Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 19
22. September 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Die Große Mauer: eine Wiederentdeckung


turandot Vielleicht ist sie tatsächlich das bekannteste Bauwerk der Welt. Jedenfalls ist sie einer von fünf Begriffen, den jedermann ohne weiteres mit China assoziieren würde: die Große Mauer, welche die Chinesen meistens die Lange Mauer oder die Zehntausend-Meilen-Mauer nennen. Desungeachtet ist dieses Monument beinahe unbekannt. Sicher ist nicht einmal, wie lang sie ist. Ansonsten werden über sie meistens Mißverständnisse verbreitet.

Solchen begegnet jetzt der ausgewiesene Chinakenner und Hamburger Publizist Hans Wilm Schütte. "Chinas Grosse Mauer" nennt er seinen großformatigen Band. Auf mehr als 150 Seiten zeichnet er die Geschichte der Mauer nach - von den Vorläufern im 5. Jahrhundert v. Chr. bis zu der Touristenattraktion der Gegenwart, und nicht weniger zahlreiche Abbildungen vermitteln Blicke auf die einzelnen Phasen dieser Mauerbauten oder bieten kulturgeschichtlich interessante Zusatzeindrücke - und allmählich wird auch klar, warum Schütte im Untertitel von einer "Wiederentdeckung" spricht.

In den historischen Quellen ist manches Detail zur Entstehung der diversen historischen Mauerbauten verzeichnet. Seit zwanzig Jahren widmen sich auch chinesische Wissenschaftler der Feststellung und Erschließung ihrer Überreste. Schütte kann über dieses umfassende Material verfügen und faßt es zusammen. Bei ihm kommt jedoch noch etwas hinzu: Er ist kein "Schreibtischtäter", sondern hat sich selbst auf die Reise begeben, um weit im Landesinnern, wohin nie ein Tourist gelangt, nach Überresten "der" Mauer, nämlich der ab dem Jahre 1473 entstehenden Ming-Mauer, und von deren Vorläufern zu fahnden. Anschaulich weiß er über damit verbundene Erlebnisse zu berichten, wie sich denn auch der ganze Band durch seine unprätentiöse Sprache auszeichnet, trotz aller inhaltlichen Solidität. Und nebenbei ist das Buch auch noch ein Gang durch die chinesische Geschichte und deren Epochen, ob die Herrscher und ihre Berater in diesen nun solche Mauerbauten zur Abgrenzung von den "Barbaren" für notwendig erachteten oder nicht.

Einen einzigen Fehler hat der Betrachter - zu seiner Freude! - in der Datenfülle bemerkt, doch der ist so winzig, daß er keiner Korrektur bedarf. Viel mehr hat ihn das angenehme Layout erfreut, das dem Redaktionsbüro Norbert Pautner zu verdanken ist. Danken sollte der Interessent wohl auch dem Orbis-Verlag in München, denn der setzte den Preis auf wahrhaft geringe 12 EURO 50 fest. - Am 30. September wird Dr. Schütte sein Buch im Asien-Afrika-Institut der Universität einem weiteren Publikum vorstellen. Hoffentlich faßt sein Füllfederhalter genug Tinte, damit er alle die Exemplare signieren kann, die seine Zuhörer sich gewiß schon einmal als erste Weihnachtsgeschenke reservieren wollen.
 
 
 

Unerzogene Fußspitzen

das irdische dasein Der Berichtererstatter begann in früher Kindheit seine Erkundungen der ferneren Welt damit, daß er auf der Kurzwelle im Radio auf die Jagd nach möglichst fernen Sendern, mit deutschsprachigen Programmen, ging. Reiche Beute machte er dabei, in allen möglichen Formen, und seither hat er sich die Neigung zu dieser Art Wellenjägerei bewahrt. Manchmal hört er, in der Ferne, auch die Deutsche Welle, die amtlich geförderte "deutsche Stimme" in der Welt.

Im Jahre 2000 hatte die Chinaredaktion der Deutschen Welle einen Literaturpreis ausgeschrieben. Dem waren fünf andere entsprechende Ausschreibungen für andere Regionen der Welt vorausgegangen, sie alle haben "eine Region so zum Sprechen gebracht, dass die Seele des Landes oder der Länder, um die es ging, offen vor uns gelegen hat" (Joachim Burkhardt). Die China-Ausschreibung wurde durch 1166 Einsendungen erwidert.

Jetzt hat die Deutsche Welle einen kleinen Band vorgelegt, der acht Erzähltexte, darunter natürlich die der Preisträger, wiedergibt: erfreulicherweise zweisprachig. Leicht läßt sich vorstellen, daß die Auswahl nicht leicht fiel, und auch, daß das Auswahl- und Preiskrönungsverfahren als ein wenig undurchsichtig erscheint. Überraschend mag eher sein, daß ein Drittel der eingesandten Texte von Autoren stammt, die jünger als dreißig Jahre alt waren, bloß einer von diesen jedoch der Aufnahme in die Auswahl für würdig erachtet wurde. Bei den anderen, die meist schon durch Veröffentlichungen bekannt sind, bewegen sich die Geburtstjahre zwischen 1939 und 1966.

Mögen diese acht Texte immerhin Einblicke in die "Landesseele" verschaffen. Über ihren literarischen Rang läßt sich streiten, und mit dem "irdischen Dasein" haben sie gar so viel auch nicht zu tun. Der Titel des Bandes wurde, übrigens, dem Titel eines der aufgenommenen Texte entnommen. Das deutsche Lesepublikum hat der Literatur des neueren China nie sonderlich viel Aufmerksamkeit oder gar Zuneigung gewidmet. Da kommt dieser Band gerade recht, um wenigstens einigen Interessierten weitere Einblicke in das ungeheuer vielgestaltige literarische Leben im gegenwärtigen China zu vermitteln.

Wäre nicht auch in diesem Band zu beobachten, was der Aufnahme chinesischer Gegenwartsliteratur in Deutschland immer wieder im Wege stand - die hölzernen, meist zu wörtlichen Übersetzungen! "Er fuhr fort, sich zu entkleiden" auf Seite 23 mag nur steif klingen, "Ein Arm wie ein Lotusstengel rückte ihm sanft den Stuhl zurecht" (S. 59) läßt sich nur schon etwas beschwerlicher lesen, und wenn dann noch (S. 25) eine Szene von solch ungeheurer Wucht wie "Und dann stieß eine unerzogene Fußspitze den Topf mit dem verdorrten Feder-Bambus vom Geländer" begegnet, dann wird es bedenklich. Erfreulich, daß der chinesische Text jeweils auf der gegenüberliegenden Seite abgedruckt ist!

Dabei haben die Namen aller Übersetzer einen guten Klang, der Schriftsteller Joachim Burkhardt schrieb das Nachwort, und der Schriftsteller Peter Schneider hatte als Vorsitzender der Jury gewirkt. Vielleicht wendet sich der Band eher, wie auch einleitend festgehalten, an eine sehr spezifische Leserschicht und bietet für solche "Deutschlernende hoch interessantes Lese- und Studienmaterial". Für solche Parallellektüre mag er auch deutschen Chinesischlernenden überaus hilfreich sein. Er läßt sich beziehen über Deutsche Welle, China-Redaktion, 50588 Köln. Gibt es den Band dort womöglich sogar kostenlos?
 
 
 

Ein Chinese in Deutschland: eine Nachfreude

ng: das drachenboot Manchmal erreichen den Berichterstatter Anfragen der unterschiedlichsten Art. Irgendwann wird er alle in einer künftigen Folge dieser Notizen nebenbei beantwortet haben, indirekt. Nur manchmal findet er die Zeit, auf solche Anfragen auch direkt zu antworten, doch der berufliche Alltag verdient den Vorrang vor beiläufigen Homepage-Zeitvertreibereien.

Manchmal erreichen ihn auch kleine Zusendungen, und für die meisten hat er irgendwann irgendeine Verwendung. Das gilt zum Beispiel für einen Beitrag im SENIORENECHO Juli/August 2002. Dieses Blatt zählt noch nicht durchaus zur Pflichtlektüre des Berichterstatters. Genauer gesagt, er kannte es noch gar nicht, ehe ihm Gudrun Weinmann, Bonn, diesen Artikel zusandte - über ein so typisches wie untypisches Chinesenleben in Deutschland:

Dr. Ng Hong-chiok (geboren wann?) stammte aus Südchina, wanderte als kleiner Junge mit den Eltern auf die Philippinen aus, studierte dort Physik, kam mit einem Stipendium nach Deutschland, studierte Philosophie in München und promovierte über Hegel und Marx: brotlos!

Informatik schloß sich an, eine Buchhandlung und eine Galerie folgten, und jetzt betreibt er in Bonn das China-Restaurant "Hong Kong", kein gewöhnliches China-Restaurant. Es soll "eine Stätte zur Vermittlung chinesischer Kunst und Literatur" sein, und nach seinen Wünschen soll daraus gar ein Institut werden, das jungen Chinesen in Deutschland die deutsche Kultur nahebringen soll.

An der Uni Köln nimmt Dr. Ng. einen Lehrauftrag wahr, und anscheinend dichtet und malt er auch (siehe die Abb. im SENIORENECHO): deutsch-chinesisch.
 
 
 

Chinas Plagen: ein Nachtrag

In der ZEIT-Nummer vom 29. August prunkte China-Korrespondent G.B. wieder einmal mit Kenntnisreichtum und Witz - in einer Vierzig-Zeilen-Glosse "Chinas Plagen": "Seit der Zusammenführung der drei Reiche vor 2200 Jahren", hob er an, "wird China regelmäßig von zwei unausrottbaren Krankheiten heimgesucht: den unberechenbaren Fluten des Jangtse-Flusses und den ebenso unberechenbaren Folgen seiner Regierungswechsel."

Drei Reiche vor 2200 Jahren? - Die "Zeit der drei Reiche" währte in China nach gängiger Chronologie von 220 bis 265, läge also bloß knapp 1800 Jahre zurück. Vor 2200 Jahren, genau 221 v. Chr., erfolgte hingegen die sogenannte Reichseinigung durch den Staat Ch'in. Dieser hatte sich nach und nach sechs andere Staaten einverleibt, von denen gewiß drei die letzten waren, doch ob diese "die drei Reiche" genannt werden dürfen? Wenn G.B. dann auch noch von "Zusammenführung" spricht - irgendetwas hat er möglicherweise mißverstanden.

200 "große" Flutkatastrophen, meint er ferner, innerhalb von zweitausend Jahren verzeichneten "die akribisch geführten Archive des kaiserlichen Mandarinats". Über Größe läßt sich trefflich streiten, also nur alle zehn Jahre eine? Angesichts beinahe alljährlicher Flutkatastrophen in Vergangenheit und Gegenwart in China und angesichts von deren Ausmaßen mutet jedenfalls die "Jahrhundertflut" unlängst hierzulande beinahe an, als habe ein Dorfbach ein wenig sein Mütchen an den Menschen, die ihn beeinträchtigten, kühlen wollen.

Manches mehr in dieser Glosse ist ärgerlich. Wenn die ZEIT noch einen Korrektor besolden sollte, dann waren diesem die widersinnigen Trennungen "Jangt-se" und "Ji-ang" jedenfalls nicht aufgefallen, und wenn der Autor meint, über "unberechenbare Folgen" von Regierungswechseln, vergangenen und prognostizierten, in China lästern zu müssen, dann sollte er vorab einmal an häusliche Gegebenheiten denken. Derlei Glossen bezeugen bloß flotte Hochnäsigkeit.

Hätte der Korrespondent tatsächlich einmal die "Archive des kaiserlichen Mandarinats" konsultiert, dann wäre er zu seiner Bestürzung gewahr geworden, daß China neben den zwei durch ihn erkannten Plagen noch von zahlreichen weiteren heimgesucht wurde und wird. Die eine oder andere Heimsuchung konnten die "Mandarinatsarchive" freilich noch nicht verzeichnen, trotz aller Akribie.
 
 
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