Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 24
7. Juni 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Eheliche Liebesbriefe aus dem Alten China

Aus der Han-Dynastie sind Teile eines rührenden Briefwechsels zwischen einem gewissen Ch'in Chia und seiner Ehefrau Hsü Shu überliefert. Beide lebten im äußersten Nordwesten des damaligen China, bis er um das Jahr 160 auf eine Amtsanwärterposition in die Hauptstadt Lo-yang berufen wurde. Von dort, will die Überlieferung, sandte er ihr einen Wagen, damit sie ihm in die Hauptstadt nachfolge. Sie verzichtet freilich auf einen Aufenthalt dort. - Hiermit setzt sein Brief ein:
"Als der Wagen leer zurückkehrte, verlor ich alle Hoffnung, und als Sie dann noch von langer Trennung sprachen und von ihrem Unmut darüber, spürte ich meinerseits Verdrossenheit.

Unlängst habe ich diesen Spiegel erworben. Klar und schön ist er, und auf ihm zeigt sich ein feines Ornament, wie es selten auf dieser Welt ist. Ich liebe ihn sehr und deshalb schicke ich ihn Ihnen, dazu ein Paar kostbarer Haarnadeln, wohl tausend Goldstücke wert, ein Paar seidener Pantoffeln mit Drache und Tiger darauf, zusätzlich von vier Parfümen jeweils ein Pfund und eine schlichte Qin, die ich oft gespielt habe.

In dem klaren Spiegel können Sie Ihre Gestalt betrachten, mit den kostbaren Haarnadeln mögen Sie Ihr Haupt schmücken, mit den Wohlgerüchen Ihren Leib erquicken und Übles von ihm fernhalten, auch durch den Moschus schlechten Odem beseitigen und durch die Qin Ihr Ohr erfreuen."
Offensichtlich sind von diesem Brief nur zwei Teile überliefert - eine Eingangsformulierung und die Notiz über die Geschenke. Dementsprechend bewahrte die Überlieferung aus dem Antwortbrief der Hsü Shu auch nur die entsprechenden Teile:
"Durch Ihre lieben Worte und zusätzlich durch die Dinge, die Sie mir geschenkt haben, habe ich in so reicher Fülle Ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge erfahren, daß das über alle meine Hoffnungen hinausging.

Der Spiegel zeigt ein feines Ornament in all seiner Schönheit, die Haarnadeln bieten einen außerordentlich eigenartigen Anblick, die Parfüms sind einfach kostbar, und die Qin ist überaus schön. Wenn Sie mich in meiner Geringheit mit diesen einzigartigen Dingen bedacht haben, indem Sie sich von solchen Kostbarkeiten trennten, um sie mir zu schenken - wer außer jemand mit einem hohen Maß an liebevoller Gewogenheit könnte sich so verhalten?

Ich blicke auf den Spiegel, halte die Haarnadeln in der Hand, und sehnsüchtige Gedanken bewegen mich. Ich ergreife die Qin, singe ein Lied, und mein sehnsuchtsvolles Herz verschlingt sich zu Knoten. Wenn Sie mir aber auftragen, mit dem duftenden Parfüm meinen Leib zu erquicken, und mir bedeuten, ich solle mein Antlitz in dem klaren Spiegel betrachten, dann gehen Ihre Worte zu weit! Sie haben mein Herz nicht erfaßt. Einst wurde eine Dichterin durch die herumfliegende Distelwolle bewegt, und die Hofdame Pan seufzte: "Für wen soll ich mich schmücken?"

Das Spiel auf der Qin muß bis zu Ihrer Heimkunft warten, und der Blick in den klaren Spiegel hat bis zu Ihrer Rückkehr Zeit. Bevor ich Ihre strahlende Erscheinung nicht begrüßen kann, werde ich die kostbaren Haarnadeln nicht anlegen, und bevor ich nicht unser Lager erwarten darf, soll das Parfüm sich nicht entfalten."
Sie übermittelt ihm, wie aus einem weiteren Fragment hervorgeht, ebenfalls einige Geschenke, darunter den Schweif eines heimatlichen Yaks - damit er Staub und Schmutz (der Hauptstadt, versteht sich) von sich wischen könne.

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Zart und liebevoll klingen beide Briefe, besonders der von Hsü Shu, und sie scheinen nicht so recht in jene Zeit zu passen. Vielleicht sind sie nicht authentisch, sondern eine literarische Fiktion. Warum aber, und es ist auch gleichgültig? Der Zauber solcher Innigkeit, zugleich auch ehelichen Stolzes, rührt den Leser auch nach zweitausend Jahren. Unterstrichen wird das durch die höfliche Form der Anrede. Zwar wird sie nur hier und da in diesen Briefen benutzt, sondern eine direkte Anrede umgangen, aber das entspricht den literarischen Konventionen, also auch des Briefstils. Überhaupt war das vertrauliche "Duzen" im traditionellen China auf wenige Umgangssituationen beschränkt.

Die "herumfliegende Diestelwolle" spielt auf einen Vers im klassischen "Buch der Lieder" an: Die anonyme Dichterin hatte ihr Haar ungekämmt "wie herumfliegende Diestelwolle" gelassen, seit ihr Liebster in die Ferne ziehen mußte. Die Hofdame Pan war in der Han-Zeit aus kaiserlicher Gunst gefallen, als ein listenreiches Schwesternpaar sich in diese geschlichen hatte. Sie gilt als die erste namentlich bekannte Dichterin Chinas. - Die Abbildung zeigt ein Ehepaar bei einem ländlichen Fest, in Abreibung eines Bildsteins aus einem hanzeitlichen Grab.
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 12, HCN 23
 
 

Kongzi

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Das Wohlgefallen der Apocryphen: Zahlenspielereien

Den "apocryphen" Schriften aus der Han-Zeit wird wenig sinologische Beachtung zuteil. Ein Grund dafür ist möglicherweise, daß sie lediglich fragmentarisch überliefert sind und diese Fragmente lange Zeit nicht leicht zugänglich waren. Ein weiterer Grund für die geringe Beachtung dürfte darauf beruhen, daß die Inhalte dieser Schriften oft -schlicht und einfach- als abstrus erscheinen. Deswegen hat die chinesische literarische Tradition sie auch frühzeitig aus ihrer Hauptüberlieferung ausgeschieden.

Desungeachtet sollte festgehalten sein, daß diese Schriften, die in erstaunlicher Fülle entstanden, das Geistesleben der Han-Zeit kennzeichnen - möglicherweise weit mehr als geschlossen überlieferte Texte und Textsammlungen wie das Huai-nan tzu, das Fa-yen oder das Ch'ien-fu lun. Die Art dieser Texte ist über das hinaus, was Tjan Tjoe Som in seiner Bearbeitung des Po-hu t'ung herausgestellt hat, kaum summarisch zu charakterisieren. Auffällig bei diesen Schriften sind schon ihre sonderbaren Titel. Gemein ist wohl allen, daß sie vorgeben, Klassiker "quer" zu lesen.

Das Wort Klassiker, ching, gewann diese Bedeutung aufgrund der ursprünglichen Bedeutung von ching: "Leit-/Längsfaden" bei einem Gespinst auf dem Webstuhl. Weitere ähnliche, abgeleitete Bedeutungen von ching finden sich in Textkonvoluten wie Han Fei-tzu und Kuan-tzu. Sie sind von den Lexikographen meistens nicht aufgenommen. Die sogenannten apocryphen Schriften beziehen sich regelhaft auf einen "Klassiker" als Bezugstext, doch sie tragen die Sammelbezeichnung wei, "Querfäden". Einige dieser Schriften beziehen sich auf das Ch'un-ch'iu, und einige tragen sogar explizit den Titel, möglicherweise Hilfs- oder Kurztitel, Ch'un-ch'iu wei, "Querfäden zum 'Frühling und Herbst'". Das schöne Sammelwerk Wei-shu chi-ch'eng enthält auf bald 400 Seiten Fragmente solcher CC-Apocryphen. Manche Fragmente wiederholen sich allerdings. So findet sich S. 854 und S. 902 die folgende Notiz über das CC:

"Meister K'ung schuf das Ch'un-ch'iu mit seinen 18.000 Zeichen. Nach neun Monaten war die Schrift vollendet, und er übergab sie solchen Schülern wie (Tzu-) yu und (Tzu-) hsia, die nicht ein einziges Zeichen daran zu ändern vermochten."

Ob das CC tatsächlich einmal genau 18.000 Schriftzeichen umfaßte? Wahrscheinlich nicht. Der Autor dieser Notiz verstand diese Zahl wohl eher cum grano salis. Interessant an dieser Zahl ist jedoch, daß sich hinter ihr unter anderem die Zahlen Neun und Zwölf verbergen mögen, die schon wiederholt bei den Bemerkungen zum CC hier auffällig wurden - und dann taucht die Neun auch noch explizit auf! - Eine ähnliche Notiz (S. 745) will wissen:

"Meister K'ung erhielt den Auftrag vom Tuan-Tor (?, Stadttor von Lu) den Sinn des 'Frühling und Herbst' zu gestalten. Er beauftragte Tzu-hsia und andere, insgesamt vierzehn Personen, nach den historischen Aufzeichnungen (shih-chi) der Chou zu suchen. Sie fanden kostbare Schriften aus 120 Staaten, und in neun Monaten war er fertig/war es (das Werk) vollendet."

Auch hier wieder die neun Monate für die Entstehungszeit! Der Passus mit den kostbaren Schriften ist nicht ganz eindeutig, er ließe sich vielleicht besser als "fanden 120 kostbare Schriften aus den Staaten" verstehen. Die Zahl 120 allein spreche hier für sich. - Dieses Apokryphenfragment scheint "Ch'un-ch'iu" in zweifacher Bedeutung zu verstehen - als Annale von Lu, die über Generationen hinweg geführt wurde, und dann als das durch Konfuzius gestaltete Werk.

Solchen Zahlenspielereien, die den Apocryphen eigentümlich sind, sollte nicht zuviel Gewicht beigemessen werden - wenn nicht bei mehreren Formen von Eintragungen im CC selbst eben entsprechende Zahlen aufgefallen wären. Das Spektrum der Erklärungsmöglichkeiten ist weit. Einerseits könnten hinter dem CC und seinen Eintragungen tatsächlich zahlenmystische Überlegungen stecken, andererseits könnten die Gelehrten der wei-Tradition, die schließlich in der Han-Zeit die Klassikerexegese besorgten, den Text für ihre Annäherungen "zurechtgestutzt" haben. Und zwischen diesen beiden Extremen liegt noch eine Fülle weiterer Interpretationsmöglichkeiten. Da bleibt nichts anderes übrig, als gelassen weiterhin schlichte Daten zu sammeln.

52
Wer so alles nach Lu kam: ein weiterer seltsamer Typ von Eintragungen im "Frühling und Herbst"

Unter Herzog Huan 2. Jahr, das dem Jahr 710 v. Chr. entspricht, vermerkt das CC lakonisch: "Der Freiherr von T'eng kam an den Hof/zur Audienz." Laut ICS-Konkordanz kommt in 34 Notizen des CC diese Formel lai-ch'ao, "kam an den Hof/zur Audienz" vor. Sicher ist bei diesen Notizen lediglich, daß der Reisende nach Lu kam.

Keine dieser Notizen ist auf den Tag datiert, nur wenigen ein Monatsdatum beigegeben. Entweder wurde auf diese Daten kein Gewicht gelegt, oder die Besuche währten einen längeren Zeitraum. Dann wäre die Übersetzungsvariante "kam an den Hof" vorzuziehen.

In den meisten Fällen sind die Kommenden die Häupter kleiner Staaten in der Nachbarschaft von Lu, sie werden -mit lediglich zwei Ausnahmen- nicht mit irgendeinem Namen bezeichnet, sondern stets nur mit dem Namen ihres Staates und ihrem Adelsrang. Auch aus den übrigen Eintragungen des CC ließen sich die meisten dieser Herren nicht identifizieren. - Das könnte andeuten, das es sich dabei um förmliche, vielleicht rituelle Besuche gehandelt habe. Dann wäre die Übersetzung "kam zur Audienz" angemessen.

Neben den staatlichen Gebilden, die als "Lehnsstaaten" der Chou anerkannt waren, bestanden die kleinen fu-yung-"Staaten": Stadtstaaten nur, wohl allesamt. Diese waren, was die Staatenordnung angeht, einem größeren Staat "attachiert", Lu etwa. Vielleicht mußten deren Vertreter regelmäßig in Lu eben "zur Audienz" kommen?

Das mag für einige der ungefähr zehn Staaten gelten, von denen Vertreter ein- oder mehrmals "lai-ch'ao" nach Lu kommen. Fürsten, für die diese Formel ebenfalls angewendet wird, zum Beispiel Chu und Ts'ao, agieren sonst durchaus unabhängig von Lu in der Staatenwelt des Alten China. Andererseits sind Besuche ihrer und anderer Staaten Oberhäupter in Lu nachweisbar, ohne daß diese Formel verwendet würde.

Dagegen, daß diese Besuche eine institutionelle Abhängigkeit dokumentieren sollten, spricht, daß diese Besuche einfach zu selten sind. Ein-, zwei-, drei-, viermal verzeichnet das CC für die einzelnen Staaten solche "Staatsbesuche" in Lu. Bei dem Nachbarn und Rivalen Chu sind das insgesamt sechs, der höchste Wert.

Manchmal besteht Anlaß zu der Vermutung, daß der Tod/die Thronbesteigung eines Lu-Fürsten Anlaß für diesen Besuch war. In anderen Fällen liegt nahe, eine Heiratsverbindung zwischen dem Fürstenhaus Lu und dem "Kommenden" anzunehmen. Für die Mehrzahl der Eintragungen läßt sich ein Reiseanlaß oder -grund nicht wahrnehmen.

Neben den bereits erwähnten Namensnennungen bei "Kommenden" gibt es noch einige weitere Abweichungen von dem Formulierungsschema: Huan 9 (703) läßt der Graf von Ts'ao seinen Erbsohn kommen, Huan 15 (697) kommen die "Leute" (jen) von Chu, Mou und Ko; Chuang 5 (689) wird der Rang des Kommenden nicht genannt; Hsi 5 (655) läßt eine nach Chi verheiratete Lu-Prinzessin ihren Sohn kommen; Hsi 14 (646) bewegt (shih) eine nach Tseng verheiratete Prinzessin ihren Gemahl dazu. Das sind fünf Abweichungen vom Schema, zusammen mit den beiden erwähnten Namensnennungen sieben.

Interessant mag auch die Aufschlüsselung dieser Besuche auf die vier Perioden, in die der Zeitraum des CC unterteilt wurde, sein:

Phase I 10 Besuche
Phase II 9 Besuche
Phase III 11 Besuche
Phase IV  5 Besuche
Für diesen besonderen Typ von CC-Aufzeichnungen erbringt diese Aufstellung nichts. Wohl aber paßt sie zu den früheren Befunden, was die "Berichtsintensität" in den vier Phasen angeht: Die dem Konfuzius zeitlich nahestehende oder zeitgleiche Phase IV weist die geringste Zahl von Eintragungen auf.

Ein Reim läßt sich aus alledem nicht machen - jedenfalls nicht aufgrund des CC allein. - Oben war gesagt worden, die ICS-Konkordanz enthalte in 34 Abschnitten diese lai-ch'ao-Formel. Vielleicht ist das nicht ganz korrekt.

Die ICS-Konkordanz (Huan 7 = 705) faßt die Besuche des Grafen von Ku und des Markgrafen von Teng in einem Abschnitt zusammen, obwohl für jeden die Formel verwendet wird. Ebenso verfährt die H.-Y.-Konkordanz. Legge hingegen teilt in zwei Abschnitte auf. Bei einem Doppelbesuch (Yin 11 = 712) des Markgrafen von T'eng und des Markgrafen von Hsieh steht die Formel jedoch nur einmal. Angesichts dessen sollte die Notiz Huan 7 wohl doch in zwei Eintragungen aufgespalten werden.

Dann käme die lai-ch'ao-Formel in 35 Abschnitten vor. Für Erwägungen über zahlenmystische Vorstellungen im Hintergrund des CC könnte dies interessant sein: 5 mal 7. In dem Zusammenhang mag dann auch die Zahl von fünf/sieben Abweichungen vom Formulierungsschema interessant sein.

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Wie "dialoghaft" sind die "Gespräche" I?

Das 1993 von Michael Loewe herausgegebene "Early Chinese Texts" dürfte inzwischen ein Handbuch für Sinologiestudenten geworden sein. Neben allerlei nützlichen oder überflüssigen, jedenfalls nicht unbedingt zur Anfängerlektüre anregenden Angaben findet der etwas fortgeschrittene Leser dann auch immer wieder Verblüffendes. So charakterisiert Anne Cheng zum Beispiel das Lun-yü, die "Gespräche", wie folgt:

"The work is in fact mainly composed of rather short pieces of dialogue, most frequently conducted by the Master and his disciples; these endow the work with a uniquely vivid and colourful character, quite at variance with that of other classical works. The chief value of the Lun-yü is probably that of providing an insight into behaviour and daily life of Confucius and his disciples. Through these dialogues (...)"

Derart dialoghaft hatte ich dieses schmale Werk eigentlich nicht in Erinnerung, vor allem nicht als "lebendig", aber das liegt wahrscheinlich an nicht hinlänglich subtiler Wahrnehmungsfähigkeit. - Die "Gespräche" werden gemeinhin in 20 Kapitel unterteilt, die ihrerseits aus 3 bis 44 Abschnitte bestehen. Kapitel und Abschnitte unterscheiden sich beträchtlich, was ihren Umfang angeht. In der Version der Harvard-Yenching-Konkordanz nimmt sich das folgendermaßen aus:

 Kapitel Abschnitte Zeichenzahl
 
  1 16 493
  2 24 579
  3 26 689
  4 26 501
  5 28 867
  6 30 807
  7 38 873
  8 21 613
  9 30 811
  10 21 617
  11 24 1050
  12 24 1006
  13 30 1033
  14 44 1338
  15 42 923
  16 14 861
  17 24 1007
  18 11 628
  19 25 875
  20 3 370
__________________________________
 
Insgesamt 20 501 15941
==================================
In der Zählung der ICS-Konkordanz, die leider nicht die Zeichenzahlen je Kapitel nachweist, umfassen die "Gespräche" 500 Abschnitte mit 15935 Zeichen. Die Unterschiede erscheinen als marginal. Vielleicht beruhen sie gar auf Zähl- und Additionsfehlern meinerseits.

Daß die Gesamtzahl der Abschnitte 500 oder 501 beträgt, mag aufschlußreich erscheinen. Schließlich spielt die Zahl 500 in der frühkonfuzianischen Überlieferung eine erhebliche Rolle. Vielleicht hat jemand auf irgendeiner Überlieferungsstufe des Textes mit solchen Erwägungen gespielt.

Die beinahe gänzliche Übereinstimmung in der Gesamtzahl der Abschnitte bei beiden Konkordanzen, deren Festlegung wahrscheinlich auf älteren Editionen fußt, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß in manchen Kapiteln erhebliche Abweichungen voneinander vorliegen, die sich dann gegenseitig aufheben: Kapitel 9 H.-Y. 30 Abschnitte/ ICS 31 Abschnitte, Kapitel 10 21/27, Kapitel 11 24/26, Kapitel 17 24/26 beispielsweise. Diese Unterschiede bei den Abschnittsunterteilungen sollen hier nicht erörtert werden: Sie mögen als nachvollziehbar erscheinen oder nicht, manche beruhen vielleicht auf editorialer Schlampigkeit.

Die voranstehende Mühewaltung war notwendig, um genauer betrachten zu können, wie "dialoghaft" die "Gespräche" tatsächlich sind.

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Wie "dialoghaft" sind die "Gespräche" II?

Die meisten Aufzeichnungen der "Gespräche" folgen wenigen stereotypen Formulierungsmustern. Deren Verteilung auf die Kapitel soll jetzt kursorisch betrachtet werden: Folgende Formulierungsmuster kehren häufiger wieder:

  • Konfuzius-Zitate, die mit tzu yüeh, "der Meister sprach", eingeleitet werden und sonst nichts enthalten (in der nachstehenden Tabelle Rubrik TY);
  • Konfuzius-Zitate, die mit K'ung-tzu yüeh, "Meister K'ung sprach", eingeleitet werden und sonst nichts enthalten (in der nachstehenden Tabelle Rubrik KY);
  • Konfuzius-Bemerkungen, die über einen zuvor dargestellten Sachverhalt handeln oder an eine vor dem wörtlichen Zitat benannte Person gerichtet sind und sonst nichts enthalten (in der nachfolgenden Tabelle Rubrik K.-B.);
  • Zitate von Konfuzius-Schülern, die außer deren Nennung bei der Zitateinführung nichts enthalten (in der nachstehenden Tabelle SZ);
  • Notizen über Konfuzius, welcher Art auch immer, die sonst nichts enthalten und deren Urheber nicht ersichtlich ist (in der nachstehenden Tabelle K.-N.);
  • Notizen über allgemeine Sachverhalte, deren Urheber nicht ersichtlich ist und bei welchen auch der Grund für ihre Einfügung in die "Gespräche" auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist (in der nachstehenden Tabelle A.N.).
Auf der Hand liegt, daß diese Formulierungsmuster bei Abschnitten der "Gespräche" kein Element der Dialoghaftigkeit enthalten; das sind statische Formulierungen. Sie mögen auf Schülergespräche zurückzuführen sein, und der intelligente Leser der "Gespräche" mag das sogar hier und da erkennen, aber die gewählte Form der Niederschrift will möglicherweise gerade das nicht.

Hiermit sollte sich, nebenbei bemerkt, eine interpretatorische Unsicherheit bzw. ein solches Zögern verbinden: Die in dieser Form vermittelten Inhalte erscheinen als apodiktische Aussagen und Feststellungen. In ihren ursprünglichen Zusammenhängen mögen diese Zitate und Notizen einen ganz anderen Sinn gehabt, zumindest mögen sie anders geklungen haben als in der apodiktischen Formulierung der Version der "Gespräche".

Gemeinhin wird augenscheinlich angenommen, daß die 20 Kapitel der "Gespräche" jeweils mehr oder minder zusammenhanglose Abschnitte, welcher formaler Struktur auch, aneinanderreihten. Das erscheint mir als sehr zweifelhaft, wenn ich bedenke, wie klar bei manchen Texten in den Konvoluten der klassischen und spätklassischen Literatur manchmal die Zielsetzungen erscheinen. Das dürfte auch für Kapitel/Teilkapitel der "Gespräche" gelten. - Wie dem auch sei, die oben aufgeführten Abschnittsstrukturen verteilen sich folgendermaßen auf die 20 Kapitel der "Gespräche":

 Kapitel Abschnitte TY KY K.-B. SZ K.-N. A.N.
 
  1 16 8 - - 6 - -
  2 17 14 - 1 - - -
  3 20 10 - 6 - - -
  4 26 24 - - 1 - -
  5 28 8 - 7 1 - 1
  6 30 15 - 2 - - -
  7 38 20 - 1 - 7 -
  8 21 15 - 1 3 - -
  9 30 17 - 5 2 3 -
  10 21 - - 3 - 12 5
  11 24 4 - 5 - - 2
  12 24 4 - - 1 - -
  13 30 14 - - - - -
  14 44 20 - 1 - - -
  15 42 34 - - - - -
  16 14 - 10 - - - 1
  17 24 12 - - - - -
  18 11 - - 2 - - 2
  19 25 - - - 18 - -
  203 - 1 - - - 1
_____________________________________________________
 
Insgesamt   219 11 34 3222 12
=====================================================

Das sind insgesamt 330 Abschnitte, zwei Drittel also, die ihrer Anlage nach statisch, keineswegs dialoghaft erscheinen.

Schon an dieser Aufstellung wird deutlich, daß kein einziges Kapitel der "Gespräche" aus Abschnitten nur eines einzigen Formulierungstyps besteht. Das gilt sogar für den häufigsten Formulierungstyp: tzu yüeh (TY), "der Meister sprach".

Demgegenüber sind die dialoghaften Abschnitte in den "Gesprächen" deutlich geringer an Zahl. Unter ihnen sind die Gespräche zwischen Konfuzius und einem Schüler oder mehreren Schülern am zahlreichsten: 99 Abschnitte. Weitere Gesprächskonstellationen kommen hinzu: Konfuzius im Gespräch mit einem Fürsten oder Würdenträger (24 mal), oder mit einer ungenannten Person (11 mal). Andere dialoghafte Stücke zeigen Schüler im Gespräch miteinander oder mit anderen Personen. Schließlich gibt es noch Sonder- und Mischformen der hier skizzierten Typen von Abschnitten in den "Gesprächen". Die Verteilung solcher Abschnitte auf den Gesamttext erscheint immerhin als aufschlußreich.

Keineswegs läßt sich den dialoghaften Abschnitten ein auch nur halbwegs "lebendiges" Bild vom Verhalten oder gar dem täglichen Leben des Konfuzius und seiner Schüler entnehmen. Fast alle dieser Abschnitte stellen lediglich Äußerungen nebeneinander, ohne irgendeinen Hinweis auf die Gesprächssituation oder sonst ein schilderndes Element. (Tatsächlich gibt es auch solche Abschnitte in den "Gesprächen", doch nur in sehr geringer Zahl.) Reichlich komplizierte Überlegungen sind notwendig, um solchen Dialogen wenigstens einen Hauch von Lebendigkeit zu vermitteln.

Hieran schließt natürlich die Frage, warum das nicht das Ziel der "Gespräche" war. Material dafür hätte es mit Gewißheit gegeben. Was aber war überhaupt das Ziel dieser Sammlung? Beziehungsweise, was waren die Ziele und Absichten seiner zwanzig Kapitel? Die gern gehegte Auffassung, Schüler und/oder Enkelschüler des Meisters hätten sich mehr oder minder lange nach seinem Ableben ehrfurchtsvoll kleiner Gesprächsfetzen oder dicta erinnert und diese dann niedergeschrieben, dürfte neben allen Wirklichkeiten liegen.

Die von M. Loewe herausgegebenen Darstellungen zu "Early Chinese Texts" haben inzwischen den Rang eines Lehrbuchs gewonnen. Nicht wenige dieser Darstellungen sind, bei aller Nützlichkeit des Gesamtwerks, problematisch. Wenigstens der oben zitierten Charakterisierung der "Gespräche" sollte hier einmal ein wenig widersprochen werden.

55
Ein apocrypher Reim über die Schule der Konfuzius

Das Wei-shu chi-ch'eng bringt auf S. 1067 ein Fragment aus einer LY-Apocryphe. Es berichtet über zwei Konfuzius-Nachkommen in 21. Generation:

K'ung Ch'ang-yen und K'ung Chi-yen, der ältere und sein jüngerer Bruder, hatten einige hundert Schüler um sich versammelt. Deshalb machten die Zeitgenossen den folgenden Spruch über sie:

Die beiden K'ung im Staate Lu
lesen die Klassiker gerne;
und hören läßt sich, wie die Brüder
diese erklären und rezitieren.
Die Gelehrten, die zu ihnen kommen,
haben Ruf und Namen,
doch nur durch die beiden K'ung
erlangen sie Vollendung.
Dieser Spruch besteht aus vier Versen zu je sieben Schriftzeichen, mit einer deutlichen Zäsur nach dem vierten. Solch eine Versform war in diesen Notizen bereits bei einigen Spiegelinschriften aus der Han-Zeit begegnet. In der "hohen" Literatur wird sie erst Jahrhunderte später gebräuchlich und gilt als "Erfindung" der Literaten, die eine größere Variabilität bei der Versgestaltung ermögliche als der bis dahin vorherrschende Fünf-Wort/Zeichen-Vers. Vielleicht sollten die Ursprünge dieser Versform einmal genauer untersucht und bedacht werden

 
  (wird fortgesetzt)

 
 
 

Der nächtliche Schreitisch gegenwärtig

nächtlicher Schreibtisch Manchmal muß unsereins sich entschließen, seinen Arbeitsplatz zu erneuern. Für neue Bücher ist kein Platz mehr, und die Tapeten wurden tabakrauchgebräunt. Manchmal liegt dann die Überlegung nahe, die ganze Wohnung umzugestalten. Solch eine Überlegung reifte im Frühling zum Entschluß - und jetzt umgibt den nächtlichen Schreibtisch schlichtes Chaos: nicht gut für die abendlichen Arbeiten.

Kaum war der Entschluß gefaßt, zeigten sich Probleme: Der empfohlene Maler brachte in zwei Wochen, trotz wiederholter Anfrage und mit fadenscheinigen Ausreden, ein Angebot nicht zustande, der Tischler veranschlagte für den Bau einiger neuer Bücherregale sechs Wochen usw. usw., und Abstimmungen dieser Gewerke, wie das in der Handwerkersprache so schön heißt, aufeinander schienen schwierig zu werden: Maler, Maurer, Tischler, Fußbodenschleifer, Elektriker, Klempner würden notwendig sein, dazu waren Restaurationen einiger älterer Möbelstücke erforderlich, einige Teppichreinigungen, andere Kleinigkeiten.

Da wurde dem Berichterstatter ein in HH niedergelassener polnischer Unternehmer empfohlen: Ein Anruf an einem Freitag Mittag - am Freitag Nachmittag war er schon da, und am Sonntag übermittelte er die Kostenkalkulation für die ersten Arbeiten. Ein weiteres sonntägliches Telefonat ergab dann: "Wenn es sein muß, fangen wir am Montag an."

Das geschah, und manches andere Angenehme bemerkte der Berichterstatter. Die Arbeiten aller Gewerke gingen nahtlos ineinander über. Alle diese polnischen Arbeiter kamen pünktlich und arbeiteten beinahe pausenlos. Manchmal blieben sie, um die Übergänge zwischen den einzelnen Arbeiten möglich zu machen, bis 19 Uhr, oder sie kamen am Sonntag für eine Stunde. Der Chef besah hinterher die Arbeiten genau, ordnete manchmal Nachbesserungen oder gar eine Wiederholung an.

Angenehme und zurückhaltende Menschen waren sie überdies, akzeptierten nur nach und nach eine Erfrischung oder einen Kaffee, waren offenbar zu diesbezüglicher Zurückhaltung angehalten - dieser kleine, schnauzbärtige Michael, der stets zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin da war, und in Gegenwart seiner Kollegen meistens schwieg, weil er meinte, er könne nicht so gut Deutsch wie diese. Oder der noch junge Carol, der schon in Deutschland aufgewachsen war und immer "Alles klar!" sagte, wenn es um besondere Wünsche ging, oder der stattliche Thomee (?), der sich einen gewichtigen Sekretär einfach vor die Brust nahm, um den jetzt zu renovierenden Raum freizuräumen.

Und der Maurer blieb bis kurz vor 20 Uhr, damit die neue Toilette wenigstens für den Wochenendgebrauch notdürftig hergerichtet sei - und stellte dafür einen großen Eimer mit Wasser bereit. Es war sein erster Arbeitstag nach langer Zeit, denn er war als 50jähriger arbeitslos geworden, doch der Chef habe "Her damit!" gesagt, als er von ihm gehört hatte. - Vielleicht sollte ich sie alle einmal auf einen kurzen Besuch einladen, wenn die ganze Wohnung neu ist, um ihnen meine Freude über ihre Arbeiten und deren Ergebnis zeigen zu können.

Ein Wort habe ich von diesen polnischen Handwerkern in den letzten Wochen immer wieder gehört: "Kein Problem." Angesichts solcher Dinge versteht unsereins dann sehr alltäglich, warum die Aufnahme Polens in die EU auch weitere Erfreulichkeiten mit sich bringen könnte.

Zur "Ehrenrettung" deutscher Handwerks- bzw. mittelständischer Geschäfte in HH sei hervorgehoben, daß zwei von Ihnen engagiert und anregend waren: "Utz" und "3D". Wer aber handwerkliche Arbeiten in seiner Wohnung ausführen lassen möchte, der sollte einfach einmal diesen polnischen Unternehmer in HH anrufen.
 
 
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