Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 24
7. Juni 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Zwei Reisenotizen aus dem 12. und 13. Jahrhundert

In » HCN 23 war an dieser Stelle eine Seminararbeit aus einer Lehrveranstaltung über chinesische Reiseberichte dokumentiert worden. Dies soll hier jetzt fortgeführt werden durch zwei vergleichbare Texte, ebenfalls aus der Sung-Zeit. Während der Seminarstoff sonst Reiseaufzeichnungen aus ungefähr drei Jahrtausenden umfaßte, wurden für diese schriftlichen Seminararbeiten Texte allein aus der Sung-Dynastie ausgewählt. Sie bilden frühe Höhepunkte dieser besonderen literarischen Gattung von Aufzeichnungen über "touristische" Orte. - Auch die nachstehenden Arbeit mußten für diese Form der Veröffentlichung gekürzt und umgearbeitet werden.

Xie Ao (1249-1295): Aufzeichnung über eine Reise zum Mondquell

übersetzt und eingeleitet von
Mark Böschen
 
Mark Böschen

1. Einführung

Xie Ao (1249-1295) stammte aus Changxi in der heutigen Provinz Fujian. Er lebte gegen Ende der Herrscherdynastie der Südlichen Song und gehörte zu jenen Loyalisten, die das chinesische Kaiserreich gegen die mongolischen Eroberer verteidigten. Im Jahr 1276 fiel Lin'an, das heutige Hangzhou, damals Hauptstadt der Südlichen Song. Xie Ao führte einige hundert Milizionäre zu den Truppen des Wen Tianxiang (1236-1282), der in der Gegend des heutigen Fujian gegen die Mongolen kämpfte und den aus der Hauptstadt geflohenen Song-Hof verteidigte. Im Jahr 1279 stürzen sich die letzten zwei Prinzen der Song mit einigen Loyalisten auf der Flucht ins Meer, die Mongolen haben ganz China besetzt. Nach dem Fall der Song flieht Xie Ao in den Westen der heutigen Provinz Zhejiang, eine gebirgige und schwer zugängliche Gegend.

Der im vorliegenden Reisebericht beschriebene Mondquell befindet sich ebenfalls im westlichen Zhejiang, bei der Kreisstadt Pujiang im Bezirk Jinhua, dessen Name gemeinhin als "Goldene Blüte" verstanden wird. (Leider ist er auf der abgebildeten Karte aus dem Daqing yitong zhi nicht eingezeichnet.) Dieses Gebiet wurde nach dem Fall des Kaiserhauses zu einer Bastion jener songzeitlichen Gelehrsamkeit, die durch eine Rückbesinnung auf Teile der chinesischen Überlieferung die geistige Dominanz des Buddhismus überwunden und eine neue Orthodoxie geschaffen hatte. Im Westen ist diese geistige Strömung als "Neokonfuzianismus" bekannt geworden. Später sollte der Märtyrer, Yuan-Loyalist und ebenfalls in der Jinhua-Lehrtradition stehende Fang Xiaoru (1357-1402) sagen, nach dem Vergehen der Song sei die große Linie der orthodoxen legitimen Herrschaft unterbrochen gewesen, nur im Bezirk der Goldenen Blüte sei ein Funken davon erhalten geblieben.

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2. Übersetzung

Von klein auf bewunderte ich den Einsiedler Huang Chuping im Altertum, der Steine mittels eines Schreis in Ziegen verwandelte, und wußte von der berühmten Grotte zur Goldenen Blüte im Bezirk Wu, in der Chuping gelebt hatte, und von der herrlichen Landschaft dort am Bao-Quell, doch den Mondquell kannte ich nicht. Der Mondquell befindet sich zwei Meilen nordwestlich der Kreisstadt Pujiang. Seit alter Zeit sagt man, sein Steigen und Fallen entspreche dem Zu- und Abnehmen des Mondes.

Von Monatsanfang bis zum Vollmond eines jeden Monats legt man eine Leiter in ihn, und die Quelle treibt diese allmählich hoch, so daß Moose und Algen in Bewegung geraten - ganz so, wie an den Ufern der Flüsse und Seen die dahintreibenden Boote die Kräuter an das Ufer drücken, daß von ihnen fast nichts mehr zu sehen ist. Von Vollmond bis zum Ende des Monats stellt man einen Bambusstab an die Brunnenwand, um zu sehen, wie er beständig fällt. Der unterschiedlichen Größe des Mondes folgend, bleiben auf dem Bambus Spuren zurück, die der Zahl der Tage entsprechen und die jeweils am frühen Morgen abgelesen werden. Die Ablagerungen an der Brunnenwand entsprechen denen am Bambus. Auf den Flächen der Brunnenwand sind die Wasserpflanzen zur Hälfte vertrocknet und zur Hälfte grün. Das sieht so aus, als ziehe sich das Wasser von den Menschen zurück: Die Sonne läßt Dunst aufsteigen, aber die steinernen Brunnenwände liegen wie seit alten Zeiten da; die Äste und Zweige der Bäume verschlingen sich, doch die Bäume und Steine verharren. Alles ist so dunkel und geheimnisvoll, daß es einmal aufgezeichnet werden sollte.

Mit meinem Freund, Herrn Chen, kam ich gerade zwei Tage nach Vollmond dorthin. Er wies auf die Wasserpflanzen und Gräser und meinte, diese deuteten auf das Absinken der Quelle. Es ist doch wohl so, daß im Universum und in jeder Winzigkeit darin das formgebende Prinzip Li bei Fülle und Leere, Zu- und Abnahme und das belebende Prinzip Qi bei dem Ein- und Ausatmen, Kommen und Gehen an den Bergen und Strömen einander entsprechen, sich jedoch nicht zusammenfügen. Es müssen nicht Götter sein, die hierüber gebieten, wie in allerlei Büchern und absonderlichen Aufzeichnungen zu lesen ist, in welchen von riesigen Fischen berichtet wird, die etwas verschlingen und wieder ausspeien.

Bei dem Quell gibt es seit langem eine Halle, in welcher die Meister Zhu Xi und Lu Zuqian verehrt werden. Wie das Geländer an einem Brunnen oder Gedichte an einem Pavillon umgeben Nebel und Wolken, Bambus und Kiefern die Quelle und den Pavillon auf allen Seiten, als wagten sie nicht, von ihm zu weichen. Ein Berg nordöstlich hiervon heißt Fels der Unsterblichen. Aus der Ferne sind einige Arten von Wunderkräutern zu sehen, die im Nichts zu schweben scheinen und doch aufrecht sind, als ob sie ihre Stütze in diesem Quell hätten und sich ihm zuwendeten. Ich bin dabei, einen geeigneten Tag herauszufinden, um zu ihm zu reisen, denn der Mond nimmt zu und ab, und der Quell fällt oder steigt wie verabredet - aber der Berg nicht. Weder fällt oder steigt, noch vermehrt oder verringert er sich, bis auf den heutigen Tag, seit ewigen Zeiten.

Unter meinen Gedichten ist eines, welches von vergangenen Geschehnissen auf dem Fels der Unsterblichen handelt. Derjenige, der mit mir eine Wanderung zum Fuß des Felsen vereinbart hatte, wollte die Weise "Der Hirsch ruft" anstimmen, um den Göttlichen Kranich nachzuahmen. Er sagte: "Sie wollen die Landschaften inmitten dieses Gebirges ergründen, fürchten sich aber, dorthin zu eilen und Ausschau zu halten?" Voller Freude bin ich ihm an diesen Ort gefolgt. - So habe ich alles über den Quell niedergeschrieben, um den Beginn dieser Reise festzuhalten.

3. Interpretation: Naturbeschreibung als Ausdruck von Loyalität

Um die Besonderheitren von Xie Aos Aufzeichnung zu erkennen, bietet es sich an, ihn mit anderen Texten derselben Gattung zu vergleichen. Nach überlieferter Auffassung soll Liu Zongyuan (773-819), ein Gelehrter der Tang-Zeit, kurze Aufzeichnungen über herausragende Örtlichkeiten als Gattung der schönen Literatur geschaffen haben - durch seine "Acht Aufzeichnungen aus Yangzhou" und sein Vorwort zu den nicht erhaltenen "Gedichten vom Dumm-Bach". Beide Texte entspringen aus der Erfahrung des Machtverlusts und der Versetzung auf einen Posten fern der Hauptstadt.

Xie Ao dagegen ist kein vom Kaiser Verstoßener, und so hat er wenig Anlaß, mit der vermeintlichen eigenen Dummheit zu kokettieren. Liu Zongyuans auf die Landschaft übertragene Dummheit ist jedoch zugleich eine Anspielung auf daoistische Motive, und eine solche Anspielung findet sich in Xie Aos Notiz über den Mondquell bereits im ersten Satz, der den daoistischen Heiligen Huang Chuping anführt. Wichtig scheint hier weniger der philosophische oder religiöse Hintergrund, sondern vor allem, daß es sich, wie bei der Anspielung auf das Shijing, um eine chinesische Überlieferung handelt: Der vor den fremden Eroberern geflohene Autor beruft sich auf seine kulturelle Identität. Außerdem nimmt er seiner Flucht das Element der Niederlage und des Unehrenhaften, indem er sich in eine Reihe mit Eremiten und Heiligen stellt. Dem Huang Chuping waren nämlich in jener Gegend noch zahlreiche Weise und Gelehrte nachgefolgt.

Mit einer Landschaftsbeschreibung drückt Xie Ao seine Loyalität zur Song-Dynastie aus. Vor allem stellt er sich in eine geistesgeschichtliche Tradition, die in der Song-Zeit so wichtig wurde, daß sie in China heute Song-Wissenschaft genannt wird. Ein anderer Name für diese Strömung ist "Wissenschaft vom Li" - ein Begriff also, der im Text vom Autor zur Erklärung der beschriebenen Naturphänomene herangezogen wird, und vielleicht gar eine Erklärung für den Niedergang des Kaiserhauses andeutet.

Die auch Neokonfuzianismus genannte songzeitliche Li-Wissenschft hatte ihren Hauptvertreter in Zhu Xi (1130-1200). Eben dieser überaus bedeutende Gelehrte wird in dem Tempel verehrt, den Xie Ao in den Mittelpunkt seiner literarischen Landschaft rückt. Zhu Xis Auswahl und Interpretation kanonischer Schriften waren vermutlich Grundlage des Studiums an der Akademie vom Mondquell, deren Vorsteher (oder dessen Bruder) im Text als Reisebegleiter auftritt. Zweifellos prägt vor allem Meister Zhu den genius loci, an dem der Autor teilhaben möchte.

In den Augen späterer Gelehrter wurde Jinhua seit der frühen Yuan-Zeit zu einem Hort der orthodoxen Lehre. Der Autor geht aus von dem wunderlichen Quell, der für das Auf und Ab der Zeitläufe, den Aufstieg und Niedergang von Dynastien stehen könnte, aber auch allgemein für das Prinzip der Veränderlichkeit. Er begibt sich mit einem Gleichgesinnten zu dem ewigen Berg, der als ein Ebenbild des alle Zeit gültigen Prinzips des Ruhenden gelten kann, das der Autor in der vorherrschenden Überlieferung, insbesondere in deren songzeitlicher Interpretation, findet. Zu letzterer bekennt sich der Loyalist rückhaltlos. Insgesamt wird deutlich, daß Xie Ao zur Topographie des Bezirks der Goldenen Blüte beiträgt, indem er Zeugen der literarischen Überlieferung in der Landschaft hervorhebt und ein Bild von sich in die Landschaft einschreibt, das ihn als treuen Gefolgsmann der Song und des Meisters Zhu ausweist.


Zhang Xiaoxiang (1132-1169): Aufzeichnung über den Anblick des Mondes vom Goldsandhügel aus

übersetzt und erläutert von
Kristina Nitschmann
 
Kristina Nitschmann

1. Einführung

Zhang Xiaoxiang (1132-1169), der aus dem Kreis Wujiang in der heutigen Provinz Anhui stammte, wird gleichermaßen als Literat wie als Patriot gerühmt. Schon mit 22 Jahren hatte er die Reichsprüfung bestanden, sogar als Bester. Die Zeiten waren für eine glanzvolle Amtslaufbahn jedoch nicht günstig. Das Herrscherhaus der Song-Dynastie hatte den ganzen Norden seines Reiches an anstürmende Fremdvölker verloren und sich nach Süden zurückgezogen, wo es in der Behaglichkeit des heutigen Hangzhou eine neue Hauptstadt fand - und es sich wohl sein ließ.

Unter seiner Beamtenschaft tobte ein heftiger Meinungsstreit: Sollten die Herrscher durch eine entschlossene Politik eine militärische Bekämpfung jener "Nordbarbaren" wagen oder deren Eroberungsgelüste durch "Ausgleichzahlungen" in Seide und anderen Kostbarkeiten zu stoppen versuchen? Zhang zeigte sich stets als Verfechter einer kampfbereiten "nationalen" Politik, was seiner Karriere im Dienst der Song-Kaiser nicht immer diente.

Wegen seiner Opposition zu Teilen der Politik des Kaiserhofes gab er sich den Literatennamen Yuhu jüshi, "Der zurückgezogene Gelehrte, der an die Seen zog". So ähnlich hatten sich damals seit ungefähr tausend Jahren schon viele Literatenbeamte genannt, die ihren Unmut über die herrschende Politik zum Ausdruck bringen wollten. Als "Einsiedler" werden sie gemeinhin bezeichnet, und viele von diesen waren "Einsiedler an den Flüssen und Seen", da sie das Wasser als Sinnbild auch für sich betrachteten. - Schon der junge Zhang hatte sich den Großjährigkeitsnamen Anguo, "Der dem Staat Frieden gibt", beigelegt.

Der Dongting-See, in der heutigen Provinz Hunan, ist einer der größten, berühmtesten, vor allem schönsten Seen Chinas. Chinesische Literaten besangen seine Wunder ebenso oft wie den Mond am Mittherbstfest, das am 15. Tag des 8. Monats des Mondkalenders gefeiert wird. Zhang Xiaoxiang fuhr über diesen See im Jahre 1166, als er aus einem Amt in der Provinz in die Hauptstadt oder seine Heimat zurückkehrte: wieder einmal entlassen.

2. Übersetzung

Der Mond leuchtet am hellsten zum Mittherbstfest. Betrachten läßt sich der Mittherbstmond am besten an einen Ort, der an einem Wasser liegt. Für den Blick auf ein Wasser ist angemessen, allein dorthin zu ziehen. Und für einen Ort, zu dem man allein zieht, ist noch einmal am besten, wenn er fern der Menschen liegt. - Indes, beim Mittherbst ist der Mond oft nicht zu sehen, und wo liegen Städte und Paläste an einem Wasser? Allerdings, es gibt solche Stätten!

Fern von den Spuren der Menschen? An solchen stillen und abgeschiedenen Stätten gibt es bestimmt Menschen, die das Besondere lieben. Wer könnte dort allein wandeln - durch die Nacht in die Stille und Abgeschiedenheit, um die Schönheit eines Augenblicks zu suchen? Wenn ich jetzt zum Goldsand-Hügel fahre, sollten dort diese vier Schönheiten etwa nicht vorhanden sein?

Im achten Monat, am Vollmondtage, fuhr ich über den Dongting-See. Der Himmel war wolkenlos, und der Mond strahlte so klar, daß es wie am hellichten Tage war. Der Goldsand-Hügel liegt zwischen dem Dongting- und dem Qingcao-See. Er ist zehn Klafter hoch, und die Wasser, die ihn auf allen Seiten umgeben, erstrecken sich wenigstens über einige hundert Meilen.

Nachdem das Boot an seinem Fuße festgemacht hatte, ließ ich alle Diener zurück und stieg zu ihm empor. Der Sand zeigte sich in so reinem Gelb, als wolle er mit dem Mond wetteifern. Das Wasser glich einer Schale aus Jade, der Sand war wie ein Hügel von Gold, und das Licht strahlte so hell, daß mich an meinem Leibe fröstelte und meine Augen geblendet waren.

Obwohl ich nie an solchen Stätten wie den Palästen von Langfeng, Yaotai und Guanghan weilte - dort kann es nicht schöner sein. Hier war alles vorhanden: der Mittherbstmond, der Anblick des Wasser, das allein Hinziehen und die Ferne von den Menschen. - Niedergeschrieben als Aufzeichnung über den Anblick des Mondes vom Goldsand-Hügel aus.

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3. Interpretation

Das Mittherbstfest gehört zu den großen jahreszeitlichen Festen der chinesischen Kultur, und noch heute glaubt man, dann strahle der Herbstmond, der ein Sinnbild der Sehnsucht ist, am hellsten.

Zhang Xiaoxiang beginnt seine Notiz mit vier Sätzen über die notwendigen Voraussetzungen für die Betrachtung des Mittherbstmondes. Offenbar beziehen sich die "vier Schönheiten", von denen er im zweiten Absatz spricht, hierauf, und im letzten Absatz nennt er diese noch einmal schlagwortartig.

Worüber hielt Zhang mit dem Mittherbstmond Zwiesprache? Er sagt nichts darüber, was ihn bei seinem Anblick bewegte. Oder doch? - Das "allein Hinziehen" (du wang) darf keineswegs als Streben nach Einsamkeit verstanden werden, wohl auch die Menschenferne nicht, denn dann wären diese beiden Schönheiten im Grunde nur eine. "Allein Hinziehen" -und noch deutlicher ist das "Allein wandeln" (du xing) im zweiten Abschnitt- bezeichnet in alten historischen Schriften Menschen, die selbstbestimmt handeln, ohne sich von ihren Haltungen durch andere, und sei das der Kaiser, abbringen zu lassen. Auch in diesem Sinne ist die Menschenferne gemeint, nämlich als Abstand von den Handlungsweisen gewöhnlicher Menschen, nicht als bloße Einsamkeit.

Zhang Xiaoxiang scheint im Zwiegespräch mit dem Mond eine Bestätigung seiner eigenständigen politischen Positionen gefunden zu haben, denen er gerade seine Entlassung aus dem Amt zu verdanken hatte. "Sein" Goldsand-Hügel erscheint ihm als einer jener am Ende genannten drei Paläste, die nach alten Vorstellungen mystische- und Jenseitsorte sind.

Sollte es ein Zufall sein, daß diese Notiz 222 genau Schriftzeichen umfaßt? Zwei ist eine Zahl, die zum Yin gehört, einem der beiden Urelemente Yin und Yang. Der Mond wird ebenfalls dem Yin verbunden, natürlich auch das Wasser. Hat der Autor sich vielleicht als die dritte von diesen Zwei-Zahlen verstanden? - Mit dem Mittherbst verbindet sich die Vorstellung vom Anwachsen der Wirkungskraft des Yin in Natur und Kosmos. Zhang scheint also guter Hoffnung gewesen zu sein.

Der abgebildete Holzschnitt (um 1600) zeigt eine Inselgruppe im Übergang zwischen Dongting- (oben) und Qingcao-See (unten). Vielleicht gehörte der Goldsandhügel hierzu.
 
 
 

HUP, GAP und ein Kopfschütteln

Am 25. März 2003 rieb sich der Berichterstatter bei der Lektüre des "Abendblatts" wieder einmal die Augen. "Neue Wege für Wissen aus der Hochschule", war ein langer Zweispalter überschrieben. Er berichtete über HUP, die neugegründete Hamburg University Press, und GAP, German Academic Publishers, "einen Verbund von Universitätsverlagen, der sich das elektronische Publizieren von Büchern und Zeitschriften zum Ziel gesetzt hat", allerdings auch herkömmliche Bücher nicht ausschließt. Von beidem hatte der Berichterstatter noch nie gehört.

An der Universität Hamburg werden zahlreiche Zeitschriften und Schriftenreihen herausgegeben oder redaktionell betreut. Allein im Asien-Afrika-Institut sind das ungefähr zwanzig. Da dürfte einige Sachkompetenz zusammenkommen. In welchem Verhältnis sollen die HUP und diese oft jahrzehntealten, wenn nicht noch älteren, Schriftenreihen und Zeitschriften künftig zueinander stehen? Nach Lage der Dinge wird das Konkurrenz bedeuten. Zwar belebt nach landläufiger Meinung Konkurrenz das Geschäft, doch ob das auch innerhalb einer Institution gilt, stehe dahin.

Die Univerwaltung hat ein Unternehmen in die Welt gesetzt, dessen Geburt schon lange überfällig war. Aber manche Geburt bedarf eben auch der Geburtshelfer, wenn sie gelingen soll. Die Univerwaltung hätte vorab mit solchen erfahrenen Herausgebern beraten und zu Abklärungen gelangen sollen. Jetzt dürfte das Unternehmen HUP in deren Kreisen einiger Skepsis begegnen.

Überhaupt, wer soll ein wissenschaftliches Manuskript begutachten, bevor es in die elektronische Weltbibliothek gestellt wird? Wer gewährleistet die angemessene wissenschaftliche Qualität und eine handwerklich wenigstens einigermaßen den hergebrachten Regeln entsprechende Ausführung? Jemand, der mit der Drucklegung wissenschaftlicher Arbeiten beschäftigt ist, kann da eine Menge Dinge erzählen. Bisher bürgen die -meist professoralen- Herausgeber mit ihren Namen dafür.

Die Uni HH hat für das HUP-Projekt drei neue Stellen eingerichtet. Für das Jahr 2003 plant dieses "Team" fünfzehn Publikationen. Der Berichterstatter betreut verantwortlich eine Zeitschrift und zwei Schriftenreihen (an zwei weiteren ist er beteiligt). Das bedeutet, daß er und ein, zwei Mitarbeiter allein in einem Jahr wenigstens sieben, acht umfängliche Publikationen auf den Weg in die Öffentlichkeit bringen. Sie tun das, wie das auch bei allen anderen solcher Schriftenreihen und Zeitschriften im AAI der Fall ist, in ihrer Freizeit. Da nimmt sich, im Vergleich, auch die für die HUP vorgesehene Arbeitsintensität nicht als durchaus überzeugend aus.

Zuletzt: "Hamburger Universitäts-Verlag"/ "Verlag der Universität Hamburg" und "Deutsche Universitäts-Verlage" oder ähnlich würden weltweit von jedem Akademiker verstanden werden - zumal dann und in einiger Zeit, wenn ihre Publikationen beachtenswert wären. Hinter den Namenskürzeln HUP und GAP verbirgt sich neben dieser elenden Abkürzungssucht eben auch ein Bemühen um "Internationalisierung", das sich mit den banalsten Annäherungen an das Englische/Amerikanische bescheidet. In China wird mittlerweile das geringe kulturelle Selbstbewußtsein des gegenwärtigen Deutschlands Gegenstand forschender Neugier.

Zu allerletzt: Ob der Berichterstatter erleben wird, daß jemand außerhalb der Univerwaltung HH ein HUP hinschreiben wird, wenn er die Hamburg University Press meint, nicht die Harvard University Press?
 
 
 

Ein weiteres architektonisches Kleinod auf dem Campus

In HCN 16, am 28. März 2002, hatte der Berichterstatter besorgt festgehalten, daß die Heckenrosenbüsche am Campus der Uni HH, an der Schlüterstraße, beseitigt worden seien. Ihm schwante Übles. Während langer Monate waren dort dann Bauwagen und -zäune zu erblicken. Jetzt enthüllte sich den prüfenden Blicken, was dort entstanden war: eine "Fahrradstation"!

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Niemand hat den Campus als Meisterwerk der Architektur empfunden. Sollte es ein gestalterisches Konzept für ihn gegeben haben, dann zeigte sich dieses am ehesten in dem Wechselspiel zwischen dem steil aufragendem Philturm und der sanften Kuppel des Audimax. Früher gehörte noch der steingefaßte kleine Teich dazu.

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Schon vor Jahren störte die millionenteure "Begegnungsstätte" aus Grewes Gunst dieses bescheidene Wechselspiel, doch diese verstieß nicht gegen den Grundgedanken der Campusgestaltung, der Sichtfluchten gestalten und offene Räume lassen wollte. Diese neue Scheußlichkeit macht jeden auch nur halbwegs erfreulichen Blick zunichte, aus welcher Richtung immer. Der Berichterstatter hat sich versagt, nach dem Namen des verantwortlichen Architekten zu sehen, doch vergnügt nahm er wahr, daß eine frevlerische Studihand auf einigen Schildern den Namen von-Melle-Park durch ein neues "Schill-Platz" ersetzt hat, nach HHs Innensenator. Tatsächlich, hinter solcher Architektur steckt ein Geist wie der dieses Barnabas. Diese "Umbenennung" hatte allerdings gewiß auch andere Gründe.

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Manchmal meinen kluge Architekten, die architektonisch gelungene Gestaltung des Arbeitsumfeldes bilde nicht nur das ästhetische Empfinden der Nutzer, sondern fördere auch die Arbeitslust. Das tut diese Fahrradstation nicht. Außerdem, von den Studis wird immer dringlicher erwartet, daß sie ihre Studienzeiten verkürzen, bzw. werden diesbezügliche Sanktionen vorbereitet. Wenn ein solches Miststück von Gebäude Bauarbeiten mit einer Dauer von wenigstens einem Jahr beansprucht, von rosenheckenkillenden und sonstigen Vorarbeiten abgesehen, dann sollten die Regelstudienzeiten der Studis auf wenigstens 20 Semester festgesetzt werden.
 
 
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