Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 22
4. März 2003
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Mao Le und anderes: China-Hamburg Anfang 2003

Unter der Überschrift "Mao Le von Beust" wandte sich die taz Hamburg am 30. Januar 2003 gereizt dem Thema China-Hamburg zu. "Der China-Wahn hat vor allem den ersten Bürger dieser Stadt erfasst," stellte sie lakonisch, Bürgermeister Ole von Beust meinend, fest und lästerte über Hamburger Olympia-Hoffnungen: "Die Große Kulturrevolution: sie hat längst begonnen. Ehrgeiziges Ziel ist das Jahr 2012: Es sollen nach Peking 2008 die zweiten Chinesischen Spiele hintereinander werden." Der Zopf solle in Hamburg demnächst wieder "offizielle Männertracht" werden, der Hamburg Marathon künftig "Langer Hanse-Marsch" heißen usw. So blödelte ein Peter Ahrens spaltenlang vor sich hin. Auf welche Weise mag ihm China auf die Nerven gegangen sein?

Der zweite Satz des Artikels lautete: "Bürgerschaftspräsidentin Dolothee (!) Stapelfeldt und CDU-Fraktionschef Michael Fleytag (!) berichten heute in der Uni über die Eindrücke der China-Reise der Bürgerschaft." Als habe die Reise Eindrücke aus China mitgebracht, nicht die Reisenden! Beide Rathauspolitiker waren einer Einladung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft und der China-Abteilung (ChinA) des AAI gefolgt, um über die Reise, die sie vom 8. bis zum 17. Oktober 2002 nach Shanghai, Qingdao und Peking geführt hatte, einer weiteren Öffentlichkeit zu berichten.

Bürgerschaft in China 1

Hamburger Politiker kommen selten in die Universität, obwohl viele von ihnen dort ihre Studienjahre zugebracht hatten. Deshalb sollte die Universität Möglichkeiten nutzen, sie jenseits institutioneller Zwänge für ein Gespräch zu gewinnen, und einem solchen diente diese Einladung. Deshalb moderierten auch zwei Studierende der China-Abteilung an diesen Frühabend: Florian Schneider und Christina Pohl.

Diese Reise war, nach zahlreichen Bürgermeisterfahrten, die erste Chinareise einer Delegation der Bürgerschaft, des Parlaments also. Dr. Freytag von der CDU war allerdings privat schon mehrmals in China gewesen. Er und die Bürgerschaftspräsidentin Dr. Stapelfeldt zeigten sich gebührend beeindruckt von den sichtbaren Modernisierungen in China, von der Dynamik dort, von protokollarischen Wertschätzungen, doch sie verhehlten auch nicht, daß sie nur Impressionen gesammelt hätten und auch über Problematisches nicht schweigen wollten.

Bürgerschaft in China 2

Ruhig und zurückhaltend erzählten sie, ohne Politiker-Allüren, und wenn sie auch wenig mehr berichteten, als schon ihr offizieller Bericht (Bürgerschaftsdrucksache vom 30. 12. 2002) mitgeteilt hatte - das recht zahlreiche Publikum hörte ihnen gerne und gespannt zu und konnte nachvollziehen, warum solche Parlamentskontakte verstärkt werden sollen. Manche von den Anwesenden nahmen erfreut wahr, daß beide Politiker offenbar gerne in die Uni gekommen waren.

Für die Veranstalter war nicht leicht gewesen, diesen Termin zu vereinbaren, denn die Tagespläne auch von Lokalpolitikern sind randvoll. CDU-Freytag war trotzdem überaus pünktlich in dem Veranstaltungsraum erschienen, SPD-Stapelfeldt ließ auf sich warten: Termin- und Verkehrsprobleme. - Nur der Berichterstatter hat gesehen, daß sie - beinahe wie ein kleines, aber hochaufgeschossenes Mädchen - durch den frischgefallenen Schnee vor der Uni stürmte, um wenigstens ein paar Sekunden aufzuholen. Dabei hatte sie noch nicht einmal das akademische Viertel versäumt. Andere Prominenz kostet hingegen die Zeit, die sie ihr Publikum warten läßt, voll aus. - (Die Abbildungen zu dieser Notiz geben Fotos von diesem Abend wieder.)

Bürgerschaft in China 3

Knapp vierzehn Tage später trat Wirtschaftssenator Uldall vor die größere Öffentlichkeit. Schon davor hatte er über den Hafen gerühmt: "Vor allem im China-Verkehr haben wir eine gewaltige Entwicklung." Im Jahre 2002 war erstmals die Millionengrenze bei den Standardcontainern überschritten worden. Jetzt wußte er zu berichten, daß seine Behörde für Wirtschaftsförderung im Jahre 2002 insgesamt 115 ausländische Firmen zur Ansiedlung in Hamburg gebracht habe, davon 35 aus China; gegenwärtig arbeiteten 280 chinesische Firmen in der Freien und Hansestadt, mit 800 bis 1000 Mitarbeitern. - In diesem Zusammenhang: Zum Jahreswechsel hatte die Hamburger Traditionsreederei Erck Rickmers mitgeteilt, daß sie bei einer koreanischen Werft fünf Containerriesen mit jeweils 7.500 Container-Stellplätzen geordert habe. Diese würden für die chinesische Staatsredeerei Cosco fahren, die erstmals ausländische Schiffe chartere: in Hamburg! - Die Ansiedlung chinesischer Firmen in Hamburg ist eine Erfolgsgeschichte, doch wie alle solche Geschichten hat sie auch ihre Hintergründe und Probleme. Hierüber werden demnächst abermals Vertreter der zuständigen Hamburger Stellen auf Einladung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft und der ChinA des AAI informieren.

Angesichts von starken Aktivitäten der Wirtschaftsbehörde wollte die Wissenschaftsbehörde nicht ruhen. Ihr Staatsrat Prof. Roland Salchow stellte Ende Januar Planungen für ein Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin vor, das im Universitätskrankenhaus Eppendorf angesiedelt und in dieser eine "Mini-Hochschule" für Akupunktur, Qigong, Akupressur und dergleichen werden soll. In den ersten Jahren will er dafür jeweils 1.5 Millionen Euro aufwenden, dann soll sich dieses Zentrum, mit einer Stiftungsprofessur und acht bis zehn Mitarbeitern, selbst tragen. Man mag zu einem solchen Unternehmen stehen, wie man will: Bedarf ist vorhanden.

Erfreulich auch eine weitere Nachricht aus der Wissenschaftsbehörde. Als Dorothee Stapelfeldt bei den Sinologen weilte, kannte sie den sogenannten Dohnanyi-Bericht zur Veränderung der Hamburger Hochschullandschaft noch nicht, denn dieser war erst am gleichen Tage vorgelegt worden. Ihre sinologischen Gastgeber allerdings hatten die gut 150 Seiten im Internet schon einmal überflogen. Neben drastischen und kaum akzeptablen allgemeinen Vorschlägen fanden sie zufrieden Dinge, die sie bereits in Angriff genommen hatten. Überdies sahen sie darin Hinweise darauf, daß die vorhandene China- und Ostasien-Kompetenz an der Universität Hamburg weiter gestärkt werden solle.

Wenig Chinakompetenz hatte wieder einmal die "ZEIT" verraten. Am 9. Januar brachte sie ein Interview mit der China-Hamburg-Unternehmerin Cui Xiaonan. Bei jeder Interview-Antwort bezeichnete sie diese mit ihrem persönlichen Namen, nicht dem Familiennamen, als würde sie bei einem Bürgermeister-Interview stets die Formel "Ole: ..." verwenden. - Übrigens, diese energische junge Frau wird im kommenden Sommersemester einen Lehrauftrag an der China-Abteilung wahrnehmen und so zu deren Kompetenz beitragen. Auch dies ein Hinweis darauf, in welcher Weise sich die zahlreichen Hamburger "China-Szenen" ergänzen und fördern.

Auch die Schulbehörde trug zu den angenehmen Hamburg-Chinachrichten bei. Im Januar 2003 stellte sie vor, daß am Gymnasium Marienthal ein "Deutsch-chinesischer bilingualer Zweig" eingerichtet worden sei - die Vorstufe zu einer echten Chinesischen Schule. Einstweilen werden ab Klasse 5 kleine Chinesen, zum Teil von Lehrern aus der VR, in allen zentralen Fächern zweisprachig unterrichtet. Ziel ist, daß diese dann gemeinsam mit deutschen Schülern in beiden Sprachen, und Englisch dazu, das Abitur ablegen sollen. Mehrere andere Hamburger Gymnasien hatten während der letzten Jahre Chinesischkurse eingerichtet, mit sichtbarem Erfolg. Unter diesen war von Anfang an das renommierte Christianeum. Dieses empfing Mitte Februar zahlreichen Besuch aus Peking: 39 Mitglieder des Blasorchestern eines Kollegs an der Peking-Universität erwiderten einen Frühjahrsbesuch der Brass Band des Gymnasiums vom letzten Jahr.

Viel mehr wäre noch über China-Hamburg in diesen Tagen zu berichten. Vergessen sei dabei der Fußball nicht. Zwar strahlen die beiden Renommiervereine HSV und Pauli gegenwärtig nicht in hellstem Glanz, zwar haben die Chinaexporte Chen Yang bei Pauli und Jiayi Shao bei 1860 München nicht viel Aufsehen erregt, doch den HSV ließ eine Januar-Überschrift in der WamS nicht ruhen: "Borussia Dortmund penetriert China mit gelber Farbe." Flugs schob er seinen Altstar Jörg Albertz zu dem Erst-Liga-Klub Shenhua nach Shanghai ab. Das brachte viel Zoff um Geld und Worte, doch zufrieden kehrte der Altkicker nach einer ersten Stippvisite aus Shanghai zurück. Sein dortiger, des Deutschen kundiger Trainer hatte seinen hiesigen Spitznamen "Hammer" sogleich ins Chinesische übersetzt: Tiechui. Das Shenhua-Stadion ist allerdings vergleichsweise klein, und der Klub Shenhua hat neben dem reicheren städtischen Rivalen Cosmos nicht viel zu vermelden, aber Tiechui Ali fühlt sich schon einmal als "HSV-Botschafter in unserer Partnerstadt Shanghai". Wenn Siemens demnächst die ganze chinesische Kicker-Liga sponsort, fällt hoffentlich auch für Alis Klub etwas ab, doch der freut sich auch so über sein Exotentum. Hoffentlich gelingt ihm, anders als Chen Yang, bald ein Tor.

Erfreuliches läßt sich auch über die Hamburger Chinarestaurants schreiben. Zugleich ist festzustellen, daß die Hamburger Lokalpresse darüber selten in angemessener Weise berichtet. Immerhin, zweimal hob das "Abendblatt" das "Ni hao" hervor - einmal, als es dessen Veranstaltung "Chinesisch-französische Genießerallianz" ankündigte, und dann, als es das "fanatische Qualitätsbewusstsein" von dessen Chef in einem längeren Artikel rühmte. Das HA wußte sogar, daß "Ni hao" hamburgisch "Moin, moin" bedeutet. Einem anderen "Chinesen" widmeten sich dann die Lokalgazetten am 21. Februar 2003, am stärksten entrüstet, wie stets die MoPo: "Hamburgs Horror-Chinese". Was hatten Hamburger Arbeitsamt-Kontrolleure dort nicht alles entdeckt, neben schwarzen Schwarzarbeitern! - "Ich weiß gar nicht, was die Leute wollen", meinte sarkastisch der Kollege von der Koreanistik. "Die Leute rufen immer nach authentischer chinesischer Küche, und das hört sich doch ziemlich authentisch an." Chinesen und Chinakenner hatten dieses Lokal stets gerne aufgesucht. Nicht alle Hamburger Senatsbehörden, auch nicht die Lokalpostillen, empfinden augenscheinlich den China-Enthusiasmus ihres "Maole" nach.
 
 
 

St. Augustin in Hamburg

Am 21./22. Oktober letzten Jahres veranstaltete die in St. Augustin nahe Bonn ansässige Konrad-Adenauer-Stiftung, die sich seit Jahren, wie die meisten Stiftungen politischer Parteien, stark in China engagiert, in Zusammenarbeit mit der Handelskammer Hamburg das "1. Deutsch-Chinesische Forum". Es stand unter dem Titel "China am Beginn des 21. Jahrhunderts".

Der für dieses Forum gewählte Zeitpunkt war nicht günstig. In Hamburg waren gerade die dritten "China-Wochen" vorübergegangen. Diese hatten eine Fülle von Veranstaltungen mit sich gebracht, von denen nicht wenige auch Themen des "Forums" berührt hatten. So hielt sich das öffentliche Interesse an diesem bedauerlicherweise in Grenzen.

Chinaforum

Jetzt hat die Adenauer-Stiftung auf 68 Seiten eine Dokumentation des "Forums" vorgelegt. An deren Anfang steht ein langer "Tagungsbericht", der die Referate und die wichtigeren Diskussionsbeiträge zu den sechs Themenschwerpunkten kompetent zusammenfaßt. Diese Themenschwerpunkte reichen von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen, denen die VR China sich gegenwärtig gegenübersieht, bis zu Chinas Rolle in der Weltgemeinschaft. Dem folgen acht gewichtige Referate im Wortlaut zu Einzelthemen aus diesen Bereichen. Die Vortragenden waren in erster Linie Diplomaten, Politiker und Wissenschaftler. Eine aufschlußreiche Dokumentation von Sichtweisen auf China aus deutscher Perspektive sowie von Selbstdarstellungen von chinesischer Seite ist auf diese Weise zusammengekommen, eine durchaus eigenartige allerdings.

Zu den Eigenheiten der Referenten dieser Veranstaltung und der Dokumentation gehört, daß hinter den Namen zahlreicher Beteiligter ein "a.D." steht oder, wenn es gelegentlich fehlt, stehen könnte. Hier kam also eine Generation von "Chinaexperten" zu Wort, die in der praktischen Politik bzw. bei der Vermittlung von Chinakenntnissen vielleicht noch meinungsprägend erscheint, das tatsächlich aber weitgehend nicht mehr ist. Wahrscheinlich hätte ein solches "Forum" mit Vertretern der nächsten Generation von Chinaexperten in Institutionen und an Universitäten, in China wie hierzulande, manch andere Betrachtungsweise, wenigstens Akzentuierung, bewirkt.
 
 
 

Ein beinahe unbekanntes China in Hamburg

Das klare, strahlende Winterwetter, das gegenwärtig (Diese Folge wird in der letzten Februar-Woche geschrieben.) in Hamburg vorherrscht, hat die Natur erkennbar in Bewegung gebracht. Die Knospen an den Büschen scheinen sachte anzuschwellen, und die ersten Schneeglöckchen haben sich keck hervorgewagt.

Hamburger Winterblüher

In manchen Gärten und Parks, zum Beispiel in Planten und Bloomen, trifft der Müßiggänger überdies auf Ecken, die von wahrer Blütenpracht angefüllt sind. China hat uns solche Hamburger Winterblüher beschert - ob es sich etwa um den gelbblühenden Winterjasmin (Jasminum nudiflorum) handelt oder um die Zaubernuß (Hamamelis mollis), die manche auch die "Königin des Winters" nennen, und weitere solcher Farbspender in der Wintertristesse! Vor allem die Zaubernuß hat, nicht nur in China, in die Heilkunst, ebenfalls die Kosmetik, Eingang gefunden, denn die Wirkstoffe aus Blättern und Rinde wirken zum Bespiel entzündungshemmend. Manch älterer Apotheker wird sich noch an die Hamamelis-Salbe erinnern.

Wahrlich, China begegnet einem in Hamburg auf Schritt und Tritt, auch in diesen besonders liebenswürdigen Erscheinungen der Blüten im Winter. Weithin unbekannt ist, daß auch zahlreiche der vertrauteren Gartengewächse hierzulande aus China stammen und erst im 18./19. Jahrhundert nach hier gelangten. Gelegentlich sollen diese Notizen demnächst auch auf derlei hinweisen.
 
 
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