Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 20
15. November 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Wang Chi: Aufzeichnung über das Land der Trunkenheit

Über Wang Chi (+ 644), der sich in einer "Selbstverfaßten Grabinschrift" den Beinamen Wu-kung, "Erfolglos", gab, ist nur wenig bekannt. Wegen seiner Weinlust und sonstiger Unlust, heißt es, habe er sich seinen Aufgaben im Amt nicht gewachsen gezeigt, habe sich zurückgezogen und als Einsiedler gelebt. Von seinen überlieferten kurzen Prosaschriften ist eine dem von ihm bewunderten Liu Ling gewidmet: "Die Biographie des Herrn von den Fünf Scheffeln". Dieser Liu Ling, ein berüchtigter Großtrinker, war nämlich in der Lage, solche Mengen Alkohol zu vertilgen. Er lebte ungefähr 400 Jahre vor Wang. Auch ein Chiu-ching, "Leitfaden für den Wein", und ein Chiu-p'u, "Weinregister", wurden Wang Chi zugeschrieben, doch am berühmtesten wurde seine "Aufzeichnung über das Land der Trunkenheit". Illustriert wird sie durch ein Gemälde aus der Ming-Zeit: "Gelehrte beim Gelage".

Gelehrte beim Gelage

Ich weiß nicht, wieviele tausend Meilen das Land der Trunkenheit von China entfernt liegt. Weitläufig ist sein Gebiet und ohne Grenzen. Weder Hügel noch Berge finden sich dort, auch keine Hänge und Klippen. Sein Klima ist harmonisch und ausgeglichen in immer der gleichen Weise, weshalb dort weder Dunkelheit noch Helligkeit, weder Kälte noch Hitze sind. Die Gepflogenheiten dort sind ganz einheitlich. Es gibt keine Städte und Dörfer, und die Menschen sind sehr vergeistigt. Liebe und Haß, Freude und Zorn kennen sie nicht, sie schlürfen den Wind und trinken den Tau, so daß sie die fünf Kornfrüchte nicht zu essen brauchen. Ihr Schlaf ist ruhig, ihr Gang gemessen. Gemeinsam mit den Vögeln und den wilden Tieren, den Fischen und Schildkröten leben sie und wissen nicht, was sie mit Wagen und Booten, Geräten und Gefäßen anfangen sollten.

Einst gelang es dem Gelben Kaiser, in die Hauptstadt dieses Landes zu gelangen, und nach seiner Rückkehr verzichtete er einfach auf sein Reich, denn ihm schien, daß eine Regierung voller Verpflichtungen und Regelungen eher erbärmlich sei.

Als die Herrschaft später auf Yao und Shun gekommen war, ließen diese tausend Pokale und hundert Krüge als Geschenk anfertigen und baten den Gott Ku-she um die Freigabe des Weges nach dort. Wahrscheinlich gelangten sie bis in die Grenzgebiete und hatten bis an das Ende ihres Lebens höchsten Frieden.

Nachdem T'ang und Yü ihre Gesetze geschaffen hatten, die Riten vielfältig und die Musik verwirrend geworden waren und das mehrere zehn Generationen währte, da war man von dem Land der Trunkenheit getrennt. Ihr Minister Hsi-ho floh solche Reglementierungen, denn er hoffte, dieses Land zu erreichen, doch er verirrte sich und starb auf dem Wege nach dort. Fortan herrschte Unfrieden im Reiche - bis hin zu den letzten Nachkommen Chieh und Chou, die in ihrer Rage auf Hügel aus Trester stiegen, die sie bis in Höhen von tausend Klaftern aufgetürmt hatten. Nach Süden gewandt, hielten sie Ausschau, doch das Land der Trunkenheit erblickten sie nicht.

Sobald König Wu zu seiner Zeit seine Ziele erreicht hatte, befahl er Tan, dem Herzog von Chou, das Amt eines Weinbereiters einzurichten, der die fünf Ingredienzien dafür bereitstellen sollte. Er gebot über ein Gebiet von siebentausend Meilen, doch an das Land der Trunkenheit reichte er nicht. Immerhin wurden dreißig Jahre lang nicht die Strafen angewendet. Nach ihm, unter den Königen Yu und Li, und erst recht unter den Dynastien Ch'in und Han stürzten die Mittellande in Niedergang und Chaos. Mit dem Lande der Trunkenheit hatten sie keine Berührung mehr, doch einige von ihren Bewohnern, die das Tao liebten, gelangten nach und nach und heimlich wieder dorthin. Einige dutzend, darunter Yüan Ssu-tsung und T'ao Yüan-ming, reisten in das Land der Trunkenheit und kehrten bis an das Ende ihres Lebens nicht zurück. Nach ihrem Tode wurden sie in dessen Erde beigesetzt, und in den Mittellanden galten sie als die Unsterblichen des Weins.

Ach, ob die Lebensweise im Land der Trunkenheit der des alten Landes Hua-hsü entspricht - mit dessen Reinheit und Stille? Da das wohl so ist, will ich nach dort aufbrechen. Deshalb habe ich diese Aufzeichnung verfaßt.
Eine Lobpreisung der Freiheit und Gelassenheit ist das eher als eine des Weins! Seit den legendären Herrschern der Frühzeit nahmen, in der Sicht von Wang Chi, die staatlichen und gesellschaftlichen Regelungen beständig zu, und damit entfernte sich China immer weiter von einem solchen Land der Freiheit. Nur herausragenden Individuen sei noch gelungen, sich aus solchen Zwängen zu lösen: seine Vorbilder!
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 8, HCN 19
 
 

Kongfuzi daxue

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Abermals: nichts los unter Herzog Ai von Lu?

Mit den Gegebenheiten im Staate Lu zu Lebzeiten des Konfuzius beschäftigte sich auch Su Tung-p'o, vom dem hier schon öfter die Rede war. In seinen umfangreichen Prosaaufzeichnungen findet sich ein Essay "Über die Drei Huan in Lu". Diese Drei Huan waren drei Würdenträgerfamilien, die aus der Nachkommenschaft des Lu-Herzogs entstanden waren: Chi (-sun), Meng (-sun), Shu (-sun). Sie hatten nach und nach die Macht im Staate an sich gerissen, den jeweils regierenden Herzog in seiner Macht beschnitten und sich einige seiner Vorrechte angemaßt.

Bei seinen Darstellungen und Erwägungen stützt sich Su Tung-p'o vornehmlich auf die Berichte im Tso-chuan, auch was die Verflechtung des Konfuzius in diese Vorgänge angeht. Selbstredend tut er das nicht umfassend, als Historiker, sondern als Polemiker, der möglicherweise Gegebenheiten des eigenen politischen Umfelds im Sinn hatte.

Su Tung-p'o: Über die Drei Huan in Lu
Im dreizehnten Jahr des Herzogs Ting von Lu (497) sagte Meister K'ung zu diesem: "Beamte dürfen keine Rüstungen aufbewahren, Würdenträger keine Stadtmauern von hundert Klafter Länge haben!" Er wies Chung-yu an, Hausverwalter der Familie Chi zu sein, damit er die Mauern drei Metropolen (Pi, Ch'eng, Hou) schleife. Hierauf schleifte die Familie Shu-sun als erste die Mauern von Hou. Als die Familie Chi das bei Pi tun wollte, fielen Kung-shan Pu-niu und Shu-sun Ch'e an der Spitze der Leute von Pi über den Herzog her. Der Herzog und die drei Herren zogen in den Palast der Familie Chi. Meister K'ung gab Shen Chü-hsü und Yüeh Ch'i den Befehl, sie anzugreifen. Die Leute von Pi flohen, und die beiden Herren (Kung-shan Pu-niu und Shu-sun Ch'e) entkamen nach Ch'i. Darauf wurde Pi geschleift. Als Ch'eng geschleift werden sollte, rebellierte Kung-lien Ch'u-fu mit Ch'eng. Der Herzog belagerte Ch'eng, bezwang es jedoch nicht. Jemand sagte: "Gefährlich war es, wie Meister K'ung die Regierung führte! Das war risikoreich und konnte schwerlich erfolgreich sein."

K'ung Yung sagte: "Im Altertum umfaßte die königliche Domäne tausend Meilen im Geviert, innerhalb dieses Bereiches wurden Reichsfürsten nicht belehnt." - Ts'ao Ts'ao argwöhnte, daß solche Erörterungen allmählich zu weit führten. So tötete er Yung. - Yung hatte nur darüber gesprochen. Wie hätte er etwas bewirken können! Ts'ao war der Meinung, daß, wenn der Himmelssohn eine Domäne von tausend Meilen besitze, ihm das nicht nützlich sei. Deshalb tötete er Yung, ohne zu zögern.

Herr Chi hatte Herzog Chao vertrieben, und der Herzog starb außerhalb seines Landes. Alle, die dem Herzog gefolgt waren, wagten nicht zurückzukehren. Sogar Tzu-chia Chi floh. (...) Wie konnte Meister K'ung zu dieser Zeit die drei berühmten Metropolen schleifen und die dort verborgenen Rüstungen hervorbringen? Prüft man das Ch'un-ch'iu, dann waren gerade zu diesem Zeitpunkt die Drei Huan zwar nicht zufrieden, aber niemand mochte Meister K'ung entgegentreten. Soll man meinen, daß Meister K'ung bei seinem Dienst in Lu die Regierung ergriff und sich mit dem Volke verbündete und daß die Drei Huan ihn also fürchteten? Dann hätte, als Chi Huan-tzu die Musikantinnen empfing, Meister K'ung das doch verhindern können! - "Die Münder der Frauen können einen in die Flucht treiben." So fürchtete Meister K'ung den Herrn Chi, der den Meister K'ung nicht fürchtete. Hat etwa Meister K'ung zuerst die Regierungsmaßnahmen und das Strafsystem verbessert, um auf einen Zwist unter den Drei Huan zu warten?

Ich, Meister Su, sage:
Das ist es, weswegen Meister K'ung ein Weiser war! Da doch die Familien T'ien und die sechs Minister sich nicht fügten, waren Ch'i und Chin auf dem Weg in den Untergang, und da die Drei Huan sich nicht wie Untertanen verhielten, hatte Lu keine Möglichkeit, Ordnung herstellen zu können. Meister K'ung, der in dieser Welt seinen Dienst tat, legte bei seiner Regierung keinen Nachdruck darauf. Auch Yen Ying hatte das erkannt. Er sagte: "Die Anmaßungen der Familie T'ien kann nur Sittlichkeit beenden. Wenn es nach der Sitte geht, reicht der Einfluß einer Familie nicht bis in die Belange des Staates, und die Würdenträger eignen sich nicht öffentliche Einkünfte an." "Trefflich!""sagte Herzog Ching von Ch'i. "Erst seit heute weiß ich, daß man durch Sittlichkeit den Staat führen kann." Ying konnte das erkennen, doch er konnte nicht danach handeln. Ying war keineswegs unwürdig. Durch sein großartiges Temperament, das nur hegte und nie schadete, füllte er die Bereiche von Himmel und die Erde, doch er reichte nicht an K'ung und Meng heran.
Meister K'ung konnte als Gastbeamter für einige Zeit die Regierung übernehmen. Er war imstande, eine Sittlichkeit, welche die Welt ordnete, zu fördern, um die Beamten untergehender Staaten zu maßregeln, die berühmten Metropolen zu schleifen und die verborgenen Rüstungen herauszubringen, ohne daß die Drei Huan argwöhnten, daß er ihnen schade. Er war jemand, dem man glaubte, ohne daß er redete, und den man, ohne daß er zürnte, fürchtete.
Daß die Weisheit des Meisters K'ung sich in seinen Taten zeigte, das ist hier nun ganz unzweifelhaft. Ying tat in Ch'i viel länger Dienst als Meister K'ung in Lu, und Herzog Ching vertraute diesem Beamten weit mehr als Herzog Ting dem Meister, aber das Unheil durch die Familie T'ien wurde dadurch nicht im geringsten gemindert. Hieran erkenne ich, in welche Schwierigkeiten Meister K'ung geriet.
Meister K'ung starb im sechzehnten Jahr des Herzogs Ai (479). In dessen vierzehnten Jahr, als Ch'en Heng in Ch'i seinen Fürsten ermordete, wusch und badete Meister K'ung sich, ging zur Audienz und vermeldete Herzog Ai: "Ich bitte, ihn zu bestrafen." - Hieran erkenne ich, daß Meister K'ung die Fürsten und Beamten zur Ordnung bringen wollte, damit sie sich nach den Gesetzen des Ch'un-ch'iu verhielten und diese nicht vergäßen, bis sie alterten und stürben.
Jemand sagte: "Hat Meister K'ung gewußt, daß Herzog Ai und die drei Herren ihm gewiß nicht folgen würden und das nur der Form halber vermeldet?" So war das nicht, sage ich. Meister K'ung wollte Ch'i tatsächlich angreifen. Nachdem Meister Meister K'ung das dem Herzog vermeldet hatte, sagte der Herzog: "Lu wird schon lange durch Ch'i geschwächt. Wohin soll das führen, wenn wir es angreifen?" Er erwiderte: "Ch'en Heng hat seinen Fürsten ermordet, doch die Hälfte der Bevölkerung hält nicht zu ihm. Wenn wir der Menge von Lu die Hälfte der Bevölkerung von Ch'i hinzufügen, kann er besiegt werden." Spricht man so der Form halber?
Aus Sorge wegen des Drucks seitens der Drei Huan hatte Herzog Ai einmal Lu mit Yüeh angreifen wollen, um diese zu entfernen. Daß aber, wenn man zusammen mit Barbaren den eigenen Staat angreift, das Volk nicht dabei ist, das kann man an den Vorgängen um Kao-ju und Herzog Ch'u sehen. Was wäre gewesen, wenn er, Meister K'ung folgend, Ch'i angegriffen hätte? Dann hätte Meister K'ung sich in überreichem Maße der Mittel und Wege bedient, durch die sie Ch'i besiegt hätten. Nachdem sie die Familie T'ien besiegt hätten, wäre das herzogliche Haus von Lu von selbst erstarkt, und die Drei Huan in Lu hätten sich ohne Maßregelungen von selbst gefügt. Das war das Ziel von Meister K'ung.
Wahrscheinlich hat Su Tung-p'o jene alten Aufzeichnungen über das politische Wirken des Konfuzius in seinem Heimatstaat Lu zu kritiklos übernommen. Sicher ist trotzdem, daß dieser Staat ebenso wie die Staaten Ch'i und Chin zu seinen Lebzeiten einen tiefgehenden Verfassungs- und politischen Konflikt erlebte. Aufstrebende Würdenträgerfamilien nahmen den angestammten Fürstenhäusern die Macht. Konfuzius scheint, jedenfalls in diesen Darstellungen auf der Seite der traditionellen Fürstenhäuser gestanden zu haben - wie bei später sein Nachkomme K'ung Yung, der sich gegen den Emporkömmling Ts'ao Ts'ao wandte. - Konfuzius jedenfalls scheint andererseits ganz entschieden durch diese strukturellen Wandlungen im Staate begünstigt worden zu sein. Seine konservative Haltung könnte nur in allgemeineren Erwägungen ihre Grundlage gehabt haben. Das war jedenfalls eine Zeit radikaler poltischer Wandlungsprozesse, die Lebenszeit des Konfuzius, und Herzog Ai war ein Fürst, der sich gegen institutionelle Neuerungen wandte, einer der letzten.

38
Ein Eintragungstyp im Ch'un-ch'iu

Bei seinen chronologischen Notizen zu den Jahren 722 bis 468 nutzt das "Frühling und Herbst" bestimmte Formulierungsschemata. Zu diesen gehört, daß bei der ersten Eintragung, die in eine der Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter fällt, eben diese Jahreszeit genannt wird. Unter den Gegebenheiten des Mondkalenders ist ist der Beginn dieser Jahreszeiten jeweils klar festgelegt: 1., 4., 7., 10. Monat.

Manchmal weicht das "Frühling und Herbst" von diesem Schema ab. In einigen Fällen (Wen 2, 10, 13 beispielsweise) besagt eine Notiz, ein bestimmter Vorgang habe sich bis in die nächste oder gar übernächste Jahreszeit erstreckt, und dann unterbleiben die Anführungen der dermaßen "übersprungenen" Jahreszeiten. Viele andere Vorgänge haben gewiß die Jahreszeitengrenzen übersprungen, ohne daß dies eigens verzeichnet wurde. Warum gerade bei diesen drei Jahren unter Herzog Wen von Lu?

Wenn das Ch'un-ch'iu für eine ganze Jahreszeit nichts zu berichten weiß oder beabsichtigt, dann kennzeichnet es regelhaft den Beginn dieser Jahreszeit durch eine lakonische Notiz, etwa: "Sommer, 4. Monat", "Winter, 10. Monat". Warum das Ch'un-ch'iu das tut, das sei dahingestellt, doch es verfährt auch in dieser Hinsicht nicht ganz konsequent. Bei Herzog Huan 4 und 7 fehlt es an Eintragungen zu Herbst und Winter, aber auch an diesen Kurznotizen; ebenso bei Ting 14 für den Winter und bei Ai 16 für Herbst und Winter. Natürlich ließen sich hierfür Erklärungen finden, bei Ai 16 zum Beispiel, daß das Ch'un-ch'iu eben schon mit dem Sommer dieses Jahres endete. Die ältere chinesische Exegese wird ebenso ihre Erklärungen entwickelt haben. Einstweilen sollen diese jedoch hier nicht berücksichtigt, sondern einfach Daten zur Beschreibung des Ch'un-ch'iu erhoben werden. Deshalb sei auch eigens der absonderliche Kurzeintrag zu Chuang 22 erwähnt: "Sommer, 5. Monat".

Insgesamt 62 Eintragungen im Ch'un-ch'iu bestehen nur aus einer derartigen Kurzverzeichnung der Jahreszeit. Angesichts von 1885 Eintragungen insgesamt ist das ein verschwindend kleiner Teil. Gab es tatsächlich über die jeweiligen Monate nichts zu berichten? Sehr wohl gab es etwas Berichtenswertes, zumindest bei den 1. Regierungsjahren der Lu-Fürsten, bei denen für das Frühjahr meist deren Thronbesteigung vermeldet wurde. Bei vier von insgesamt Fürsten verzichtet das Ch'un-ch'iu auf diese Notiz, und da war natürlich ebenfalls die Exegese herausgefordert.

Wie gesagt, in 62 Fällen verzeichnet das "Frühling und Herbst" lediglich einen Jahreszeitenbeginn. Diese 62 Notizen verteilen sich folgendermaßen:

"Frühling, 1. Monat des Königs"   22 mal
"Sommer, 4. Monat"   11 mal
"Sommer, 5. Monat"   1 mal
"Herbst, 7. Monat"   17 mal
"Winter, 10. Monat"   11 mal
Obwohl ich nicht zu derlei Mystifizierungen neige, rätsele ich einen Augenblick diesen Zahlen hinterher - vor allem, weil 11 und 17 zu den Primzahlen gehören, deren Geheimnisse noch heute Mathematiker und Computer beschäftigen. Zähle ich gar zu den 62 Eintragungen dieses Typs diejenigen Fälle hinzu, bei denen er ebenfalls angebracht gewesen wäre, aber auf die eine oder andere Weise vermieden wurde, dann sind das noch einmal 10 - insgesamt also 72. Diese Zahl spielt bekanntlich in der altchinesischen, insbesondere der konfuzianischen Tradition eine besondere Rolle. - Im Augenblick lohnt sich jedoch nicht, derlei Erwägungen weiter nachzugehen. Sollten sich zahlenmystische Eigenheiten im Ch'un-ch'iu verbergen, müßten die Hinweise darauf nachdrücklicher sein.

Etwa ganz anderes kommt angesichts der Zahlen oben in den Sinn. Wie sollte der Titel Ch'un-ch'iu eigentlich angemessen übersetzt werden? Das vertraute "Frühling und Herbst" klingt ein wenig wie "Aufstieg und Niedergang" - nämlich des Staates Lu, dessen Geschicke es für mehr als 200 Jahre in seinen lakonischen Notizen festhält. Läßt sich tatsächlich für diesen im Berichtszeitraum 722 bis 468 ein Aufstieg registrieren, nach den glanzvollen Anfängen mit dem Herzog von Chou, 300 Jahre davor? Der Niedergang freilich ist schon auf den ersten Blick faßbar. Vielleicht ließe sich besser "Frühlinge und Herbste" übersetzen, und dann wiese das vielleicht auf die ewige Wiederkehr des Gleichen hin, vielleicht gar "Die Frühlinge und die Herbste", wodurch der Titel eine ganz besondere Notion bekäme. - Nur eine gründliche Untersuchung des Textes mag hierfür Hilfestellungen erbringen. Immer wieder überraschend ist, daß selbst solch elementare Dinge ungeklärt sind.

39
Naturerscheinungen, Portenta und Katastrophen im "Frühling und Herbst"

108 von den 1885 Notizen des Ch'un-ch'iu sind Vorkommnissen wie den obengenannten gewidmet. Auf der Hand liegt, daß sich unter den Gegebenheiten des Alten China die Wahrnehmung von Vorkommnissen, die sich unter solche Stichwörter zusammenfassen lassen, vielleicht nicht merklich unterschieden hat: Eine Naturerscheinung mag als portentum erschienen sein und ungeahnte und undokumentierte Folgen gezeitigt haben, eine Naturkatastrophe war Naturerscheinung und portentum zugleich usw. Spätere Erklärungs- und Deutungsmuster für solche Vorgänge sollten allerdings nicht ohne weiteres bei der Interpretation des Ch'un-ch'iu herangezogen werden. Seine Welt ist noch einmal eine andere als die der sonstigen klassischen chinesischen Texte.

Den prozentual größten Anteil an diesen 108 Notizen hat die Verzeichnung von Sonnenfinsternissen: 37. Diese bedürften wegen einiger Auffälligkeiten einer gesonderten Betrachtung, doch schon hier sei bemerkt, daß nur zweimal (Chuang 25 und 30) die Verzeichnung der Finsternis mit der eines entsprechenden Opfers verbunden wird. Sollte sonst eine Sonnenfinsternis nicht als Anlaß für Opfer gegolten haben? - Oder deutet sich hier ein temporär anderer Stil der Ch'un-ch'iu-Eintragungen an? Schon oben, in drei dem Herzog Wen gewidmeten Jahren, hatte sich das Festhalten der jahreszeitenübergreifenden Dauer von Vorgängen als stilistisch-inhaltliche Besonderheit gezeigt.

Bei den übrigen verzeichneten Vorgängen wird man davon ausgehen dürfen, daß ihr Geschehen und ihre Beobachtung im Staate Lu erfolgten, daß also nicht Vorkommnisse in geringerer oder größerer Ferne hier nur verzeichnet wurden. Diese Einschätzung läßt sich ansatzweise dadurch bestätigen, daß die eine oder andere Notiz eigens einen anderen Staat als betroffen nennt: Überschwemmung in Sung (Chuang 11), Steinfall und Habichte in Sung (Hsi 16), Heuschrecken in Sung (Wen 3). Sung ist der einzige Staat, für den das Ch'un-ch'iu solche Ereignisse eigens verzeichnet; es stand zu der Zeit Lu besonders nahe.

Zahlreiche verzeichnete Vorgänge dürften in ihren Auswirkungenen katastrophal gewesen sein, obwohl die Ch'un-ch'iu-Notiz nichts davon verrät. Sie besteht oft genug nur aus einem oder zwei Schriftzeichen. Die eindeutigsten Katastrophen:
- 10 Heuschreckenplagen, von der in Sung abgesehen. Notizen über das Vorkommen anderer Insekten (Yin 5, Yin 8, Chuang 6, Chuang 18, Chuang 29, Hsüan 15) dürften ebenfalls Schadinsekten meinen.
- 6 Überschwemmungen, von der in Sung abgesehen, und in einer weiteren Notiz wird neben der Überschwemmung ein entsprechendes Opfer verzeichnet (Chuang 25!) und bei einer nächsten auf der deren schädliche Folgen hingewiesen (Chuang 7!). - Die Ausrufungszeichen sollen auf die bei den Sonnenfinsternissen notierte Besonderheit verweisen.
- 5 Erdbeben (Wen 9, Hsiang 16, Chao 19, Chao 23, Ai 3)
- 2 Dürren (Hsi 21, Hsüan 7)
- 3 Hagelschläge (Hsi 29, Chao 3, Chao 4)

26 solcher Katastrophen in mehr als 200 Jahren? Das mag als nicht viel erscheinen. Indes, bei einer ganzen Reihe von anderen Ch'un-ch'iu-Eintragungen dieses Typs mag deren Folge katastrophal gewesen sein. Sicherheit hierbei können allerdings erst weiterführende Betrachtungen erbringen, einige Beispiele für solche Aufzeichnungen:
- monatelanger Regen und Schnee (Yin 9)
- kein Weizen und Reis (Chuang 27)
- kein Regen (Chuang 31, Hsi 2, Hsi 3, Wen 2, Wen 10, Wen 13)
usw. - Bei Berücksichtigung solcher Eintragungen würde die Frequenz der Notzeiten in Lu erheblich dichter. Gute Ernte wird lediglich zweimal verzeichnet (Huan 3, Hsüan 16), eine Hungersnot hingegen viermal (Hsüan 10, Hsüan 15, Hsiang 24, Ai 14).

Manche Eintragungen wirken kurios, etwa "viele Hirsche" (Chuang 17), der Hinweis auf Rauhreif, der den Pflaumen nicht geschadet (Hsi 33) oder den Rauhreif, der die Bohnen abgetötet habe (Ting1), einiges mehr.

Ach, eines noch sei nicht vergessen: Oben, in "Annäherungen" 38 war auf die Zahl 72 zu verweisen gewesen. Das war die Zahl der einfachen Kalender-Notizen gewesen. Diese weitere Gruppe von Eintragungen im Ch'un-ch'iu, "Naturerscheinungen usw.", umfaßt insgesamt 108 Notizen.
Zwischen 72 und 108 besteht erstaunlicherweise ein offensichtlicher Zusammenhang. Da darf wohl daran erinnert werden, daß das Ch'un-ch'iu die Geschichte von 12 Lu-Fürsten darstellt.

40
Ein Pfingstochse als Einhorn

Eine der bekanntesten Begebenheiten im Leben des Konfuzius ist der ominöse Fang eines Einhorns, den er als Vorzeichen des eigenen Todes zu verstehen schiein. Auch diese ehrwürdige Begebenheit entging nicht den altchinesischen Witzbolden:

In der Zeit des "Frühling und Herbst" war ein Einhorn auf den westlichen Anger von Lu gekommen. Ein Bauer, der nicht wußte, daß dieses ein Wunderwesen war, ging es an und tötete es. Konfuzius, der ausgezogen war, um sich dieses Wesen anzusehen, deckte die Augen mit dem Ärmel zu und weinte bitterlich.

Seine Schüler fürchteten, der Meister würde gar zu sehr darunter leiden. Also schmückten sie einen Ochsen mit vielen Münzen. "Das Einhorn lebt doch noch", meldeten sie dem Meister. "Sie müssen nicht traurig sein."

Konfuzius wischte sich die Tränen fort und blickte seine Schüler eindringlich an. "Ist das ein Wunderwesen?" seufzte er. "Das ist doch nur ein Ochse aus dem Gelddorf."

Offenbar sollen die Münzen bestimmte Eigenheiten bei der Ausprägung des Fells eines Einhorns nachbilden. - Leider ließ sich bisher auch das Gelddorf (Ch'ien-ts'un) ebensowenig auf einer Landkarte nachweisen wie das "Land der Trunkenheit".

 
 
» Teil 10, HCN 21
 
 
 

Noch ein Witz

In » HCN 17 war unter der Überschrift "Worüber der Meister ebenfalls selten sprach" nebenbei von dem Weinverbot, das Ts'ao Ts'ao erlassen und gegen das der Konfuzius-Nachkomme K'ung Yung protestiert hatte, die Rede gewesen. Ein späterer Witz, der es mit den historischen Einzelheiten nicht so genau nimmt, schreibt dieses Alkoholverbot dem Liu Pei, einem großen Gegenspieler des Ts'ao Ts'ao zu. Er weiß allerdings auch einen Weg, den Herscher von diesem unsinnigen Verbot wieder abzubringen:

Als in der Zeit der drei Reiche Liu Pei Herrscher von Shu war, erließ er strenge Verbote gegen den Alkohol. Alle, die ein Braugerät besaßen, sollten hingerichtet werden.

Eines Tages war ein gewisser Yung Chien mit dem Herrscher auf einen Turm gestiegen. Von dort sahen sie einen Jüngling, der neben einer Frau einherging. "Die wollen Unzucht treiben", sagte Yung zu dem Herrscher, "warum urteilen Sie die nicht nach dem Gesetz ab?"

"Woher willst du das wissen?" fragte der Herrscher. Yung erklärte: "Die haben doch ihre Unzuchtgeräte bei sich." Der Herrscher, der diesen Hinweis verstand, lachte schallend und lockerte alsbald das Alkoholverbot.
 
 
 

Verdruß mit dem Butler

Was gibt es da nicht alles! Spangenkorkenzieher, Glockenkorkenzieher, Puigbull, Kellner-Messer, Flügelkorkenzieher, Lazyfish, Aeropull, Screwpull - und eben den "Wine-Butler", der "komplette set" für ca. 50 EURO. Der Weinfreund mag sie alle ausprobiert haben, und wenn er Pech mit diesen Wunderwerken der Korkenextrahiertechnik hat, dann fliegt ihm sogar die Flasche um die Ohren, nebst dem Inhalt, dessen zu erfreuen er sich erträumt hatte, allerdings auf andere Weise.

butler Das abgebildete Instrument, eben den "Butler", erhielt der Berichterstatter vor einigen Wochen geschenkt. Kläglich versagte er schon jetzt, nach nur mäßigem Einsatz. Da rühmt er die Schlicht-und Billigkorkenzieher aus dem Supermarkt, die unverdrossen ihre Dienste leisten und erst nach wenigstens ein, zwei Jahren verbiegen oder aus der Halterung gleiten.

Wie verheißungsvoll hatte die Hersteller-Reklame geklungen! "Zunächst gleitet die spezialbeschichtete Spirale durch Hebeldruck sanft in den Korken. Der geniale Hebelmechanismus ermöglicht dann das Ziehen des Korkens durch einfaches Wieder-Hochziehen des Hebels - und das alles in Sekundenschnelle!" Das ist Erotik pur! Diese hatte der Berichterstatter bisher nicht mit einem Butler verbunden, auch nicht mit einem Korkenzieher. Sollte der Hersteller, der den schönen Namen Fackelmann trägt, bei der Namensfindung für sein Gerät an gewisse Gegebenheiten in einem englischen Kronprinzenhaushalt gedacht haben?

Gar noch deutlicher wurde die FAZ vom 5. November. Sie pries ein "Vintura" genanntes Instrument, und bei diesem "liegt der kleine Korkenzieher zwischen zwei Schenkeln." Wenige Zeilen später ist dann von "aufgespreizten Schenkeln" die Rede. Meine Güte, ist ein Korkenzieher denn nicht ein ganz gewöhnliches Küchengerät?

Keineswegs, der Verdruß über die augenscheinliche Butler-Impotenz in seiner Küche hat den Berichterstatter zu der Erkenntnis geführt, daß sich um den Korkenzieher eine ganze Wissenschaft herumhangelt. Am 12. Oktober 1996 wurde zum Beispiel in Steinbach-Hallenberg, wo immer das liege, sogar ein "Verein der Korkenzieherfreunde" gegründet, und das Südwest-Fernsehen widmete diesem Gegenstand einmal ein "Expertengespräch". Eine "Seele" müsse jeder ordentliche Korkenzieher haben, wußte ein Experte von der Forschungsanstalt Geisenheim. Er meinte, "die metallene Spirale sollte in der Mitte einen so großen Freiraum haben, daß ein Streichholz Platz findet."

Beklommen fragt sich der Berichterstatter, welches Leid er wohl der "Seele" des abgebildeten Flügelhebers angetan hatte. Weshalb sonst hat der sich ihm so schnell und schnöde versagt?
 
 
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