Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 23
26. April 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Von den Passiv-Kriegen der "Schinesen"

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) war unter Zeitgenossen berühmt als Professor mehrerer Naturwissenschaften an der Universität Göttingen. Einflußreich wurde er als ein der Aufklärung verpflichteter satirischer Schriftsteller, dem vortreffliche Sottisen gelangen. Seinen Nachruhm begründen jedoch die "Sudelbücher", die er seit dem Jahre 1764 führte: Notizen über Gegenstände der Wissenschaft und des Alltags, der Weltsicht und privater Genauigkeiten. Bis zu seinem Tode hielt er diese Aphorismen verborgen, was ihm auch mit manch anderer Privatheit gelang.

Im Jahre 1796 veröffentlichte er im "Göttinger Taschen Calender", den er herausgab, einen längeren Aufsatz unter dem Titel "Von den Kriegs- und Fast-Schulen der Schinesen, nebst einigen anderen Neuigkeiten von daher". Damals war die aufklärerische Chinabegeisterung bereits gebrochen, und Lichtenberg findet Lästeranlaß:

Ein gewisser Herr Sharp hat als Butler, als ein studierter allerdings, die letzte britische Gesandtschaftsreise nach "Schina" begleitet. Alle paar Meilen sieht er eigenartige, gleichförmige Gebäude "klostermäßigen Aussehens". Ein Mandarin erklärt, diese hießen Tsing-Long, und der kleine Dolmetscher Wang-o-Tang übersetzt das als "Kriegs-Hunger-Schulen" und erläutert: " (...) militaly acàdemies to lealn the alt of stalving." (Das ist, nach meiner bisherigen Kenntnis, die älteste r/l-Lästerei in der deutschen Literatur!) Der Mandarin erläutert dann diese Institution, jetzt Lichtenberg wörtlich:

Unsere Tsing-Long, sagte er, sind Kriegsschulen. Ich weiß ihr habt auch welche. Ich kenne sie. Sie sind für den Aktiv-Krieg, zum Unterricht des eigentlichen Soldaten. Dergleichen haben wir auch, nur, setzte er bescheiden hinzu, sind die unsrigen unendlich viel besser. Wir sind Schinesen und denken weiter. Die Schulen, die ihr hier seht, sind das nicht was die eurigen sind. Hier lehrt man den Passsiv-Krieg; nicht die Kunst den Krieg geschickt zu führen, sondern ihn mit Standhaftigkeit zu ertragen. Der Gedanke frappierte mich, ich kann es nicht leugnen, und ich fing an die Daumen zu wirbeln. Er stutzte einen Augenblick, und hörte mit den seinigen auf. Nach einer Pause fuhr er fort: Wie ist es möglich, daß ein kluges Volk, wie ihr, nur darauf denkt, Menschen abzurichten, den Krieg geschickt zu führen, und an die übrigen, die ihn eigentlich leiden, gar nicht denkt. Auch diesen lehren wir ihr Exerzitium, auch diese müssen geübt werden, so wie die andern, so wird der Krieg eine Kleinigkeit. Es kommt in der Welt alles auf Übung an. Wo der Feind einfällt, findet er bei uns jetzt ein Volk, das sich so gut auf das Erdulden versteht, als er sich auf das Kränken. Ich versichere Euch, wir haben auf diesen Akademien Leute gezogen, die, wenn sie von dem Feinde geplündert, gepeitscht und geschunden wurden, anstatt zu heulen und zu wehklagen, sich bloß dabei an die Universitäts-Jahre erinnerten. Ihr habt bei Euch Menschen, aber ihr wißt nicht was ihr aus ihnen machen sollt. Wenn ihr ein Schiff bauet, so haut ihr der Eiche die Äste ab, sägt und zimmert und hobelt an ihr, biegt die Bohlen mit Kraft, bekrampt und benagelt sie von allen Seiten. Nicht wahr? Und ihr wollt eine Staatsverfassung bauen, das künstlichste Schiff von der Welt, und wollt es im Sturm steuern, während ihr den Bäumen, woraus es besteht, ihr Laub und ihre Äste laßt? Wie? Geht mir weg mit eurer politischen Baukunst. Das versteht ihr nicht.

Ich sehe nicht recht, worauf Lichtenberg seine Satire gerichtet haben könnte. Heute könnten sowohl der Angegriffene als der Angreifer ihr "Fett" daraus beziehen. - Ich habe Rechtschreibung und Zeichensetzung gegenüber meiner Textvorlage nicht verändert, wohl aber einige Absätze neu gesetzt - der leichteren Lesbarkeit am Bildschirm halber. - Und daß die "Schinesen" nicht durchaus nur die passive Kriegführung lehrten zeigt die Abbildung aus einem Lehrbuch für die Kriegführung. Sie zeigt eine Formation für die Aufstellung zur Schlacht, die bekannte "Wolkenformation".

wolkenformation

 
 
 

Entdeckungs-Verdruß

US-Präsident Bush hat seine eigene Chronologie der Weltgeschichte entwickelt: Bisher hätten andere den Gang der Geschichte und die Weltordnung bestimmt, von jetzt an würden das die USA tun. - Ganz so einfach wird das nicht gehen. Von China, Indien und den Arabern einmal abgesehen, auch von der spanischsprechenden Welt und den Afrikanern, selbst bei den "alten" Europäern scheint neues Selbstbewußtsein zu erblühen: traditionsgestärkt.

Das jedenfalls dokumentiert ein prachtvolles Buch, das unlängst auf meinem Schreibtisch landete, von GEO herausgegeben: "National Geographic Lexikon: Die 100 bedeutendsten Entdecker". Jedem dieser Bedeutenden sind exakt drei Seiten gewidmet, auf jeder Seite eine oder mehrere Abbildungen, eine Marginalie am Rand kommt hinzu. Wirklich schön aufgemacht und eine interessante Schmökerlektüre, die Namen reichen von Roald Amundsen bis Francis Younghusband.

Zheng He Mit wenigen Ausnahmen sind das alles Europäer, und die Ausnahmen sind die Chinesen Hsüan Tsang (!) und Tscheng Ho (!) sowie der Araber Ibn Battuta. So viel an bornierter Europazentriertheit hat unsereins schon lange nicht gesehen, vor allem nicht im Umfeld einer so angesehenen Zeitschrift, welche die Welt zu ihrem Zeichen gemacht hat. Da hilft auch nicht, wenn das Vorwort sich um Erklärungen bemüht: Alle anderen Kulturen hätten nicht über den "faustischen Drang" der Europäer verfügt, heißt es da, und: "Es waren Kulturen, die nicht den Drang zur Globalisierung hatten." Das ist so falsch wie borniert. Und der nächste Satz dann ("Die meisten von ihnen hielten Europas Ansturm, der auf die Entdeckungen folgte, nicht stand.") - den muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Imperialismusgeschichte, kurzgefaßt - und GEO heute ein Nachhall dazu!

Wer wäre unter den chinesischen Entdeckungsreisenden nicht noch zu behandeln gewesen! Ärgerlich sind zudem in beiden angesprochenen Beiträgen die fachlichen Unzulänglichkeiten, die mit den kunterbunten Transkriptionen chinesischer Namen beginnen. Offenbar haben die Autoren aus irgendwelcher Sekundär- oder Tertiärliteratur ihren "Honig" gesaugt und die Transkriptionen einfach übernommen.

Ach ja, im Bildnachweis begegnet dann auch die ChinA des Asien-Afrika-Instituts. Es war wieder einmal wie immer gewesen. Ganz am Ende, also kurz vor dem Druck, fehlte der Bildredakteurin Abbildungsmaterial. Das war leicht bereitzustellen, aber schon die Schreibung der Namen Hsüan Tsang und Tscheng Ho ließ den Argwohn aufkommen, hier habe den journalistischen Schreibern fachliche Professionalität gefehlt. Eine entsprechender Hinweis wurde übermittelt, aber für Korrekturen fehlten dann anscheinend sowohl die Zeit als auch der Wille. So ist denn dieses Prachtbuch ein ebenso schönes wie verräterisches Zeugnis dessen, daß man in Europa noch immer nicht bereit ist, sich in seinem faustischen Globalisierungsdrange auch nur in der schlichtest angemessenen Weise mit fremden Völkern und Kulturen zu befassen, noch nicht einmal durch die korrekte Wiedergabe der Namen.

Indes, "Ärger reinigt die Leber" (chin. Sprichwort), und so hat auch diese Ärgerlichkeit ihr Gutes bewirkt, und der Berichterstatter dankt dafür und empfiehlt es als Geschenk und zum eigenen Schmökern vor dem Schlafengehen. Die Presseleute zahlen selten, wenn sie dringlich Auskünfte erbeten und erhalten hatten, und daran, wenigstens ein Belegexemplar zu schicken, denken sie noch weniger.

Wenigstens eine Begründung läßt sich auch für die Europalastigkeit dieses Buches anführen. Gerade angesichts aller möglichen "Globalisierungen" sollten die Europäer sich schon ein wenig mehr als bisher auch in ihrem eigenen Kulturkreis auskennen. Und wer kennt schon Francis Younghusband? Dieser Kolonialbrite "öffnete" am 2. August 1904 mit einem beträchtlichen Heeresgefolge gewaltsam Lhasa. "Tibet, das 'verbotene Land', hat seinen Mythos verloren." lautet der letzte Satz im Textteil dieses Buches. Hat es das tatsächlich, und dann schon im Jahre 1904?
 
 
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