Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 21
12. Januar 2003
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Was Hamburg von Singapur lernen kann

Dr. Arndt Graf, AAI - IndonesiA Diese Folge der "Hamburger China-Notizen" dokumentiert noch einmal einen Vortrag. Dr. Arndt Graf von der Indonesien-Abteilung des AAI hielt ihn, ebenfalls bei der Tagung "Die Herren des Pazifik: Hamburg und das Greater China" am 17./18.Oktober 2002. Er zeigt auf beeindruckende Weise, mit welch globaler Umsicht Singapur seine Perspektiven bedenkt und entsprechende Strategien entwickelt, jenseits politischer Alltäglichkeiten. Illustriert wird dieser Beitrag durch einige Herbstfotos von der Uni HH.

 

Arndt Graf
Hamburg und Singapur: zwei Stadtstaaten im Vergleich
Die bisherige Forschung zur politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation Singapurs legt meist besonderes Gewicht auf die asiatische Perspektive. Sofern Vergleiche gezogen werden, betrifft das daher meist nur die südostasiatischen Nachbarstaaten, vor allem Malaysia und Indonesien. Vor diesem Hintergrund ist es den Organisatoren dieser Tagung zu danken, daß sie einen größeren Kontext ins Blickfeld bringen, nämlich das, was in der angelsächsischen Welt als "the Greater China" bekannt ist. Tatsächlich nämlich ist nicht von der Hand zu weisen, daß die gemeinsame chinesische Kultur sowohl in Singapur als auch in der Volksrepublik China und Taiwan ähnliche Strukturen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und vielen anderen Bereichen geschaffen hat.

Dieses all-chinesische Bild erfährt nun durch die Organisatoren dieser Tagung einen interessanten weiteren Bezugspunkt: Hamburg und das Greater China. Die Frage drängt sich auf: Was hat die alte Hansestadt an der Elbe, deren Einwohnerzahl abnimmt und deren wirtschaftliche Daten stagnieren, mit jenem dynamischen Wirtschaftsraum in Ost- und Südostasien zu tun, in dem mehr als ein Viertel der Menschheit lebt?

Auf einen interessanten Zusammenhang bin ich vor kurzem in einem Gespräch mit Chua Beng Huat gestoßen, dem Leiter des Südostasien-Programms der National University of Singapore. Chua Beng Huat meint, daß man in Singapur traditionell immer nach Ostasien geblickt und sich als Teil des einzigartigen Greater China wahrgenommen habe. Als Vergleichspunkt sei deshalb traditionell immer höchstens Hong Kong in Frage gekommen, mit seiner ebenfalls chinesischen Bevölkerungsmehrheit und seiner gleichfalls britischen Kolonialerfahrung.

Chua Beng Huat zufolge könnte es aber spannend sein, den unabhängigen Stadtstaat Singapur mit den historisch ebenfalls selbständigen Stadtstaaten Europas zu vergleichen. Allen voran steht hier wegen seiner Größe Hamburg, aber auch andere Hansestädte kommen in den Sinn, wie Bremen und Lübeck. In einem weitergehenden strukturellen Vergleich könnten ebenfalls die Erfahrungen der alten Stadtrepublik Venedig wertvoll sein.

Aus singapureanischer Sicht ist dabei vor allem von Interesse, ob es historisch vergleichbare strukturelle Gründe gibt, die für den Verlust der politischen Selbständigkeit der europäischen Stadtrepubliken verantwortlich sind. Können der Niedergang Venedigs, der Verlust des Stadtstaat-Status im Falle von Lübeck und die finanzielle Misere Bremens und Hamburgs auf ähnliche Muster zurückgeführt werden? Für Singapur ist der unmittelbare Nutzen dieser Fragestellung evident: Möglicherweise kann die heutige Elite des Stadtstaats schwerwiegende Fehler der europäischen Stadtrepubliken vermeiden.

Die mit dieser Fragestellung aufgeworfenen Aspekte können wohl nur im Rahmen eines größeren Forschungszusammenhanges angegangen werden. Heute möchte ich mich deshalb auf einige ausgewählte Aspekte beschränken.

Universität Hamburg, ESA 1 - Ostflügel

Hafenstadt und Kaufmannsrepublik
Es ist wohl kein Zufall, daß sowohl Singapur als auch Hamburg, ebenso wie Lübeck, Bremen und Venedig Städte sind, in denen der Hafen eine prägende Rolle für die Wirtschafts- und Sozialstruktur der gesamten Stadt spielt bzw. spielte. Seefahrt und Überseehandel ermöglichten Gewinne, die historisch in all diesen Städten ein selbstbewußtes Bürgertum entstehen ließen. Historisch waren ab einem gewissen Ausmaß des Handels die finanziellen Mittel und das darauf gründende Selbstbewußtsein so stark, daß man sich von den umliegenden Territorialstaaten loslösen konnte. Eigene Stadtstaaten entstanden, die bei aller Verschiedenheit deutliche Gemeinsamkeiten aufweisen:

1. die Republik als Staatsform. Obwohl in den umliegenden Ländern (Preußen, Hannover, Lombardei, Malaysia) noch Monarchien mit feudalen politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen anzutreffen sind, entstehen in der Blütezeit der Stadtstaaten überall republikanische Verfassungen. Das bedeutet nicht von vorneherein die gleichberechtigte Partizipation aller Bürger am Gemeinwesen. Sowohl im Venedig der Dogen als auch im frühen Hamburg als auch in Singapur herrscht eine kleine Gruppe von Bürgern autoritär, mit großen, nahezu diktatorischen Vollmachten.

2. Doch in all diesen Städten ist eine besondere Ethik der Herrschenden festzustellen. In einer Kaufmannsrepublik wird ordentlicher Haushaltsführung ein hoher Wert zugemessen. Finanzielle Schlampereien und Korruption würden jeden Betrieb gefährden, umso mehr das gemeinsame Unternehmen Stadtstaat. Aus dieser Haltung heraus ist wohl das für Südostasien höchst erstaunliche Phänomen zu verstehen, daß es in Singapur kaum Korruption gibt. Damit unterscheidet sich Singapur wesentlich von den Nachbarstaaten. Es ähnelt aber Hamburg, Bremen, Lübeck und dem alten Venedig, wo es von jeher das Ideal des ehrbaren Kaufmanns gab, der auch in seinen politischen Ämtern auf Korrektheit achtete. Die Abwesenheit von Korruption ist in all diesen Stadtstaaten auch gepaart mit

3. sehr begrenzter öffentlicher Pracht. Bei aller Schönheit, die das Hamburger, Bremer und Lübecker Rathaus aufweisen, so sind sie doch nicht vergleichbar mit dem Berliner Stadtschloß, der Münchener Residenz oder auch nur dem Schloß der Landgrafen von Hessen-Kassel. Das Gleiche gilt für die Regierungsgebäude in Singapur im Verhältnis etwa zu Putrajaya, dem neuen Regierungssitz des Königreichs Malaysia mit all seiner beeindruckenden Pracht. Die offiziellen Gebäude der Stadtrepubliken spiegeln zwar den Stolz über den erreichten Wohlstand wider, ohne jedoch in allzu kostspielige Inszenierungen landesherrlicher Macht zu verfallen.

4. Dieser Sinn für Nüchternheit und Sparsamkeit in der politischen Selbstdarstellung prägt im übrigen auch viele andere Aspekte der Kultur. So wird in Hamburg nicht erst seit Heinrich Heine gern über das mangelnde Interesse der herrschenden Schichten an Poesie, Malerei und anderen schönen Künsten geklagt. In Singapur scheint der Geist der Stadt ebenfalls eher an konkreten, nüchternen Dingen orientiert zu sein. In den Buchläden jedenfalls sind die Sektionen für bildende Künste kümmerlich gering ausgestattet im Vergleich etwa zu den sehr reichhaltigen Abteilungen der Betriebswirtschaftslehre.

5. Obwohl also die im Stadtstaat tonangebenden Kaufleute den Staat und seine Ausgaben seit jeher schlank hielten und ein besonderes Augenmerk auf verschwenderische Amtsführung hatten, gibt es sowohl in Hamburg als auch in Bremen als auch in Singapur große Aufmerksamkeit für soziale Belange. In Hamburg, Lübeck und Bremen zeugen etwa Hunderte von privaten Stiftungen vom traditionell sehr großen Gemeinsinn der Bürger dieser Städte. In den alten Territorialstaaten ringsum ist ein ähnlicher Grad an sozialen Aktivitäten nicht zu verzeichnen. Politisch hat das wohl dazu beigetragen, daß Hamburger, Bremer und Lübecker Stadtregierungen seit vielen Jahrzehnten soziale Aspekte besonders betonen, etwa im Wohnungsbau oder auf dem Arbeitsmarkt. Unterstützt und getragen wurde diese Politik in den norddeutschen Hansestädten durch ein traditionelles Bündnis von Arbeiterschaft und Kaufmannschaft. Verblüffenderweise besteht auch die Machtallianz in Singapur aus ganz ähnlichen Bestandteilen. Die dortige People's Action Party (PAP) hat einige sehr sozialistisch wirkende Elemente in ihrer Programmatik, und sie regiert Singapur in Abstimmung mit den Kapitänen der Wirtschaft. Unter anderem auch deshalb gibt es in Singapur wie in Hamburg Programme des sozialen Wohnungsbaus, wovon in anderen südostasiatischen Städten, etwa in Jakarta, nicht die Rede sein kann.

Universität Hamburg - Gebäudedetail

Herausforderung Strukturwandel
Die Gemeinsamkeiten in den politischen, sozialen und kulturellen Traditionen der Stadtstaaten Hamburg und Singapur gründen historisch in beiden Fällen auf der Existenz eines florierenden Hafens. Doch diese Basis muß nicht von ewiger Dauer sein. Ein einprägsames Beispiel dafür sind die deutschen Hansestädte Lübeck und Bremen. Lübecks Hafen hat schon geraume Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg seine Bedeutung eingebüßt. Eine Folge war der Verlust des Status als Stadtstaat 1937, eine Herabstufung der politischen Autonomie, die nach dem Ende der Nazizeit nicht korrigiert wurde.

Bremen mit dem etwas stärkeren Hafen konnte seinen Status als Stadtstaat nach dem Krieg wiedergewinnen. Doch die Hafenkrise seither hat die wirtschaftliche Basis der Stadt so weit zerrüttet, daß derzeit immer ernsthafter eine Abschaffung des Stadtstaatsstatus diskutiert wird. Das Problem in Lübeck wie in Bremen war wohl, daß es nicht gelang, rechtzeitig auf die strukturelle Krise der Hafenindustrie mit neuen Schwerpunkten in der Strukturpolitik zu reagieren. Stattdessen investierte man, etwa im Fall Bremen, immer weiter in die untergehende Hafenindustrie. Diese versäumte wirtschaftspolitische Umorientierung ist im übrigen durchaus mit den Gründen für den Niedergang der Stadtrepublik Venedig vergleichbar. Auch dort waren die alten maritimen Eliten der Stadt so lange auf Hafen und Schiffahrt fixiert, bis die Lagune versandet war und der Handel neue Umschlagplätze fand.

Im Vergleich mit diesen Beispielen untergehender beziehungsweise untergegangener Hafenrepubliken scheint die wirtschaftspolitische Führung Hamburgs in den letzten Jahrzehnten durchaus neue Akzente in anderen Branchen setzen zu wollen. Ob Hamburg damit bereits eine neue ertragreiche finanzielle Basis gefunden hat, sei angesichts des immer noch stark eingeschränkten finanzpolitischen Spielraums der Hansestadt dahingestellt.

In dieser Situation ist vielleicht ein Blick auf das Beispiel der Stadtrepublik Singapur aufschlußreich. Die dortige politische und wirtschaftliche Elite hat im Laufe der letzten Jahrzehnte bei jeder Krise neue strukturpolitische Weichenstellungen gewagt, denen der Stadtstaat bis heute eine beispiellose wirtschaftliche Prosperität verdankt. Im einzelnen lassen sich folgende Phasen unterscheiden:

Tafel: Entwicklungsphasen Singapurs

Phase von/bis Dominanter Sektor Wirtschaftspoltische Maßnahmen Kennzahlen
1819-1869 Hafen, Handel, regionaler Knotenpunkt Sitz der politischen Verwaltung der Straits Settlements, rule of (British) law  
1869-1923 Hafen, Handel, Dienstleistungen, internationaler Knotenpunkt Eröffnung des Suez-Kanals (1869), regionales Zentrum des kolonialen Finanznetzwerks Verzwölffachung des Handelsvolumens 1824-1883
1923-1940 (-59) Hafen, Handel, Dienstleistungen, Verdichtung der Netzwerke Straße, Eisenbahn zur malaiischen Halbinsel, Beginn des sozialen Wohnungsbaus Verzehnfachung der Bevölkerung 1871-1931 (500.000 EW)
1959-1974/5 Neben der Hafenindustrie: exportorientierte Industrialisierung, Billiglohnland, Ansiedlungspolitik - Infrastruktur
- Ausbildung
- Abbau von Handelsbarrieren
- niedrige Lohnkosten
- Anreize für ausländische Firmen
BIP-Steigerung 1966-1973: 12.7 % jährlich, Vollbeschäftigung
1974/5-1985/6 Nach dem Ölpreisschock: Umbau der Wirtschaftsstruktur; Ziel: Exportland für technisch hochwertige Produkte Going upmarket:
- Qualitätssteigerung der Produkte
- Förderung neuer Technologien (Elektronik)
- Upgrading des Hafens (Raffineriezentrum und Containerhafen)
- Hochlohnpolitik
 
1986-1998 Ausbau des Dienstleistungssektors, Restrukturierung des Produktionssektors Aussetzen von Lohnsteigerungen, Senkung der Unternehmenssteuern, Investititonen in die Bildung Wachstum des Finanzsektors seit Anfang der 1990er Jahre um ca. 20 % p.a., doppelt so stark wie die Gesamtwirtschaft
1998- Anpassung an die Asienkrise Kürzung der Löhne um bis zu 30 %, weitere Investitionen in den Bildungssektor (v.a. IT) 2000: 65.5 % arbeiten im Dienstleistungssektor

Kennzeichnend für die Wirtschaftspolitik Singapurs ist demnach ein relativ starkes strukturpolitisches Engagement der Regierung des Stadtstaates. Um nicht mit den alten Industrien unterzugehen, wie es cum grano salis in Venedig, Lübeck und Bremen der Fall war, beschränkte sich Singapurs Regierung nicht auf das Verwalten oder gar das Subventionieren strukturell niedergehender Branchen. Vielmehr reagierte die Regierung Singapurs in jeder Krise im Grunde ähnlich.

Reaktionen der Regierung Singapurs in Wirtschaftskrisen:
Faktor Arbeit:
  • Qualitätssteigerung durch Investitionen in (Aus)bildung
  • Innovationen im Arbeitsangebot
  • bei (kurzfristiger) Verbilligung der Lohnkosten um bis zu 30 Prozent
Faktor Kapital:
  • Investitionen in bessere Vorprodukte, z.B. in neue Infrastruktur (Flughafen etc.)
  • Anreize für neue Technologien, going upmarket bei bestehenden Industrien
  • Innovationen in Produkten und Strukturen
  • bei gleichzeitiger Senkung von Steuern etc. für Unternehmen
Mit dieser im Grunde unternehmerischen Haltung der Stadtregierung setzte man in Singapur von Staats wegen rechtzeitig auf die Faktoren Modernisierung des institutionellen Rahmens (d.h. kontinuierliche Verwaltungs- und Steuerreform), auf Verbesserung der Infrastruktur, auf neue Technologien sowie vor allem immer stärker auf Bildung und Ausbildung. Möglicherweise spiegelt dieser letztgenannte Schwerpunkt auf der Bildungspolitik im chinesisch geprägten Singapur auch alte konfuzianische Strukturen wider.

Im Vergleich dazu fällt an den norddeutschen Stadtstaaten auf, daß hier trotz der mittlerweile chronischen Strukturprobleme der Wert der Bildung bis heute relativ wenig geschätzt wird. Es scheint, als ob die Eliten der Stadt sich hier besonders schwer täten, etwa die Universität nicht nur als Kostenfaktor zu begreifen, sondern vielmehr als manchmal durchaus kritischen "think tank", der bedeutende Impulse zu geben imstande ist.

Auch die anderen vorhin aufgeführten wirtschaftspolitischen Maßnahmen, mit denen Singapurs Stadtregierung bisher aus jeder Krise gestärkt hervorging, scheinen in Hamburg, Bremen und Lübeck so nicht vorstellbar zu sein. Auch wenn drastische Lohnkürzungen in Krisenzeiten bei manchem Unternehmer in den Hansestädten wahrscheinlich durchaus auf Zustimmung stoßen würden, steht dagegen doch die ganze Macht der politischen Tradition. Selbstverständlich muß man hier auch die eingeschränkte Souveränität eines Bundeslandes berücksichtigen, oder, im Falle Lübecks, eines Stadtkreises.
Um die Selbständigkeit als Stadtstaat
Die Selbständigkeit als Stadtstaat scheint demgegenüber für den bisherigen wirtschaftlichen Erfolg Singapurs in vieler Hinsicht von großer Bedeutung zu sein. Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang betrifft das Thema der ökonomischen Nische beziehungsweise der Skalengröße. Ein als Unternehmen begriffener Stadtstaat kann viel flexibler Nischen besetzen als ein größerer Territorialstaat.

Andererseits lautet derzeit in Singapur die bange Frage, ob nicht ein Stadtstaat von der Fläche her schlicht zu klein ist, um als Standort für Schlüsselindustrien der Zukunft zu dienen. Schon die Elektronikindustrie stößt in Singapur auf Flächenprobleme, fast unmöglich scheint es, wesentliche andere Produktionen anzusiedeln. Gleichzeitig nimmt die Konkurrenz in der unmittelbaren Nachbarschaft zu. Malaysia bietet nicht nur viel Platz, sondern eine inzwischen ebenfalls ausgezeichnete öffentliche Infrastruktur und eine sehr wirtschaftsfreundliche Strukturpolitik. Ebenso setzt Malaysia auf Bildung und Ausbildung, auf Zukunftstechnologien etc. Der besondere Nischenvorteil Singapurs in der Industrieproduktion scheint sich daher aus dieser Sicht abzuschwächen. Bleibt daher für die wirtschaftspolitische Führung Singapurs nur der Bereich der hochqualifizierten Dienstleistungen, an den der Stadtstaat sein Schicksal wohl oder übel koppeln muß? Vielleicht ist es dieser Einsicht zu verdanken, daß Singapur so massiv in die Bildung investiert, um eben diese hochqualifizierten Dienstleistungen zu ermöglichen.

Damit ist aber gleichzeitig auch ein wesentlicher Unterschied zu Hamburg und Bremen gegeben. Nicht nur die PISA-Studie, sondern auch der Zustand der Universitäten zeigen deutlich, daß man hier auf Bildung selbst im innerdeutschen Vergleich nur unterdurchschnittlich Wert legt. In den Hansestädten wird der Bildungssektor nicht als Schlüsselsektor zur Umstrukturierung der Wirtschaft verstanden. Gleichzeitig verschlechtert sich hier jedoch, ähnlich wie in Singapur, tendenziell die Konkurrenzsituation im industriellen Sektor stetig. Von der Perspektive her könnte das darauf hinauslaufen, daß der Grad der politischen Autonomie in den deutschen Hansestädten immer weiter zurückgeht und selbst der Status als Bundesland bald nicht mehr zu halten sein wird.

Singapur mit seiner vollen staatlichen Souveränität hat dagegen ein anderes spezifisches Problem, das früher auch die Stadtstaaten Venedig sowie die Hansestädte betraf, nämlich die relativ hohen Kosten der Außen- und Sicherheitspolitik pro Einwohner. Es ist leicht vorstellbar, daß die Wahrnehmung etwa des politisch unruhigen Indonesiens diese Sicherheitskosten Singapurs in Zukunft noch weiter nach oben treiben wird. Die Sorge, die Singapur dabei haben muß, ist, daß dadurch der Standort Singapur insgesamt teurer wird und Singapur in der Konkurrenz mit anderen Standorten zurückfallen kann.

Auch aus diesem Grund ist neuerdings der Blick aus Singapur auf die ehemaligen europäischen Stadtstaaten gerichtet mit der Frage, ob die Existenz als Bundesland wie im Falle Hamburgs und Bremens oder gar nur als Stadtkreis wie im Falle Lübecks nicht auch handfeste Vorteile aufweist. Immerhin gab es bei der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 wichtige ökonomische Gründe für die Beteiligung Hamburgs am nationalen Projekt. Der Fall der letzten Handelsschranken und der große gemeinsame nationale Markt boten damals größere Vorteile als eine Weiterexistenz als relativ unabhängiger Stadtstaat mit einem sehr kleinen eigenen Markt. Ebenfalls von Vorteil war damals die Reduzierung von einseitiger Weltmarktabhängigkeit. Singapurs Wirtschaft heute ist genauso wie die Hamburgs vor 1871 zu weiten Teilen von der Außenwirtschaft abhängig. Krisen der Weltwirtschaft machen sich deshalb in Singapur heute fast unmittelbar als mehr oder minder große Schocks bemerkbar. Eine stärkere Verflechtung etwa mit Malaysia könnte hier als Puffer dienen, genauso wie Hamburgs Wirtschaft in Krisenzeiten vom Puffer der weniger weltmarktorientierten Teile der deutschen Volkswirtschaft profitiert. Wer weiß, vielleicht wird dabei sogar irgendwann einmal in Singapur das Beispiel des Hamburger Freihafens aufgegriffen, der den Hamburger Kaufleuten auch nach der Integration in das deutsche Kaiserreich noch besondere geschäftliche Möglichkeiten bewahrte.

Universität Hamburg - Gebäudedetail

Ausblick
Generell könnte man fragen, ob nicht die staatliche Selbständigkeit einer einzelnen Stadt vor allem in Zeiten Sinn macht, in denen in den umliegenden Territorien noch traditionelle Landwirtschaft und gemächliches feudales Leben vorherrschen. In einer solchen Situation sind die an ein höheres Tempo gewohnten Stadtstaatler wohl besser beraten, ihr Schicksal selbst zu gestalten. Wenn aber die wirtschaftliche Entwicklung der umliegenden Territorien erst weit genug vorangeschritten ist, stellt sich womöglich die Frage der staatlichen Selbständigkeit neu. So könnte in Singapur in einigen Jahren am Horizont die Frage wieder auftauchen, ob man nicht doch eine Art Konföderation mit Malaysia eingehen sollte.

In jedem Falle scheint der strukturelle Vergleich Singapurs mit den europäischen Stadtstaaten für beide Seiten höchst lehrreiche Aspekte offenzulegen. Eine gemeinsame Forschungsanstrengung in dieser Richtung könnte daher lohnend sein.

Hamburg, 17. Okt. 2002
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