Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 19
22. September 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein Fest für SED-Nostalgiker: Nordkorea

nordkorea Nordkorea ist nicht durchaus als Touristenparadies bekannt, und gar so bald wird diese Demokratische Volksrepublik Korea auch nicht zu einem solchen werden. Zu übel klingen die wenigen Nachrichten, die aus diesem fernen Land kommen, und wer einmal für einige Tage in ihm weilen durfte, wird ihnen noch einige neue hinzufügen. Selbst die Freunde von der russischen Botschaft dürfen nicht ohne Genehmigung die Hauptstadt Pjönyang verlassen. Militärposten an allen Ausfallsstraßen wachen darüber, daß entsprechende Bestimmungen auch eingehalten werden, wie man denn wohl in keinem Land der Welt so viele Uniformträger antreffen wird wie in diesem. Die wenigen Fahrzeuge, deren Kennzeichen mit der 88 für das staatliche Tourismusbüro beginnt, winken sie allerdings großzügig durch.

nordkorea Warum auch Pjönjang verlassen? Sozialistische Hochbauten bestimmen das Stadtbild, von sehenswerten Bauten aus der glanzvollen Geschichte dieses stolzen Volkes ist kaum etwas geblieben, die angeblich zwei Millionen Einwohner zeigen sich offenbar nie in der Öffentlichkeit, so unbelebt erscheint manche Hauptstraße. "Glanzpunkte" im Stadtbild sind die überaus großzügig, was Material und beanspruchte Fläche angeht, angelegten Monumente - ob sie nun dem Großen Führer Kim Il-sung gewidmet sind, dem Sieg über die Japaner, der Hoffnung auf Wiedervereinigung mit dem Süden oder anderen Eingebungen sozialistisch-nationalistischer Glorie oder der steingewordenen Monumentalisierung eines fülligen Lebemannes, der für alles, vom Obstanbau bis zur Militärstrategie, treffliche Worte beizusteuern hatte. Allein schon das seiner Juche-Ideologie gewidmete Denkmal, das mehr als 150 Meter in die Höhe ragt und von einer noch einmal 20 Mater hohen Flamme gekrönt wird, mag den Betrachter entzücken. Da die abendliche Straßenbeleuchtung ausgeschaltet wurde, erleuchtet das rote Licht seiner Flamme die Nächte von Pjöngjang.

 
 
nordkorea Berühmt sind Nordkoreas Autobahnen und Überlandstraßen - vor allem dafür, daß auf ihnen selten Autos anzutreffen sind. An manchen Stellen sind sie zehn-, gar zwölfspurig ausgebaut, erinnern an kleine Flugplätze. Rührend wirkt, daß ihre Ränder über hunderte von Kilometern von Gartenblumen gesäumt werden, und auf dem Mittelstreifen zieht sich ebenso lang eine sorgsam gestutzte Hecke hin. Deren Pflege wird natürlich von Hand vorgenommen, meistens durch Frauen, und manchmal erblickt man diese gar dabei, wie sie den Asphalt mit einem Reisigbesen fegen. Auch auf den Landstraßen begrenzen oft Gartenblumen die Reisfelder in ihrem herrlichen frischen Grün. Soll das sozialistische Lebensfreude ausdrücken, oder verbirgt sich dahinter schlicht eine ABM-Maßnahme? Auf die meisten Fragen erhält der Besucher in diesem Land nur ausweichende Antworten oder gar keine, von anderem zu schweigen.

nordkorea Malerisch ducken sich hinter die Felder, von hohen Maisstauden abgeschirmt, kleine Dörfer. Oft ist zu erkennen, daß sie noch aus den so praktischen wie hübschen traditionellen Bauten bestehen, und oft umgibt auch noch eine alte Mauer das Dorf, wie vor Jahrhunderten. Ein Besuch dieser Dörfer ist jedoch nicht erlaubt, auch nicht das Fotografieren aus der Nähe. Überhaupt, einschränkungslos und ungestört lassen sich in Nordkorea von Fremden nur die Kim-Monumente und abgeschiedene Küsten- und Berglandschaften aufnehmen.

nordkorea Glücklicherweise gibt es auch letztere in erfreulicher Fülle und Herrlichkeit. Sie prangen, in diesen Sommermonaten, der Regenzeit, in allen möglichen Varianten des Grüns von den Bäumen und der anderen Gewächse. An manchen Orten unterbricht allein das Getöse der zahlreichen Wasserfälle die Stille der Einsamkeiten, so in dem schönen "Tal der zehntausend Wasserfälle". An einem Kaffee oder Tee, wird sich der flüchtige Besuche, fern der Hauptstadt, wohl schwerlich laben können, doch dafür erscheinen die Bergwasser erfrischend und klar. Hin und wieder begegnet er in dieser Bergwelt auch anderen Menschen - einem Kollektiv von Werktätigen, das auf einem Lastwagen zu diesem Ausflug gebracht wurde, einem Sträflings- oder Soldatentrupp, der die Wege ausbessert, die unter dem Regen gelitten hatten, oder auch einer "Hüterin" des jeweiligen Wasserfalls, denn Ordnung muß sein.

nordkorea Manches historische Denkmal läßt sich ebenfalls besichtigen, hier ein vergangenes buddhistisches Kloster, dort ein altes Königsgrab. Über die Praxis ihrer jeweiligen Restaurierung und die Ideologisierung dieser Stätten sollte man sich besser nicht auslassen, doch manches erfreut den Besucher nachhaltig. So, wenn daneben ein stattliches Gemälde den Großen Führer bei einem Zug durch sein sozialistisches Reich zeigt oder der Ortsführer dessen Sohn, den gegenwärtigen "Geliebten Führer", zitiert: "Dieses Denkmal muß sorgfältig gepflegt werden. Ein Volk, das seine Geschichte vergißt, hat auch keine Zukunft." Recht hat er, wie immer! Dieser Pflege dient dann auch, daß ein Fremder, der eine zugänglich gemachte Grabkammer besichtigen möchte, dafür hundert Dollar berappen soll, jeder und für jedes Grab.

Da betrachtet der Besucher lieber die Fotoausstellungen, die in Pionier-"Palästen" und ähnlichen Stätten gratis zugänglich sind. Überrascht nimmt er dann manche Form der Darstellung von Politik und Geschichte aus nordkoreanischer Sicht wahr. Eine Schautafel in einer Sekundarschule zeigte den Beginn des Koreakriegs von 1950 bis 1953 eindeutig als Überfall Nordkoreas auf den Süden. Noch wundersamer war ein Hochglanzfoto andernorts: Der "Geliebte" hing in den Armen zweier junger Frauen, mit ziemlich schrägem Blick. Da fiel dem unbefangenen Besucher natürlich ein, daß er auch als Liebhaber teuerster Cognacs gerühmt wird. Solche Assoziation war natürlich ganz ungebührlich! Im "Studienpalast des Volkes", der nordkoreanischen Nationalbibliothek, erfreute den Besucher der Musikabteilung am Tresen der Sofortausleihe zunächst und vor allem ein Regal mit den Gesammelten Werken des Großen Führers. Dann aber war eigens für ihn eine Kassette aufgelegt worden, die zeigen sollte, daß das Musikerbe der ganzen Welt hier dokumentiert wird - und aus den Kopfhörern dröhnte die ebenfalls geliebte Stimme von Freddy Quinn. Kaum besser hätte dieser Studienpalast in Sachen Musik vorführen können, über welche Schätze er verfügt! Dieses Lied hatte der Besucher in Deutschland noch nie gehört gehabt.

nordkorea Überhaupt, die Menschen dort! Kontakte mit ihnen sind kaum möglich, sind noch weniger erlaubt. Nicht ahnen läßt sich, was sie hinter ihren verschlossenen Gesichtern verbergen. Auch andere Augenblicke werden dem Fremden jedoch zuteil, abweisende, scheue oder aufgeschlossene. Hierüber sollte er allerdings lieber schweigen, denn derlei Eindrücke lassen sich schwerlich einordnen. Erzählen kann er immerhin, daß in einer Kreisstadt ein Paar nach seiner Hochzeit vor die örtliche Kim Il-sung/Statue trat und dort zu einer Art Gebet verharrte. Sie neigte auf dem langen Weg nach dort ihr Haupt in der traditionell für den Hochzeitstag vorgeschriebenen Ergebenheits- und Keuschheitsgeste. Und in einer Hauptstraße der Hauptstadt prostete dem Fremden durch die geöffneten Fenster einer prallvollen Kneipe ein Haufen Arbeitertypen mit Halbliter-Bierseideln zu. Zu gerne hätte er ihnen eine Runde ausgegeben, doch das Betreten von Geschäften, also wohl auch einer Kneipe, war ihm untersagt, und sein "Betreuer" ging schließlich nur wenige zehn Schritte hinter ihm.

Sogar kleinste Selbständigkeiten, wie einen Gang durch die Straßen oder wenigstens die Grünanlagen einer Stadt muß sich ein Tourist in Nordkorea durch tagelange Beharrlichkeiten ertrotzen. Wahrlich, der Weg zum Paradies, zu einem Paradies für Touristen zumal, führt durch das Fegefeuer. Gegenwärtig rühmen hiesige Medien, Nordkorea zeige seinen Willen zu einer "Öffnung". Am 15. August durften immerhin 151 Nordkoreaner ihre Verwandten im Süden besuchen, und der nordkoreanische Won sei im Verhältnis zum Dollar von 1:2 (zwei Won ein Dollar) auf 1:150 abgewertet worden, und das sei ein Zeichen für aufkommenden wirtschaftlichen Realismus und ein erstes für eine Liberalisierung der Wirtschaft. Dummes Zeug das, denn allem Anschein nach gibt es Nordkorea so etwas wie ein "System" der Wirtschaft überhaupt nicht! Im Kleinen, nämlich den shops für Touristen, funktioniert das. Die Dollar-Preise wurden zum Teil drastisch angehoben, und da der Ein-Dollar-Schein die kleinste Währungseinheit ist, werden bei jedem Kauf die Won-Preise sehr aufgerundet in Dollar umgerechnet, und zwei Instant-Kaffees in einem hauptstädtischen Hotel waren plötzlich fünf Dollar wert - in einem Hotel übrigens, das über 47 Stockwerke verfügte und das höchstens hundert Gäste hatte. Wahrscheinlich war es ehedem für den in den Ostblockländern geliebten Delegationstourismus für "Verdiente" errichtet worden, oder diente als zeitweilige Bleibe für die Abgeordneten des Volkskongresses bei ihren periodischen Sitzungen und für internationale "Kongresse" zur Verbreitung der Juche-Lehren. Die touristischen Mahlzeiten in diesem Marmorpalast sind so reich, daß der Besucher Berichte über Hungernöte in diesem Land verdrängen muß.

Wer fährt überhaupt als Tourist in dieses Land? Das größte Kontingent stellen augenscheinlich die VR-Chinesen, einige Japaner und Franzosen habe ich ebenfalls gesehen. Russen kommen hinzu - und eine junge Russin suchte merkwürdigerweise in der Hotel-Halle in Pjöngjang Sprachkontakte zur Übung ihrer frisch erworbenen Englischkenntnisse. Dreißig Deutsche auch sollen im ersten Halbjahr 2002 bereits Nordkorea bereist haben. Wahrscheinlich waren die meisten von ihnen, neben sonstigen Interessen, bereits überall auf der Welt gewesen und wollten Nordkorea so als "letzten Kick" kennenlernen oder waren schon in Sürdkorea gewesen und wollten die Gegenseite sehen. Für manchen dürfte das eine Art Metawelt gewesen sein. Ein paar alte "Waffenbrüder" aus der DDR hätte ich zu gerne dort getroffen, doch die neigen offenbar nicht zur Nostalgie. Trotz allem, nach den jeweils 28 Stunden für den Hin- und Rückflug über Zürich und Peking und den entsprechenden Mißhelligkeiten - diese Reise, das war mehr als ein Erlebnis! Die vielen winzigen Augenblicke und Eindrücke, mehr erhascht als gefunden, werden bleiben und zu diesem fernen Land gehören, selbst wenn es einmal nicht mehr bestehen sollte. Nicht nur viele Südkoreaner stehen jedoch einer friedlichen Wiedervereinigung ihres Landes skeptisch gegenüber, und allem Anschein nach zieht die nordkoreanische Führung in solcher Angelegenheit das Vereinigungsmodell Vietnam dem Modell Deutschland durchaus vor, naheliegenderweise.

Nordkoreanische Landkarten weisen ein eindeutiges Bild der Welt auf: um den Pazifik gruppiert, Korea in der Mitte der Welt, geeint und rot, Pjönjang als Hauptstadt. Ob sich das wohl den Herzen der Menschen eingeprägt hat? Dann hätte der Süden schlechte Karten, angesichts mancher "Nord-Nostalgie". Wir sollten wohl viel mehr über dieses Land zu wissen trachten, jenseits touristischer Impressionen!
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 7, HCN 18
 
  In dieser Folge fallen die "Annäherungen" ein wenig kurz aus. Einerseits haben die Impressionen aus Nordkorea viel Platz beansprucht, andererseits ist viel anderes zu reden und zu schreiben - für die bevorstehenden China-Wochen und anderes. Ganz soll Konfuzius jedoch nicht vergessen sein.

36
Einige Zahlen zum Ch'un-ch'iu, "Frühling und Herbst"

Diese älteste Chronik zur Geschichte Chinas wird gemeinhin Konfuzius zugeschrieben. Bei weiteren Klassikern, deren Kompilation ebenfalls auf ihn, wie die Überlieferung wollte, zurückgehen sollte, wird heutzutage überwiegend bestritten, daß K. ordnend oder zusammenstellend Hand an sie gelegt habe. Mit welchen guten Gründen eigentlich?

Zur Beurteilung des Problems, ob etwa das Shih-ching, "Buch der Lieder", tatsächlich von ihm kompiliert oder wenigstens bearbeitet wurde, ist die zweitälteste chinesische Chronik, das Tso-chuan, "Überlieferungen des Tso", von entscheidender Bedeutung. Meines Wissens hat jedoch noch niemand ernsthaftere und gründlichere Überlegungen darüber angestellt, was die Zielsetzungen und die Darstellungsformen dieses für den sinologischen Althistoriker unerhört wichtigen Werkes seien. Da das Tso-chuan als eine Art Kommentar zum Ch'un-ch'iu überliefert ist, müßten diesbezügliche Untersuchungen wohl auch begründete Hypothesen über das Verhältnis beider Texte zueinander einschließen - Hypothesen allerdings, die sich aus den Befangenheiten des in der traditionellen chinesischen Gelehrtentradition Vorgebrachten lösen.

Während monographischen Darstellungen des Tso-chuan vielfältige, nicht zuletzt sprachliche, Schwierigkeiten entgegenstehen, natürlich auch der Umfang dieses monumentalen Werkes, gilt dergleichen für das Ch'un-ch'iu nicht. Erstaunlicherweise wurde es trotzdem von der neueren westlichen Sinologie noch nicht einer detaillierten Untersuchung gewürdigt. Und wo derlei in den letzten Jahrzehnten angegangen wurde, etwa durch George Kennedy und Robert Gassmann, um nur die bedeutenderen Versuche zu nennen, geschah das unter einem aus methodischen und untersuchungstechnischen Gründen eingeengten Blickwinkel und mit beschränktem Material. Ob K. tatsächlich, wie die Tradition wollte, durch seine Formulierungschiffren im Ch'un-ch'iu "Lob und Tadel" über Vorgänge und Personen angedeutet habe, das interessierte. Zur Untersuchung herangezogen wurden dabei vor allem alle CC-Notizen über mit den Fürsten- und anderen Todesfällen zusammenhängende Aufzeichnungen: ein nur in gewisser Hinsicht aussagefähiges Material. Zur Interpretation dieser Daten wurden vor allem die Erklärungsmuster von Kung-yang chuan, "Überlieferungen des Kung-yang" und Ku-liang chuan, "Überlieferungen des Ku-liang", herangezogen. Der Umstand, daß das gewiß erheblich ältere und damit dem Ch'un-ch'iu näher stehende Tso-chuan ganz andere Interpretationmuster zum Ch'un-ch'iu bietet, wurde dabei ohne weiteres vernachlässigt. Und überhaupt: zunächst sollte versucht werden, das Ch'un-ch'iu allein aus sich selbst zu verstehen - unter Berücksichtigung aller seiner Eintragungen!

Das Ch'un-ch'iu enthält kurze Notizen zur Geschichte des Alten China in dem Zeitraum von 722 bis 479, für 244 Jahre also. Es ist äußerlich gegliedert nach den Regierungszeiten der Herzöge von Lu, dem Heimatstaat des K., in diesem Zeitraum. (Bei dieser Zählung wurden die von der Überlieferung als "Anhänge" angesehenen CC-Eintragungen unter Herzog Ai 14 bis 16 als Bestandteile des CC mitgezählt.) Eine vorläufige (!) Zählung mag erste Eindrücke vermitteln.
 

Lu-Herzog

Regierungszeit

Regierungsjahre

CC-Abschnitte

Zeichenzahl

 

 

 

 

 

Yin

722-712

11

76

640

Huan

711-694

18

116

1018

Chuang

693-662

32

178

1462

Min

661-660

2

14

100

Hsi

659-627

33

233

3132

Wen

626-609

18

155

1360

Hsüan

608-591

18

147

164

Ch'eng

590-573

18

176

1689

Hsiang

572-542

31

276

2752

Chao

541-510

32

242

2149

Ting

509-495

15

140

1170

Ai

494-479

16

132

1086

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Addition

 

244

1885

17722

 

 

 

 

 


Insgesamt also 1885 Eintragungen für einen Zeitraum von 244 Jahren! Das ergibt einen Durchschnitt von 7.7 Eintragungen pro Jahr - an Berichtenswertem oder Berichtbaren. Ist das viel oder wenig für einen dermaßen frühen historischen Zeitraum? Das Jahr, das am wenigstens Eintragungen aufweist ist das vierte des Herzogs Huan (708) mit lediglich zwei Notizen, am besten dokumentiert ist das 28. Jahr von Herzog Hsi (632) mit 21 Eintragungen. Alle Eintragungen sind kurz, stereotyp und lakonisch; sie umfassen durchschnittlich 9.4 Schriftzeichen. Auch hier ist die Spannbreite beträchtlich. Manche Notiz besteht aus nur einem einzigen Schriftzeichen.

Eine Schlußfolgerung von George Kennedy hatte, aufgrund seines Materials, gelautet, daß die Eintragungen im CC mit abnehmendem zeitlichem und räumlichen Abstand der berichteten Vorgänge im Verhältnis zur Lebenszeit des K. beziehungsweise zu seinem Heimatstaat Lu genauer und detaillierter würden. Läßt sich das dadurch bestätigen, daß Berichtsdichte (Eintragungen pro Jahr) und Berichtsumfang (Zeichenzahl pro Jahr) in eine Beziehung gesetzt werden? Solche Durchschnittszahlen zeigt die nachfolgende Aufstellung:

Herzog

Abschnitte/Jahr

Zeichen/Jahr

 

 

 

Yin

6.9

58.2

Huan

6.4

56.6

Chuang

5.6

45.7

Min

7.o

50.0

Hsi

7.1

95.0

Wen

8.6

75.6

Hsüan

8.2

64.7

Ch'eng

9.8

93.8

Hsiang

8.9

88.8

Chao

7.6

67.2

Ting

9.3

78.0

Ai

8.3

67.9

Diese Aufstellung führt nicht zu eindeutigen Eindrücken. Klar wird immerhin, daß die ungefähr 60 ersten Jahre im Ch'un-ch'iu deutlich geringere durchschnittliche Berichtsdichte und -umfang aufweisen. Allein bei ihnen ließe sich eine Bestätigung für die Schlußfolgerung von George Kennedy ableiten. Danach aber schwanken diese Durchschnittszahlen beträchtlich, auch ohne ersichtlichen Grund, was zeitliche und räumliche Ferne von K. und Lu angeht.

Im Grunde sind diese Zahlen allerdings unerheblich. Sie wurden auch nur festgehalten, um eine Datengrundlage für nachfolgende Erhebungen bereitzustellen. Welche Arten von Vorgängen verzeichnet das Ch'un-ch'iu, welchen geographischen/historischen Raum betreffen seine Eintragungen, und zwar alle? Nach dementsprechenden Untersuchungen könnten diese Zahlen vielleicht doch noch an Bedeutung gewinnen.

 
 
» Teil 9, HCN 20
 
 
 

Eine Flasche Wein: ein Nachklang

1976erIn Folge 17 dieser Notizen war eine Flasche Wein abgebildet, auf welcher sich diese Etiketten befanden. Jetzt bot sich ein Anlaß, diese Flasche zu öffnen. Sie war schon damals für diesen Zweck bestimmt, doch, einmal aus dem Keller geholt, bedurfte sie noch einiger Pflege und schonender Betrachtung. Und als es dann so weit war, führten Beklommenheit und Sorgfalt den Korkenzieher, denn - war der Inhalt noch gut oder bereits in Richtung Essigsäure verfallen? Manchmal schließlich ereignet sich solches "Umkippen" erst im Augenblick der Öffnung.

Reiche und volle Aromen stiegen aus dem Glas in die Nase. Die ersten Versuchstropfen schlossen die Nerven an Zunge und Gaumen auf, und dann ließ sich ein kräftiger Schluck wagen: wahre Glücksfeuerwerke schossen diese empfindlichen Zellen ab, und noch lange wirkte ihre Begeisterung nach. Was schmecken die Wein-Kritiker bei solchen Tropfen alles heraus: einen Hauch von Brombeeren, nussigen Abgang, Impressionen von Waldmeister und ähnliches in ihren selig-lyrischen Gestimmtheiten. Unlängst verstieg sich einer gar zu der Behauptung, den "Duft von junger Mädchenhaut" geschnuppert zu haben. Sprachlich ist "junge Mädchenhaut" so korrekt und so schön wie das in Stehkneipen öfter begegnende "Weiße Bohnensuppe" - und hat dieser Weinkritikus schon einmal an der Haut junger Mädchen, oder korrekter: Frauen, geschnuppert? Dann hätte er wahrscheinlich gewisse Unterschiedlichkeiten wahrgenommen. Sollte er auch Brombeeren und Waldmeister eher aus der Ferne kennen oder nur als Chemie-Extrakt aus der Retorte?

Zwei Allgemeinheiten zum Weingenuß seien hier noch angemerkt:
- Hierzulande werden alle Weine meistens zu warm kredenzt. Das gilt vor allem für die Rotweine und die ominöse "Zimmertemperatur", die hierfür empfohlen wird, denn die ist in der Regel um fünf Grad Celsius zu hoch. Ein durchschnittlicher Hauswein läßt sich stärker gekühlt viel angenehmer trinken, auch schon einmal zur Erfrischung - und wenn ein größerer Wein sich allmählich im Glas zu wärmen und zu entfalten beginnt und von Schluck zu Schluck immer neue Seiten seines Wesens enthüllt, einfach: ah!
- Eine oft wiederholte Legende besagt, ein guter Wein lasse sich am besten in Gesellschaft genießen, zu Zweit und zu mehreren. Weit gefehlt! Beim Weingenuß muß man nicht auch noch über Hochwasseropfer sprechen oder sonstwie Caritas üben. Das Zwiegespräch zwischen dem Wein, seinem Freund und dem Gedächtnis reicht vollkommen und wurde von Chinas Dichtern denn auch oft beschrieben. In diesem Falle schloß das Gedächtnis natürlich auch die Stifterin ein.
 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum