Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 22
4. März 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

In HH ganz fern von China: Gotthold Ephraim!

Lessing Die Gedanken gehen ihre eigenen Wege. - Als ich vor einer Woche die abgebildete Todes/Gedenk-Anzeige im "Hamburger Abendblatt" sah, verwunderte mich nicht nur deren Seltsamheit. Zugleich fragte ich mich: Was hat denn dieser "große Geist der Aufklärung" über China gesagt? An nichts erinnerte ich mich, obwohl andere deutsche "Aufklärer" chinasüchtig waren, was Morallehre und Staatskunst angeht.

In einer bescheidenen Hausbibliothek finden sich nicht alle Schriften, die G. E. Lessing (1729-1781) je veröffentlicht hat: nur sechs Bände mit knapp 3000 Seiten. Beinahe nirgendwo ist auf ihnen von China die Rede. Einmal erwähnt er das Chinesische, als Kuriosum eher; hier und da kommen ebenso nebensätzlich die "Chineser" vor, aber das war's auch schon.

Von 1767 bis 1770 wirkte Lessing am Hamburger "Nationaltheater". Eigentlich müßte er von den Chinainteressen Hamburger Kaufleute erfahren haben. Danach wirkte er bis zum Ende seines Lebens als Leiter der großherzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel, die wahre Schätze für die Vermittlung von Chinakunde aufwies. Offenbar hat er sich weder auf die eine, noch die andere Art für China interessiert.

Nicht erlaubt ist, aus dem Nichtgesagten irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen, doch erlaubt ist, Erklärungen für solches Nichtgesagte zu finden. Niemand wird also leichthin das Desinteresse Lessings an Chinas erklären mögen, obwohl dieses zumindest registriert werden sollte. Vielleicht erklärt es der Umstand, daß Lessing vor allem Probleme der literarischen Theorie und der Theologie interessierten. Dazu hatte China wenig beizutragen.

3000 Seiten neuerlicher Lessing-Lektüre? Obwohl sie zum Thema China kaum etwas erbrachte - das Lesen vergnügte immer wieder, zum Beispiel:
Lob der Faulheit

Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. -
O - - wie - - sau - - er - - wird es mir, - -
Dich - - nach Würden - - zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! Wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben - -
Ach! - - ich - - gähn' - - ich - - werde matt - -
Nun - - so - - magst du - - mir's vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja daran.
Zu diesem Thema, auch zu vielen anderen Themen, läßt sich bei Lessing immer wieder Anregendes finden.

Wenn schon dieser Klassiker nichts zu China erbrachte, dann doch ein anderer: Der "Ohrenbär" auf NDR 4 sendete am 16. Februar 2003 in einer Serie über die seltsame Welt der Tiere die Kindergeschichte "Der chinesische Hund". Erfreulicherweise ging es nicht um einen solchen als Nahrungsmittel, sondern: Verblüfft wird ein "Herrchen" dadurch, daß sein gelangweilter Köter plötzlich den Vorsatz faßt, Chinesisch zu lernen. Wie das so weitergeht? Wenn das jemanden interessieren sollte - ich hab's mitgeschnitten, und auf diesem Band befindet sich noch eine weitere Ohrenbär-Geschichte zum Thema China: "Christina aus China".
 
 
 

Die ersten Chinesen auf Rügen

Nicht für jedermann ist die Lektüre von Lokalzeitungen ein Vergnügen: nachvollziehbar. Der Reisende, der unterwegs in eine deutsche Kleinstadt gelangt, tut trotzdem gut daran, sich die örtliche Zeitung anzusehen. Schnell erhält er einen ersten Einblick in die innere Beschaffenheit dieses Ortes, und dann findet er stets auch Erinnerungen an die Lokalgeschichte, die ihm sonst schwerlich zuteil würden.

So berichtete die "Rügener Zeitung", ein Lokalteil der "Ostsee-Zeitung", unlängst über "Chinesen in Dwasieden". Wer kennt schon Dwasieden? Es liegt in der heutzutage ziemlich vernachlässigten Südostecke der zu Rügen gehörenden Halbinsel Jasmund. Vor hundert Jahren sah es dort freilich anders aus. Dort hatte zwischen 1873 und 1876 der Bankier Adolph von Hannemann (1826-1903) ein prachtvolles Schloß errichten lassen, von dem heute nur noch unauffällige Ruinen zeugen. Über ihn schreibt die "Rügener Zeitung" unter anderem:

So hatte er im August 1886 den chinesischen Botschafter in London, Tseng Marquis of Gnyong, zu Gast, dem es offensichtlich gut gefallen hat. Saßnitz und Crampas erlebten ihre Blüte und hatten wohl einiges zu bieten. Der Gesandte in Berlin, Hsü Ching Cheng, der ihn begleitete, verewigte beide in chinesischen Schriftzeichen im Fremdenbuch: "Herr von Hansemann hatte mich eingeladen, bei ihm eine Nacht auf seinem Landhause an der Seeküste zuzubringen, zu Schiffe zu fahren und das elektrische Licht in Augenschein zu nehmen. Zum Andenken lasse ich hier eine Widmung, wie den Fußtritt der wandernden wilden Gans (im Sande)."

Und er schrieb in kunstvollen Buchstaben das sicher erste Gedicht über Rügen auf chinesisch, ein Gedicht, das durch seine enge Verbindung zur Natur faszininiert:
"Breites Meer, keine Wellen, Wolken bilden Bergesgipfel.
Der Herr des Hauses hat geplant und errichtet ein Haus sich anlehnend an die immergrünen Tannen.
Viele Jahre der Ruhe Hauch (Geist des Friedens) werden zuteil den Fischern und den Vögeln.
Zehntausend Li (chin. Meile) herkommend empfängt man den Gast, ein gegenseitiges Lächeln bei der
Begrüßung.

Im 12. Jahr der Regierung Kuangsü, dem 2ten Tage des 7ten Monats dem Herrn Gastgeber von Hansemann gewidmet in seiner Villa."
So weit die "Rügener Zeitung". - Dieses Gedicht ist lediglich durch eine Sekundärquelle überliefert, da das Fremdenbuch verlorenging. Wer es wohl übersetzt hat? Allem Anschein nach war es ein Vierzeiler, von dem jeder Vers sieben Schriftzeichen umfaßte. Auch im Chinesischen sah es wohl ein wenig konventionell aus - und die "immergrünen Tannen" dürften eher Buchen gewesen sein.

Adolph von Hansemann war ein weitsichtiger Unternehmer, ein "fortschrittlicher" überdies. Er stammte aus einer Bankiersfamilie und machte sein Geld vor allem mit der Finanzierung der Reichseinigungskriege vor 1871. In den 1880er Jahren gehörte er zu den energischsten Befürwortern deutscher kolonialer Bestrebungen und kam auch ins Chinageschäft. - Auf Rügen wirkte er anscheinend segensreich. Die Güter, die er dort zusammenkaufte, hatten sich jahrhundertelang im Besitz einer rügenschen Adelsfamilie befunden und waren heruntergekommen. Er machte aus ihnen seinen Sommersitz, eine Art Mustergut, betrieb energisch einen halbindustriellen Kreideabbau und zahlte den dabei beschäftigten Arbeiten deutlich höhere Löhne als andere. Seine Frau Ottilie, eine geborene von Kusserow (1839-1919), hatte auf Dwasieden "häufig Vertreterinnen der Frauenbewegung" zu Gast und stiftete für eine Million Reichsmark ein Wohnheim für Studentinnen.

Zeng Jize

Wer waren seine chinesischen Gäste? Das angeführte Jahr, korrekt Kuang-hsü 12, entsprach dem Jahre 1886. Der genannte Marquis Tseng dürfte also Tseng Chi-tse (1839-1890) gewesen sein, bis dahin chinesischer Gesandter in London. Sein Begleiter war wahrscheinlich Hsü Ching-ch'eng (1839-1890), von dem die biographischen Lexika allerdings sagen, er sei erst 1891 Gesandter in Berlin geworden. Hier besteht noch Klärungsbedarf.

Schön wäre zu wissen, welchen Eindruck die chinesischen Gäste von Rügen und von Hansemann mitnahmen. Die persönlichen Tagebücher von Tseng Chi-tse liegen in der Bibliothek der ChinA vor, in einer Wiedergabe der Handschrift - und die ist, weiß Gott, nicht leicht zu entziffern, wie die Abbildung des entsprechenden Eintrags erweisen mag.
 
 
 

Li Hung-chang up Platt

Während der letzten Wochen hatte der Berichterstatter Anlaß, sich für die plattdeutsche Literatur , die zwischen den Jahren 1800 und 1915 erschienen war, zu interessieren. Hunderte Titel von Büchern und Kleinschriften waren zur Kenntnis zu nehmen, allerdings noch nicht die Texte. Die meisten von ihnen werden sich ohnehin nur schwer auftreiben lassen.

Leider hatte nur ein einziger Titel mit China zu tun. Ein Fritz Klein (*1.12.1855) veröffentlichte, wohl 1896, eine kleine Schrift mit dem Titel "Li Hung Tschang oppen Drachenfels". Diese umfaßte nur ein Blatt, und erschienen ist sie anscheinend im Selbstverlag. Von dem Besuch dieses greisen chinesischen Staatsmannes in Deutschland war in diesen Notizen bereits mehrfach die Rede. Über Fritz Klein ließ sich einstweilen nur ermitteln, daß er ab 1892 das Gasthaus "Westfälischer Hof" in Königswinter am Rhein führte und 1903 im Selbstverlag ein Bändchen mit dem Titel "Hoch und Platt. Ernstes und Heiteres" herausgab. - Sein Text über Li Hung-chang dürfte verloren sein.

Ob diese aberhundert plattdeutschen Dichter sich das Thema China entgehen ließen? Wahrscheinlich findet sich hier und da ein plattdeutscher Chinatext. Schließlich schrieben die meisten vorzugsweise "Läuschen und Rimels", also Heiteres - und da boten sich auch zu jenen Zeiten Chinesen und Chinesisches an.

Li Hongzhang-CD In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß die Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh unlängst eine CD mit dem Titel "Li Hung Chang" veröffentlichte. Sie zeigt die dort verfügbaren Fotos und Dokumente über den 1896 erfolgten Besuch dieses bedeutenden chinesischen Staatsmannes beim Fürsten Otto von Bismarck auf Friedrichsruh (siehe auch HCN 10).

Wer danach noch mehr über eher kuriose Eigenheiten des Bismarck-Kults erfahren möchte, sollte www.bismarcktuerme.de anklicken. Einen solchen Gedenkturm in China habe ich dort allerdings nicht entdeckt. Trotzdem, eine Dokumentation der Gedenkinschriften und -Stätten, die in China Europäern gewidmet wurden, würde interessante Aufschlüsse erbringen.
 
 
 

100 Millionen Chinesen nach Hamburg?

Als der Berichterstatter vor einigen Jahren in einem Kreis von Wirtschaftsfachleuten anregte, man möge sich schon einmal Gedanken über Programme für China-Touristen in Deutschland machen, da begegnete dem Skepsis. Chinesen reisen nur in Familienangelegenheiten oder wenn sie Geschäfte machen wollen, lautete das gängige Vorurteil. Der Berichterstatter hatte gemeint, das könne in einigen Jahren ein interessanter Nischenmarkt werden - mit einem beträchtlichen Ausbaupotential freilich, wenn die Strategien dafür geeignet seien. Hierbei dachte er an eine vorbildliche sprachliche und informierende Betreuung der chinesischen Gäste.

Jetzt waren die ersten Touristen hier: 130 - und sogleich widmete ihnen die HH-Lokalpresse begeisterte Artikel, gleich drei das "Abendblatt (siehe auch die Abb.), und ein Staatsrat begrüßte sie im Rathaus. Sogleich wurde auch die lange Reihe der journalistischen China-Kuriosa erheblich verlängert. Nach Auffassung der einen Journalistin glaubten die Chinesen, hamburgische Polizistinnen glichen Mannequins, und sie riet, die chinesischen Besucher mit Labskaus zu speisen, während die nächste schwärmte, diese Chinesen hätten Hamburg "wie im Rausch erlebt" und sich beim Rathaus an den Kölner Dom erinnert gefühlt.

Chinesische Touristen in HH (Abendblatt-Ausriss)

Acht Tage waren diese 130 auf Deutschland-Tour: Berlin, HH, Köln, Frankfurt und wohl auch Heidelberg. Die nächste, kleinere, Gruppe soll im Juni folgen, doch insgesamt - flugs rechneten die Gazetten hoch, daß in den nächsten zehn Jahren 130 Millionen Chinesen sich auf die touristische Welterkundung begeben würden, und sie mahnten, Hamburg müsse sich einen mächtigen Teil davon sichern. Schließlich habe es seinen Ruf als "Chinesenburg" zu verlieren. - So würde, der eingangs verlästerten Chinakonzepte des Ersten Bürgermeisters eingedenk, Hamburg tatsächlich bald zu einem richtigen "Chinale".

Caissa, das chinesische Reisebüro in HH, organisiert diese Touristenreisen, und so wird dabei alles seinen rechten Weg gehen, auch wenn die Gäste einmal auf die Reeperbahn blicken dürfen. Wehmütig erinnert sich der Berichterstatter historischer Zeiten: Damals hatte eine Studentin des ChinS eine Gruppe taiwanischer Reisender ins berüchtigte "Salambo" geführt: ältere Herren. Wegen deren Kurzsichtigkeit plazierte sie diese in der Nähe des Geschehens. Als sich die nackten Damen ihnen dann genauer zuwandten, erstarrten die beschlipsten Herren zu Salzsäulen und ergriffen so schnell wie möglich die Flucht. Dank Caissa wird den volksrepublikanischen Reisenden ein solcher Kulturschock erspart bleiben. Allerdings, Labskaus droht!
 
 
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