Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 22
4. März 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Überlegungen nach einer Proseminar-Klausur

Das Semester ist vorüber. Es wäre angebracht, sich in der vorlesungsfreien Zeit wieder verstärkt der Forschung oder den Vorbreitungen für das kommende Semester zuzuwenden - wären da nicht alle möglichen "Aufräumarbeiten": die Hinterlassenschaften des vergangenen Semesters, nicht wenige! Die folgenden Bemerkungen bieten einen kleinen Einblick in diese.

Im vergangenen Wintersemester 2002/03 hatte der Berichterstatter ein Proseminar "Landeskunde China" zu halten. Zu Beginn des Semesters hatten sich 56 Studierende in die Teilnehmerliste eingetragen; am Ende des Semesters stellte sich heraus, daß sich drei weitere nicht in diese Liste eingetragen hatten. Insgesamt nahmen also -mehr oder weniger regelmäßig- 59 Studierende an dieser Lehrveranstaltung (LV) teil. Überwiegend waren das Studierende des 1. oder 3. Semesters, denn diese LV wird für das Grundstudium angeboten. Erstaunlich hoch war angesichts dessen die Zahl von 17 Studierenden, die höhere Semesterzahlen aufwiesen - von 5 bis 9.

Der Abschlußklausur stellten sich 53 Studierende. Sechs hatten den Kurs also abgebrochen: ungefähr zehn Prozent, wahrscheinlich eine nicht zu hohe Zahl. Vier von diesen hatten gleichzeitig den einführenden Sprachkurs -"wegen Überforderung", wie die zuständige Lektorin notierte- aufgegeben. Die Vermutung liegt nahe, daß sie eine für die eigene Person falsche Studienfachwahl getroffen hatten und die entsprechenden Konsequenzen zogen. Insgesamt hatten sieben von 42 Teilnehmern diesen grundlegenden Sprachkurs abgebrochen. - Für das Proseminar fiel auf, daß zwei von den vier Abbrechern sich zwar in eine Referatliste eingetragen hatten, jedoch ohne eine Erklärung zum vorgesehenen Termin einfach nicht erschienen.

Für ein Proseminar ist eine Teilnehmerzahl von knapp 60 unakzeptabel hoch. Also mußte das Konzept für diese LV zu Beginn des Semesters umgestellt werden. Die zu den jeweiligen Themenbereichen vorgesehenen einführenden Überblickdarstellungen des Berichterstatters mußten aufgegeben werden, damit alle Teilnehmer Gelegenheit für eigene Vorträge erhielten. Das konnten nach Lage der Dinge nur Kurzreferate sein. Nach kleinen anfänglichen Problemen hielten sich die Referenten im Laufe des Semesters beinahe vorbildlich an die vorgegebenen zeitlichen Beschränkungen. - Eine Mißhelligkeit nahm der Berichterstatter erst am Ende des Semesters wahr: Die Akustik des LV-Raums ESA Ost 121 reicht für eine solche Teilnehmerzahl nicht aus.

Die Abschlußklausur erbrachte dann überraschende Ergebnisse. In der Sitzung vor der Klausur hatte der Berichterstatter eigens auf Gegenstände der Klausur hingewiesen. Hierzu gehörte ein Hinweis, die Teilnehmer sollten sich Gedanken darüber machen, zu welchen positiven und welchen problematischen/lösungsbedürftigen Entwicklungen die wirtschaftliche "Öffnung" Chinas vor gut zwanzig Jahren geführt habe. Ein weiterer Hinweis besagte, man solle einen ungefähr zehnseitigen Kurzabriß der chinesischen Geschichte gründlich studieren. Die Klausur war als "ermutigend-leicht" konzipiert, und so bezogen sich dann auch fünf von acht Klausurfragen auf diese beiden Hinweise. Die drei anderen Aufgaben betrafen grundlegende geographische Informationen zu China, die gegenwärtige chinabezogene Lektüre (ersatzweise die Darstellung eines chin. Films) und die essayartige Darstellung der eigenen Chinainteressen. - Aufschlußreich sind diese Klausurergebnisse vor allem im Vergleich mit den Ergebnissen der beiden Sprachkurse, welche die meisten Klausurteilnehmer ja ebenfalls wahrgenommen hatten.

LV Teilnehmer Ergebnisse
  Klausur/Prüfung sehr gut/gut genügend nicht ausreichend
Landeskunde 53 16 28 9
Sprachkurs I mdl. 34 29 3 2
Sprachkurs I schriftl. 35 22 11 2
Sprachkurs III 28 17 7 4

Dieser Befund läßt sich auf vielfältige Weise betrachten. Zunächst ist festzuhalten, daß in allen Kursen die nicht ausreichenden Leistungen oft in erschreckendem Maße nicht ausreichten. Entweder fehlt es in diesen "Fällen" an einer ausreichenden Studienmotivation/an angemessenen Studienvoraussetzungen, oder persönliche Lebensumstände sind hierfür verantwortlich.

Wichtiger ist an dieser Stelle, daß die Klausurergebnisse in der Landeskunde deutlich schlechter sind als in den Sprachkursen. Hierfür können nicht etwa unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe verantwortlich sein. Die beiden für die Sprachkurse verantwortlichen Lektoren, Dr. Ruth Cremerius und Dr. Zhu Jinyang, haben über die Jahre hinweg ein aufeinander eingespieltes und zwar strenges Bewertungssystem entwickelt. Die Landeskunde-Klausur hingegen war, wie gesagt und dargestellt, ausdrücklich als "leicht" angelegt.

Landeskunde 1

Bei einem namenbezogenen Einzelvergleich stellte sich heraus, daß sich die Leistungen in Sprachkurs bzw. Landeskunde in der Regel auf der gleichen Bewertungsstufe bewegten. Nur in wenigen Fällen unterschieden sich die Ergebnisse signifikant: gute/sehr gute Sprachleistungen versus schlechte Leistungen in der Landeskunde-Klausur und umgekehrt. Hier erbrachten erste Klausurbesprechungen Hinweise auf die Gründe für diese Diskrepanzen und auf Möglichkeiten zu deren Beseitigung.

Hinter den allgemein schlechteren Klausurergebnissen mag sich eine Reihe von Problemen verbergen. Zwei von ihnen seien hier angedeutet:

- Die Form der Wissensvermittlung durch Referate oder auch Kurzreferate der Studierenden ist nicht ausreichend. - Dieses Problem ist bekannt und sollte bei diesem Landeskunde-Proseminar dadurch behoben werden, daß die Referenten eine Woche nach ihrem Vortrag eine einseitige Zusammenfassung vorlegen sollten. Diese sollten dem in der Bibliothek placierten Seminarordner -zur erinnernden Lektüre durch die anderen- eingefügt werden. Für diese Zusammenfassung hatte es klare, schriftlich niedergelegte formale Anforderungen gegeben. Das Ergebnis war: Die Wochentermine wurden überwiegend nicht eingehalten, ebenso nicht die formalen Vorgaben. Auch die nachträgliche Lektüre durch die Hörer wurde nicht ausreichend vorgenommen bzw.: man erinnerte sich bei der Klausur nicht mehr an das Gelesene.

- Neben dem Sprachunterricht haben die Studierenden kein ausreichendes Interesse/nicht ausreichend Zeit, sich ein verläßliches sachbezogenes Basiswissen über China anzueignen: unerläßliche Daten und Fakten. Das mag ihnen als mühsam oder "kleinkariert" erscheinen, aber es führt zu einer Reihe von kuriosen Unzulänglichkeiten: Die erste Kaiserdynastie wird Qing statt Qin geschrieben, also wie die letzte, und durch wichtige Vorgänge unter der Dynastie Qin wird die Dynastie Han beschrieben. - Hierzu paßt, daß lediglich zwei, drei Teilnehmer bei der Frage nach ihrer gegenwärtigen Chinalektüre ein Buch nannten, das halbwegs solide Informationen vermittelt. Selbst für ein allgemeines Publikum geschriebene Darstellungen werden ausdrücklich als "zu schwer" gekennzeichnet. Ein Werk mit wissenschaftlichem Anspruch wurde von niemandem genannt. So war denn auch der immer wiederkehrende und dokumentierbare Eindruck nicht überraschend, die Kurzreferate während des Semesters seien aufgrund von Internet-Materialien gehalten wurden. Das mag für eine Tendenz sprechen, gerade benötigte Sachkenntnisse auf diese Weise abzurufen - und sie dann rasch wieder zu vergessen. Zahlreiche Klausurschreiber hatten die eigenen Vorträge/Ausarbeitungen während des Semesters bei der Klausur offenbar nicht mehr in abrufbarer Weise zur Verfügung.

Hinzukommen bei der überwiegenden Zahl der Klausurschreiber Probleme bei der Beherrschung der deutschen Sprache. Gewiß, eine solche Klausur ist nicht eine Übung im Literarischen Schreiben, und von den durch die "Reform" der Rechtschreibung verursachten Problemen will ich schweigen. Anscheinend fehlt vielen das Bewußtsein dafür, daß die angemessene Auseinandersetzung mit einer anderen Sprache die weitgehende Beherrschung der eigenen voraussetzt - und diese ist etwas anderes als die Anwendung des Grundvokabulars der Alltagssprache! (Studierende, die aus China hierher kommen, kennen Feinheiten der deutschen Grammatik oft genauer als ihre deutschen Kommilitonen.) Kompetenz in beiden Sprachen ist jedoch für einen Sinologen unerläßlich.

Landeskunde 2

Nicht ausschließlich, aber mittelbar hängt mit diesem Problem zusammen, daß gegenwärtigen Studierenden nur schwer zu vermitteln ist, daß bei Transkriptionen chinesischer Namen und Begriffe entsprechende Systeme zu beachten sind. Für Mao Tse-tung/Mao Zedong fand ich in diesen Klausuren zum Beispiel folgende Formen: Mao-Ze-dong/ Mao Tsetung/ Mao Ze Dong/ Mao-Tze-Dong/ Mao Tse Dong/ Mao Tzu Dong, und einem fiel einfach nur ein "Mao" ein; schon bei Teng Hsiao-p'ing/Deng Xiaoping waren die Abweichungen von den Transkriptionsnormen noch abenteuerlicher. Auch das Beharren auf solcher Systematik mag als kleinkariert erscheinen, aber das war einmal ein erster Gradmesser dafür, ob ein Schreiber über China wenigstens über eine Basiskompetenz verfüge. Inzwischen zeigen sogar publizierte Doktorarbeiten und "gelehrte" Aufsätze die abenteuerlichsten Eigenheiten. Wie könnte ich Dritt- und gar Erstsemester dafür tadeln?

Hinter diesen Wahrnehmungen scheint sich ein allgemeineres Problem zu verbergen: Wie läßt sich Studierenden der Sinologie ein verläßliches (!) sachliches Basiswissen über China vermitteln? Lektürelisten und Proseminare dieser Art reichen dafür augenscheinlich nicht aus. - Der Universität Hamburg stehen anscheinend grundlegende Umstrukturierungen bevor, nahe bevor. Diese werden auch Studienziele und -inhalte betreffen müssen. In diesem Rahmen werden auch die Lehrenden der ChinA sich genauere Gedanken über die Ziele ihrer Wissensvermittlung machen - und zwar gemeinsam und genau. Sie werden dabei nicht aus den Augen verlieren dürfen, daß am Anfang ihrer Bemühungen einfach eine solide Ausbildung zu stehen hat - damit "Forschung, Lehre, Bildung" eine umfassende Grundlage bekommen. Wahrscheinlich könnte eine starke "Verschulung" der sinologischen Grundstudien, bis zum 6. Semester vielleicht, hierbei ganz nützlich sein.

In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, daß das bisherige Grundstudium der Sinologie extrem "sprachlastig" ist, naheliegenderweise. Allein die dafür vorgesehenen Unterrichtsstunden, von anderen Dingen abgesehen, übertreffen die für den Sachunterricht um ungefähr das Achtfache. Diese Relation mochte vergangenen Studiergepflogenheiten entsprochen haben, zu welchen der selbständige Erwerb von Sachwissen gehörte. Bei stärker verschulten Ausbildungsgängen werden sich auch diese Relationen verändern müssen. - Da bieten die "Semesterferien", neben Forschung und Vorbereitungen, vielleicht Gelegenheit, genauer zu konzipieren!
 
 
 

Professor Dr. Jinyang Zhu

Noch ist er es nicht, doch am 1. März dieses Jahres 2003 wird er das sein! Auf Vorschlag der "Fachhochschule Konstanz - Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung" berief das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Bundeslandes Baden-Würtemberg Zhu Jinyang, gegenwärtig Lektor an der ChinA, auf eine Professur für Chinesische Sprache und Wirtschaftskommunikation.

Ein solcher Ruf an einen Lektor ist durchaus ungewöhnlich, in Deutschland wohl einzigartig. Er bezeichnet für den Menschen, an den er ergeht, weit mehr als die bloße Wertschätzung seiner bisherigen wissenschaftlichen und praktischen Arbeit - und Zhu Jinyang hat ihn sich wahrlich verdient. Länger als zehn Jahre wirkte er als Lektor für Chinesisch - zuständig für das 3./4. Semester, doch auch im Hauptstudium stark engagiert - an der ChinA. Neben seinem zeitlich umfassenden und zudem anspruchsvollen Lehrprogramm fand er immer wieder Zeit für wissenschaftliche Arbeiten, die meistens der Erforschung der chinesischen Gegenwartssprache und systematischen deutsch-chinesischen Sprachvergleichen gewidmet waren. Zuletzt entstand in diesem Zusammenhang der durch ihn verantwortete zweite Teil des Lehrwerks "Chinesisch für Deutsche".

Beigetragen hat zu diesem Ruf gewiß, daß Zhu Jinyang sich auch bei praktischen Dingen engagierte, zum Beispiel bei der Betreuung chinesischer Praktikanten in Hamburg, im Bereich der Wirtschaft. Schon bald nach seinem Dienstantritt in HH wurde er gebeten, an den Auswahlprüfungen des DAAD für Chinastipendien teilzunehmen, und an der Vermittlung des offiziellen chinesischen HSK-Sprachtests nach Deutschland wirkte er sogar maßgebend mit. So war denn nicht verwunderlich, daß schon vorher eine chinesische Universität ihm eine Professur angeboten hatte.

Zhu Jinyang et al.

Die ChinA hätte Zhu Jinyang gerne behalten. (Das Foto zeigt ihn im Hintergrund links. Es entstand im Dezember 1998, als der chinesische Generalkonsul Tao Xiangzhen dem ChinS eine Bücherspende der VR China überbrachte.) Sie konnte ihm, nach Lage der Dinge, kein vergleichbares Angebot unterbreiten. So begleiten ihn ihre herzlichen Wünsche nach Konstanz, weit im Süden, wo er für seine gestalterischen Kräfte eine Kompetenz erhält, die zugleich eine Herausforderung für ihn sein wird.

Nebenbei bemerkt: In den letzten zehn Jahren wurden vier Mitarbeiter oder Absolventen der ChinA auf eine Professur berufen. Da solche Stellen nicht eben oft und zahlreich ausgeschrieben werden, dürfte das ein erfreuliches Zeichen sein.
 
 
 

Sinologischer Manuskriptologe: Dr. Matthias Richter

Manuskript In den letzten dreißig Jahren bargen die chinesischen Archäologen Funde ganz besonderer Art: Schriften! Hauptsächlich aus Gräbern der Han-Zeit (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) stammen sie. Sie sind auf Bambusstreifen, Seide oder auch auf Holztäfelchen geschrieben. Gebrauchstexte aus dem Alltag der Verwaltung sind das, prognostische und kalendarische Texte, aber auch philosophische und historische Werke, medizinische ebenfalls. Die meisten von ihnen waren bis dahin unbekannt, und ihre Fülle ist so groß, daß die chinesischen Wissenschaftler sie noch längst nicht alle in angemessener Form publizieren konnten.

Die anfängliche Begeisterung über diese Textfunde hat sich in der gelehrten Welt schnell gelegt. Vollkommen neue Einblicke in das Denken und die alltägliche Wissenschaft dieser frühen Zeit wurden erwartet, doch wie das immer so ist: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Tatsächlich werden diese Manuskriptfunde unser Bild von dieser Han-Zeit allmählich radikal verändern, doch davor müssen viele Eigenarten dieser Manuskripte geklärt sein, von Äußerlichkeiten angefangen, deren Beschreibung oft wesentliche Grundlagen für die inhaltliche Auswertung legt. Auf diesem Gebiet weisen die Publikationen der chinesischen Kollegen beträchtliche Defizite auf.

Deshalb beantragte Professor Dr. Michael Friedrich von der ChinA bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft Mittel für ein Projekt, das einige Grundsatzfragen im Umgang mit solchen Manuskripten klären soll. Das Projekt wurde bewilligt, so daß die ChinA seit Beginn des Wintersemesters 2002/03 einen neuen Mitarbeiter hat: Dr. Matthias Richter. Er hatte einige Monate vorher an der ChinA über textkritische Probleme bei der Behandlung eines chouzeitlichen Kleintextes promoviert. Durch seine zugleich akribische wie anregende Arbeit hatte er gezeigt, daß er auch über die Qualifikationen verfügt, ein dermaßen komplexes Gebiet wie die sinologische Manuskriptkunde grundlegend zu behandeln. - Schließlich gibt es in China nicht nur diese Manuskripte aus Gräbern. Dieses unermeßlich umfang- und aufschlußreiche Feld bedarf eben umsichtiger Annäherungen.
 
 
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