Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 20
15. November 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Hundertmal am Tag, bei der Arbeit


Kaum jemand hat in diesem Jahr darauf hingewiesen, daß seines 400. Geburtstages zu gedenken wäre: Athanasius Kircher (02.05.1602-27.11.1680), Universalgelehrter und Gottesmann, gestorben in Rom, geboren in Geisa, in der Röhn gelegen.

Legendenumwoben ist sein Leben, auch seine Hinwendung zur Gesellschaft Jesu, und breitgestreut waren seine Interessen - von der Pyrotechnik über die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen bis zu den Naturwissenschaften und der Vulkankunde, wobei er kaum ein Experiment scheute. Zum Beispiel ließ er sich einmal in den brodelnden Vesuv abseilen. Schon um 1635 wurde er Professor für Mathematik, Physik und orientalische Sprachen (!) an der berühmten Gregoriana in Rom.

kircher-schriftzeichen Sein 1667 in Amsterdam gedrucktes und mit zahlreichen Illustrationen versehenes Monumentalwerk "China monumentis ... illustrata" bildete eine Art Enzyklopädie des damaligen Chinawissens: respektabel in jeder Hinsicht, und chinabegeistert:

"Daher kann man in diesem Reich viele Arten von Früchten, Weihrauch, Holz, Nüssen, Bäumen und Tieren aus jeder Zone und jedem Klima finden (...) Alle seltene, feine und wunderbare Dinge des Landes und des Meeres der weiten Tartarei, seien es Vögel, Fische, Vierfüßler und all die seltenen Güter Süd-Chinas, darunter wertvolle Steine, Salben, Aromen, oder teure Hölzer dienen dem Nutzen und dem Genuß des Königs."

Kaum etwas entging seiner gelehrten Neugier, und natürlich weckten auch die Eigenheiten der verschiedenen chinesischen Schreibarten diese (siehe Abb.). An zahlreichen Stellen zeigt sich deutlich, daß er kein verknöcherter Buch- und Stubengelehrter war. So schreibt er, der Tee

"(...) hat eine harntreibende Wirkung und öffnet auf wunderbare Weise die Galle. Er befreit den Kopf von ungünstigen Dämpfen. Die Natur hat den gebildeten Männern kein vornehmeres und geeigneteres Mittel gegeben als dieses, um ihnen dabei zu helfen, während langer Nächte eine große Menge Arbeit zu bewältigen. Zu Beginn ist er schwach und bitter, doch nach einer Weile wird er angenehm und man entwickelt solch einen Appetit darauf, daß man kaum davon lassen kann. Auch wenn der türkische Kaffee und die mexikanische Schokolade dieselbe Wirkung haben, ist ein 'cia', den manche Leute auch als 'te' bezeichnen, besser, da er milder ist. Die Schokolade erhitzt einen bei warmem Wetter zu sehr, und der Kaffee läßt die Galle steigen. Er hingegen ist stets harmlos und entfaltet seine wunderbare Wirkung nicht nur einmal, sondern gar hundertmal am Tag."

Die Geschichte der Wissenschaften hat es nicht gut mit Kircher gemeint und ihn bald vergessen. Noch heute sind nicht alle seine Manuskripte gedruckt, und sein "China illustrata" verdiente vielleicht gar eine Übersetzung. In einer ganz unerwarteten "Ecke" scheint man gegenwärtig an seiner Neuentdeckung zu arbeiten, "da nun aber das Interesse an einer Zusammenführung wissenschaftlicher und spiritueller Modelle des Universums in den letzten Jahren eine Wiederbelebung erfahren hat.".
 
 
 

Der Weisheit starker Mehrer

Meyers Volksbücher: Chinesische Gedichte Wahrscheinlich ist dieses Büchlein von 32 Seiten in keiner sinologischen Seminarbibliothek anzutreffen: "Chinesische Gedichte. Metrisch bearbeitet von Adolf Elissen". Meyers Volksbücher bildeten ein Konkurrenzunternehmen zu den noch heute gängigen Reclam-Heften. Das vorliegende Heft muß, wie die Werbung auf den inneren Umschlagseiten erkennen läßt, noch um 1905 nachgedruckt worden sein. Aufgrund der durchgehenden Numerierung der Hefte läßt sich mutmaßen, daß es mehrere Jahrezehnten davor erstmals erschienen war.

Der Verlag hat es an allem fehlen lassen: keine Einleitung, kein Nachwort, keinerlei Erklärungen, welcher Art auch immer. Nur ein chinesischer Dichter wird namentlich genannt: Thu-Fu. Dem Anschein hat der Bearbeiter lediglich ältere Übersetzungen, die in den unterschiedlichsten Formen vorlagen, in Reime oder zumindest neue Reime gebracht. Das hört sich dann so an, unter der Überschrift "Die junge Nonne, die an die Welt denkt":
Zur ersten Stunde der Nacht erscheint
In Fos Pagode ein Mädchen und weint
In Händen weiß perlenen Rosenkranz,
das Auge voll perlenden Thränenglanz.
"O wehe mir Armen!
Die ohne Erbarmen
Die Welt verstieß.
In Frühlingsblüte
Ach! Nie erglühte
Die Liebe mir süß!"
Erfreulicherweise findet die Arme dennoch einen Weg, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Ellissen vergißt jedoch nicht, am Chinas moralische Instanzen zu erinnern:
Kung=Fu=Dsö spricht's, ein trefflichster der Lehrer,
Im Mittelreich der Weisheit starker Mehrer (...)
Noch eine Fülle von Köstlichkeiten bergen diese 32 Seiten! - Wer mag dieser Adolf Ellissen gewesen sein? Anscheinend war er ein Bibliothekar in Göttingen, der von 1815-1872 lebte und auch als Byzantinist und Gräzist publizierte. Seinen Namen trägt in Göttingen noch heute eine Straße, und eine Gedenktafel erinnert an ihn. Auch als Politiker ist er hervorgetreten, als Dichter und Komponist ebenfalls. 1840 veröffentlichte er ein Werk mit dem Titel "Thee= und Asphodelenblüten", das ebenfalls schon nach Ostasien klingt. Dieses wurde später von einem gewissen Hans von Hopfen (1835-1904), dessen eigentlicher Name schlicht Hans Mayer war, "erweitert". Über beider China-Verbindungen geben vielleicht Archivmaterialien, vor allem in Göttingen und Marbach, Auskunft. Das abgebildete Heft stammt übrigens direkt aus der Bibliothek eines dritten Dichters, des "Kosmikers" Theodor Däubler (1876-1934). Nicht mehr als ein kleines Blättchen in der deutschen Chinaliteratur ist dieses Heft, doch ein paar Stunden genauerer Nachforschungen verdiente es schon.
 
 
 

Lufthoheit über Kinderbetten

Am 7. November lästerte das "Hamburger Abendblatt" über den neuen SPD-Generalsekretär Olaf Scholz. Der hatte in einem Interview erklärt: "Wir wollen die Lufthoheit über die Kinderbetten." Dieses Unterfangen hatte er gar noch zum Beginn einer "kulturellen Revolution" erklärt. Da fiel dem Abendblatt der Revolutionär und Stratege Mao Tse-tung ein, es illustrierte den Beitrag mit einem Mao/Scholz-Januskopf (siehe die Abb.).

Mao Zedong / Olaf Scholz

Das war hochgegriffen. Scholz ist in Hamburg wohlbekannt, wenngleich weniger als Stratege denn als Altona-Apparatschik, und wenn Mao im persönlichen Umgang bekanntlich sehr liebenswürdig wirken konnte, erinnert Scholz eher an einen Betonkopf anderer östlicher Prägung. Eine vergleichbar zündende Idee war ihm in HH noch nicht gekommen. Gemeint hatte er die "Ganztagsbetreuung" aller Jungdeutschen von der Krippe bis zur Schule und darüber hinaus. Ob hiesige Eltern gerne Scholzens Antlitz im Luftraum über ihren Kinderwagen und den Erstkläßler-Bänken leuchten sähen?
 
 
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