Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 24
7. Juni 2003
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Honorarkonsulate und Sprachenvielfalt

Die Freie und Hansestadt Hamburg rühmt sich des Umstandes, daß sie diejenige Stadt auf der Welt sei, die nach New York die meisten Konsulate auswärtiger Staaten beherberge. Tatsächlich, wer durch Stadtteile wie Harvestehude flaniert, begegnet einem solchen auf Schritt und Tritt. Meistens verfügen diese Repräsentanzen sogar über den herausgehobenen Rang eines Generalkonsulats. In den beiden letzten Jahren verringert sich jedoch deren Zahl, und sie wird sich weiter verringern. Viele Staaten können sich eine solche Vertretung schlicht nicht mehr leisten.

Dann zeigt sich Hamburger Bürgersinn. Hiesige Kaufleute sind es meistens, die sich engagieren, wie sie es auf diesem Gebiet schon seit 150 Jahren tun. Sie errichten stattdessen ein Honorarkonsulat. Diese Bezeichnung könnte zu der Vermutung Anlaß geben, sie bezögen hierfür ein Entgelt. Das Gegenteil ist der Fall, es geht einzig um die Ehre. Die beträchtlichen Kosten für die Führung eines solchen Honorarkonsulats müssen sie selbst tragen.

Gegenwärtig verfügt Hamburg über 93 Konsulate. 43 hiervon sind "echte" Konsulate ihrer Entsenderstaaten, 50 hingegen sind Honorarkonsulate. Natürlich ist derlei nicht ganz uneigennützig. Oft sind die Honorarkonsuln dem jeweiligen Staat durch jahrzehnte- oder generationenlange wirtschaftliche Kontakte verbunden. Desungeachtet bilden sie einen wesentlichen Faktor für die positive Wahrnehmung Hamburgs in der Welt, als Weltstadt eben. 29 solcher Konsulate verbinden die Freie und Hansestadt mit Ländern Asiens und Afrikas, neben den "echten". Wahrlich, das ist einer Weltstadt würdig!

So weit, so gut. Jetzt aber steht Bestürzendes bevor. Zu Beginn des Jahres 2003 legte eine sogenannte Strukturkommission ein Konzept für den Umbau der Hamburger Hochschulen vor. Diese Kommission stand unter dem Vorsitz des ehemaligen Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi. Schon bei seiner Person, aber auch bei weiteren Mitgliedern der Kommission mag man sich fragen, was ihre diesbezügliche Kompetenz ausmache. Sie haben wahrscheinlich die Uni HH, aber auch andere Universitäten auf der großen weiten Welt, zuletzt vor vielen Jahrzehnten von innen erlebt, können veränderte Studier- und Lebensgewohnheiten der Studierenden hier und sonstwo auf der Welt nur aus größter Distanz beurteilen usw.

Wie dem auch sei. Diese Kommission hat empfohlen, das Spektrum der sprach-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächer an der Uni HH um genau die Hälfte zu reduzieren - und Hochschulsenator Dräger schickt sich an, diese Empfehlung umzusetzen. Weiß er, was er tut?

Zwar hatte die Kommmission geraten, Sinologie, Japanologie und die Islamwissenschaften von solchen Studienfach-Metzeleien auszunehmen. Was aber ist, beispielsweise, mit einem Fach wie der Koreanistik oder der Vietnamistik? Beide Länder und Kulturen sind Deutschland, auch durch eine vergleichbare Geschichte nach dem 2. Weltkrieg, eng verbunden. In Hamburg leben viele Menschen aus diesen Ländern, und in diesen Ländern leben viele Deutsch- und Deutschlandkenner. Was ist mit den Thailandstudien oder der Afrikanistik, was mit der Indologie oder den Indonesienstudien? "Kleine" Fächer sind das allemal, was die Zahl ihrer Studierenden angeht und die der Fachvertreter, verglichen jedenfalls mit Germanistik und ähnlichen Fächern - aber was haben sie geleistet, und welcher Teilhaber an der Weltkultur und -wirtschaft der Gegenwart dürfte auch auf nur eines von ihnen verzichten! Jedenfalls wird der Status dieser Fächer an der Uni der Weltstadt Hamburg in ihren Bezugsländern genau beachtet, denn sie sind dort bei den entscheidungstragenden Gruppen wohlbekannt. - Wenn diese Fächer in den vorgesehenen Riesenfakultäten aufgehen, ist ihr Fortbestand kaum gewährleistet.

aai-flügelbau

Der gegenwärtige Senat der Freien und Hansestadt verfolgt das Konzept einer "wachsenden" Stadt. Menschen aus Asien und Afrika, vor allem die aktivsten unter ihnen, bilden die mobilsten Bevölkerungsgruppen auf der Welt. An deren Potentialen sollte Hamburg interessiert sein. Mit den damit verbundenen Aufgaben und Problemen, positiver und negativer Art, haben die Asien/Afrika-Fächer der Uni HH (siehe für ihr Institut die Abb.) schon jetzt oft täglich zu tun. Soll Hamburg sich entsprechende "Dienstleistungen" künftig aus Tübingen, Duisburg, Köln und Freiburg holen, wo Universitäten nicht zu derart kurzsichtigen Fächerreduzierungen verpflichtet werden? Sparzwänge gibt es auch dort, und auch dort sind sie umstritten - aber mancher entwirft auch Visionen im Hinblick auf die immer wieder beschworene Internationalisierung und Globalisierung. Für manchen in der Hochschulbehörde, vielleicht auch an der Uni HH, scheint gegenwärtig die Welt an den Grenzen der EU zu enden.

Derlei läßt sich rechtfertigen. Indes, schon mancher deutsche Politiker hat das Gleichnis vom Brunnenfrosch zitiert, welches der alte chinesische Denker Chuang Chou im 3. Jahrhundert v. Chr. formulierte: Aus seiner Perspektive könne er sich nur des Lichts weniger Sterne erfreuen. Befände er sich hingegen auf einem auch nur kleinen Hügel, könne er das ganze Firmament wahrnehmen, dazu den wiederkehrenden Gang der strahlenden Sonne erleben.

Im Augenblick ist keines der Asien/Afrika-Fächer der Uni HH gefährdet. An deren Asien-Afrika-Institut werden regelmäßig mehr als 50 Sprachen gelehrt, die meisten große Verkehrssprachen in diesen zwei Dritteln der Welt. Im Verlauf der Umstrukturierungsprozesse an der Uni HH und ihrer unabwägbaren Folgen könnte solche Gefährdung eintreten. - Die Hamburger Honorarkonsuln, die große persönliche und betriebliche Mittel jahrzehntelang im Hinblick auf Staaten Asiens und Afrikas eingesetzt haben, werden wissen, warum sie das getan haben. Sollte der Staat Freie und Hansestadt Hamburg sich solches Engagement nicht zum Beispiel nehmen und diese Sprachenvielfalt gewährleisten und sogar ausbauen - zum eigenen Vorteil, in der Welt?

Ansonsten: Im Hinblick auf Asien und Afrika verändern sich die Betrachtungsparameter in der deutschen Öffentlichkeit innerhalb kürzester Zeiträume und aufgrund bestimmter Ereignisse oft radikal. Wie läßt sich dem begegnen, daß derlei auf universitäre Strukturen durchschlägt?
 
 
 

HH und SARS und drei Zusätze

Noch ist nicht klar, ob das Hysterie oder begründete Sorge war, was die chinesische Informationspolitik bewirkt hat. Jedenfalls versetzte das bereits am 29. April HH in helle Aufregung: "SARS: Angst und Antworten. Verdachtsfall in Hamburg." Der Verdachtsfall blieb ein solcher, was die Spezialisten des renommierten Bernhard-Nocht-Instsituts schnell herausfanden. Sogleich meldeten sich andere hiesige und natürlich selbsternannte Spezialisten zu Wort. Zitieren wir lieber einen aus Frankfurt: "Würde die ganze Welt vier Wochen lang einen Mundschutz tragen, wäre SARS verschwunden." Tja, würde die ganze Welt vier Wochen lang - - - wie herrlich läßt sich so etwas träumen!

Tage davor hatten die Helden des Hamburger Polizeichors ihre geplante Reise nach Shanghai verschoben: "Angst vor SARS". Sie wollten mit den dortigen Staatsanwälten einen Wechselgesang anstimmen und verzichteten, obwohl Mitte Mai Katja Hellkötter, Shanghai-Repäsentantin mehrerer HH-Institutionen, erklärte, in Shanghai habe man "das SARS-Problem im Griff".

Als Hellkötter das erklärte, hatte es einige kleinere HH-Firmen bereits erwischt. Hart traf SARS die Chinaspezialisten unter den Reisebüros, die ohnehin keine gute Kapitalausstattung haben. Auch für die anderen Reisebüros verstärkte SARS die deutliche Unlust ihrer Kunden, Fernreisen zu buchen. Hart auch traf es Unternehmen, die im Ostasiengeschäft Serviceleistungen erbringen. Großunternehmen wie Daimler und Siemens untersagten Mitarbeiterflüge nach China, und reihenweise wurden in China geplante Messen abgesagt, doch pfiffige Unternehmer lassen sich etwas einfallen. So bot der Ostasienservice von Dr. Gerd Boesken den plötzlich chinascheuen Managern ein "SARS-Notfallprogramm" an: Seine Mannschaft könne alles "vor Ort" übernehmen.

sars-plage

Von den Beiläufigkeiten erfährt kaum jemand. Da ist etwa jener chinesische Arzt, der in HH als Heilpraktiker eine umfangreiche Klientel hatte. Deren Besuche brachen jetzt dramatisch ein, und wie fühlte sich die Braut, deren Hochzeit in HH beinahe platzte, weil sie zuvor in Kanton gearbeitet hatte. Die Eingeladenen fürchteten SARS wie die Pest, und niemand wird ausrechnen können, was SARS einmal gekostet haben wird. Sogar die Maikäfer nehmen, wie der Karikaturist der FAS vom 27. April wollte, bereits Rücksicht darauf.

Andere Hamburger China-Nachrichten tragen nicht zur Besserung der Laune bei. Pauli ist abgestiegen, sein Chinakicker Chen Yang, der es bewahren sollte, konnte sich nie recht in Szene setzen und ist schon wieder daheim. Stattdessen fanden die Meteorologen heraus, daß "Staub aus China in den Alpen" eingetroffen ist, nach nur vierzehntägiger Luftfahrt. Und was kann der wohl alles mitbringen?

Bei den Umsichtigeren geht alles seinen gewohnten und erfreulichen Gang: Chinesische Fluggesellschaften orderten 30 weitere Airbusse, und daran verdient Hamburg seinen Teil. Eine Tochterfirma von Chinatex will von HH aus den europäischen Modemarkt erobern, während andererseits Jil Sander mit Unterstützung von Chinatex in China 40 Läden eröffnen will. Die Traditionsreederei Hamburg Süd hat eine taiwanische Rederei mit 19 Charterschiffen übernommen und will sich stärker in Fernost und Pazifik engagieren. Und die Hamburger Firma Rohde & Liesenfeld verfrachtet ein komplettes Alt-Stahlwerk aus Dortmund nach Shanghai.

Auch für Fiete Normalhamburger soll demnächst wieder etwas China abfallen, natürlich Kramzeug. Gegenwärtig tourt eine Ausstellung mit mehr als hundert Nachbildungen der Terrakotta-Armee durch die Welt. Im Sommer soll sie auf der Moorweide aufmarschieren, damit möglichst viele Hamburger sie wahrnehmen. Wenige von diesen haben hingegen wahrgenommen, daß am 24. Mai in Bergedorf eine Verkaufsausstellung mit chinesischen Porzellanen endete und daß einige Wochen davor in Rahlstedt ebenfalls eine Verkaufsausstellung mit chinesischem Kunstgewerbe stattgefunden hatte. Die chinesischen Kaufleute, für die derlei mit erheblichen Kosten und Aufwand verbunden ist, werden schwerlich die erhofften Erträge erzielt haben. Das Management auf deutscher Seite war einfach zu schlecht: keine gute Reklame für Hamburg!
 
 
 

Taiwan und der Hafengeburtstag

Nicht daß der müßige Flaneur Anlaß fände, den alljährlichen Hafengeburtstag als solchen zu genießen! Wer Schlepperballett, Hubschrauberüberflüge sowie Würstchen- und Tandbuden einmal genossen hat, bewahrt diese Erinnerung lieber tief in sich, als sie erneuern zu wollen. Diesmal (vom 9. bis 11. Mai) sollte es bei dieser Gelegenheit, wie er vernommen hatte, auch wieder einen China-Stand geben.

Da hielt ihn der einsetzende Hamburger Nieselregen nicht von dem Vorsatz ab, diesen aufspüren zu wollen. Unter den aberhundert Ständen fand er ihn überraschend schnell, in der Nähe des Vorsetzen-Anlegers. Wer beschreibt jedoch seine Überraschung?!

Ein paar mittelmäßige Tuschbilder wurden feilgeboten, auch ein paar mittelmäßige Speisen; dazu lagen einige unscheinbare Reiseprospekte aus. Prangendes Rot hellte jedoch die triste Schmuddelszenerie auf - und darüber setzten chinesische Schriftzeichen in Rot einen deutlichen Akzent in dieser Szenerie und verdeutlichten sogleich, um welches China es hier ging: TAIWAN.

hafengeburtstag taiwanstand

Ein paar engagierte Taiwan-Bürger, kleine Geschäftsleute vielleicht, wollten offenbar beim HH-Hafengeburtstag auf ihr Land aufmerksam machen und auf seine Problematik: strebsam, engagiert in vielen Bereichen, wohlhabend auch, aber ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Nationen und vieler ihrer Organisationen. Wenigstens der Zugang zu solchen Organisationen sollte, trotz grundsätzlicher politischer Auffassungsunterschiede, der Republik China auf Taiwan gewährt werden. SARS hat in diesem Zusammenhang zu einigen skandalösen Vorgängen geführt.

Rührend wirkte dieser private Versuch, Aufmerksamkeit zu wecken, auf den müßigen Flaneur. Vielleicht hätte eine etwas "professioneller" gestalteter Stand den Taiwan-Interessen in HH besser gedient. Andererseits, noch im Mai hielten bedeutende HH-Institutionen Informationsveranstaltungen zu Taiwans Wirtschaft ab, für kleinere Kreise. Hunderttausenden flanierenden Hafengeburtstagsgästen wurde durch diesen bescheidenen Stand das Stichwort Taiwan ins Gedächtnis gebracht, und an ihm sollten sich die Höhepunkte der Darbietungen auch nicht am Eröffnungsfreitag ereignen, sondern am Wochenende - darunter die buddhistische Zeremonie "Waschen des Buddha" sowie Mah-Jonng und chinesisches Schach, zwei Leidenschaften der spielverrückten Chinesen. Selten hat wohl ein bescheidenes privates Projekt im Interesse von Taiwan vergleichbar viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.
 
 
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