Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 25
17. August 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Menzius in Bosau

Lühmann: Konfuzius Dieses Buch, das vor wenigen Wochen erschienen ist, trägt noch einen weiteren Untertitel: "Der Bruch in der Konfuzius-Rezeption der deutschen Philosophie des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts". Damit ist ein zeitlicher und inhaltlicher Rahmen abgesteckt, den Werner Lühmann allerdings -und erfreulicherweise!- mehrmals überschreitet.

Die China-Rezeption durch die deutschen Dichter und Denker ist in ihren Grundzügen wohlbekannt, in ihren Grundzügen. Werner Lühmann faßt sein Thema enger als die meisten seiner Vorgänger. Sein besonderes Augenmerk gilt den Übertragungen der "Gespräche" sowie der Frage, auf welcher Grundlage deutsche Autoren über konfuzianisches Gedankengut urteilen.

Da ist natürlich von Leibniz, Wolff, Herder und Hegel zu reden, von welchen und ihrem Verhältnis zu China schon öfter zu lesen war. Gilt letzteres aber auch für Noel, Bilfinger und Schopenhauer, deren Namen manchem heutigen China-Enthusiasten wenig sagen werden? In gleicher Weise gelten nach den Weimarer Klassikern Goethe und Schiller Lühmanns Erkundungen eben auch Jean Paul. Er zitiert ihn, weniger genußvoll als erbost:

"Man sollte halbe Bibliotheken gegen Thee und China schreiben, gegen ein verschroben selbstsüchtiges, kleinliches Land, das den edelsten Erdtheil aussaugt und beschimpft, gegen ein Getränk, das die Trinker in zeremonielle Chineser, wie der Kaffee seine in feurige Araber verwandelt."

Das ist natürlich verquer, doch wir halten Jean Paul auch sonst seine Manierismen zugute. Auch den Ahnherren solcher europäischer/ deutscher Chinabilder widmet Lühmann einige Ausführungen, nämlich den Berichten französischer Handlungsreisender. In diesem Zusammenhang zitiert er:

"Die Chinesen ...dieses feigherzige Volk ... haben keinen Funken von Genie, keine Thätigkeit in ihrer Vorstellungskraft; alles geht bey ihnen maschinenmässig oder nach regelloser Gewohnheit. ... Sie bringen die eine Hälfte ihres Lebens damit zu, die unzähligen Karaktere ihrer Sprache zu lernen, und die andere verschlummern sie in ihren Serails. ... Der so hochberühmte Ackerbau besteht in der Pflanzungs des Reis, den ein bis an die Knie im Wasser stehender elender Kerl in die am Ufer der Flüsse gemachten Löcher vertheilt."

Alles in China ist ihm ein Greuel, insbesondere "die entsetzliche Menge von Gelehrten". - Solche ergötzlichen Lesefrüchte sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß den Kern des Buches akribische Recherchen zu den beiden oben skizzierten hauptsächlichen Interessengebieten bilden. In diesen finden sich wahre Kleinodien der Erudition - und sei das auch nur, wenn Lühmann anmerkungsweise mitteilt, in nur noch fünf deutschen Bibliotheken fänden sich Exemplare der 1711 gedruckten "Sinensis Imperii Libri Classici Sex" von Franziskus Noel (18.08.1651-17.09.1729). Auf vergleichbar sorgfältige Weise ist bisher kaum jemand den Einzelheiten deutscher Chinarezeption an einem Detailthema nachgegangen. Beispielhaft ist diese Studie, und jeder Interessierte wird sie nach der ersten Lektüre noch oft in die Hand nahmen, um eine Einzelheit nachzuschlagen.

Allerdings mußten einige glückhafte Momente zusammenkommen, um dieses Werk zu ermöglichen. Werner Lühmann, Jahrgang 1936, studierte noch umfassend - ein halbes dutzend Fächer zwischen Kulturanthropologie und Pädagogik, einige Philologien dabei, und über die für die vorliegende Arbeit unerläßlichen altphilologischen Kenntnisse verfügt er ohnehin. Nach der ausgezeichneten Promotion wurde er DAAD-Lektor in Mexiko, dann dort Professor, und schließlich, nach Deutschland zurückgekehrt, Leiter der Fachabteilung Geisteswissenschaften an der Universitätsbibliothek Augsburg. Nach der Pensionierung, 1997, begann er ein volles Studium der Sinologie, und hatte eine nachsichtige Ehefrau. - All das, neben der forschenden Neugier, waren Voraussetzungen, und viele interessante und wichtige Forschungsprojekte können heute wohl nur noch durch die sogenannten "Älteren Erwachsenen" an den Universitäten bearbeitet werden.

Allem Anschein nach ist Lühmanns sinologische Neugier noch lange nicht gestillt. Im Verlauf seiner bisherigen Recherchen entdeckte er sogar in der Landesbibliothek Eutin, nahe seines Wohnortes, einen Klassiker der deutschen China-Literatur: "Confucius Sinarum Philosophus". Der Band war lange verschollen und wies überdies interessante Kommentare von Benutzerhand auf. Natürlich spürte Lühmann auch dem nach und schrieb darüber: "Konfuzius in Eutin". Übrigens, diese kaum bekannte Bibliothek ist auch sonst hoch zu rühmen.

Unlängst legte sich Lühmann den konfuzianischen Klassiker Meng-tzu auf den Schreibtisch, mit einer abermals sehr genauen Fragestellung. Man darf also gespannt sein.
 
 
 

Verschwiegene Texte

Jeder, der an China interessiert ist, wird sich gedacht haben, daß sich im Hintergrund der Ausstellung "Schätze der Himmelssöhne. Die Kaiserliche Sammlung aus dem Nationalen Palastmuseum Taipeh, TAIWAN", die vom 18. Juli bis zum 12. Oktober zunächst im Alten Museum in Berlin gezeigt wird und dann nach Bonn wandert, einiges "getan" hat, "Diplomatisches" vor allem.

Die Auseinandersetzungen zwischen der Republik China auf Taiwan und der Volksrepublik China auf dem Festland um ihren Status und ihre jeweilige Legitimation gaben diesen Hintergrund ab. Diese Schätze der Himmelssöhne befanden sich schließlich ursprünglich in der sogenannten Verbotenen Stadt, dem Palastbereich der letzten über die Region China herrschenden Kaiser, aus der Fremddynastie der Mandschu.

Diffizil ist schon die Frage, ob die Republik China in völkerrechtlichem Sinne deren Nachfolger war, und noch diffiziler wären die Erwägungen darüber, ob die beiden Kontrahenten von heute Rechte an deren Hinterlassenschaften haben, und welche. Die Republik China verfügt immerhin über einige Rechtstitel von den Angehörigen des letzten Kaiserhauses. - Die politischen Haltungen beider Seite freilich sind klar und deutlich.

Zur Einführung Hamburger Interessenten in diese Ausstellung kündigte der Berichterstatter für den 12. August einen kleinen Vortrag an. Er hätte nicht gedacht, daß dieser eher unauffällige und unbedeutende Anlaß mehrere diplomatische Aktivitäten von beiden Seiten nach sich ziehen würde.

Gerne erinnert er sich an einen Sommernachmittag im Jahre 1986. Damals stand in HH ein großer internationaler Kongreß bevor, zu dem auch Wissenschaftler aus "beiden China" eingeladen waren. Der chinesische Generalkonsul kündigte darauf seinen Besuch an, wurde durch einen Konsul begleitet und stellte auf den Besprechungstisch einen Wimpel mit dem Zeichen der VR. Das war offiziell! Doch er erklärte, in den Bereichen Wirtschaft und Kultur seien alle Kontakte mit der Republik China auf Taiwan ganz unproblematisch, doch einige "politische" Details sollten beachtet werden.

Um welche Feinheiten es diesmal geht, zeigen die Ausstellungsplakate und -prospekte, die in jeweils zwei Versionen vorliegen - von der deutschen Ausstellungsleitung und von der taiwanesischen Seite. Erkennbar werden sie allerdings eher im Kleingedruckten, obwohl natürlich auch der Vergleich der gewählten Bildmotive reizvoll ist. - Ansonsten ist rühmend hervorzuheben, daß beide Seiten, RoC und VR, sich in Zusammenhang mit dieser Ausstellung größte politische Zurückhaltung auferlegt haben. Allein deswegen können sich deutsche Chinaliebhaber durch die Betrachtung grandioser Exponate einen Überblick über die Geschichte der chinesischen Kultur verschaffen - aller Rechtsverhältnisse ungeachtet. Und dafür sollte man dankbar sein.

Schätze der Himmelssöhne - taiwan. Version     Schätze der Himmelssöhne - dt. Version

Der Berichterstatter liebt die chinesische Kultur in allen ihren Einzelheiten, und er bemüht sich, sie zu verstehen und hier und da ein wenig von seiner Begeisterung darüber zu vermitteln, auch über die damit verbundene Geschichte und Gesellschaft. Die Politik auf dem Festland und auf Taiwan interessiert ihn, doch er betrachtet sie, wie alle aktuelle Politik zu betrachten ist - aus der Distanz.

Übrigens, die Nachrichten über die Möglichkeiten des Zugangs zu diesen "Hamburger China-Notizen" in der VR China klangen von Anfang an widersprüchlich. Vor einigen Monaten fand der Berichterstatter durch Zufall eine » Website, welche Websites auflistet, die für den Empfang in der VR offiziell gesperrt sind - darunter auch diese Notizen. Nicht, daß er sich damit in durchweg schlechter Gesellschaft befände! Ein wenig schleierhaft ist allerdings, warum diese anspruchslosen unpolitischen Notizen in der VR nicht gelesen werden sollen - zumal sie doch nur in deutscher Sprache geschrieben sind und sich vor allem an die "Ehemaligen" der ChinA wenden.
 
 
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