Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 25
17. August 2003
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Von Hamburg nach Berlin - wegen Chinas Kunst

Die brütende Hitze lockt einerseits an das Meer und zum Baden in Flüssen und Seen. Dort wimmelt es jedoch von Gleichgesinnten, von Blaualgen überdies. Viel wohltemperiertere Stätten sind andererseits die Museen, die dazu noch auf nicht anstrengende Weise zu belehren vermögen. Jüngsten Zeitungsberichten war überdies zu entnehmen, daß die Museen in HH über Besucherrückgänge klagen - was für den erholungsuchenden Müßiggänger wenigstens in dieser Hinsicht keinen Nachteil darstellt. Leider zeigen sie gegenwärtig nichts Neues, das sich mit China verbinden ließe.

Also ab nach Berlin! Dort stellt das Palastmuseum Taipeh/Taiwan (Fotos Katalog) gegenwärtig einen kleinen Teil seiner Schätze aus, unter dem Titel "Schätze der Himmelssöhne", der chinesischen Kaiser. In allen überregionalen Medien wurde dieses Ausstellung besprochen, nachdem sie Mitte Juli eröffnet worden war, und sie war - allerdings vornehmlich aus politischen Gründen - eine kleine Sensation, als sie angekündigt wurde.

Palastmuseum Taibei

Der IC am Vormittag war menschenleer und angenehm temperiert. Der Weg zum Alten Museum auf der Museumsinsel in Berlin war leicht gefunden und nach einem zehnminütigen Spaziergang bewältigt, an der Ausstellungskasse stand keine Schlange, die Kartenabreißerin ließ den Müßiggänger durch einen Türspalt einschlüpfen - der Orientierungsgang konnte beginnen, unbehindert durch gar zu große Gelüste von Gleichgesinnten nach musealen Erholungstemperaturen und ein wenig belehrender Erquickung durch Kunst und Verwandtes. Von "Kaiser, Kunst und Kuriosa" war nämlich in Zusammenhang mit dieser Ausstellung auch zu lesen gewesen.

Die Ausstellung besteht aus fünf Teilen. Sie führt, wie häufig bei solchen Chinaausstellungen hierzulande, von irgendwelchen Anfängen bis zu irgendeinem Ende - hier dem Ende des Kaiserreiches, 1911. Die chronologisch letzten Exponate datieren wohl tatsächlich aus dem 19. Jahrhundert.

Der erste Teil der Ausstellung heißt "Das Erbe des Altertums. Von der frühen Zivilisation zur höfischen Kultur des Kaiserreiches". Die beigegebenen Datierungen erklären, daß dieser Zeitraum von ca. 4000 v. Chr. bis zum Jahre 907 n. Chr. reiche. - 22 Kult- und Zierschnitzereien aus Nephrit/Jade sind zu bewundern, ebenso 40 Bronzen, von Sakralgefäßen aus dem hohen Altertum bis zu T'ang-Spiegeln, dazu drei Kalligraphien, darunter ein literarischer Text des bedeutenden T'ang-Kaisers Hsüan-tsung (685-762). Für die Zeit der weitgehenden Reichstrennung, 220 bis 589, die kulturell außerordentlich bedeutend ist, und für die kulturelle Hochblüte der T'ang-Zeit stehen insgesamt höchstens zehn Exponate, manche davon eher unauffällig.

Nach dieser Station muß sich der Müßiggänger erst einmal in das - freilich bescheidene - Ausstellungscafé begeben und bei einer Tasse Kaffee nachsinnen: Was sagt uns das? - Daß China bis zum Jahre 907 gleichsam das Erbe des Altertums verwalte, das "zivilisatorische" wohlgemerkt, und daß Kultur erst danach aufkomme. Dieses Erbe bestehe vor allem aus kleinen figürlichen Jadearbeiten und mehr oder weniger bizarren Bronzegefäßen. Was meint die Ausstellung mit "Erbe des Altertums", und gab es denn bis zum Jahre 907 in China keine "höfische Kultur", oder soll diese durch kleine Bronzespiegel symbolisiert werden. Überhaupt, wie soll sich eine Dame in diesen kleinen Dingern betrachten, wenn sie sich die schwarzen Haargebirge richtet? - Ein ganz klein bißchen anders als hier erkennbar hatte der Müßiggänger sowohl das Altertum als auch die Zeiten bis zum Ende der T'ang in Erinnerung

Schätze der Himmelssöhne Die zweite Station der Ausstellung ist der Sung-Dynastie (960-1279) gewidmet: "Kunstvermächtnis und Kaisertum. Aus dem Geist des Bewahrend (sic) zu ästhetischen Idealen". Einige frühe Blockdrucke liegen in Vitrinen, buddhistische und chinesische Klassiker, 30 Tuschebilder unterschiedlichster Formate und Motive laden zu langen Betrachtungen ein, ungefähr 15 Keramikarbeiten aus drei Jahrhunderten verlangen zu ihrer Betrachtung in Vitrinen Verneigungen - schuldige jedenfalls, angesichts ihrer Eleganz, auch wieder einige Nephritarbeiten. Indes, was heißt jetzt Kunstvermächtnis, und gab es Kaiser mit Kunstinteressen nicht auch lange vorher, nicht auch ästhjetische Ideale, und welches Objekt in dieser Abteilung veranschaulicht das "bewahrend"? Gewiß tut das ein eher unscheinbares Objekt, das der flüchtige Betrachter vielleicht sogar übersieht - einen frühen Druck eines der Kataloge, durch die Kaiser Hui-tsung (1101-1125) seine Sammlungen dokumentieren ließ. Was aber steckt hinter diesem Geist?

Ein zweiter Kaffee ist notwendig, zum Nachdenken, doch diesmal muß der Katalog der Ausstellung dazugehören. Ach ja, auf Seite 20 ist zu lesen, nicht unbegründet, mit der Sung-Dynastie beginne Chinas "Neuzeit", die dann bis zum Jahre 1840 währt, worauf die "Moderne" und die Gegenwart folgen. Und jetzt fällt es dem Müßiggänger wie Schuppen von den Augen: Renaissance und Frühkapitalismus in Europa, das war doch ganz ähnlich! Rückbesinnung auf die Antike, neue malerische Techniken und Sichtweisen, wie unter den Sung, und die Keramiken deuten an, daß damals auch schon in China riesige Manufakturen unterhalten wurden, und den Buchdruck gab es natürlich - nur eben ein paar Jahrhunderte früher als in Europa. In der Zeit von Renaissance entstanden auch in Europa die herrscherlichen, bald auch private Kunst- und Raritätenkabinette.

Ob sich allerdings diese Zeiten, hier und dort, vergleichen lassen? Der Katalog hilft hier kaum weiter. Die Katalogbeiträge, von chinesischen Experten verfaßt, neigen eher technischen Darlegungen und ästhetischen Würdigungen zu, und die einleitenden Beiträge können dazu wahrscheinlich keinen Ausgleich schaffen. So bewegt sich diese Ausstellung weitgehend in gesellschaftlich und politisch luftleeren Räumen. Das mag für den antiquarischen Liebhaber kein Nachteil sein, doch für ein allgemeiner interessiertes Publikum hier wären vielleicht auch ein paar Alltäglichkeiten interessant: "Wieviel Stück davon hat der Kaiser wohl geordert", fragte eine alte Dame ihre Begleiterin bei der Betrachtung einer blaugrünen sungzeitlichen Flachschale, "und ob das ein Obstteller war, und dann bei seinen vielen Konkubinen?

Der dritte Teil der Ausstellung gilt der Yüan/Mongolen-Dynastie (1279-1368) im Weltreich der Mongolen. Naheliegender Titel dieses Teils, der 40 Exponate enthält: "Fremdherrschaft auf dem Drachenthron. Neue Leitbilder und Universalismus". Gut die Hälfte der Exponate in diesem teil sind wieder Tuschebilder, dann folgen Keramiken, Arbeiten in Lack und Nephrit; auch einige Kleinbronzen mit fremdländischen Schriftzeichen. Wahrscheinlich stehen diese für den Universalismus, was immer darunter zu verstehen sei.

Steht dieses unscheinbare Bildchen mit dem Titel "Herbstmelone" vielleicht für die neuen "Leitbilder"? Ein Gartenstück scheint es zu sein, und so sagt denn auch die Bildaufschrift, in der Übersetzung des Katalogs: "Es ist so heiß, daß Stein und Eisen schmelzen möchten,/ Schweiß rinnt in Strömen den Körper entlang./ Ich schneide die Frucht auf einem kühlen Teller/ und meine, einen Hauch von Herbst zu spüren." Dann nennt die Aufschrift jedoch einen Herrn von Tung-ling. Dieser hatte, ein gutes Jahrtausend davor, unter einer neuen Dynastie alle seine Würden verloren und mußte als Melonenbauer seinen Lebensunterhalt bestreiten. - Vergleichbar erging es dem Maler dieses Bildes (ca. 1235-1307), der aus Protest gegen die neue und zudem fremdländische Mongolendynastie alle seine Schriften verbrannte und als sozial geringgeschätzter Auftragsmaler seinen Lebensunterhalt verdiente. Ganz deutlich zeigt dieses "Gartenstück" also auch Züge einer politischen Malerei, doch derlei sprechen Katalog und Ausstellungstexte fast nie an - aber die Interpretation solcher und ähnlicher Hintergründigkeiten gehörte doch zu den Wesenszügen der traditionellen Malerei und ihrer Betrachtung.

An dieser Stelle mußte der Müßiggänger seinen Spaziergang durch die Ausstellung abbrechen. Noch nicht einmal die Hälfte der Exponate hatte er betrachtet! Jedes einzelne Stück war ein glanzvolles Zeugnis der chinesischen kulturellen Traditionen gewesen und jedes verlangt nach sorgfältigem Studium. Vielleicht ist ein Nachteil der Ausstellung, daß sie wieder einmal einen Überblick über die ganze chinesische Kultur schaffen will, für ein hiesiges Publikum. Dabei gelingen den Wissenschaftlern des Palastmuseums sonst vortreffliche thematische Ausstellungen, zuletzt im Jahre 2002 die große dem Kaiser Ch'ien-lung (1736-1795) gewidmete. .

Auch die altmodischen Räumlichkeiten und Vitrinen des Alten Museums entzücken nicht gerade mit ihrem kaiserzeitlichen deutschen Charme. Aber was soll's! Eine zweite, vielleicht eine dritte Reise zu diesen prachtvollen, unscheinbaren und bedeutungsträchtigen Zeugnissen der chinesischen Kultur ist angeraten - in der Kühle des Herbstes vielleicht.

Ein wenig verstörten allerdings die letzten Schritte, nach dem Ende der Ausstellung - durch ein düsteres Kabinett in das lichte Vestibül des Hauses. Dort hatte irgendein Scherzkeks einige Liebigbilder und/oder Sammelbildchen aus Zigarettenschachteln des 19./20. Jahrhunderts aufgehängt. Sie zeigten, im Vorübereilen wahrgenommen, dementsprechende deutsche China-Wahrnehmungen. Sollte das ein Witz sein - und, wenn ja, was "bedeutet" er?
 
 
 

Ein Generalkonsul geht

Chen Jianfu Dem "Hamburger Abendblatt" war dieser Anlaß einen Einspalter wert, und "Welt/Hamburg" brachte eine längere Notiz. Für "Bild/Hamburg" fand er nicht statt, natürlich auch für die "MoPo" nicht. Letztere machte sich wegen eines anderen Abschieds längere Sorgen: "Gitta:
Abschied von Hamburg?" Gemeint war eine gewisse Gitta Saxx, die dem Pöseldorfer Flaneur zwar bereits öfter begegnet, aber nie aufgefallen war. Die MoPo pries die 38jährige als "knackig".

Jugendlich wirkt auch der chinesische Generalkonsul Chen Jianfu, der sich am 20. Juni durch einen Empfang im Großen Festsaal des "Atlantic" von der Hamburger Öffentlichkeit verabschiedete. Nach genau drei Jahren und zehn Monaten wurde er, nach dem Brauch der diplomatischen Dienste in der üblichen Frist, erst einmal in eine Tätigkeit in der eigenen Hauptstadt zurückgerufen. Sein Nachfolger Ma Jinsheng wird dem Vernehmen nach im August in HH eintreffen. Er hatte vor Jahren in der Presseabteilung der chinesischen Botschaft in Bonn gewirkt.

Das Wirken eines Diplomaten, seine Erfolge oder seine entspannte Wahrnehmung des Dienstes, läßt sich öffentlich in der Regel schlecht würdigen, denn es geschieht meistens jenseits der Öffentlichkeit. HH-Regierungschef Ole von Beust zeichnete Chen Jianfu desungeachtet gleich mehrfach aus. Zunächst einmal war schon ungewöhnlich, daß er bei diesem Abschiedsempfang sprach, denn die offizielle Verabschiedung erfolgt schließlich in seinem Dienstzimmer. Dann widmete er Generalkonsul Chen ungewöhnlich persönliche und herzliche Worte und schließlich überreichte er ihm eine ordenähnliche Ehrengabe des Senats, den berühmten Portugaleser. Die Freie und Hansestadt weiß also, was sie an Chen gehabt hat.

Ansonsten war dieser Empfang nicht so gut besucht wie vergleichbare Veranstaltungen des Generalkonsulats. Vertreter der HH-Wirtschaft fehlten weitgehend, und so hatte Gyula Trebitsch, das alte Schlachtroß des Filmgeschäfts, wieder einmal Gelegenheit zu erzählen, daß Chen Jianfu schon bei dem Besuch von Helmut Schmidt in der VR, wohl 1975, als junger Student gedolmetscht habe. Auch andere HH China-Institutionen waren schwach vertreten, dafür hatten die chinesischen Firmen in HH viele Mitarbeiter zu Chens Ehren entsandt.

Eine Geste der Wertschätzung gegenüber einem scheidenden Diplomaten ist die Teilnahme an seinem Abschiedsempfang, vielleicht auch der Freundschaftlichkeit, einer institutionellen oder gar persönlichen. Daneben gibt solche Teilnahme Gelegenheit, mit anderen Gästen ein beiläufiges oder sinnvolles kurzes Gespräch zu führen. Vergnügt stellt der Berichterstatter fest, daß er in dieser Nachmittagstunde gleich drei Kurzgespräche führen konnte, die sogleich sinnvolle Vereinbarungen zur Folge hatten. Vielleicht macht eben den Erfolg eines Wirkens als Diplomat auch aus, Gelegenheiten für solche Gespräche zu schaffen.

Noch vergnügter fühlt sich der Berichterstatter allerdings über etwas anderes: In der Schlange der Gäste, die Chen Jianfu und seiner Frau Li Xiaobin zum Dank und zum Abschied die Hand schütteln wollten, stand er neben einem alten chinesischen Freund. Natürlich sprachen sie über Chen Jianfu, auch über seine Jugendfrische. "Weniger als Fünfzig", schätzte der Chinese, während der Deutsche dagegenhielt: "Nee, älter auf jeden Fall!" "Wollen wir wetten?" - Und Chen Jianfu entschied belustigt, er befinde sich in seinem 52. Lebensjahr. - Soll ihm der Berichterstatter nicht allein wegen der gewonnenen Wette viele weitere erfolgreiche Jahre des Wirkens wünschen? Das Foto (von Hannelore Blöcker) zeigt ihn bei einer Veranstaltung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft im Herbst 2002.
 
 
 

Chinesischer Stadtplan von Hamburg

Hanbao zhongwen ditu Ganz Hamburg ist auf ihm noch nicht zu sehen, sondern nur der Bereich der Innenstadt zwischen Landungsbrücken und dem größeren Teil der Außenalster, die als A-ssu-t'e-Außensee erscheint. Die Spielbank sollte wohl noch vorkommen, denn sie hatte eine Anzeige für diesen Stadtplan beigesteuert.

So ganz chinesisch kommt dieser Stadtplan noch nicht daher. Nur einige Namen und Bezeichnungen sind im Kartenbild chinesisch wiedergegeben oder ins Chinesische übersetzt - zwischen Universität und Reeperbahn, die als "Bezirk der roten Laternen" dargestellt wird. Das hätte mehr sein können. So hatte sich der Berichterstatter vergnügt gefragt, ob der Neue Jungfernstieg wohl als "Neue Gasse/Straße der Jungfrauen" oder als "Gasse/Straße der neuen Jungfrauen" auf Chinesisch begegnen würde. Ein Kasten weist allerdings weitere wichtige Stätten in chinesischen Bezeichnungen aus.

Auf der Rückseite des Blattes findet sich, neben Anzeigen und dem HVV Gesamtplan (!/?), ein Abriß der Geschichte Hamburgs. Hier nimmt die Störtebecker-Legende allein ungefähr 12 Prozent des Platzes ein, mit Hinweisen sogar auf die ihr gewidmeten Sommerfestspiele in Ralswiek/Rügen. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen! Ein paar Daten zum gegenwärtigen Hamburg und zu einigen markanten Stätten wären wohl sinnvoller gewesen.

Trotzdem ist dieser Stadtplan "ein schönes Ding", das man chinesischen Gästen gerne in die Hand drücken wird. Allerdings wirbt er weniger für Hamburg als für das Dutzend Inserenten: Restaurants, Hotels, Spielbank, einige Geschäfte und die Hamburger Wirtschaftsförderung. Vielleicht läßt sich eine Neuauflage etwas besser auf die Interessen und Voraussetzungen unserer chinesischen Besucher abstellen, vor allem bei den Texten und der Auszeichnung wichtiger Stätten.
 
 
 

Dai Jin?

Am Sonntag, dem 6. Juli, dürfte der Sprecher auf der Galopprennbahn Hamburg-Horn ein wenig ins Stottern gekommen sein. An diesem Tag wurde dort, wie alljährlich, das Deutsche Derby ausgeritten, und die Damen der Hamburger Halb- und Ganzwelt hatten sich die abenteuerlichsten Kreationen von Hüten über das Haupthaar gestülpt. Sie wollten, gut hamburgisch, den Society-Ladies beim britischen Ascot-Rennen gleichen, und da dort alljährlich die Queen aufkreuzt, hatte sich Bundespräsident Johannes Rau in diesem Jahr Hamburg nicht nehmen lassen. (Die Abbildung dokumentiert, wie der Charmeur, Astrologe und Fotograph Gunter Sachs, dessen Werk das Kunstgewerbemuseum HH gegenwärtig eine Ausstellung widmet, die Szenerie in Ascot sah.)

Gunter Sachs: Ascot

Der Name des Siegers, Dai Jin, sieht schon einmal irgendwie chinesisch aus, und in den Nachrichtensendungen des Rundfunks hörte er sich dementsprechend verfremdet an. Zu seinem Verständnis verhilft vielleicht die Geburtslegende dieses Renners, und auch solche Geburtslegenden sind aus der chinesischen Tradition wohlbekannt: Nach mehreren vergeblichen "Sprüngen" renommierter Hengste war ein nächster, weniger geschätzter, erfolgreich, und aus der ebenfalls renommierten Stute namens Dawlah wurde nach schicklicher Zeit ein Fohlen gezogen, wie es in der anschaulichen Sprache dieser Art Pferdeliebhaber heißt. Das Kleine war jedoch potthäßlich: Glubschaugen, schiefe Vorderbeine und "unregelmäßig teilschattierter Stern über dem Stirnwirbel". Die Besitzer-Baronin war schockiert.

Sie gab dem jungen Gaul den Namen Dai Jin. Offenbar war sie einmal in China gewesen, denn sie meinte, dieser Name bedeute auf Hamburgisch "... und tschüß!" Da kann wohl nur zai jian, "Auf Wiedersehen", gemeint sein, annähernd ausgesprochen: dzai djiän. Vielleicht hatte ihr ein Chinese das einmal auf die Serviette geschrieben, als sie solche wichtige Floskeln wie "Prost" und "Danke" lernen wollte. Gemeint hatte die Baronin bei dieser Namensgebung jedoch etwas ganz anderes, nämlich: "Hau ab!" oder "Auf Nimmerwiedersehen!" Sie ließ das Fohlen bald versteigern.

Das mag sie jetzt bedauert haben. Neben dem Preisgeld wird künftig jeder Sprung dieses Hengstes einige zehntausend Euro in die Kassen seines Besitzers spülen. Indes, bei dieser Szene weiß man nie so genau: Vielleicht geht dort stets Schönheit vor Erfolg, und Hüte sind wichtiger als etwa darunter. China hat jedenfalls auch in diese Szene Einzug gehalten. Das zweitplazierte Pferd in diesem Derby wurde von einem chinesischen Jockey geritten, der eigens aus Hongkong eingeflogen worden war, und schon Jahren hatte es hierzulande ein Hengst namens Taishan, nach Chinas heiligstem Berg benannt, zu einigem Ansehen gebracht. Sollten die edlen Renner auf dem Weg von Rennbahn zu Rennbahn einmal verschnaufen müssen, dann können sie das inzwischen sogar "chinesisch" an der Feng-Shui-Autobahnraststätte Grulbingen an der A6 tun, und sollte sie gar ein Leid befallen - es gibt auch schon einen Akupunkteur für Gäule.

Der Berichterstatter rätselt wieder einmal einer Eigenheit der hiesigen Chinawahrnehmung nach, doch untertänigst versagt er sich einen Blick auf das Antlitz der Baronin und sagt einfach: "Dai Jin!"
 
 
 

China in Bosau

Daß China dem Interessierten in HH auf Schritt und Tritt begegnet ist wohlbekannt. Tatsächlich auch in Bosau, und wo liegt das wohl? - In Schleswig-Holstein, jedenfalls. Ob es dort auch ein China-Restaurant gibt? Die in HH klagen gegenwärtig über dramatische Umsatzeinbrüche - wegen SARS und der allgemeinen Restaurant-Unlust der Deutschen nach der Euro-Einführung.

Jedenfalls besteht in Bosau eine Volkshochschule, und nachdenklich blättert der Berichterstatter durch deren Programmprospekt für Frühjahr/Sommer 2003: "Weben auf Handstühlen & Webrahmen" hieß die erste Veranstaltung, Chorsingen und Malkurse kamen hinzu, Astrologie, "Türkränze selber binden" und "Lampenschirme herstellen" - ja, so hatte er sich die Volkshochschule der Gemeinde Bosau vorgestellt. Die beliebteste Veranstaltung scheint in Bosau der "Fitness-Klassiker" mit dem Titel "Bauch - Beine - Po" zu sein, denn er wird in einem sechsstufigen Kurs angeboten. Ließen sich nicht auch andere Bereiche bei den Menschen dort "fit" machen?

Verblüfft nahm der Berichterstatter dann wahr, daß die Volkshochschule auch eine Veranstaltung "Einführung in die Schriftkultur des alten und modernen China" anbietet, schon zum zweiten Mal. Offenbar gibt es auch in diesem so ländlich erscheinenden Ambiente genug Interesse an solchen Kenntnissen und solcher Bildung. Das erfreut einfach! Wie oft, solches Interesse ist stets an Personen gebunden, die es zu wecken und zu stillen vermögen. Über den Referenten dieser Veranstaltung, Dr. Werner Lühmann, wird in diesem HCN 25 noch einmal zu reden sein.

Bildung und Kultur hängen mit Bürgerengagement zusammen. Das gilt besonders für solche Volkshochschulen in ländlichen Regionen. Die dergestalt Engagierten sollten hoch gerühmt werden - und läßt sich an der Anzeige von "Buch + Grafik Hoffmann" etwa nicht ein Einfluß fernöstlicher Schriftkultur, der Kalligraphie, ablesen? Bücher und Graphik und Wein aus ökologischem Anbau, dazu eine homepage "lesezeichen"? Das hört sich zusätzlich sympathisch an. Anklicken also!
 
 
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