die Betrachtung heutiger Schreibtischstühle, gelegentlich versucht, erwies, daß ihm von dieser Seite her keine Konkurrenz erwachse. Jetzt aber könnte es für ihn gefährlich werden. Sein Besitzer hat sich nie für alte chinesische Möbel interessiert - sträflicherweise, wie er jetzt einsehen muß. Auf dem Schreibtisch liegt nämlich eine stattliche Fülle von Abbildungen alter chinesischer Möbel - viele Stühle darunter. Vielleicht läßt sich ein ähnlicher hier in HH auftreiben.

Und was wird dann aus dem katholischen Stuhl? Nach so vielen Jahren der Vertrautheit wird sich schon eine Ecke finden, in welcher er seine Zurücksetzung überleben kann.
 
 
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