Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 21
12. Januar 2003
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein "Bildungsmarathon" für die universitas!

Alle paar Jahrzehnte, gemeinhin alle drei, legen es bestimmte politische und gesellschaftliche Kräfte darauf an, die Institution der Universität zu "erneuern". Die Nazis schufen sich die Führer- und SA-Universität mit ihren Dozentenbünden, nach dem 2. Weltkrieg erstand die kaiserliche Ordinarien-Universität neu, im Gefolge der 1968er Erörterungen wurde der Ruf nach einer Gruppen-Universität gehört - und jetzt? Jetzt soll die betriebswirtschaftlich orientierte Stromlinien-Universität folgen, mit durchsetzungsfreudigen Managern als Rektor/Präsident und als Dekanen. Anweisung und Ausführung soll zu ihren Prinzipien gehören, schön von oben nach unten, ohne viele überflüssige Diskussionen: "Rechnen" soll sich alles.

Bildungsmarathon

Wer immer solche "Erneuerungen" betreibt, gelernte Unternehmensberater zumal - er hat von der Institution Universität nichts verstanden. Zumindest ist ihm nicht bewußt, daß hinter dieser Bezeichnung Universität noch immer das alte universitas steckt, das die Gesamtheit der Wissenschaften und des Wiß- und Erkennbaren meinte. Heutzutage ernennen sich sogar Klitschen, nicht selten private Gründungen, mit einer sehr überschaubaren Zahl von Studiengängen zu Universitäten, ohne Widerstand zu begegnen. Und die großen alten "Schlachtschiffe" von Universitäten nehmen keinen Anstand daran, ganze Studiengänge und -fächer zu streichen, wenn es dem Rotstift der Streichkommissare gefällt. Ein bißchen Klagegeschrei hier, ein Schulterzucken dort - und das war's! Dabei hatte die universitas in ihren glanzvolleren Zeiten längst vorausgenommen, was Politiker und Leute der Wirtschaft erst vor wenigen Jahren als "Globalisierung" entdeckten und für deren mißverstandene Umsetzung zig Milliarden Steuer- und Aktionärsgelder in den Sand setzten, um sich dann, ausgestattet mit ansehnlichen Pensionen oder Abfindungen, ins Privatleben zurückzuziehen.

Die universitas war niemandem in Staat und Gesellschaft ein Freund. Sie war allein sich und dem Ethos der Wissenschaft verpflichtet. Das wußte nicht jeder in ihr und nicht zu allen Zeiten zu wahren, doch alles in allem legte sie Generationen von Studierenden Grundlagen einer Bildung, von der diese bei ihren späteren Aufgaben in Beruf und Öffentlichkeit zehren konnten, als freie und zu selbständigem Denken aufgeforderte Menschen. Das war nicht immer jedermann liebsam, doch vergleichsweise selten blieben die repressiven Eingriffe in die Institution und das Ethos der universitas.

Bildungsmarathon

"Der Forschung, der Lehre, der Bildung" lautet das Motto der Universität Hamburg, über deren Hauptportal in unvergänglichen Stein gemeißelt. Nicht einmal hundert Jahre behielt es Gültigkeit, denn jetzt soll aus der Bildung die zielgerichtete, sich "rechnende" Ausbildung werden, die Lehre zum straffen Einpauken von praxisbezogenen Kenntnissen, und als Forschung gilt vielen ohnehin nur noch das, was sich für "cash and carry" nutzen läßt. Die jungen Studierenden mit ihrem feinen Gefühl für die Abwegigkeiten solch kurzsichtiger "Erneuerungen" haben das klarer erkannt als viele ihrer akademischen Lehrer, die in das institutionelle Geflecht ihrer Universität stärker eingebunden sind. Sie protestierten vehement gegen solche Strategien, die Universitäten nutzbar zu machen - und die selbstverantwortlich bestimmten Studienwege zahlbar.

Seit den 1968er Jahren haben die Studierenden öfter "gestreikt". Die Anlässe waren unterschiedlich, doch angesichts der bevorstehenden Umbrüche schien ihnen dieses Mittel nicht mehr zu passen. So riefen die Studierenden des AAI für den 3. bis 5. Dezember 2002 zu einem "Bildungsmarathon" auf. Rund um die Uhr, das heißt vor allem in der Nacht, wollten sie ihren Anspruch auf Bildung, nicht bloßer Ausbildung, zeigen, neben den üblichen Lehrveranstaltungen. Sie organisierten solche Lehrveranstaltungen und baten auch die offiziell Lehrenden um Mitwirkung.

Bildungsmarathon

Ein begeisterndes und abwechslungsreiches Programm kam zustande, und viele Veranstaltungen dieses "Bildungsmarathons" waren weit besser besucht als die alltäglichen. Viele suchten die Veranstaltungen anderer Studienfächer auf und zeigten so, daß sie über den Horizont ihrer Fächer hinausblicken wollen. Nicht wenige auch hielten die ganze Nacht im Institutsgebäude des AAI aus, rollten sich vielleicht in einer Ecke auf einer Matte zusammen, um zwischendurch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, oder schlugen draußen Zelte auf, während im präsidialen Hauptgebäude nebenan tiefste Dunkelheit herrschte. Andere sorgten für Verköstigung und Getränke, und insgesamt erschien das dem teilnehmenden Betrachter als ein zukunftsträchtiges Unternehmen. Er hat das Programm und einiges sonst archiviert, damit die Erinnerung daran auch nach Jahrzehnten belebt werden kann.

Bildungsmarathon

Dahingestellt sei, wie groß die politische Wirkung dieses "Bildungs-Marathons" gewesen ist und ob eine weitere Öffentlichkeit davon Kenntnis erhielt. Manche Zeitung berichtete jedenfalls, auch mancher Rundfunksender, doch immer nur kurz. Die Uni HH ist der Hamburger Öffentlichkeit immer noch weniger Aufmerksamkeit wert als, beispielsweise, die Schwäne von der Alster. Über deren Umzug ins Winterquartier wird alljährlich im Dezember ausführlich berichtet.

Wichtiger als diese öffentliche und manche andere Wirkung des "Bildungsmarathons" ist etwas ganz anderes: Die Studierenden des erst vor zwei Jahren gegründeten AAI haben gemeinsam fach- und regionenübergreifend gehandelt und damit dokumentiert, daß sie den Anspruch und die Zielsetzung dieser Gründung begriffen haben und versuchen, dem gerecht zu werden. Damit sind sie weiter als mancher bestallte und besoldete Angehörige des Instituts.
 
 
 

Die Buchmacher der HSG

Das Wort Buchmacher scheint in der deutschen Sprache einen schillernden Sinn zu haben: "Vermittler von Pferdewetten" kennt das "Große Duden-Wörterbuch der deutschen Sprache" von 1990 als einzige Bedeutung - als Anglizismus für "book maker": wie die meisten Anglizismen verunglückt. Die Urheber derselben gebieten eben stets nur über ein Basis-Vokabular in beiden Sprachen.

Das "Machen" eines Buches, jetzt in etwas genauerem Sinn, erinnert trotzdem ein wenig an ein Galopp-Rennen auf der Rennbahn Hamburg-Farmsen, mit den dazugehörigen Wetten - und manchmal den Hutkreationen, welche die Damen der HH-Gesellschaft und andere Damen dort vorzuführen belieben.

Hamburger Sinologische Schriften (HSS) Die Wissenschaft, die dann zu der gedruckten Umsetzung ihrer Erkenntnisse zur Unterrichtung der wissenschaftlichen Gemeinschaft drängt oder nötigt, ist schon ein Ding für sich: schwierig genug, und nur selten erreichen die Strebenden das, was zur Wissenschaft gehört. Noch schwieriger scheint manchmal zu sein, gefundene Einsicht auch ins Licht der Öffentlichkeit, wenigstens der jeweiligen wissenschaftlichen communitas, zu befördern.

Ein Lied darüber und manches weitere könnte Dr. Martin Hanke singen. Er betreut Drucklegung und Vertrieb der "Hamburger Sinologischen Schriften" (HSS), die - von der Hamburger Sinologischen Gesellschaft herausgegeben - in der ChinA des AAI erscheinen. Dezent verschweigt der Berichterstatter, wie sich dabei manche Herausgeberin oder mancher Autor eines Bandes plustern - als befänden sie sich nicht im Reich der Wissenschaft, sondern auf irgendeiner Rennbahn. Erfreulicherweise sind das die Ausnahmen, doch sonst bleibt genug an handwerklichem Kleinkram zu bewältigen, bevor ein Buch erscheint.

Trotzdem gelang es Martin Hanke, pünktlich zum vorgesehenen Erscheinungstermin Band 8 dieser Schriftenreihe, einen Doppelband sogar, fertigzustellen. Ein Prospekt über die ersten Bände liegt vor, und die nächsten Bände werden gerade vorbereitet. Mehr als vier Bände je Jahr lassen sich, angesichts des allfälligen Arbeitsaufwandes und in der Freizeit, wohl nicht schaffen. Auch das wäre schwerlich möglich, wenn Martin Hanke dabei nicht mit seiner Frau, Dr. Dorothee Schaab-Hanke, bis vor kurzem Wissenschaftliche Assistentin in der ChinA, zusammenarbeiten könnte.

Dr. Dorothee Schaab-Hanke Die universitären Arbeitsregelungen sind manchmal unerbittlich. Zum 30. September 2002 mußte Dr. Dorothee Schaab-Hanke ihren Dienst in der ChinA quittieren: Ihr Dienstvertrag als Wissenschaftliche Assistentin endete, und eine Verlängerung war ausgeschlossen. Lange war sie dem einstigen ChinS verbunden gewesen, hatte hier mit einer Arbeit über einen hanzeitlichen Text über die Ideologie des Musikinstruments Ch'in, der sogenannten Griffbrettzither, deren Spiel sie bei Aufenthalten in China gelernt hatte, magistriert. Das Promotionsstudium schloß sich an, das sie mit einer vorzüglichen Dissertation über das Theater der T'ang-Zeit 1993 beendete. Ein längerer China-Aufenthalt folgte, bevor eine Auswahlkommission sie zur Wissenschaftlichen Assistentin berief.

In dieser Position widmete sie sich engagiert der Gestaltung ihrer Lehrveranstaltungen, allen voran dem Kurs "Einführung in das Klassische Chinesisch". Mehrere kleine Schriften zu unterschiedlichen Bereichen der frühen chinesischen Geistesgeschichte entstanden, und allmählich kristallisierte sich auch das Thema für ihre Habilitation, der höchsten und vornehmsten akademischen Prüfung, heraus. Diese Arbeit wird den Geheimnissen des Shih-chi von Ssu-ma Ch'ien (um 100 v. Chr.) gelten, dem Ahnherrn der chinesischen Geschichtsschreibung. Unter anderem und zusätzlich hat sie sich für die ChinA dadurch verdient gemacht, daß sie Kontakte zu Universitäten auf Taiwan pflegte, wo sie ein Semester lang eindrucksvoll unterrichtete.

Erfreulich ist, daß Dorothee Schaab-Hanke nach ihrem Aussscheiden aus universitären Diensten der ChinA verbunden bleibt, durch Lehraufträge und anderes, eben auch durch ihre Mitwirkung an der Herausgabe der "Hamburger Sinologischen Schriften". - Mancher mag bedauern, daß die arbeitsrechtlichen Regelungen an den Universitäten so gnadenlos sind, daß sie ein fruchtbares längeres Verweilen der Nachwuchswissenschaftler an ihnen ausschließen. Wer jedoch einmal den Geist der Wissenschaft begriffen hat, der empfindet auch Freude, wenn er sich ihm einige Zeit unabhängig von institutionellen Zwängen hingeben kann. - Das Foto zeigt sie an ihrem Geburtstag in diesem Jahr 2002, am 8. Juni - und ganz überraschend und erfreulicherweise mit Zigarette! Die ChinA ist immer noch ein kleines Raucher-Paradies.
 
 
 

Hundert Bildtafeln zur chinesischen Archäologie

Manchen Betrachter im Vorbeigehen mögen diese Bildtafeln altmodisch-befremdend angemutet haben. Andere betrachteten sie genauer, studierten sie genauer, und an einem stillen Sonnabend Vormittag hatte sich eine Dame mittleren Alters gar ins Foyer des AAI gesetzt, um stundenlang Motive aus diesen Bildern in ihren Skizzenblock zu übertragen.

Gemeint sind hundert Bildtafeln zu aufsehenerregenden archäologischen Funden in China. Das Generalkonsulat der VR China hatte sich an die China-Abteilung des AAI gewandt, ob diese eine Möglichkeit zu ihrer Ausstellung sehe. Das renommierte Institut für Archäologie an der Akademie für Sozialwissenschaften in Peking hatte die Tafeln zusammengestellt, das Ministerium für Kultur das Projekt gefördert. Sollte sich nicht das Foyer im AAI dafür eignen? Schon vor Baubeginn beim Flügelbau Ost waren sich Architekt, Vertreter des Bezirksamtes Eimsbüttel und Vertreter von Uni-Verwaltung und AAI einig gewesen, daß dieses Foyer ein öffentlicher Raum werden solle - als Einladung auch an die Bürger aus der Umgebung und der ganzen Stadt.

Die ersten fünfzig Bildtafeln dokumentierten wichtige Funde aus dem Neolithicum und der Bronzezeit in China, der zweite Teil der Austellung gab vor allem Funde aus dem China der Kaiserzeit, bis ungefähr zum Jahre 1600, wieder. Zwei entsprechende Kataloghefte stellten die dargestellten Fundstücke kurz dar. Das Aufsehen aber, das sie bei ihrer Entdeckung in der Welt der Wissenschaft und manchmal auch in einer größeren Öffentlichkeit geweckt hatten, konnten diese Hefte schlechterdings kaum vermitteln.

Hundert Bildtafeln zur chinesischen Archäologie

Selbst ein auf den ersten Blick unaufwendiges Projekt verlangt viel Arbeit, im Hintergrund. Die Drahtgestelle für die Aufhängung der Bildtafeln waren zu beschaffen, die Bildtafeln zu hängen, die Kurztexte über sie zu schreiben usw. usw. Da waren viele Helferinnen und Helfer notwendig. Die Vertreter der Fachschaft Sinologie, die sich schon stark für den "Bildungsmarathon" engagiert hatten, waren auch jetzt zur Hilfe bereit, und Thomas Hemstege - Künstler und Kunsterzieher, Poet dazu - richtete die beiden Kataloghefte ein, die schnell vergriffen waren. Was alles würde ohne solche selbstlose und uneigennützige Hilfsbereitschaft nicht gelingen!

Thomas Hemstege: kannibalistische träumerei Die Vertreter des Generalkonsulats zeigten sich von der Präsentation der Bildtafeln angetan, und die Angehörigen der ChinA waren erfreut, dem Generalkonsulat einmal einen Gefallen erwiesen zu haben. Schließlich waren Zusammenarbeiten in anderen Bereichen in den Jahren seit Neueinrichtung des Generalkonsulats immer wieder fruchtbar gewesen.

Thomas Hemstege widmete seine jüngsten Werke übrigens dem Thema Kannibalismus. Hatte das einen aktuellen Bezug, oder hatte er sich von den Motiven mancher dieser Bildtafeln anregen lassen? Diese dokumentierten eben auch manche derbe Metzelei im Alten China. Kannibalistische Weihnachtsgrüße versandte Hemstege, und die Bildtafeln zur chinesischen Archäologie werden noch bis Mitte Januar zu betrachten sein - beides zur Freude des Berichterstatters. Auf welche Weise wird sich das Foyer im Flügelbau Ost des AAI demnächst für eine weitere Öffentlichkeit öffnen?
 
 
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