Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 23
26. April 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein nächtlicher Brief

desk23_1 Der bedeutende Literat und Gelehrte Fu Ju-chou (um 1620) schrieb seinem Freund Liao K'ung-yüeh eine kurze nächtliche Epistel. Dieser Liao war taoistischen und buddhistischen Lehren gegenüber aufgeschlossen und brachte seine letzten Lebensjahre als Einsiedler zu. Der Brief lautet:
"Die Nacht kam, und der kühle Mond schien hell und klar. Als ich den Widerschein des Mondes auf dem Wasserfall betrachtete, schienen sich beide gemeinsam in Schilfblüten zu verwandeln. Auf meinem Lager dann vernahm ich nur das Seufzen des Windes, das in den Blättern widerhallte und auf den Gräsern wisperte. War das wie ein Schneefall oder wie ein Regen? Ich konnte mich nicht entscheiden. - Selbst als mein Traum vorüber war, fühlte ich mich wie in einem Land aus Kristall, für das ich abertausend kühler Perlen erworben hatte."
Berühmt ist dieser Brief dafür, daß die Seinszustände in der Natur und die des Menschen zu verschmelzen scheinen, was allerdings der tatkräftigen Mitwirkung des Menschen bedarf.
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 11, HCN 22
 
 

Kongzi

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Der rätselhafte Meister Yu

Die "Gespräche" beginnen seltsam: LY 1.1 bietet ein Zitat des "Meisters", also des Konfuzius; schon LY 1.2 zitiert dann einen "Meister Yu", LY 1.12 und 1.13 bringen weitere Aussprüche dieses Meisters Yu, und LY 12.9 zeigt ihn, jetzt mit vollem Namen Yu Jo genannt, im Gespräch mit Herzog Ai von Lu über das Verhalten bei einer Mißernte: Er rät wider alle Steuererhöhungen.

Im Gespräch mit Konfuzius wird er in der frühen Literatur nicht erwähnt, das tut erst CY 42.31 in einer eher nebensächlichen Angelegenheit. Überhaupt erscheint dieser Meister Yu/Yo Jo nur an wenig mehr als zwanzig Stellen in der gesamten klassischen und spätklassischen Literatur: Tso. Ai 8 (487 v. Chr.) erwähnt ihn als Kämpfer; Hsün 81/21/63 spielt auf eine Anekdote an, die augenscheinlich nicht vollständig überliefert ist; HFT 32.7 läßt ihn den Min Tzu-ch'ien an dessen Amtsort Shan-fu aufsuchen und zeigt ihn etwas lehrerhaft gegenüber dem Älteren; mehrmals erwähnt/zitiert ihn das LC in Angelegenheiten der Sitte (LC 20.10, 3.24), in solchen Angelegenheiten auch abermals im Gespräch mit Herzog Ai von Lu (LC 4.48, 4.49).

Meng K'o scheint ihn geschätzt zu haben. Meng 2A.2 zitiert ihn (in der Übers. von R. Wilhelm): "Er (d.h. Konfuzius) sollte nur ein gewöhnlicher Mensch sein? Wenn das Kilin mit den Tieren, der Phönix mit den Vögeln, der Große Berg mit Hügeln und Ameisenhaufen, wenn der Gelbe Fluß und das Meer mit Straßengräben von derselben Art sind, so ist auch der Heilige mit den gewöhnlichen Menschen von derselben Art. Unter allen, die ihre Artgenossen übertrafen und hervorragten über die allgemeine Oberfläche, war keiner so groß wie Meister Kung." - Über die Ähnlichkeiten (lei) geht es hier, und LH 50/226/13 greift diesen Passus wieder auf.

Um Ähnlichkeit geht es auch Meng 3A4: Die Konfuzius-Schüler Tzu-hsia, Tzu-chang, Tzu-yu fanden nach dem Tode des Konfuzius, daß Yu Jo einem/diesem Weisen ähnele und wollten ihn als Lehrer anerkennen wie vorher Konfuzius. Meister Tseng wendet sich dagegen. - LH 47/216/17 und 50/223/4 greifen auch diesen Passus auf, SC 67 präzisiert ihn in einer biographischen Notiz über Yu Jo: Die Schüler hätten ihn nach dem Tode des Konfuzius wegen seiner Ähnlichkeit mit diesem zu ihrem Lehrer (shih) gemacht, ihn aber bald, nachdem er eine ihrer Fragen nicht hinlänglich beantworten konnte, zum Verzicht auf diese Position gebracht.

Zu diesem Meng-Passus fügen sich einige weitere Aufzeichnungen über Yu Jo gut: LC 3.70 und 4.23 zeigen ihn in kontroversen Disputen mit Tseng-tzu; LC 4.27 im Lehrgespräch mit Tzu-yu, der auch, lt. LC 4.11, den Herzog Tao von Lu geleitete, als der dem gestorbenen Meister Yu seine Reverenz erweisen wollte. - Es könnte sein, daß diese Überlieferungen Auseinandersetzungen zwischen frühkonfuzianischen Schulen widerspiegeln, bei welchen die des Tseng-tzu dann wohl eine erheblich eigenständige war. - Übrigens, die Lebenalterangaben in den Schülerlisten SC 67 und CY 38 unterscheiden sich, auch in Lesarten des einen wie des anderen Textes. Ch'ien Mu kalkulierte die Lebenszeit von Yu Jo auf 518 bis 457. Ich halte diese für wahrscheinlich.

Sollte es also nach dem Tode des Konfuzius einen Versuch gegeben haben, dessen Lehrtradition institutionell fortzuführen? Dann wäre bedeutungsvoll, daß auf ein Wort des Konfuzius in LY 1.1 unmittelbar ein Wort des Meisters Yu folgte. Das dokumentierte gleichsam dessen Nachfolge. - Was aber ist von der äußerlichen Ähnlichkeit als "Befähigungsnachweis" für solche Nachfolge zu halten? So eindeutig formulieren allerdings nur SC und LH die entsprechenden Aussagen; Meng hingegen sagt wesentlich allgemeiner, er habe dem/einem Weisen geähnelt.

Aber da ist noch etwas: In diesen beiden frühen Meng-Überlieferungen über Yu Jo spielen Ähnlichkeiten eine Rolle, und sein Name läßt sich nun einmal "hat etwas, das jemandem gleicht" oder ähnlich verstehen. "Nomen est omen" galt auch im Alten China. Vielleicht hat jemand diese Überlieferungen einfach fabriziert. Auch manche Überlieferungen über die frühen Könige der Chou zeigen klar, daß sie aufgrund von deren Namen entstanden sein dürften.

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Ein seltsamer Typ von Eintragungen im "Frühling und Herbst"

Ein häufig wiederkehrender Typ von Eintragungen im CC folgt formelhaft dem Schema "der Herzog traf aus/von Soundso ein". Soundso bezeichnet dann in der Regel einen Ort jenseits der Grenzen von Lu, einen Staat zumeist, aber auch militärische Aktionen oder Treffen von Reichsfürsten. Nach alter Auffassung wurde diese Rückkehr zeremoniell im Ahnentempel angezeigt und fand damit Eingang in die Aufzeichnungen der Geschichtsschreiber.

Nun sollte nicht weiter merkwürdig sein, daß das CC solche Rückkehr eines Fürsten von Lu nach längerer Abwesenheit verzeichnet. Vielleicht - das wurde nicht geprüft - ist manche Rückkehr auch nicht verzeichnet, oder sie wurde verzeichnet, obwohl die Abwesenheit des Fürsten zuvor nicht klar zum Ausdruck gebracht worden war. Beim CC muß der Leser wohl mit allem möglichen rechnen.

Befremdlich bei diesen Notizen ist lediglich, daß solche Rückkehr wohl niemals auf den Tag datiert wird; oft läßt sich nicht einmal erkennen, in welchem Monat sie erfolgte. Auf diese Weise macht das CC nicht einmal deutlich, wie lange der Herzog aus Lu abwesend war; bestenfalls annähernd läßt sich das aufgrund der voranstehenden/nachfolgenden Datierungen erschließen.

Irgendeine Absicht dürfte sich dahinter verbergen, denn diese Daten müßten in Lu schließlich bekannt gewesen sein - vielleicht nicht für die frühen Jahre, aber wenigstens für die späteren, aus der Lebenszeit des Konfuzius. Der alte interpretatorische Ansatz von George Kennedy hatte gelautet, daß die Genauigkeit der Eintragungen im CC, und damit auch die Datierungen, mit der zeitlichen und räumlichen Nähe zum Leben des Konfuzius wachse. Wenigstens für diesen Eintragungstyp scheint dieser interpretatorische Ansatz nicht zu gelten.

Etwas anderes: Mehrmals schon waren in diesen Notizen Andeutungen dafür augenfällig geworden, daß hinter dem "System" des CC vielleicht auch zahlenmystische Vorstellungen sich verbergen könnten. Noch sind die Hinweise darauf nicht sonderlich deutlich, aber wenigstens die sogenannten Apocryphen scheinen - nicht weiter verwunderlich bei ihnen! - ähnlichen Konzeptionen anzuhängen. Die Zahlen 12 und 9, wohl auch weitere scheinen in diesem Zusammenhang besonderes Gewicht zu besitzen. Nun, "Der Herzog traf aus Soundso ein" findet sich im CC genau 81 mal, also 9 x 9.

Dieser durchaus überraschende Befund muß allerdings relativiert werden. Das CC enthält zehn weitere Notizen dieses Typs, allerdings mit anderen Subjekten: Zweimal (Huan 18, Ting 1) trifft der Leichnam des Herzogs "von Soundso" ein, weil er nämlich während einer Abwesenheit aus seiner Hauptstadt verschieden war. Mehrmals (Huan 3, Hsi 1, Wen 9) trifft eine Fürstin von Lu "aus Soundso" ein, als Braut, von einem Elternbesuch, ebenfalls als Leichnam. Zweimal (Hsüan 1, Ch'eng 14) gilt die Formel einem Lu-Würdenträger, der zusammen mit einer Braut für den Fürsten kommt; zweimal (Chao 14, Chao 24) betrifft sie allein einen Lu-Würdenträger, einmal (Wen 15) offenbar einem Chou-Würdenträger, dessen Reiseumstände auch durch das Tso-chuan nicht ganz deutlich werden.

Vor allem bei dem "Eintreffen" der Fürstenbräute und -frauen ist klar, daß das CC sie nur überaus selektiv verzeichnet. Es handelt sich nämlich stets um eine Chiang aus dem Nachbarstaat Ch'i. Wie die Könige des Hauses Chou nahmen sich die Lu-Fürsten regelmäßig eine Hauptfrau aus dem Geschlecht Chiang, welches das Herrscherhaus des mächtigeren Nachbarstaates Ch'i stellte. Hierdurch wurde offenbar ein vordynastisches Stammesbündnis, das im 11. Jh. v. Chr. zu dem Sieg der Chou über die Vorgängerdynastie Shang geführt hatte, regelmäßig erneuert. Warum wird das "Eintreffen" der anderen Fürstengemahlinnen durch das CC nicht verzeichnet? Diese Frage gilt auch für das "Eintreffen" von Würdenträgern nach einem längeren Auslandsaufenthalt, denn die traditionellen Erklärungsmuster reichen hierfür nicht aus.

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Eine vorsichtige Erwägung zu LY 2.4

Manchmal möchte unsereins davon träumen, wie eine künftige Übersetzung der "Gespräche" aussehen könnte. Zwei Grundvoraussetzungen sollte sie wohl folgen: Erstens, alle bisherigen Lesungen auf ihre Angemessenheit prüfen; zweitens, die eigenen Lesungen ausführlich rechtfertigen. Zwar würde eine solche Übersetzung einen Umfang von tausend Seiten leicht erreichen, doch dann ließe sich wenigstens darüber diskutieren. - Letzter Tage hatte ich wieder einmal Veranlassung, den bekannten Abschnitt LY 2.4 anzusehen. Die drei deutschen Standardübersetzungen geben ihn folgendermaßen wieder:

Richard Wilhelm:

Der Meister sprach: "Ich war fünfzehn, und mein Wille stand aufs Lernen, mit dreißig stand ich fest, mit vierzig hatte ich keine Zweifel mehr, mit fünfzig war mir das Gesetz des Himmels kund, mit sechzig war mein Ohr aufgetan, mit siebzig konnte ich meines Herzens Wünschen folgen, ohne das Maß zu übertreten."
Ralf Moritz:
Konfuzius sprach: "Als ich fünfzehn war, war mein ganzer Wille aufs Lernen ausgerichtet.
Mit dreißig Jahren stand ich fest.
Mit vierzig hatte ich keine Zweifel mehr.
Mit fünfzig kannte ich den Willen des Himmels.
Als ich sechzig war, hatte ich ein feines Gehör, um das Gute und das Böse, das Wahre und das Falsche herauszuhören.
Mit siebzig konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen, ohne das Maß zu überschreiten."
Ernst Schwarz:
Der Meister sprach: Mit fünfzehn strebte ich nach Wissen.
Mit dreißig war ich in mir selbst gefestigt.
Mit vierzig gab es keine Zweifel mehr.
Mit fünfzig kannte ich des Himmels Willen.
Mit sechzig war mein Ohr ein willig Ding, aus allem nur herauszuhörn das Wahre.
Mit siebzig konnte ich unbedenklich folgen des Herzens Wünschen, ohne je das rechte Maß zu
übertreten.
Lunyu 2.4 Zunächst ist einmal klar, daß die interpretierenden Zusätze von Moritz und Schwarz bei der Charakterisierung des 60. Jahres das Maß überschreiten/übertreten, das für eine Übersetzung gelten sollte. Die Übersetzung von Wilhelm gibt den knappen Text an dieser Stelle viel angemessener wieder; Moritz und Schwarz deuten einfach nach Gutdünken aus.

Als eine Art intellektueller Autobiographie des Konfuzius in Kurzform wird dieser oft zitierte Passus gemeinhin verstanden. Das ist er vielleicht, doch er steckt voller Probleme im einzelnen. Strukturelle Probleme kommen hinzu: Wieso hatte Konfuzius mit 40 keine Zweifel mehr, obwohl er das t'ien-ming, "die Bestimmung des Himmels", erst zehn Jahre später kannte/erkannte? - Sind vielleicht diese sechs Sentenzen zweigeteilt: die ersten drei gelten dem nach außen gerichteten Streben, die drei nächsten der inneren Vervollkommnung?

Weitere allgemeine Verständnisprobleme schließen sich an: Gibt es in der klassischen/spätklassischen Literatur vergleichbare Aussagen über Lebensalterstufen? Ja, gewiß. Sind bei dieser LY-Formulierung Reime zu erkennen? Vielleicht doch. Ist die Struktur dieses Passus durch die zitierten Übersetzungen angemessen erfaßt? Vielleicht nicht.

Nach der jeweiligen Lebensaltersangabe folgt, verbunden durch die Partikel erh, die inhaltliche Aussage, die aus ein bis drei Zeichen besteht. Nur bei der letzten Wendung umfaßt diese immerhin sieben Zeichen. Nun ist es ein bekanntes Ding, daß in der klassischen Literatur die letzte Formulierung in einer Klimax oft länger ist als die voranstehenden. Das hat nachvollziehbare stilistische Gründe.

Allerdings, gar so viel länger dürften sie dann wohl selten sein! Hier ließen sich die drei letzten Zeichen, "ohne das Maß zu überschreiten", leicht von ihr trennen. Sie sind syntaktisch ohnehin nicht mit der Aussage über das siebzigste Jahr verbunden. Diese Aussage bezöge sich dann auf alle Lebensalterstufen, nicht nur auf die letzte: "Ich überschritt das Maß (in allen meinen Lebensphasen) nicht." Damit würde dieser autobiographische Abriß natürlich eine vollkommen andere Bedeutung gewinnen.

Noch etwas anderes: LY 2.4 gehört zu den Tzu-yüeh/Passus des Textes. Bei diesen nehmen Editionen und Übersetzungen gemeinhin an, sie gäben von Anfang bis Ende ein Wort des Meisters wieder. Warum eigentlich? Für den vorliegenden Fall, aber auch für weitere Tzu-yüeh/Passus, wäre anzumerken, daß in der klassischen/spätklassischen Literatur auf Zitate oft ein aus zwei/drei Zeichen bestehender anonymer Kurzkommentar folgt. "Er überschritt das Maß nicht", wäre dann zu übersetzen.

Und überhaupt: "das Maß"! Welches Maß? Es gibt eine Menge von Schriftzeichen in der klassischen /spätklassischen Literatur, die so übersetzt werden. Das Erh-ya bietet zwei kleine Listen solcher Begriffe. Das in LY 2.4 gebrauchte Schriftzeichen/Wort ist chü, "Winkelmaß". Es bezeichnet ein Instrument, durch das Handwerker die rechten Winkel bestimmten. In den frühen Texten kommt es nicht vor, auch nicht in dem voluminösen Tso-chuan, das dem Konfuzius doch so nahe steht. In der klassischen Literatur wird es dann häufiger, kommt aber vorwiegend in dieser konkreten Bedeutung vor, meist in Verbindung mit kuei, "Zirkel". Hier deutet sich dann auch eine abstrahierende Bedeutung "Maß, rechtes Maß" an. Häufig erscheint chü dann auch in Zusammenhang mit einem Verb, nämlich chung, "treffen": "den rechten Winkel/das rechte Maß/das Maß treffen".

Eine der Formulierung in LY 2.4 vergleichbare Formulierung begegnet erstmals noch später - und zwar jeweils mit dem gleichen Verb wie im LY - yü, "überschreiten/übertreten": YTL 10.1, CCFL 13.5, Chiao-shih I-lin 34/166/11. Ein Zusammenhang mit der Formulierung im LY, als Anspielung darauf etwa, läßt sich an keiner dieser drei Stellen erkennen, auch Bezüge zueinander sind nicht sichtbar. Die Wendung scheint also zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört zu haben - in der Früheren Han-Zeit!

Zwischen diesen Vorkommen dieser Wendung "das Maß überschreiten" im LY, aus dem Mund des Konfuzius, und der Wiederholung dieser Wendung liegen ungefähr vier Jahrhunderte. Das macht es nicht wahrscheinlicher, daß sie zu dem Ausspruch des Konfuzius gehört habe: "... ohne daß ich das Maß überschritt." Ebenso wird nicht wahrscheinlicher, daß das ein ihm Nahestehender, ein Schüler etwa, notiert habe: "Er überschritt das Maß nicht." Naheliegender wäre wohl, diese drei Zeichen als Kommentar eines hanzeitlichen Gelehrten anzusehen. - Wie dem auch sei, es spricht einiges dafür, diese Wendung nicht mit seiner Aussage über seine Befindlichkeit im 70. Jahre zu verbinden, sondern sie als Aussage über alle seine Lebensaltersstufen zu verstehen, von wem auch immer. Die Ausführungsstriche zu seinem Zitat wären lediglich ein wenig früher zu setzen - aber sein Ausspruch bekäme einen ganz anderen Sinn!

Wahrscheinlich wäre eine Woche unablässigen philologischen Bemühens notwendig, um die angedeuteten und die sonstigen Probleme dieses Abschnitts hinlänglich zu klären. Keine guten Aussichten für die erträumte LY-Übersetzung!

 
  » Teil 13, HCN 24  
 
 

Frühlings-Verdruß in HH

Ich lebe in einer bescheidenen Straße, wiewohl in bevorzugter Wohngegend. Eine betagte, einst namhafte Schriftstellerin wohnt nahebei. Einige Schauspieler und sonstwie aus dem Fernsehen bekannte Leute tun das ebenfalls, wie ich höre. Junge Familien mit Kindern beleben die Szenerie, und das tun auch die alten Damen, die mit ihren Stützwägelchen den Frühling erkunden.
Eine von ihnen, welche die Neunzig schon überschritten hat, fährt gar regelmäßig in einem kleinen Elektrowägelchen, überdacht und schön bunt anzusehen, zu dem "Block House" an der Ecke, um dort zu Abend zu speisen und die Welt zu betrachten.

Den jungen Frauen mit ihren Kinderwagen und den alten Damen mit den Stützwägelchen stehen Monate voll Verdruß bevor. Mitte März klebten an allen Haustüren dieser kleinen Straße Zettel, in denen irgendeine Behörde der Freien und Hansestadt auf einer Seite informierte, daß jetzt Sielbauarbeiten anstünden. So weit, so gut.

Böhmersweg Während der letzten Jahre hatten schon oft Schildträger die schmalen Bürgersteige zugestellt, wenn wieder einmal für einen Umzugsmöbelwagen Parkraum reserviert werden sollte. Schon mit einer größeren Aktentasche war an diesen kaum vorbeizukommen, nie jedoch mit einem Kinderwagen oder einem Stützwägelchen.

Jetzt sperren solche Schilder beinahe den ganzen Bürgersteig neben der kleinen Straße zu - bis weit in den Juni hinein, denn so lange sollen diese Sielbauarbeiten währen. Der stadtamtlichen Ankündigung war nicht zu entnehmen, warum diese hochtechnisierten Arbeiten, für welche nicht einmal der Straßenbelag aufgebrochen werden muß, drei Monate währen sollen - für zweihundert Meter. In der Zeit würde man in Shanghai, Taipei, Singapur, sogar in Kuala Lumpur beinahe ein Hochhaus von ebensolcher Höhe neu errichten. - Wahrscheinlich sind Hamburger Gemächlichkeiten hierfür verantwortlich. Ansonsten, meistens arbeitet niemand an diesen HH-"Baustellen". Oder hat da wieder einmal eine Behörde einfach schlecht organisiert?

 
 
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