Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 21
12. Januar 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Noch einmal: ein Lobpreis des Weins, der "wichtigsten Grundlage der Welt"

jiu

In » HCN 20 war ein Text des trunkseligen Wang Chi (+ 644) vorgestellt worden. Hier soll ein weiterer, schnell übersetzt, folgen:
Biographie des Herrn von den fünf Bechern
Der Herr von den fünf Bechern erging sich mithilfe der Wesenskraft des Weines unter den Menschen. Zu jedem, der zum Weine bat, begab er sich, sei dieser vornehm oder gering, und hatte er sich zu einem solchen begeben, wurde er zwangsläufig betrunken, und war er betrunken, dann suchte er nicht lange nach einem angemessenen Platz, um sich zur Ruhe zu betten.

Nüchtern geworden, erhob er sich, um erneut zu trinken. Oft trank er fünf Becher voll auf einen Zug, wodurch er sich den genannten Beinamen verschaffte.

Dieser Herr war voll von außerordentlichen Gedanken, doch er sprach wenig, und er wußte auch nicht, daß es auf der Welt so etwas wie Menschlichkeit und Rechtlichkeit, Reichtum und Erbärmlichkeit gebe.

Plötzlich machte er sich davon, und unversehens kam er wieder. Bei seinen Handlungen hielt er sich an den Himmel, der Erde entsprach er in Zeiten der Ruhe, und alle die zehntausend Wesen konnten sein Herz und seinen Verstand nicht einbinden.

Einmal sagte er: "Die wichtigste Grundlage der Welt durfte ich wahrnehmen. Was soll ich für mein Leben sorgen? (...) Schwarze Dunkelheit und tiefes Schweigen - darin verweilten die weisen Männer." - So folgte er seinem Sinn, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte.
Diese Selbstdarstellung ist ein "autobiographischer" Kurztext in der Art der berühmten "Biographie des Herrn von den fünf Weiden" des T'ao Ch'ien aus dem 4. Jahrhundert, die ebenfalls die Weinlust preist. Er erinnert ferner an den berühmt-berüchtigten Säufer Liu Ling im 3. Jahrhundert, der ebenfalls fünf Becher Hirsewein auf einen Zug zu leeren wußte. Auch sonst pries Wang Chi Randexistenzen der altchinesischen Gesellschaft, die sich als "Einsiedler" aus öffentlicher Verantwortung davonstahlen oder von den Herrschenden unbillig behandelt wurden - so in einigen überlieferten Preisliedern (tsan). Nebenbei enthält der Text auch einige persiflierende Anspielungen auf Konfuzius. - In der Übersetzung wurde lediglich ein Satz ausgelassen, der einiger Sachverhalts-Anmerkungen bedurft hätte. Die Abb. gilbt altertümliche und kalligraphische Formen des Schriftzeichens für chiu, "Wein", wieder, darunter die Schreibweisen so berühmter Zecher wie Li Po und Su Tung-p'o.
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 9, HCN 20
 
 

41
Mit welchem Würdenträger sprach Tzu-kung?

Die Struktur von Lun-yü 9.6 unterscheidet sich von derjenigen der meisten ungefähr 500 Abschnitte in den "Gesprächen". Richard Wilhelm übersetzte (Transkriptionen geändert):

Ein Minister fragte den Tzu-kung und sprach: "Ist euer Meister nicht ein Genie? Wie zahlreich sind seine Talente!" Tzu-kung sprach: "In der Tat, wenn ihm der Himmel Gelegenheit gibt, wird er sich als Genie beweisen; außerdem hat er viele Talente."
Der Meister hörte es und sprach: "Woher kennt mich denn der Minister? Ich hatte eine harte Jugend durchzumachen, deshalb erwarb ich mir mancherlei Talente. Aber das sind Nebensachen. Kommt es denn darauf an, daß der Edle in vielen Dingen Bescheid weiß? Nein, es kommt gar nicht auf das Vielerlei an."
Lao sprach: "Der Meister pflegte zu sagen: Ich habe kein Amt; deshalb kann ich mich mit der Kunst beschäftigen."
Was immer da wer gesagt haben soll - das Textverständnis ist überaus problematisch, und die vorliegenden Übersetzungen unterscheiden sich beträchtlich, doch keine kommt wohl dem tatsächlich Gemeinten nahe. Interessant ist allein schon die Struktur dieses Abschnitts. Was soll, zum Beispiel, jene Bemerkung eines gewissen Lao am Ende? Der Tradition gilt er als Schüler des Konfuzius, er wird sogar mit dem sonst kaum bekannten Ch'in Lao identifiziert. - Manche sehen diesen Passus aber auch als eigenen Abschnitt an, was sogleich zu anderen interpretatorischen Problemen führt.

Im Augenblick soll nur die interpretatorische Winzigkeit interessieren, mit wem der Konfuzius-Schüler Tzu-kung sprach. Die historischen Situationen, die im Hintergrund der Konfuzius-dicta stehen, sind gar zu selten angedeutet, und deshalb sollte man entsprechenden Hinweisen genauer nachzugehen versuchen.

Ein "Minister" übersetzt Wilhelm, andere übersetzen ähnlich: "der Premierminister" (E. Schwarz), "ein hoher Würdenträger" (R. Moritz), "the t'ai-tsai" (D.C. Lau). Tatsächlich schreibt der Text t'ai-tsai, und manche Übersetzer versuchen eine Erklärung hierzu. D.C. Lau meint, unklar sei, welche Person gemeint sei, und R. Moritz merkt sehr richtig an, der Text lasse offen, aus welchem Staat dieser Premierminister stammte. Richard Wilhelm ist am ausführlichsten: "Da Dsai ist der Titel des Premierministers, wie er in den Staaten Wu und Sung üblich war."

Eine Art Premierminister war der t'ai/ta-tsai nicht, eher ein fürstlicher Haushofmeister, Hofmarschall oder ähnlich. Allein das Tso-chuan bezeugt ihn für den Königshof sowie die Fürstenhöfe von Ch'u, Wu, Sung, Lu und Cheng. Manches spricht dafür, daß ein solches Amt an mehr oder minder allen Fürstenhöfen bestand. Angesichts dessen ist eine sichere Identifizierung dieses Konfuzius-Interessenten natürlich ausgeschlossen.

Auch andernorts ist eine Begegnung des Tzu-kung (* 520 v. Chr.) mit einem t'ai-tsai bezeugt: Im Jahre 483 lehnt er im Auftrag seines Fürsten gegenüber dem t'ai-tsai P'i aus Wu bei einem Treffen die Erneuerung eines Vertrages ab. Im Jahr darauf dürfte er diesen erneut getroffen haben, bei der berühmten Fürstenkonferenz von Huang-ch'ih (Tso, Ai 12 +13). Dieser P'i gehörte zu den herausragendsten Würdenträgern der Zeit. Wenn der mehrfach überlieferte Bericht über eine Gesandtschaftsreise des Tzu-kung durch mehrere Staaten (SC 67, WYCC 5, YCS 9) einen historischen Kern hat, dann müßte Tzu-kung dem t'ai-tsai P'i noch einmal, am Hofe von Wu, begegnet sein. Jedenfalls ist aus der Lebenszeit des Tzu-kung kein anderer t'ai-tsai namentlich bekannt. Warum sollte nicht er im Lun-yü gemeint sein? Schließlich unterhielt Lu damals enge Beziehungen zu der neuen "Supermacht" Wu. Sonst läßt sich, jedenfalls auf den ersten Blick, nichts erkennen, das diese Identifizierung bestätigte.

Ach, eher beiläufig blicke ich in die kaum benutzte Übersetzung der "Gespräche" durch James Ware. Er übersetzt "the prime minister of Wu", ohne weitere Erklärung! So geht das natürlich nicht, aber offensichtlich hat er ähnliche Überlegungen angestellt. - Es ist immer wieder verblüffend zu sehen, wie ungenau die Übersetzungen der "Gespräche" sind und wie wenig Mühe sich die Übersetzer mit den erklärenden Anmerkungen geben.

42
Über einige Schwierigkeiten bei der Beschreibung des "Frühling und Herbst"

Wer versucht, das "Frühling und Herbst" - dem Konfuzius durch eine ehrwürdige Tradition zugeschrieben - in beschreibender Weise einer Analyse, die nicht durch die Vorgaben der traditionellen Exegetik geprägt ist, näherzuführen, der begegnet sofort Schwierigkeiten. Nicht einmal für diesen zentralen Text der chinesischen Geschichtsschreibung und sinologischer Gelehrsamkeit, sofern sie sich für die damit verbundenen Arbeitsgebiete interessiert, gibt es eine textkritische Edition. Der schmale Umfang dieses Textes hätte vielleicht zu einer solchen einladen können, wenn man denn nicht die damit verbundenen Beschwerlichkeiten im Handwerk der Philologie gescheut hätte.

Nicht einmal die Zahl der Eintragungen im CC ist gesichert! Die ICS-Konkordanz bietet an nicht wenigen Stellen andere Untergliederungen als die altvertraute Übersetzung von James Legge, die alte Harvard-Yenching-Konkordanz hat manchmal wieder andere, und die schöne alte Edition der Ssu-pu ts'ung-k'an weist noch einmal Varianten auf. Von anderen Textfassungen schweige ich, denn nur mit diesen vieren arbeite ich gemeinhin - bequemlichkeitshalber, ebenfalls! Allein schon dieser Umstand, daß über die Abschnittsunterteilungen im CC kein Einverständnis besteht, zeigt, daß zur Struktur dieses Textes keine hinlänglich begründeten Hypothesen vorliegen, sondern daß die Unterteilungen eher nach Gutdünken vorgenommen wurden. - Und das "Gutdünken" der ICS-Edition, die sich immer wieder "textkritisch" gibt, erscheint nicht selten als gar zu flüchtig. Konstatiert werden muß freilich, daß sich eine zufriedenstellende Abschnittsunterteilung für die Eintragungen des CC erst dann erzielen läßt, wenn Struktur und Intention des Textes einigermaßen plausibel erfaßt sind - über die bisherigen Ansätze und Hypothesen hinaus.

Auf den ersten Blick mögen diese Varianten in der Unterteilung des Textes des CC als vernachlässigenswert erscheinen. Der Inhalt des in ihnen Berichteten bleibt davon weitgehend unberührt. Allerdings interessiert keinen sinologischen Althistoriker, was das CC an Inhalten zu vermitteln hat. Dafür hält er sich an das dem CC angefügte Tso-chuan, das derlei viel anschaulicher zu dokumentieren wußte. Interessant ist das CC allein deshalb, weil es dem Konfuzius zugeschrieben wird und sein, wie die Tradition will, "Lob und Tadel" zur Geschichte der Jahrhunderte vor seinem Leben und während seines Lebens auf verschlüsselte Weise ausgedrückt haben soll. Interessant ist es aber auch deswegen, weil es das erste überlieferte Dokument chinesischer Geschichtsschreibung ist, das unübersehbare Wirkungen hatte. - Aufgrund beider Umstände verdiente es, neben einer textkritischen Edition, eben auch einiger Erwägungen zu den Strukturen seiner Eintragungen. "Kurze lakonische Notizen" reicht da bei weitem nicht!

Auch die Beschreibung des CC begegnet sofort ihren Problemen. Manche Arten von Eintragungen im CC, solche eher formaler Art wenigstens, (siehe » Konfuzius-Annäherungen Nr. 38) mögen sich summarisch darstellen lassen. Für andere liegen Differenzierungen nahe - vor allem, wenn es um solche geht, die in Zahlen erfaßt werden könnten: Wie oft verzeichnet das CC beispielsweise für welche historischen Phasen den Abschluß von Verträgen, um ein inhaltliches Moment zu nennen, oder wie nimmt es, als formales Moment, in diesen Phasen die Datierung der Jahresanfänge vor? Gibt es dabei auffällige, also interpretierbare Unterschiede - und von welchen Grundannahmen her sollen Interpretationsansätze bedacht werden?

Für die Darstellung solcher in Zahlen ausdrückbarer Notizen zur Analyse des CC läge natürlich nahe, die Einteilung nach den im CC dargestellten Vorgängen während der Regierungszeiten von Herzögen von Lu, dem Heimatstaat des Konfuzius, vorzunehmen. Das ist die dem CC zugrundeliegende Gliederung, und für manche interpretatorischen Ansätze fraglos eine sinnfällige. Da diese Regierungzeiten jedoch von zwei bis zweiunddreißig Jahren reichen, sollte auch eine Darstellung nach gleich langen Zeiträumen als notwendig erscheinen. Sogleich begegnet dann das Problem: Was ist der gesamte Berichtszeitraum des CC? Endet er mit dem 14. Jahr von Herzog Ai von Lu (481) oder mit den sogenannten Nachträgen in dessen 16. Jahr (479)? - Von der Möglichkeit, daß ein "ursprüngliches CC" gar noch früher endete, will ich hier lieber nichts sagen, auch nicht erwägen, warum es seine chronologischen Notizen ausgerechnet mit dem Herzog Yin von Lu begann.

Endete das CC mit dem 14. Jahr des Herzogs Ai von Lu, dann umfaßte es 242 Jahre; beim 16. Jahr von Herzog Ai wären das 244 Jahre. Hierdurch legten sich, für "statistische" Zwecke zwei unterschiedliche Untergliederungen nahe: 2 mal 121 bzw. 4 mal 61 Jahre. Nach der ersten Weise, welche den Berichtszeitraum in lediglich zwei Teile gliederte, nähmen diese beiden Phasen sich folgendermaßen aus:

I   Herzog Yin 1. Jahr (722)   - Herzog Hsüan 7. Jahr (602)
II   Herzog Ch'eng 10. Jahr (581)   - Herzog Ai 14. Jahr (481)
Bei der Unterteilung des - längeren - Berichtszeitraums in vier gleichlange Zeiträume ergäben sich folgende Phasen:
I   Herzog Yin 1. Jahr (722)   - Herzog Chuang 32. Jahr (662)
II   Herzog Min 1. Jahr (661)   - Herzog Hsüan 8. Jahr (601)
III   Herzog Hsüan 9. Jahr (600)   - Herzog Chao 2. Jahr (540)
IV   Herzog Chao 3. Jahr (539)   - Herzog Ai 16. Jahr (479)
Diese beiden Unterteilungen, neben der im Text angelegten nach den Regierungszeiten der Lu-Herzöge, ermöglichen je unterschiedliche Feststellungen, falls sich am CC erhobene Daten für eine "statistische" Darstellung eignen. Für die Interpretation solcher Daten müssen allerdings mehrere Grundannahmen ins Auge gefaßt werden, die mit dem Zustandekommen des Textes zusammenhängen:
  1. Konfuzius (oder jemand anders) verfaßte das CC als schlichte Chronik von Lu.
  2. Konfuzius (oder jemand anders) verband damit verborgene "Urteile".
  3. Das CC entstand allmählich als fortgeschriebene Chronik von Lu, die
  4. von Konfuzius (oder jemand anders) redigiert wurde, in welcher Absicht auch immer..
Ausdrücklich anmerken möchte ich, daß der angenomene "Jemand anders" auch Jahrzehnte nach dem Ende der Eintragungen des überlieferten CC gewirkt haben könnte, oder gar noch später. Schließlich ist festzuhalten, daß der Ausschnitt aus der Geschichte, den das CC bietet, als ziemlich willkürlich gewählt erscheint. Es dürfte auch andere, umfassendere Aufzeichnungen zur Geschichte von Lu gegeben haben, die weiter in die Vergangenheit zurückreichten bzw. den weiteren Fortgang der Geschichte von Lu dokumentierten.

Immer wieder habe ich in diesen "Annäherungen an Konfuzius" Zählungen irgendwelcher Art vorgenommen. Das werde ich auch künftig tun. Ein für allemal möchte ich jedoch betonen, daß diese stets als vorläufig zu gelten haben. "Annäherungen" sind keine überprüften und hin und her bedachten Interpretationen, sondern vorläufige Erwägungen.

43
Zu den Aufzeichnungen über Verträge im "Frühling und Herbst"

In 107 Notizen des CC ist von Verträgen (meng) die Rede. Im Grunde beginnt der Text mit einer solchen Notiz. Der erste Eintrag notiert für das erste Jahr des Herzogs Yin von Lu (722) nur lakonisch: "Erstes Jahr, Frühling, erster Monat des Königs." Ein dazugehöriges Ereignis nennt das CC nicht, nicht einmal die in vergleichbaren Jahren sonst meistens verzeichnete Thronbesteigung des neuen Lu-Fürsten. Schon der zweite Eintrag lautet dann (in der Version der Harvard-Yenching-Konkordanz): "Im dritten Monat schlossen der Herzog und I-fu von Chu-lou in Mei einen Vertrag."
In der Version der ICS-Konkordanz, die wahrscheinlich gegenwärtig die am häufigsten benutzte Edition ist, nimmt sich diese Eintrag folgendermaßen aus: "Im dritten Monat schlossen der Herzog und I-fu von Chu in Mieh einen Vertrag." Die Texte von Legge und SPTK entsprechen dem von ICS.

Die Aufzeichnungen in Zusammenhang mit Verträgen im CC sind oft unterschiedlich formuliert, jedenfalls angesichts sonstiger Stereotypien in diesem Text. Sie verdienten gewiß eine ausführlichere Untersuchung ihrer Einzelheiten: inhaltlich, was die Art der erwähnten Vertragsschließungen angeht, und formal im Hinblick auf stereotype Formulierungen und Abweichungen von diesen. Hier sollen erst einmal einige allgemeine Eindrücke festgehalten werden. - Diese Aufzeichnungen über Vertragsschließungen und damit verbundene Vorgänge verteilen sich folgendermaßen auf die in Nr. 42 definierten vier Phasen:

I   (722-662)   25 Eintragungen
II   (661-601)   40 Eintragungen
III   (600-540)   30 Eintragungen
IV   (539-479)   12 Eintragungen
Mindestens der Unterschied in den Zahlen von II und IV erscheint auffällig. Hatte eine "Vertragskultur", die sich in der Staatenwelt der Chou ausgebildet hatte, nach hundert Jahren ihr Ende erreicht - oder wollte der Verfasser des CC das nur so darstellen? Wirklich aussagekräftig wären diese Zahlen allerdings erst, wenn sie in Bezug zu der Gesamtzahl der Aufzeichnungen für diese Zeiträume im CC gesetzt würden.

Für die Erfassung der Perspektive des CC könnte die Feststellung aufschlußreich sein, an welchen dieser vertraglichen Vorgänge der Staat Lu beteiligt war. Hierbei zeigt sich überraschenderweise, daß der Staat Lu an beinahe allen Vertragsschließungen unmittelbar beteiligt war. Die insgesamt 17 Nicht-Beteiligungen verteilen sich wie folgt auf die vier Phasen: 5/6/3/3. Diese Zahlen erscheinen nicht als sonderlich signifikant.

Da Lu an fast allen Vertragsschließungen beteiligt war, ließe sich annehmen, daß die Sorgfalt und Genauigkeit der entsprechenden Eintragungen entsprechend hoch ist. 52 solcher Eintragungen zu Verträgen sind auf den Tag datiert. Diese Tagesdatierungen verteilen sich folgendermaßen auf die vier Phasen:
I   13 Tagesdatierungen bei   25 Eintragungen über Verträge
II   15 Tagesdatierungen bei   40 Eintragungen über Verträge
III   21 Tagesdatierungen bei   30 Eintragungen über Verträge
IV   3 Tagesdatierungen bei   12 Eintragungen über Verträge
Dieser Befund überrascht. In Phase III werden die dokumentierten Vorgänge, meistens Vertragsschlüsse, am genauesten dokumentiert, in Phase IV am ungenauesten.

Bestätigt wird dieser Eindruck, wenn zusätzlich die Datierungen auf Monate -allein oder mit zusätzlicher Spezifizierung durch die Tagesangabe- zum Vergleich herangezogen werden:
I   23 Monatsdatierungen bei   25 Eintragungen über Verträge
II   28 Monatsdatierungen bei   40 Eintragungen über Verträge
III   27 Monatsdatierungen bei   30 Eintragungen über Verträge
IV   6 Monatsdatierungen bei   12 Eintragungen über Verträge
Auch hier dokumentiert die Phase III am besten, Phase IV am schlechtesten. Interpretieren läßt sich dieser Befund vorerst nicht. Jedenfalls wird bei dieser Gruppe von Eintragungen deutlich, daß die Annahme, ein größerer zeitlicher Abstand des Berichteten vom Zeitpunkt der (endgültigen) Niederschrift des "Frühling und Herbst", mutmaßlich also am Lebensende des Konfuzius, sei für vermehrte Ungenauigkeiten verantwortlich, in diesen Fällen nicht zutrifft. Die Qualität der Eintragungen -so sie denn in der Genauigkeit der Datierung liegt- fällt für die Jahrzehnte vor der Niederschrift dramatisch ab, wie überhaupt auch die Zahl der mit Verträgen verbundenen Handlungen sinkt. Vier hauptsächliche Erklärungen sind vorstellbar:
  1. Konfuzius (oder ein anderer Verfasser) war ein nachlässiger Geschichtsschreiber, der sich nicht um die Genauigkeit seiner Aufzeichnungen bemühte.
  2. Die durch Konfuzius (oder einen anderen Verfasser) ausgewerteten eher zeitgenössischen Quellen waren bereits nachlässig und ungenau geführt.
  3. Konfuzius (oder ein anderer Verfasser) will durch diese vermeintlichen Nachlässigkeiten etwas anderes ausdrücken, zum Beispiel "Lob und Tadel".
  4. Die Genauigkeit der Datierung war für einen Geschichtsschreiber im Alten China kein historiographischer "Wert".
Noch in manch anderer Hinsicht ließen sich diese Eintragungen über Verträge betrachten. Warum und wann, zum Beispiel, spricht das CC in manchen Fällen von t'ung-meng, "gemeinsamen Verträgen"? Solche Notizen verteilen sich wie folgt auf die vier Phasen: 2/1/12 (!)/1. - Indes, diese Notiz ist schon zu lang geworden. Dennoch möchte ich mir den Hinweis nicht versagen, daß das insgesamt 107 Eintragungen sind. Über die Zahl 108 hatte ich in »  "Annäherungen an Konfuzius" Nr. 39 einen Satz verloren. Sie ließe sich auch hier leicht erreichen, indem aufgrund naheliegender Erwägungen dieser oder jener Eintrag zu Verträgen im CC in zwei aufgeteilt würde.

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Der Belesenheit von Dr. Ruth Cremerius verdanke ich den folgenden zeitgenössischen Konfuzius-Witz. Er persifliert das wohlbekannte dictum des Konfuzius, in welchem er am Lebensende über seine Befindlichkeiten in früheren Lebensphasen Auskunft gibt, vor allem aber gegenwärtige Verhaltensweisen "akademischer" Lehrer:

Die Schule des Konfuzius

Konfuzius richtete als erster auf der Welt Nachhilfekurse ein. Sein Angebot richtete sich nicht nur an alle Menschen, ungeachtet ihrer Person, nein, er legte auch die Staffelung der Kursgebühren fest und die damit verbundenen Leistungen:
Ich war 15, und mein Wille stand aufs Lernen: 15 Yüan Anmeldegebühr.
Mit 30 stand ich fest: Wer 30 Yüan zahlt, darf dem Unterricht nur im Stehen folgen.
Mit 40 hatte ich keinen Zweifel mehr: Wer 40 Yüan zahlt, darf so lange fragen, bis alle Unklarheiten beseitigt sind.
Mit 50 war mir das Gesetz des Himmels kund: Wer 50 Yüan zahlt, erfährt vorher die Aufgaben des nächsten Tests.
Mit 60 war mein Ohr aufgetan: Wer 60 Yüan zahlt, dem flüstert der Lehrer während der Prüfungen die Lösungen zu.
Mit 70 konnte ich meines Herzens Wünschen folgen, ohne das Maß zu übertreten: Wer 70 Yüan zahlt, kann den Lehrer verprügeln, ohne Folgen befürchten zu müssen.
Kongzi ban xue
Immerhin erweist dieser Witz, daß auch angesichts merkantil orientierter Schulmethoden im gegenwärtigen China noch die Kernsätze des Konfuzius bekannt sein müssen.

 
 

» Teil 11, HCN 22
 
 
 

12 mal nicht aufgepaßt

Das Shuo-yüan, "Garten der Argumente", des Liu Hsiang (77-6) wurde in diesen Notizen bereits mehrmals angesprochen. Wie für nahezu alle Textsammlungen der klassischen und spätklassischen Literatur Chinas gilt auch für diese Sammlung, daß sie bisher noch nicht in befriedigender Weise untersucht wurde.

Das Shuo-yüan umfaßt im textus receptus 20 Kapitel, in denen Kurztexte unterschiedlicher Art versammelt sind. Meistens handelt es dabei um sogenannte Anekdoten, die sich um bedeutende Persönlichkeiten des Altertums ranken. Die Überschriften der Kapitel zeigen, daß -in vielleicht lockerer Weise- eine thematische Gliederung angestrebt war. So hat Kapitel 1 den Titel Chün-tao, "Der Weg des Fürsten/Wege der Fürsten", Kapitel 8 den Titel Tsun-hsien, "Hochschätzung der Würdigen" usw. Gelegentlich scheinen Erwägungen formaler Art bei der Zusammenstellung eines Kapitels verantwortlich gewesen zu sein, so bei Kapitel 16 Shuo-ts'ung, "Gebüsch (d.h. Sammlung) von Argumenten", das dann überwiegend Zitat- und Spruchgut zu enthalten scheint.

Die Zahl der Abschnitte in den einzelnen Kapitel variiert zwischen 21 (Kap. 12) und 56 (Kap. 17), wobei noch der Sonderfall des Kapitels 16 mit seinen 211 Abschnitten hinzukommt. Insgesamt sind das 845 Abschnitte. Diese Zahlen beruhen auf der Zählung der Edition der ICS-Konkordanz, die nicht als endgültig angesehen werden darf. Diese Edition führt überdies in einem Kapitel 21 insgesamt 68 i-wen genannte Abschnitte auf - spätere zitatweise Bezeugungen des Shuo-yüan, die im textus receptus ohne Entsprechung sind.

Für die meisten Abschnitte des Shuo-yüan lassen sich Parallelen in der sonstigen klassischen und spätklassischen Literatur nachweisen. Auch wenn diese Parallelen in Textsammlungen stehen, die älter als das Shuo-yüan eingeschätzt werden, stellt dieser Umstand noch keineswegs sicher, daß Liu Hsiang oder ein sonstiger Kompilator dann aus eben diesen geschöpft habe. Manchmal allerdings sind solche Textbezüge aufweisbar, vor allem beim Han-shih wai-chuan. In seiner Übersetzung dieses Werkes hat Robert Hightower solche Übernahmen aus dem Han-shih wai-chuan ins Shuo-yüan sorgfältig aufgewiesen. Nicht in allen Fällen, wohl jedoch in den meisten, wird man sich seinen knappen diesbezüglichen Einschätzungen anschließen dürfen. Sonst kann man über die Herkunft der SY-Texte nur müßig spekulieren.

Am Anfang mancher Kapitel steht eine längere traktathafte Einführung, zum Beispiel bei den Kapiteln 2, 4 und 5. Gerne möchte man hierin Hinweise darauf erblicken, daß solche Einführungen im ursprünglichen Text zu allen Kapiteln gehört haben, aber auch das läßt sich einstweilen nicht weiter begründen.

Wie gesagt, bei der überwiegenden Zahl der Abschnitte im Shuo-yüan handelt es sich um historische Anekdoten. Diese ließen sich wohl in aller möglichen Hinsicht untersuchen. Hier mag der ungefähre
Hinweis genügen, daß diese sich meistens um Persönlichkeiten aus der Ch'un-ch'iu-Zeit (722-479) ranken. Ein beträchtlicher Teil befaßt sich auch mit solchen aus der anschließenden Chan-kuo-Zeit (478-222). Gering ist die Zahl der Anekdoten, die noch frühere Zeiten behandeln oder gar Personen aus der Han-Dynastie, unter welcher Liu Hsiang wirkte. Dabei ist klar, daß auch über diese Zeiten anekdotenhafte Erzählungen überliefert sind. Liu Hsiang wird seine Gründe gehabt haben, warum er diese nur beiläufig heranzog.

Wie bei Anekdoten nicht weiter verwunderlich, beginnen die einzelnen Abschnitte im SY in der Regel mit einem Personennamen, und nach Lage der Dinge ist das meistens der eines Fürsten. Ungefähr bei 200 Abschnitten ist das der Fall. Dabei begegnen, von mythischen Herrschern abgesehen, folgende Namensformen:
1.   Staatsname/posthumer/Name/Titel   ca. 140 mal
2.   posthumer/Name/Titel   ca. 45 mal
3.   Staatsname/Titel   ca. 14 mal
4.   Staatsname/Titel/Rufname   ca. 4 mal
Abgesehen von der Sonderform 4, die hier nur bei Königen von Wu vorkommt, ist nur die Namensform 1 eindeutig in dem Sinne, daß sie die gemeinte Person zweifelsfrei erkennen läßt. Bei der Namensform 3 war der Name des jeweiligen Fürsten wahrscheinlich nicht bekannt, aber wie verhält es sich bei der doch der recht umfangreichen Gruppe 2? Warum bezeichnet Liu Hsiang die hier gemeinten Fürsten nicht eindeutig, obwohl es ihm doch augenscheinlich auf korrekte und klare Bezeichnungen ankam? Von einigen Han-Kaisern abgesehen, gehören zu dieser Gruppe folgende Namen: König Wen, König Wu, König Ch'eng, Herzog T'ai// Herzog Huan, Herzog Wen// Herzog Ai, Herzog Ching.

So uneindeutig, wie zunächst vermutet, sind diese Namensformen nicht. Die vier Namen der ersten Gruppe sind die der drei ersten Herrscher der Chou-Dynastie und eines ihrer wichtigsten Berater. Bei ihnen hätte sich wohl beinahe verboten, den Namen noch die dynastische Bezeichnung hinzuzufügen. Bei den Namen der zweiten Gruppe kommen einem ohne weiteres die Namen des Herzogs Huan von Ch'i (685-644) und des Herzogs Wen von Chin (636-628) in den Sinn, die als die beiden berühmten ersten "Hegemonen" eine herausragende Bedeutung hatten. Die Lektüre dieser Anekdoten lehrt dann auch, daß tatsächlich sie gemeint sind. Der Fall des Herzogs Ai, der nur zweimal so uneindeutig bezeichnet wird (8.10, 18.27), läßt sich wohl vernachlässigen, doch wer verbirgt sich hinter dem ominösen Herzog Ching, der immerhin 12 mal so erscheint, ohne daß die Nennung seines Staates ihn korrekt identifizierte: 2.14, 5.10, 5.11, 5.12, 7.43, 9.15, 9.16, 9.17, 9.18, 9.19, 12.14, 18.30.

Von den bekannteren Trägern dieses posthumen Namens kommen ohne weiteres Herzog Ching von Chin (559-520), Herzog Ching von Ch'in (576-536) und Herzog Ching von Ch'i (547-489) in den Sinn, zusätzlich wenigstens noch Herzog Ching von Ts'ai (591-543) und Herzog Ching von Sung (516-453). Überraschenderweise verbindet diese neben dem gemeinsamen posthumen Namen auch der Umstand, daß sie sämtlich eine sehr lange Zeit auf dem jeweiligen Thron verweilten.

Nun wäre denkbar, daß die Identität dieses Herzogs Ching auf andere Weise zweifelsfrei erkennbar wäre - etwa dadurch, daß der vorangehende Abschnitt den Staat behandelte, dem dieser Herzog angehörte. In anderen Fällen verfährt das SY zwar nicht so, und so ergibt auch eine entsprechende Prüfung hier, bei Herzog Ching, keinerlei eindeutige Hinweise: Personen aus fünf Staaten, keineswegs alle Fürsten, stehen am Anfang der Anekdoten vor diesen Nennungen des Herzogs Ching. Der Grund für die Auslassung des Staatsnamens in diesen 12 Fällen ist jedoch leicht zu finden: Unachtsamkeit.

In der gesamten klassischen und spätklassischen Literatur gibt es nur einen einzigen Text, in dem die Nennung eines Herzogs Ching ohne Hinzufügung des Staatsnamens vollkommen eindeutig ist. Es handelt sich um das Yen-tzu ch'un-ch'iu (YTCC), "Frühling und Herbst des Meister Yen". Dieser Text umfaßt, in acht Kapiteln, 215 Anekdoten, die um die Gestalt des Yen Ying kreisen. Dieser wohl bedeutende Staatsmann war einer der engsten Berater des Herzogs Ching von Ch'i, der demgemäß in den meisten Stücken des YTCC eine wichtige Rolle spielt. Nicht wenige von diesen beginnen mit einer Frage von ihm an Yen Ying.

Alle oben angeführten zwölf Abschnitte im SY haben denn auch eine Parallele im YTCC, meistens eine variantenarme. Insgesamt enthält das SY ca. 45 solcher Anekdoten um Yen Ying. Angesichts dessen liegt auf der Hand, daß Liu Hsiang bei der Kompilation des SY das ebenfalls durch ihn kompilierte YTCC ausgeschöpft hat. Während er bei den zahlreicheren anderen Übernahmen das "Herzog Ching" zu dem -im YTCC nicht erforderlichen- "von Ch'i" ergänzt hatte, hatte er das in diesen zwölf Fällen schlicht vergessen. Hiermit dürfte klar sein, daß das SY aus dem YTCC übernahm, nicht etwa umgekehrt. Bestätigt wird das dadurch, daß die Anekdoten um Herzog und Ching und Yen-tzu im SY manchmal sequenzenweise begegnen.
SY 2.11   SY 5.8   SY 9.15   SY 12.12
SY 2.12   SY 5.10   SY 9.16   SY 12.13
SY 2.13   SY 5.11   SY 9.17   SY 12.14
SY 2.14   SY 5.12   SY 9.18   SY 12.15
SY 2.15       SY 9.19   SY 12.16
SY 2.19       SY 9.26    
Schön wäre natürlich, wenn solche Anekdoten auch im YTCC in der gleichen Reihenfolge erschienen. Das ist jedoch nur ansatzweise der Fall:
SY 5.8   = YTCC 5.14   SY 12.12   = YTCC 6.8
SY 5.10   = YTCC 5.9   SY 12.13   = YTCC 7.17
SY 5.11   = YTCC 5.10   SY 12.14   = YTCC 6.11
SY 5.12   = YTCC 5.8   SY 12.15   = YTCC 6.10
        SY 12.16   = YTCC 6.9
Hiernach kann zwar als sicher gelten, daß Liu Hsiang sich bei der Kompilation des Shuo-yüan einer geschlossenen Sammlung von Yen-tzu/Überlieferungen bediente - oder mehrerer. Vielleicht bildete nicht das von ihm redigierte YTCC seine unmittelbare Quelle, sondern das waren ihm zur Verfügung stehende Vorläufer/Teil-Sammlungen gleich jener, die vor einiger Zeit aus einer Grabbibliothek ans Licht kam.

Nicht verschwiegen sei allerdings, daß bei beiden Texten, SY wie YTCC, der leise Verdacht besteht, daß der jeweilige textus receptus auf eine spätere Rekompilation zurückgeht, zwischen Liu Hsiang und dem überlieferten Text also eine weitere Bearbeitung anzusetzen ist. Ohne detaillierte Untersuchung läßt sich dieser gelinde Verdacht jedoch weder bestätigen noch ausräumen.
 
 
 

Über die Rasen-SA

Anscheinend wirkt da ein Pawlowscher Reflex! Wann immer ein Zug der U-Bahn in eine Haltestelle, beispielsweise die an der Hallerstraße, einläuft, eilt irgendjemand die Treppen hinab und stürmt in mehr oder minder anmutigem Laufstil oder gar schnaufend auf den haltenden Zug zu. Er will unbedingt noch mit diesem seine Fahrt eintreten, und nicht wenige rütteln zu diesem Zweck brachial an den Türen, die sich bereits schlossen. Dabei fährt der nächste Zug, mit einiger Zuverlässigkeit, bereits in fünf Minuten.

Manchmal kommt es in einem Leben auf Minuten, vielleicht Sekunden an. Gilt das in diesen Augenblicken auch für solche U-Bahn-Stürmer? Meistens wohl nicht. Warum studieren sie nicht gelassen in solchen gewonnenen Mußeminuten die Angebote für Kulturprogramme an den Anschlagtafeln oder blicken, auf und ab gehend, ein wenig in die eigene Seele? Alle würden, wenn sie sich Rechenschaft ablegten, zugeben müssen, daß sie viele Minuten des Tages auf ungleich sinnlosere Weise zubringen. Angeblich sind für männliche US-Autofahrer die täglichen Stunden im Stau die schönsten am Tage: Kassetten hören, nachsinnen, niemand redet einen an!

Vor einigen Jahren prangte vor der U-Bahn-Station Hallerstraße ein saftiger Rasen. Im Hintergrund liegt dort der bescheidene Pavillon der berühmten Buchhandlung Stolterfoth. Jetzt wird dieser Rasen von häßlichen Trampelpfaden durchtrennt, und bald wird er verschwunden sein. Angesichts Hamburger klimatischer Gegebenheiten sind diese "Abkürzungen" überdies meistens vermatscht. Der Zeitgewinn für die Trampler, die nicht die gebahnten Wege nutzen mochten und die für diese Häßlichkeiten verantwortlich sind, betrug vielleicht fünf Sekunden.

Rasen-SA

Zu der Buchhandlung führt, übrigens, ein solcher Trampelpfad nicht. Ihre Kunden sind die bedachteren Menschen. Sie suchen nicht irgendein Schnäppchen aus dem Ramsch als Weihnachtsgeschenk. Sicher können sie jedoch sein, daß dort stets ein paar Bücher bereitliegen, die Reich-Ranicki oder andere nicht angepriesen haben, die aber auf irgendeine Weise "besonders" sind und die in keiner anderen HH-Buchhandlung ausliegen. Unter Eingeweihten hat diese Buchhandlung deshalb so etwas wie einen "Kultstatus" erworben, und diese ruinieren eben nicht einen schönen Rasen, sondern folgen im Alltag den gebahnten Wegen, selbst wenn sie in ihren Köpfen ungewöhnliche beschreiten.

Im Sommer des vergangenen Jahres weckte unser "Der Mörder ist immer der Gärtner"-Barde Reinhard Mey "BILD"- und andere Erregungen, als er die beflissenen Rasenmäher auf seiner Ferieninsel "Rasen-Nazis" schimpfte. Den Tramplern, die allüberall durch ihren Drang nach Kürzest-Abkürzungen zerstören, gebührt die Bezeichnung oben: dumm, stur, rücksichtslos, eben SA.
 
 
 

Die unglaubliche Verschwendung: Kalendergeschenke

Da liegen sie wieder, wie in beinahe jedem Jahr: neun Wand- und fünf Tischkalender, die meisten ansehnlich bis prachtvoll gestaltet - wohlmeinende Gaben von Personen und Institutionen. Herrliche Ansichten zeigen die Ostseeküste und Frankreichs Kathedralen, mittelalterliche Buchmalerei ist ebenso vertreten wie chinesische Neujahrholzschnittkunst, südchinesische Landschaften kommen hinzu, Wunderfunde der Weltarchäologie ebenfalls, auch Hamburger Szenerien natürlich.

Eine ganze große Wohnzimmerwand ließe sich damit schmücken, mit den Tischkalendern die ganze Schreibtischoberfläche. Wer braucht so viel Kalender gleichzeitig, von ihren unterschiedlichen Praktikabilitäten zu schweigen? Und eigentlich sind Wohnzimmerwände und Schreibtischflächen doch anderen Dingen vorbehalten.

Immerhin, ein Kalender paßt in eine Küchenecke. Und einen bestimmten Tischkalender erwarte ich alljährlich neugierig, denn er bietet stets reiches Anschauungsmaterial zur chinesischen Kulturgeschichte. Der für das Jahr 2003 ist chinesischen Hochzeitbräuchen gewidmet, mit einigen dutzend Abbildungsseiten. Den werde ich aufbewahren!

Was aber wird mit den anderen? Verschenken? Die meisten Bekannten erhielten ebensoviel Kalender, wenn nicht mehr, und soll ich sie - zusätzlich und aus Bosheit - mit einem weiteren belasten? Entsorgen? Dafür sind diese Blätter mit ihren schönen Abbildungen viel zu prachtvoll, auch glanzvoll gedruckt. - Bei dem zweiten Glas Wein kommt mir eine Idee. Bei einem dritten dann soll diese reifen - und dieses dritte Glas Wein, ein Dornfelder Roter, nebenbei bemerkt, soll auch allen Lesern dieser Notizen gewidmet sein, als Gruß ins neue Jahr.

Einem Leser dieser Notizen, einem altvertrauten Bürschchen namens Uwe, verdanke ich übrigens einen neuen Korkenzieher (siehe HCN 20). Mit diesem Präsent verband er die Ankündigung, demnächst für einige Tage nach HH kommen zu wollen und eine Kiste voll Wein mitzubringen - gefüllt nach meiner Wahl. Na, der wird sich wundern!
 
 
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