Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 21
12. Januar 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein vergessener China-Enthusiast

Albert Ehrenstein Harenbergs fünfbändiges "Lexikon der Weltliteratur", das manchem deutschen Winkelschreiber einen Eintrag widmet, kennt seinen Namen nicht mehr: Albert Ehrenstein (*23.12.1886 in Wien, + 8.4.1950 in New York). Schon die äußeren Daten lassen etwas von der Tragik dieses Lebens ahnen. In einfachen Verhältnissen in Wien geboren, machte sich Ehrenstein durch erste Schriften im Geist des Expressionismus einen Namen. Schon seine zweite größere Veröffentlichung, der Erzählband "Der Selbstmord eines Katers" von 1912 enthält einen Chinatext, "Tai-Gin" überschrieben.

China sollte ihn nicht mehr loslassen. Im Unterschied zu anderen Chinajüngern der Zeit, die China für ihre Selbstspiegelungen nutzten, reiste er einmal nach dort. 1932 emigrierte er aus Deutschland, zunächst nach Zürich, 1941 dann nach New York, wo er verbittert, einsam und arm starb - sogar in der Literatenszene vergessen. Interessant sind noch heute seine Übersetzungen aus dem klassischen "Buch der Lieder", die er nach älteren Übersetzungen frei, aber ausdruckstark gestaltete. Ein Beispiel:
Klage

Schweigend senkt der Reis die schweren Häupter
Und die Hirse reift heran;
Zwischenhin wank ich Betäubter,
Der sein Herz nicht halten kann.
O du blauer Himmel hoch
Über uns erhaben,
O wie lange läßt du noch
Uns im Leid begraben?!

Schweigend senkt der Reis die vollen Ähren,
Und die braune Hirse reift.
O des Segens, der uns nie wird nähren -
Unheil schon zur Sichel greift.
O du blauer Himmel hoch
Über uns erhaben,
O wie lange läßt du noch
Uns im Leid begraben?!

Schweigend senkt der Reis die reichen Spitzen,
Opferhirse reift ihm nach,
Wir genießen nicht, was wir besitzen;
In der Brust erstirbt das Ach.
O du blauer Himmel hoch
Über uns erhaben,
Lässest du, wie lange noch,
uns im Leid begraben?
Natürlich lassen sich solche Übersetzungen erst würdigen, wenn auch Text und Übersetzungsvorlagen betrachtet werden, doch gesagt sei schon einmal, daß der große englische Übersetzer und Sinologe Arthur Waley, dessen Übersetzung des "Buch der Lieder" sogar in englischen Literaturgeschichten Eingang fand, Ehrenstein hoch rühmte. Er war ihm wohl geistesverwandt, in der Lebenshaltung wie in der Art zu übersetzen. - Immer wieder kam Ehrenstein in seinen Werken nach China. Weil in einer früheren Folge dieser Notizen einmal einige dichterische Aneignungen des berühmten Schmetterlingstraumes von Chuang Chou angeführt wurden, soll hier noch die von Ehrenstein folgen, bei der er sich an ein Gedicht von Li Po hielt:
Im Traum uralter Dsuang Tzu
Sich schaukelte als Falter
Vielleicht aber sich verfing
Ein armer Schmetterling,
Alpträumte immerzu,
Er wär der weise Dsuang Tzu.
Jedes Wesen wandelt halt seine Gestalt,
Unendlichen Wechsel speit diese Welt.
Ach, auch das Gespenster-Meer wird leicht
Wieder klar, flach und bachseicht!
Tschin Men, der Melonenbauer vom Blauen Tor
Ragte einst als Fürst über Reiche empor.
Sein Schlachtschwert stak dann treu bis ans Heft
Im Kürbisgeschäft.
Vielleicht aber in Gewissensbissen
Wähnte edel sein Schädel,
Er wär ein verkümmerter Kürbis.
Wer kann das wissen?

Kürt keinen Kürbis zum Kopf,
Sonst zerhackt euch das Schlachtschwert den Kropf.
Nicht, daß ich diese "Aneignung" als sonderlich gelungen ansähe! Trotzdem lohnte das China-Werk des Albert Ehrenstein eine genauere sinologische Betrachtung, zumal seine Sämtlichen Werke inzwischen in sorgfältiger Bearbeitung vorzuliegen scheinen.
 
 
 

Von Hunden und anderen Menschen, auch von Chinesen

Verdrossen schreiten das deutsche Volk und der Berichterstatter in das Jahr 2003. Trübe sind die Aussichten, bei Wetter und Wirtschaft, und auch die vergangenen Festlichkeiten waren düster. Die Stiftung Warentest hatte vor den weihnachtlichen Lichterketten aus Fernost gewarnt: gefährlich und teuer! Eine Zehn-Meter-Kette verbrauche vom ersten Advent bis zum Dreikönigstag, errechnete die WamS am 15.12.2002, Strom für 22 Euro, "das entspricht ungefähr dem Jahresverbrauch eines Tisch-Kühlschranks ohne Gefrierfach." Sicher richtig, aber wer hat schon einen solchen! Nicht ohne Häme warnte die FAZ dann am 28.12. vor den Silvesterfeuerwerken aus China: "Das erste Silvesterfeuerwerk brannte schon im November", titelte sie, und spielte feinsinnig darauf an, daß in den Gewässern von Sri Lanka auf dem in Hamburg bereederten Frachter "Hanjin Pennsylvania" Feuerwerkskörper aus China "über Wochen für ein Feuerwerk auf hoher See" sorgten, weil sie sich vorzeitig selbst entzündet hatten. Keine Lichterkette an der Hamburger Wohnung, kein Silvesterfeuerwerk vor dem Haus! Da blieb dem Berichterstatter nichts anderes übrig, als sich an Heiligabend auf die Reise zu begeben. Dank des ausgeklügelten Schlechtwettermanagements der Deutschen Bahn dauerte die Fahrt, für die drei Stunden vorgesehen waren, dann ganze sechzehn - und so war bei der Ankunft am Zielbahnhof Weihnachten schon beinahe vorüber, ohne weitere Schädigungen. Bahn-Chef und Bahn-Pressesprecher kommentierten dergleichen Weihnachtsfreude auf unübertroffen rotzige Weise.

Da erheitert auch die Erinnerung an Presseberichte nicht, die vier Wochen vorher erschienen waren: "Urahn aller Hunde war Chinese", überschrieb das HA am 25. November einen langen Artikel, die FAS hatte am 24. eine ganze Seite für das Thema übrig gehabt, und unvergleichlich klug war wieder einmal die "Zeit", vier Tage später, ebenfalls ganzseitig: "Hunde sind bessere Menschen als unsere nächsten Verwandten." Diesen Beitrag hat der Berichterstatter sogleich seinem Bruder übermittelt, mit freundlichen Grüßen. - Thema solcher Artikelflut war, daß Molukularbiologen herausgefunden haben wollen, daß sämtliche Hunderassen auf eine Urhündin zurückgehen sollen, die in China lebte. Unsere Freunde dort wird das freuen: Wenn schon der Urmensch aus Afrika stammen soll, dann doch wenigstens der Urhund von ihnen. "Seit 15000 Jahren sind Mensch und Hund ein Paar", wußte die "Zeit" ferner. Wie sie das wohl gemeint hat? Gewiß weiß sie nicht, daß der Hund im Alten China eher als ziemlich bärbeißig galt, keineswegs als ein Schoßhündchen mit Schlabberzunge.

Dem 16. Parteitag der KP Chinas hatte die deutsche Presse viel weniger Raum gewidmet als dem Hundethema. "Who's Hu?" fragten mit der WamS am 3. November beinahe alle Zeitungen. Sie hätten sich leicht vorab informieren können, wenn sie Lust dazu gehabt hätten. Darin unterscheiden sie sich deutlich von US Präsident Bush. Das HA "dokumentierte" am 7./8.12. eine Unterredung zwischen diesem und seiner Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice, gekürzt, aber ebenfalls unter der Überschrift
"Who is Hu?":

Rice: Sir, I have the report here about the new leader of China."
Bush: Great. Lay it on me.
Rice: Hu is the new leader of China.
Bush: That's what I want to know.
Rice: That's what I am telling you.
Bush: That's what I am asking you. Who is the new leader of China?
Rice: Yes.
Bush: I mean the fellow's name.
Rice: Hu.
Bush: The guy in China.
Rice: Hu.
Bush: The new leader of China.
Rice: Hu.
Bush: The Chinaman!
Rice: Hu is leading China.
Bush: Now whaddya' asking me for?
Rice: I'm telling you Hu is leading China.
Bush: Well, I'm asking you. Who is leading China?
Rice: That's the man's name.
Bush: Thats who's name?
Rice: Yes.
Usw., usw.: Hu/Who! - Man muß Präsident Bush nicht lieben, wohl aber die Marienkäferchen, die Gottestierchen oder wie sie sonst noch heißen. Jetzt kriechen sie wieder aus Hausritzen und anderen dunklen Ecken, unerklärlicherweise, denn ihre Lieblingskost, die Blattläuse, finden sie jetzt nicht. Ihr Liebhaber sollte jedoch achtgeben - auf die Färbung und die Zahl der Punkte. Sind sie nämlich hellgelb oder weisen gar neunzehn Punkte auf, dann könnte es sich ebenfalls um Chinesen handeln, die sich hier eingeschlichen haben, erheblich gefräßiger sind als ihre deutschen Artgenossen und diese zu verdrängen drohen, wie manche Postille befürchtete. Sie kamen ebenso verschwiegen wie die Gebisse aus Chinas, die etliche Zahnklempner verarbeiteten, aber deutsche Preise in Rechnung stellten - den Staatsanwälten zur Freude. Da ist doch ein weiterer China-Import zu loben, der Chinesische Staatszirkus! Unter dem Motto "Shanghai ZENsation" erfreut er schon wieder wochenlang die Hamburger Hansestädter.

Ja, und dann war die deutsche Presse silvesterlich durch den Transrapid bewegt. Dieser China-Export hob das Selbstbewußtsein des Bundeskanzlers beträchtlich, zugleich das der ganzen deutschen Nation. Bald wollen wir alle jetzt einen solchen Schnellzug haben, den festen Blick in die Zukunft gerichtet! Nur mit dem Geld und der Bauzeit hapert es ein wenig, im Vergleich mit Shanghai jedenfalls, und schnell erscholl der Ruf nach vermehrter Staatsknete dafür, denn die beteiligten Industrien trauen dieser Zukunft offenbar nicht. Wie lautet doch der Ruf, der gegenwärtig die Lande durchgeistert: "Mehr privates Engagement!" Solches hat ein Tischtennisspieler namens Boll gezeigt. Seit Jahresbeginn steht er an der Spitze der Weltrangliste, vor allen chinesischen Tischtenniskünstlern. Boll - Deutschlands Hoffnung? Leider wird der Vorbildcharakter des Tischtennissports hierzulande kaum wahrgenommen.

MoPo 2002-11-23

HH-Bürgermeister von Beust war nicht zur Einweihung nach Shanghai gejettet. War er durch die Partnerstadt nicht eingeladen oder schämte er sich einfach. Im November hatte eine Hamburger Delegation dort Aufsehen erregt (siehe die Abb., MoPo 23.11.2002). "Oben ohne in Shanghai" titelte das Abendblatt am 25. 11., doch die MoPo wußte es zwei Tage vorher ganz anders: "Hamburg ließ die Hosen runter". Was war nun in Shanghai bloß und nackt - gar alles bei den paar Stripperinnen, welche die Freie und Hansestadt bei der Tourismus-Messe dort repräsentierten? Zwanzig Sekunden währte der Akt, doch die chinesischen Gastgeber waren so flink und geistesgegenwärtig, schnell das Licht auszuknipsen. "Ein großer Erfolg", sei der Auftritt in Shanghai gewesen, wußte der HH Tourismus-Verantwortliche Dietrich von Albedyll.

Hamburger Abendblatt 2002-12-14/15

Auch sonst versteckt sich Hamburg in Shanghai nicht. Über das Konzept des HH Architekten-Teams um Meinhard von Gerkan für die "Luchao Harbour City" in Shanghai titelte das Abendblatt Mitte Dezember stolz: "Hamburger bauen ein zweites Hamburg in China". Eine Computer-Simulation (Abb. HA 14.,/15.12.2002) erinnert tatsächlich an Jungfernstieg und Binnenalster. Warum aber sollen die Shanghaier dann nach Hamburg reisen? Mit den Stripp- und Liebesjungfern von der Reeperbahn dürfen sie nicht gelockt werden, und den betulichen Jungfernstieg haben sie dann vor der eigenen Tür, allerdings in Hochglanz-Version. Vielleicht sollte man in Shanghai einmal mit dem Klopstock-Grab an der Christus-Kirche werben, mit Frau Jaschke und, nach "Birnen, Bohnen und Speck", mit einer weiteren hiesigen kulinarischen Köstlichkeit: Labskaus.

Am 21. November beschloß das HA eine Betrachtung über die dunkle Jahreszeit mit einem Wort des Konfuzius: "Es ist besser, ein kleines Licht zu entzünden, als über große Dunkelheit zu fluchen." Welcher Kalenderspruch-Verfasser hat das wohl erfunden? An diesem Wochenende allerdings, am 4./5. Januar 2003, an welchem diese Notizen geschrieben werden, liegt Hamburg unter hellem Licht: Schnee fiel. Er liegt auf vielen Wegen und Rasenflächen, bedeckt die Zweige der Bäume und Sträucher - immer wieder ein zauberhaftes Bild!
 
 
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