Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 25
17. August 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Spaziergänge mit Su Tung-p'o

Der Sprachunterricht an der ChinA beginnt in den beiden ersten Studiensemestern mit einer Einführung in das gegenwärtige Hochchinesisch. Diese hat einen Umfang von zwölf Wochenstunden, Tutorien kommen hinzu. Im dritten und vierten Semester wird diese Einführung um zwei Wochenstunden reduziert. Dafür kommt eine Einführung in das Klassische Chinesisch hinzu, im Umfang von vier Wochenstunden.

Das Klassische Chinesisch, die Sprache des 5. bis 3. Jahrhunderts v. Chr., und das aus ihm abgeleitete Literarische Chinesisch, in all seinen Ausprägungen, sind die Sprachen der kulturellen Tradition Chinas. Was immer diese überaus reiche Tradition in Schriftform bewahrt hat, bis zum Ende des Kaiserreiches im Jahre 1911 - es ist fast ausschließlich in diesen beiden Sprachformen überliefert.

Da beide, das Klassische und das Literarische Chinesisch, überaus komplizierte Sprachformen sind und für sie überdies nur unzulängliche Lehrwerke zur Verfügung stehen, mag die dafür zur Verfügung stehende Zeit als zu gering erscheinen. Die Notwendigkeiten der Studienplangestaltung lassen jedoch nicht mehr zu.

Trotzdem lässt sich immer wieder beobachten, daß engagierte Studenten auch in diesen schwierigen Bereichen bald eine beachtliche Kompetenz erwerben. So konnten am Ende der diesjährigen Einführung dann auch wieder einige anspruchsvollere Texte gelesen werden.

Su Shi

In der literarischen Hinterlassenschaft des Su Shih (1036-1101), von dem in diesen Notizen schon öfter zu lesen war, befinden sich zwei Notizensammlungen, die Einblicke in seine Alltäglichkeiten vermitteln. Über deren Entstehung sind manche Legenden überliefert. Eine trägt den Titel Chih-lin, "Ein Wald von Denkwürdigkeiten". Das hier mit "Denkwürdigkeiten" übersetzte Wort chih weist auch im Chinesischen eine merkwürdige Ambivalenz auf. Es kann sowohl Erinnertes als auch Zielvorstellungen meinen. Das erste Kapitel dieser schmalen Notizensammlung enthält unter anderem einige Aufzeichnungen über den Besuch von Sehenswürdigkeiten. Zwei von ihnen sollen hier folgen, und die Abbildung gibt einen volkstümlichen Holzschnitt wieder, der Su Shih neben Bruder und Vater, ebenfalls bedeutenden Literaten, im Kreise der Familie zeigt.
Su Shih: Über einen Ausflug zum Kiefernwindpavillon

Als ich im Kloster Chia-yu bei Hui-chou verweilte, lenkte ich einmal meine Schritte bis unterhalb des Kiefernwind-Pavillons. Die Kraft meiner Füße war geschwunden, und so sehnte ich mich danach, in ihm auszuruhen. Von ferne sah ich jedoch, daß das Dach dieses Pavillons sich noch weit über den Gipfeln der Bäume befand, und ich dachte in meinem Sinn: Wie kommst du wohl dahin? Nach einer Weile sagte ich mir: "Warum soll ich mich nicht hier, an Ort und Stelle, ausruhen?" Da fühlte ich mich wie ein Fisch am Angelhaken, der plötzlich freikommt.
Wenn die Menschen dies begreifen, dann werden sie -selbst wenn sie sich im Schlachtgetümmel befinden, wenn die Trommeln und Glocken wie Donner dröhnen und wenn sie vorrücken, sie vor dem Feind sterben, und wenn sie zurückweichen, nach dem Gesetz bestraft werden- sich nicht daran hindern lassen, einen Augenblick voll tiefer Ruhe zu suchen.

Su Shih: Über einen nächtlichen Ausflug zum Kloster Ch'eng-t'ien

Es war in der Nacht des zwölften Tages im zehnten Monat des sechsten Jahres der Regierungsperiode yüan-feng (1083). Ich hatte mich entkleidet, um schlafen zu gehen, als das Mondlicht in mein Gemach trat. Voller Freude erhob ich mich. Da kam mir in den Sinn, daß niemand da war, um meine Freude zu teilen. So machte ich mich zum Kloster Ch'eng-t'ien auf, um Chang Huai-min aufzusuchen. Da auch er noch nicht ruhte, schritten wir miteinander durch den Innenhof des Klosters. Uns war, als wenn dort ein weites Wasser im Mondlicht liege und sich in den Wassern die Pflanzen verschlängen und kreuzten. Das waren wohl die Schatten von Bambussen und Kiefern.
In welcher Nacht gibt es keinen Mond? An welchen Ort stehen nicht Bambusse oder Kiefern? Nur selten aber sind Müßiggänger gleich uns beiden.
Natürlich hatte nicht jeder Kursteilnehmer Sprache und Inhalt dieser kurzen Texte vollkommen verstanden. Übung ist schließlich notwendig, um in die Sprache und Vorstellungswelt solch ferner Menschen wie Su Shih einzudringen. Was jedoch der eine nicht verstand, das hatte seine Nachbarin erfaßt - und umgekehrt, eben die Weisheit des Su Shih, die Freuden des Augenblicks zu genießen.

Der Abschlußklausur stellten sich 21 Kursteilnehmer, und alle bestanden, zwei freilich mit "Ach und Krach" - und einigen Aufgaben für die Ferien. Die meisten von ihnen werden jetzt für längere Zeit nach China aufbrechen: keine gute Zeit für Klassisch und Literarisch! Einige, immerhin, wollen sich weiterhin darin üben.
 
 
 

Sommerflügel: Freuden über Ehemalige

Dank der Hamburger Sinologischen Gesellschaft und regelmäßiger Absolvententreffen weiß die ChinA in der Regel ganz gut, was so aus ihren Absolventinnen und Absolventen geworden ist. Trotzdem gelingt es diesen immer wieder, die in der Uni zu verblüffen - durch unerwartete Seitenwege oder neue Bahnen ihrer Leben. Drei Beispiele aus den letzten Wochen:

Catharina Schuchmann ist den meisten Ehemaligen der ChinA als begeisterte Mutter von inzwischen fünf "Gören" bekannt. Jetzt weckte sie Aufsehen als Filmschauspielerin. Max Färberböck drehte eine Filmstudie über die Auswirkungen des 11. September 2001 auf die Gesellschaft hier: "September". Anscheinend ist das kein Publikumsfilm, doch, vom "Spiegel" angefangen, besprachen ihn alle Feuilletons positiv, und alle rühmten "die" Schuchmann, so die FAZ vom 28. Juni: "Eine echte Entdeckung ist Catharina Schuchmann als Brokergattin." Die meisten heben die Intensität ihrer Darstellung hervor.

Catharina Schuchmann (links)

Johannes Goeth war sogleich nach seinem Magisterexamen, 1998, dessen schriftliche Arbeit der Rockmusik auf Taiwan gegolten hatte, nach Taiwan und dem HH-Blickfeld entschwunden. Jetzt rückte er in gleich mehrfacher Weise in dieses zurück. Er gründete dort im Jahre 2001 eine Firma: Swan Panasia Co., Ltd.", die aus dem seit 1996 bestehenden Kultur-Café "Witch House" hervorging und dem Import und Vertrieb deutscher Spiele aller möglichen Art gewidmet ist. Zum Namen seiner Firma schreibt Goeth in einem Prospekt: "Der chinesische Namen des Unternehmens lautet ‚Xintian ebao' und bedeutet ‚Schloß Neuschwanstein'. Dieser Name ist die nach Umfragen die zu einem Spieleverlag passendste Assoziation, die Taiwanern zu Deutschland einfällt, neben den Begriffen BMW, Benz, Bierbauch (die drei deutschen Bs), Schweinshaxe, Wurst und Hitler." Eine offizielle Anfrage zeigt, daß auch eine amtliche Stelle der Republik China auf Taiwan Goeth anstellen möchte. Da muß wohl seine Frau die Geschäftsführung der Spiele-Ltd. wahrnehmen.

wings of summer

Fanny-Min Becker, die Frau von Dr. Otmar Becker, kehrte vor einigen Jahren nach Hongkong zurück. Sie hatte schon immer literarische Interessen gehabt, kurze Prosastücke geschrieben, auch Gedichte - in einer durchaus eigenwilligen Sprache und Erlebniswelt. In Düsseldorf, wo beide zuletzt lebten, paßte die Umgebung anscheinend nicht so recht zu hierzu. Jetzt schickte sie einen Gedichtband - nicht einen eigenen, sondern einen des bekannten Hongkonger Literaten Zheng Danyi. Vielleicht übersetze ich, wie sie möchte, tatsächlich einige von diesen Gedichten ins Deutsche. Die letzten Verse des Titelgedichts "Flügel des Sommers":
O meine Flügel, seht mich den Boden verlassen, aufsteigen, die Richtung
Wählen. Warum ist in deinem Namen der Mond meines Lebens?
Schauspielerei neben Haushaltspflichten, Spieleverlag und Radiosendungen, Gedichte und Selbstbehauptungen - aus solchen nur angedeuteten Facetten kommen die Begeisterungen, welche die Lehrenden der ChinA immer neu über ihre "Ehemaligen" spüren. Diese drei waren einfach nur Beispiele aus den letzten Wochen.
 
 
 

Einblicke in Kuans Kunstsammlungen

Einladung Kuan Der langjährige Lektor des ChinS Dr. Y.C. Kuan hat, was seine vormaligen Schüler und Kollegen schon lange ahnten, in den Jahrzehnten seines Wirkens in Hamburg eine stattliche Sammlung chinesischer Kunst aufgebaut. Natürlich gehörten dazu auch Kalligraphien, wie er selbst denn auch ein vortrefflicher Kalligraph ist.

Jetzt gibt er einer weiteren Öffentlichkeit Gelegenheit, einen Teil seiner Schätze zu würdigen. "Begegnungen mit chinesischer Kunst" heißt die Ausstellung. Sie wird eröffnet am

21. August, 16.30 Uhr

im neuen HANSE-GATE, Neumühlen 13/15, und wurde durch das KUNST CONTOR organisiert. Die Exponate sind dann noch bis zum 11. September, täglich von 12.00 bis 19.00, zu betrachten.

HH-Bürgermeister Ole von Beust hatte die Lebenserinnerungen von Prof. Kuan, "Mein Leben unter zwei Himmeln", gelesen. Er war davon so angetan, daß er jetzt zur Eröffnung der Ausstellung sprechen wird.
 
 
 

Nomen est omen?

Mindestens einmal in der Woche erreicht die ChinA eine - telefonische, elektronische oder briefliche - Anfrage, die, gelinde gesagt, etwas "schräg" anmutet. Eigentlich wäre aufschlußreich, sie alle einmal zu dokumentieren. In dieser Woche gehörte dazu die folgende, an "die Herren Professoren für Sprachen Ostasiens" gerichtet:

"Unsere Tochter hat durch Heirat den Familien-Namen S-k erhalten. Die Vorfahren ihres Mannes stammen aus dem asiatischen Raum: Kaukasus, Kirgisien oder ähnlich. Ihr Mann ist relativ klein, schlank und schwarzhaarig, hat aber keine Schlitzaugen. Läßt sich der Name S-k irgendwie übersetzen oder deuten ?"

Ostasiatisch ist der Name, hier verkürzt wiedergegeben, gewiß nicht. Warum fragt der Mann nicht erst einmal seinen Schwiegersohn, wo er herkomme und welche Sprache er spreche? Aber wer weiß, welche kleine Familientragödie sich hinter dieser Anfrage verbirgt? Vielleicht will der Fragesteller ja nur klammheimlich herausfinden, ob der Name eine gedeihliche und glückliche Ehe verheiße.
 
 
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