Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 22
4. März 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Zwei Briefe über das Lernen

Die chinesische Tradition hat eine unübersehbare Fülle von Briefen bewahrt: Briefe der unterschiedlichsten Art, fiktive und philosophische, persönliche, gar intime, dazu natürlich die Fülle der amtlichen und Freundesschreiben. Wie es der chinesischen Tradition eigen ist, hat sie für diesen Schatz mehrere Systeme der Klassifikation entwickelt.

Viele von diesen Briefen sind in das Standardwissen der chinesischen Kultur eingegangen. Anthologien überliefern sie immer neu, interpretieren und kommentieren sie - und das bis auf den heutigen Tag. Auf diese Weise wurden sie zu einer wichtigen Gattung der chinesischen Prosaliteratur, an Rang ebenbürtig etwa dem Essay, und zu jeder Werksammlung eines chinesischen Literaten gehörte eine Abteilung, die Briefe enthielt, und zwar keineswegs als nur biographisches Zeugnis. Desungeachtet hat sich die sinologische Forschung selten - und dann auch nur beiläufig - mit der chinesischen Briefliteratur auseinandergesetzt.

Viele von diesen Briefen sind sehr kurz. Sie würden sich gut als Anfängerlektüre im Literarischen Chinesisch eignen - wie die beiden folgenden:

1. Diesen Brief schrieb der bekannte Dichter Chang Hsiao-hsiang (1133-1170) an einen offenbar jugendlichen Freund namens Chi Po-ying:
Wenn du, Po-ying, deinen Sinn auf das Lernen gerichtet hast, dann ist das in Ordnung - für den Anfang. Weil ich mich dir eng verbunden fühle, will ich dir ein einziges Wort dazu übermitteln:
Das Lernen gleicht dem Anstauen von Wasser. Je tiefer das Angestaute reicht, desto weiter dringt es vor, wenn es sich einmal verströmt. Du könntest sagen: "Ich bin, wie ich bin, und das ist mir genug." Dann würde ich fürchten, daß dir die Fülle eines Kanals oder eines Grabens eignet: Leicht läßt sich abwarten, daß diese austrocknen! - In unserem Dorf lebt ein Meister, Meister Shih. Warum solltest du, Po-ying, dich nicht zu ihm begeben und ihn über solche Dinge befragen?
2. Ts'ao Hsüeh-ch'üan (1574-1647) versuchte nach dem Sturz des Herrscherhauses Ming durch die Erobererdynastie der Mandschu mit anderen einen Aufruhr gegen diese. Nachdem dieses Unterfangen gescheitert war, beging er Selbstmord. Sein Brief ist an einen unbekannten, wohl ebenfalls jungen Freund gerichtet:
Das Dichten - es ist der Kalligraphie, dem Schachspiel oder dem Singen vergleichbar. Wer darin nicht unterwiesen wird und einzig auf das eigene Talent vertraut, der wird hierbei auf Irrwege geraten und sein ganzes Leben lang nicht genauer vorankommen. Wer sich jedoch an Maßstäbe hält und die Meister der Vergangenheit zum Vorbild nimmt, dem mag das gelingen, obwohl die Schwierigkeiten dabei so groß sind, als wolle man zum Himmel emporsteigen. Fürchte nur solche Schwierigkeiten nicht!

Kalligraphie Huai-su

Die chinesische Tradition hat, wie auch diese beiden Briefe erweisen, die Bedeutung des Lehrers, ob eines persönlichen oder eines Vorbildes in der Vergangenheit, betont. Ein Begriff wie der des "Originalgenies" ist ihr fremd - allerdings nicht ganz. Deshalb sollen diese konventionellen brieflichen Unterweisungen durch die Handschrift eines "verrückten" Kalligraphen illustriert werden, der sich von allen Lehrer-Konventionen befreite: der buddhistische Mönch Huai-su (725-785).
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 10, HCN 21
 
 

Kongzi lüxingshe

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Konfuzius im Yen-tzu ch'un-ch'iu

Während der letzten Wochen las ich mehrmals im Yen-tzu ch'un-ch'iu (siehe HCN 21). Bei der Gelegenheit habe ich notiert, in welchen Zusammenhängen Konfuzius in diesem Werk begegnet. In 17 von den insgesamt 215 Anekdoten erscheint sein Name, in mehreren Formen. Sie zeigen ihn unter anderem als Reisenden, wie er denn anscheinend mehr als ein Jahrzehnt seines Lebens auf Reisen durch die Staatenwelt des Alten China zubrachte. Ob er allerdings gerne seinen Namen in Zusammenhang mit Handel (siehe die Abbildung) gesehen hätte, das sei dahingestellt. - In folgenden Zusammenhängen nennt das YTCC den Konfuzius:

YTCC 1.20: Yen-tzu gibt Herzog Ching von Ch'i Ratschläge, wie er die Not des Volkes lindern könne. Konfuzius hört hiervon und lobt beide.

YTCC 2.5: Während einer Reise des Yen-tzu nach Lu hatte Herrzog Ching in seinem Land Baumaßnahmen begonnen, durch die das Volk in Not gebracht wurde. Nach seiner Rückkehr bringt Yen-tzu den Herzog durch geeignete Worte und Taten zu deren Abbruch. Konfuzius hört hiervon und rühmt Yen-tzu hoch.

YTCC 2.21: Als Herzog Ching beim Tod einer Konkubine heftig um diese trauert und darüber die Regierungsgeschäfte vernachlässigt, bringt Yen-tzu ihn durch geeignete Worte und Taten auf den rechten Weg zurück. Konfuzius hört hiervon und äußert sich - ein wenig distanziert - lobend über Yen-tzu.

YTCC 3.6: In einem Gespräch über gute Regierung erklärt Yen-tzu Herzog Ching, welche Personen dem Konfuzius und dem großen Vorgänger Herzog Huan von Ch'i zur Seite gestanden hätten, um deren Unzulänglichkeiten abzuhelfen.

YTCC 3.30: Yen-tzu erklärt Herzog Ching, wichtig für die Regierungsübung sei die Unterscheidung von Gut und Böse. Konfuzius hört hiervon und betont die Wichtigkeit dieser Maxime.

YTCC 4.29: Der Höfling Liang-ch'iu Chü fragt Yen-tzu hämisch, wie er es fertiggebracht habe, drei Fürsten zu dienen. Yen-tzu erklärt, mit einer festen Gesinnung sei das möglich. Konfuzius hört hiervon und rät seinen Schülern, sich das zu merken.

YTCC 5.16: Einem Abgesandten des Staates Chin, der Voraussetzungen für einen Angriff auf Ch'i erkunden will, macht Yen-tzu erfolgreich klar, daß der nicht erfolgreich verlaufen werde. Konfuzius hört hiervon und rühmt Yen-tzu dafür, wie er ohne Kampf einen Feind abgewehrt habe.

YTCC 5.21: Als Yen-tzu zu Besuch in Lu war, ließ Konfuzius sein Verhalten beobachten. Sein Schüler Tzu-kung berichtet, dieses sei kaum mit den Riten zu vereinbaren. Später erklärt Yen-tzu dem Konfuzius im persönlichen Gespräch die Bedeutung seiner Übung der Riten. Konfuzius zeigt sich hiervon überzeugt.

YTCC 5.30: Als sein Schüler Tseng-tzu dem Konfuzius berichtet hatte, auf welche Weise Yen-tzu beim Tode seines Vaters die Riten befolgt habe, lobt Konfuzius dessen Verhalten.

YTCC 7.11: Als Herzog Ching nachts die Wehklage eines Menschen hört, erläutert ihm Yen-tzu, das sei ein Anhänger des Konfuzius Er erhält den Auftrag, jenem zu kondolieren. Yen-tzu setzt sich mit dem Trauernden auseinander, um ihn zu mäßigen, und erläutert das dann auch dem Fürsten.

YTCC 7.27: Yen-tzu erfährt von einem negativen Urteil des Konfuzius über ihn, weil er drei Fürsten gedient habe. Er sucht Konfuzius auf und erklärt sich. Konfuzius zeigt sich hiervon beeindruckt und bezeichnet Yen-tzu gegenüber seinen Schülern als Edlen.

YTCC 8.2: Herzog Ching hört eine Wehklage und erkundigt sich, wer das sei. Der Höfling Liang-ch'iu Chü erklärt, das sein ein gewisser Anhänger des Konfuzius und deutet an, daß dieser den Trauerregeln des Konfuzius genüge. Als der Herzog sich hiervon angetan zeigt, weist Yen-tzu eben diese als frevelhaft ab.

YTCC 8.3: Bei einem Besuch in Ch'i hatte Konfuzius den Yen-tzu nicht aufgesucht. Er erklärt das Herzog Ching auf dessen Frage damit, daß Yen-tzu im Dienst dreier Fürsten gestanden, also drei Gesinnnungen gehabt habe. Als Yen-tzu durch den Herzog hiervon erfährt, erklärt er, Konfuzius sei sich in der Niedertracht seiner Gesinnung eins geblieben.

YTCC 8.4: Bei einem Besuch in Ch'i hatte Konfuzius den Yen-tzu nicht aufgesucht. Er erklärt das seinem Schüler Tzu-kung auf dessen Frage damit, daß Yen-tzu im Dienst dreier Fürsten gestanden habe. Yen-tzu erfährt hiervon und äußert ein abfälliges Urteil über Konfuzius, der seinerseits hiervon Kenntnis erhält, sich durch einen anderen Schüler entschuldigen läßt und Yen-tzu aufsucht.

YTCC 8.5: Während einer Ausfahrt zur Jagd erklärt Yen-tzu bei gegebenem Anlaß Herzog Ching, wie sehr sich Konfuzius von dem legendären Herrscher Shun unterscheide.

YTCC 8.6: Herzog Ching zeigt sich besorgt darüber, daß im benachbarten Lu der Weise Konfuzius Kanzler sei. Yen-tzu skizziert ihm eine Strategie, was er dagegen unternehmen könne. Diese Strategie wirkt, als Konfuzius einmal Ch'i besucht und durch den Herrzog nicht vorgelassen wird. Hierdurch sei Konfuzius bald in Bedrängnis geraten.

YTCC 8.9: Als Herzog Ching sich eine große Glocke hatte gießen lassen, prophezeien ihm Yen-tzu, Konfuzius und ein gewisser Po-ch'ang Ch'ien auf je unterschiedliche Weise, daß diese zerbrechen werde.
In erstaunlich vielgestaltiger Weise werden durch diese Anekdoten Konfuzius und Yen-tzu in Beziehung zueinander gesetzt. Dabei ist ziemlich zweifelhaft, daß sie einander jemals begegnet sind. Gleichwohl mögen sie voneinander gehört haben. Mehrere Formen der wechselseitigen Bezugnahme sind in diesen YTCC-Stücken zu unterscheiden:
  • Konfuzius hört von bestimmten Verhaltensweisen des Yen-tzu und kommentiert diese positiv: 1.20, 2.5, 2.21, 3.30, 4.29, 5.16. - Vor welchem Hintergrund und in wessen Interesse solche Anekdoten geschrieben wurden, ist einstweilen unklar. Auch sonst sind reichlich Texte überliefert, in welchen Konfuzius sein Urteil über Personen der Vergangenheit und Gegenwart ein Urteil abgibt, nachdem er von deren Verhalten gehört hatte.

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  • Yen-tzu weiß die exzessive Trauerübung eines Anhängers des Konfuzius zu mäßigen, ohne daß Konfuzius sonst in diesen Anekdoten eine Rolle spielt: 7.11, 8.2. - Der Tenor dieser Anekdoten ist jedoch deutlich gegen die angeblichen Trauerriten des Konfuzius gerichtet. Beide Anekdoten behandeln in paralleler Weise, aber ohne weitere wörtliche Entsprechungen das gleiche Thema. Über solche Mehrfachbehandlung des gleichen Themas habe ich ausführlicher in der Festschrift für Ulrich Unger berichtet.

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  • Ein Schüler berichtet dem Konfuzius über die Art, wie Yen-tzu die Riten geübt habe, und der zeigt sich von deren Angemessenheit überzeugt/läßt sich von deren Angemessenheit überzeugen: 5.21, 5.30. - Hintergrund hierfür scheinen Auffassungsunterschiede -welcher Art auch immer- über die Art der Ritenübung gewesen zu sein. Anscheinend spielten diese schon (siehe Annäherungen 18) bei den Urteilen des Konfuzius über die Angehörigen der Familie Tsang in Lu eine Rolle. Die Konfuzius-Schüler hatten zuvor die Ritenübung des Yen-tzu als unzulänglich dargestellt.

  •  
  • In unterschiedlicher Einbettung wird die Haltung des Konfuzius zu dem Thema, daß Yen-tzu im Dienst dreier Fürsten gestanden habe, ausgeführt: 4.29, 7.27, 8.3, 8.4. - Hierbei wird die Rolle des Konfuzius in einigen Fällen deutlich negativ gezeichnet, allerdings auch positiv, zum Beispiel wohl in 4.29.
In den verbleibenden Stücken, die keine erkennbaren Entsprechungen zueinander aufweisen, läßt sich das Konfuzius-Bild nicht klar erkennen: 3.6. Wenig vorteilhaft soll er wohl in 8.5 gezeichnet werden, vielleicht auch in 8.6; positiv hingegen in 8.9.

Zu den meisten von diesen Anekdoten gibt es noch intertextuelle Bezüge innerhalb des YTCC und mit anderen Texten. Diese sollen hier jedoch übergangen werden. Hier sei lediglich interessant, daß das YTCC offensichtlich unterschiedliche Konfuzius-Bilder vermittelt. Einerseits äußert Konfuzius sich lobend über Handlungen des Yen-tzu; andererseits muß er seine negativen Urteile über ihn aufgrund von Vorhaltungen ändern und wird in ein deutlich schlechtes Licht gerückt. Auch die Anekdoten, in deren Mittelpunkt die Ritenübung und die Trauerklagenden stehen, verraten eine deutliche, wiewohl indirekte Konfuzius-Kritik. Wie läßt sich derlei erklären?

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Ein konfuzianisch-mohistischer Meinungsstreit

Die klassische und spätklassische Literatur ist der Polemiken voll. Diese mögen explizit oder eher indirekt sein, doch sie spiegeln stets die Schärfe wider, mit welcher damals intellektuelle Auseinandersetzungen geführt wurden. Eine besonders vehemte Polemik findet sich in der einigermaßen apocryph erscheinenden Textsammlung K'ung ts'ung-tzu (KTT), die Überlieferungen über Nachfahren des Konfuzius enthält bzw. diesen zugeschriebene Werke.

KTT 18, das klar in zehn Abschnitte gegliedert ist, trägt den Titel "Chieh Moh", was als "Kritik/Tadelung/Verhör der Mohisten" zu verstehen ist. Der zehnte Abschnitt stellt eine Art Nachschrift dar. Ein sonst unbekannter Ts'ao Ming fragt den Meister Yü, Nachkomme des Konfuzius in achter Generation, was die Mohisten wohl zu seinem Werk sagen würden, als welches er augenscheinlichlich die voranstehenden neun Abschnitte anspricht. Meister Yü gibt zu erkennen, daß es ihm vor allem auf den Nachweis angekommen sei, daß Yen Ying und Konfuzius einander wertgeschätzt hätten. Wie das?

Jeder Abschnitt von KTT 18 beginnt mit einem Zitat der Mo-tzu, das eine unvorteilhaft erscheinende Überlieferung über Konfuzius enthält. Die ersten sechs dieser Äußerungen gehen auf Mo-tzu Kap. 39 zurück, das den Titel Fei-ju, "Wider die Konfuzianer", trägt. Auf unterschiedliche Weise weist Meister Yü dann diese Äußerung als Diffamierung, unhistorisch, anachronistisch u.ä. zurück. Die abschließenden drei Polemiken des Mo-tzu finden sich hingegen im YTCC und zwar in den Abschnitten YTCC 8.6, 8.3 + 8.4, 8.2.

Besonders interessant ist hierbei der Abschnitt KTT 18.8. Es geht wieder einmal um das Thema "Yen-tzu als Diener dreier Fürsten" und die Haltung des Konfuzius dazu. Die mohistische Kritik beruht hierbei auf den Anekdoten YTCC 8.3 und 8.4, wohingegen die Zurückweisung durch Meister Yü auf YTCC 7.27 und 4.29 zurückgeht.

Allem Anschein nach haben sich also sowohl die konfuzianische als auch die mohistische Tradition der Gestalt des Yen Ying bemächtigt, um in anekdotenhafter Form durch in dessen Mund und Handeln zum Ausdruck gebrachte Maximen ebensolche Maximen der eigenen Lehre bekräftigen zu lassen. Vielleicht auch bedienten sie sich dieses namhaften Staatsmannes lediglich, um ihren Lehren eine zusätzliche Legitimation zu verschaffen.

Y. Ariel meint in seiner Übersetzung des KTT, diese mohistisch geprägten Passus um Yen Ying in KTT 18 gingen auf das verlorene Kapitel 38 des Konvoluts der Motzu/Texte zurück, das ebenfalls den Titel "Wider die Konfuzianer" trug. Das mag so sein. Diese Überlegung greift jedoch zu kurz, denn das mag ihre unmittelbare Herkunft gewesen sein, aber es muß noch erheblich ältere mohistische Überlieferungen über Yen Ying gegeben haben. Das zeigt sich zum Beispiel an YTCC 3.5 und 5.5, wo Yen-Anekdoten ohne Zusammenhang mit Konfuzius ein positives Urteil des Mo-tzu über ihn angefügt wird - ebenso wie das in anderen Fällen durch Konfuzius geschah (siehe vorangehende Nummer).

In anderen Fällen deutet sich mohistische Prägung einiger Yen-Überlieferungen eher indirekt an. In YTCC 8.2 übt Yen Ying Kritik an konfuzianischen Trauerbräuchen. Die lange Rede, in der er diese vorträgt, weist charakteristische Merkmale der sattsam bekannten sermonartigen mohistischen Rhetorik auf. Auch hierzu finden sich dann eher konfuzianisch geprägte Gegenstücke im YTCC: YTCC 2.20, vielleicht auch 7.11.

Das eigentlich Spannende an solchen Überlieferungen ist, daß sich diese beiden Lehrtraditionen nicht einfach der Gestalt des Yen Ying bemächtigt haben, um ihre Lehren an ihr zu verdeutlichen, sondern daß sie dergleichen anhand der gleichen Themen und Motive tun. Die eine Tradition muß das also entweder im Hinblick auf die andere getan haben, also zum gleichen Thema eine der eigenenen Tradition förderliche Position dem Yen Ying zugeschrieben haben. Das wäre naheliegend, zumal in einer früheren dieser "Annäherungen" (HCN 16, "Zürnende Frauen und ein Problem") bereits darauf hingewiesen wurde, daß sogar die Überlieferungen über den konfuzianischen Denker Meng K'o zwei Überlieferungskomplexe enthalten, von denen einer im Hinblick auf den anderen formuliert worden sein dürfte. Andererseits wäre natürlich nicht unwahrscheinlich, daß sowohl die "konfuzianischen" als auch die "mohistischen" Überlieferungen über Yen Ying auf einer ganz anderen, ideologisch neutralen Quelle beruhten - einer historischen Erzählung beispielsweise.

Das Feld der klassischen und spätklassischen Anekdotenliteratur ist ein weites - und es ist noch nicht beackert, erst recht nicht bestellt. Zahlreiche Dinge, die den hier angedeuteten vergleichbar sind, ließen sich dabei aufweisen. Bei der grundlegenden Frage, wie die Konfuzius-Überlieferungen zustandegekommen seien, wird hierauf noch öfter einzugehen sein.

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Warum sagt das Ch'un-ch'iu so oft, jemand habe ein Heer geführt?

Einer der ersten Abschnitte im CC lautet, in der Uralt-Übersetzung von James Legge (Transkriptionen geändert): "Wu-hai led a force and entered Chi." Mit "led a force" übersetzt er, vollkommen korrekt, die Formulierung shuai-shih, "führte ein Heer", die auch als "an der Spitze eines Heeres" übersetzt werden könnte; stets folgt dieser Formel wenigstens noch ein zweites Verb. - In 118 Abschnitten des CC begegnet diese Formel.

Was tun diese "Führer eines Heeres" nicht alles! Sie greifen an (fa), fallen ein (ch'in), belagern (wei), löschen aus (mieh), schlagen eine Schlacht (chan) und bringen Entsatz. Ein weites Spektrum militärischer Unternehmungen wird auf solche Weise abgedeckt, und manchmal befestigen sie auch nur eine Stadt oder grenzen Ländereien ab.

Wahrscheinlich ließe sich eine ganze Magister- oder Doktorarbeit darüber schreiben, was das Wort shih, "Heer", im Berichtszeitraum des CC alles bezeichnet haben könnte. Die bekannten Erklärungen besagen, ein shih habe 2.500 Personen umfaßt, und die Staaten in der Welt des CC hätten gemeinhin über zwei solcher shih-Heere verfügt. Solche - in der Regel einige Jahrhunderte nach der Zeit des CC vorgetragenen - Festlegungen haben wahrscheinlich mit der historischen Wirklichkeit wenig zu tun. Allein schon bei genauerem Nachdenken über den oben genannten Eintrag im CC (Yin 2) ergeben sich genug weitere Probleme. Was könnte "Wu-hai shuai-shih ..." nicht alles meinen! Zum Beispiel:

  • Wu-hai, ein Prinz von Lu übrigens, führte im Auftrag des Herzogs von Lu das Heer von Lu.
  • Wu-hai führte eigenmächtig das Heer des Herzogs/des Staates Lu.
  • Wu-hai führte mehrere solcher Heere, in welchem Auftrag auch immer.
  • Wu-hai führte eines von diesen Heeren.
  • Wu-hai führte die festgesetzte Zahl der Heere von Lu: "die" Heere von Lu.
  • Wu-hai führte ein eigenes/mehrere Heere, über das/die er eigenmächtig verfügte.
  • Wu-hai führte einen zusammengewürfelten Heerhaufen.

  • usw.
Die Sprache des CC und das Altchinesische überhaupt haben ihre Eigenarten. Die angedeuteten Verständnismöglichkeiten führen zu Interpretationen, die gänzlich andere Einblicke in damalige soziale und politische Gegebenheiten zulassen. - Konnte ein Prinz oder ein Würdenträger unabhängig vom Fürsten des Staates eigenmächtig militärisch agieren?

Subjekt für die shuai-shih/Eintragungen im CC ist in allen 118 Abschnitten ein Prinz des jeweiligen Staates oder ein herausgehobener Würdenträger, niemals ein Fürst. Natürlich sagt das CC häufig genug, daß auch Fürsten militärische Aktionen unternahmen, niemals aber verwendet es in diesem Zusammenhang die shuai-shih/Formel. Besonders auffällig ist dieser Umstand zum Beispiel bei CC Hsiang 17.4: "Im Herbst griff der Markgraf von Ch'i unsere nördlichen Außengebiete an; er belagerte T'ao. Kao Hou aus Ch'i griff an der Spitze eines Heeres unsere nördlichen Außengebiete an; er belagerte Fang." - Die Formel shuai-shih reserviert das CC also für nicht durch den jeweiligen Fürsten geleitete militärische Aktionen. Für eine Interpretation dieser Feststellung ist jedoch hier nicht der Ort. - Die Vorkommen dieser Formel verteilen sich auf die vier früher konstituierten Phasen des Zeitraums des CC (siehe Nr. 42) wie folgt:
Phase I   4 Abschnitte mit shuai-shih/Formulierungen
Phase II   12 Abschnitte mit shuai-shih/Formulierungen
Phase III   49 Abschnitte mit shuai-shih/Formulierungen
Phase IV   53 Abschnitte mit shuai-shih/Formulierungen
Dieser Befund ließe sich schnell deuten: Die Fürstenmacht schwand, die Würdenträger, die prinzlichen eingeschlossen, übernahmen deren Handlungsrechte und stutzten die Fürsten auf sakrale Funktionen zurecht. Das mag so sein, doch müßte demnächst einmal nachgezählt werden, wie oft das CC Fürsten als militärisch agierend beschreibt. - Und dann kommt immer wieder die Frage: Was für eine Welt beschreibt das CC? Die historische - und unter welchen Betrachtungsformen, auch unter dem Gesichtspunkt von "Lob und Tadel"? Oder systematisiert das CC seine Weltsicht in ganz anderer Weise?

Oben hatte ich notiert, diese shuai-shih/Formulierungen kämen in 118 Abschnitten des CC vor. Insgesamt enthält das CC allerdings 120 solcher shuai-shih/Formulierungen - und da steht im Hintergrund natürlich wieder die ominöse 12-Zahl, auf die ich bereits öfter hingewiesen hatte (siehe Nr. 43, 39, 38)! Diese Zahl läßt sich sogar noch präzisieren:

Das Wort shuai für die Führung des Heeres wird durch die ICS-Konkordanz in dieser Bedeutung einheitlich in der Form GSR 499a geschrieben. Die Harvard-Yenching/Konkordanz weist in 12 (!) Fällen hingegen die Form GSR 498a auf. Gnadenlos haben die ICS-Editoren anscheinend wieder einmal einen glattgeleckten Text geschaffen, wie sie ihn verstehen. - Indes, ich weiß nicht recht, was ich mit diesen 12er-Impressionen "anfangen" soll.

Beachtet werden sollte bei Texten aus der klassischen und spätklassischen Literatur wohl allemal, daß sie möglichst umfassend und detailliert zu beschreiben sind - in allen ihren Äußerlichkeiten. So werde ich diese Versuche einer Beschreibung des CC wohl noch fortsetzen müssen. Gar zu leicht neigt man -wie Knobloch bei Hsün-tzu, Rickett bei Kuan-tzu, auch wie die ferventen Brooks bei Lun-yü und Meng-tzu- zu vorschnellen Festlegungen.

 
» Teil 12, HCN 23
 
 
 

Schrott am Wegesrand

Roststengel 1 Dem winterlichen Müßiggänger durch Hamburg enthüllt sich so manches Relikt der Vergangenheit. Nicht, daß er es in jedem Falle mit Entzücken wahrnähme! Die Unbelaubtheit der Heckensträucher und Bäume entbirgt es ihm - und er gerät in schlichtes Sinnieren? Wie lange mag dieses einstige Straßenschild am Beginn der Mollerstraße im feinen Harvestehude vor sich hin rosten? Wahrscheinlich besaß es nie Funktion und Bedeutung, ebenso wahrscheinlich führt niemand Buch darüber, wo solche Schilder standen, stehen und warum.

Vielleicht wird ein nächster Sturm dieses Relikt zu Fall bringen. Vielleicht geht dann gerade ein Hund mit Herrchen vorüber oder ein Trupp aus dem nahegelegenen Kindergarten. Und noch einmal vielleicht: vielleicht erschlägt es dann einen von ihnen. Dann endlich wird dieses Schild auf sich aufmerksam machen.

Während der letzten Monate wirkten mehrmals Kräfte des städtischen Gartenbauamtes in der Umgebung dieses einstigen Hinweisschildes, um stattliche und anscheinend, wie die Schnittflächen dann erwiesen, gesunde Bäume abzuholzen. Gerechtfertigt werden solche Aktionen in der Regel dadurch, daß von ihnen eine Gefahr für die Menschen ausgegangen sei. Nicht einem der Holzfäller fiel offenbar dieses Relikt in den Blick. Auch die städtischen Marktaufseher, die es an jedem Donnerstag, wenn sie die Standbetreiber des Turmwegmarktes abkassieren, sehen, blicken anscheinend jedesmal gewandt daran vorbei. Jedenfalls fühlt sich keiner zuständig oder gar verantwortlich.

Roststengel 2 Das gilt auch für ein weiteres, schon um einige Verfallsstufen fortgeschritteneres Straßenschild am Mittelweg. Die Post schrubbte noch unlängst den Briefkasten, die Telekom errichtete ein neues Häuschen, und täglich fahren mehrmals die Streifenwagen der Polizei daran vorbei. Auch hier fühlt sich niemand für eine Beseitigung zuständig.

Allerdings, dieser Schildstumpen - fügt er sich nicht zu einem Stilleben in diesem Ambiente? Fast möchte der Müßiggänger ihn nicht missen und sich noch viele Jahre an seinen kleinen Veränderungen freuen. Bei dem Roststengel an der Mollerstraße ist das allerdings eine andere Sache.
 
 
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