Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 19
22. September 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Chinaexperte: was ist das?

"Hat Deutschland die richtigen Chinaexperten?" lautet der Titel einer Veranstaltung während der China-Wochen. Schon der Titel gibt Anlaß zu einigen Fragen: Was heißt in diesem Falle "Deutschland" und was ist ein "richtiger Experte", zumal ein Chinaexperte? - Als Experte gilt gemeinhin ein Sachverständiger, ein Fachmann; unüberhörbar schwingt dabei aufgrund der Wortgeschichte ein "erprobt, bewährt" mit. Ist China eine Sache, ein Fach, und wie wird man dafür/darin bewährt, erprobt?

Ein Bursche, der das Bäckerhandwerk erlernt, hat eine zwei-, wohl eher dreijährige Ausbildungszeit zu durchlaufen, mit praktischen, betrieblichen Teilen und theoretischen, die auf der Berufsschule zu absolvieren sind. Danach wird er Geselle, also eine Art Beigeordneter für einen höher Qualifizierten. Wenn er sich in dieser Funktion bewährt und weitere Ausbildungsphasen erfolgreich abgeschlossen hat, dann mag er es zum Meister bringen und sein eigenes Geschäft eröffnen dürfen. Niemand wird ihn jedoch einen Experten nennen mögen. Ein Experte für Brot und Brötchen dürfte er schon allein deswegen nicht sein, weil er über die mehrtausendjährige Geschichte der Brotbäckerei in Europa und auf der Welt kaum etwas wissen dürfte. Auch als Experte für Bäckereien würde er sich wohl nicht bezeichnen, denn er verbrachte seine Ausbildungszeiten in Hamburg oder in Itzehoe oder sonstwo, und über das Bäckereiwesen in Niederbayern oder Norditalien dürfte er wenig Aufschlußreiches erfahren haben. Er hat in seiner Ausbildungszeit gelernt, aus durch Großfirmen vorgefertigten Teichmassen vermittels geeigneter Zusätze und hochtechnisierter Backöfen unser täglich Brot zu fertigen. Wahrscheinlich verfügt er auch über die grundlegenden Fertigkeiten seines Faches, nämlich wie man aus einem Sack Korn in einem handgefeuerten Backofen ein Brot herstellt, weiß auch einiges über die Kuchen- und Tortenbäckerei, doch schon bei der Zubereitung feinerer Pralinés - ob da nicht die meisten zögern werden?

Nebenbei, das Bäckerhandwerk ist wie alle Handwerke hoch ansehnlich, und wer es darin bis zum Meister gebracht hat, der sollte einem Gymnasiasten, der ein Diplom, einen Fachhochschulabschluß errrang, einem Universitätsmagister, vielleicht einem Doktor gar als gleichwertig, was "Expertise", Lebenserfolg und Fachkompetenz angeht, erscheinen. In einem verhältnismäßig begrenzten Wissens-, Tätigkeits- und Erfahrungsfeld wie der alltäglichen Brotbäckerei, mit einigen Weiterungen selbstredend, hat er es zu anerkannter Kompetenz gebracht. Ein "Experte" ist er trotzdem nicht, höchstens einer für den eigenen Betrieb, so er sich in ihm bewährt.

Von einem "Chinaexperten" ließe sich füglich erwarten, daß er sagen kann, wo auf der großen weiten Welt bereits China-Wochen veranstaltet wurden. Das sind Veranstaltungen, die für Annäherungen an und Auseinandersetzungen mit China überaus aufschlußreich sind. Eben das sind auch die Reaktionen Chinas hierauf. Wahrscheinlich ist niemand in der Lage, mehrere solcher Veranstaltungen aufzuzählen, geschweige denn zu analysieren, und kaum jemand käme dabei in den Sinn, daß auch Itzehoe -tatsächlich!- solche Wochen zelebrierte.

Kurz gesagt, "Chinaexperten" kann es nicht geben. China insgesamt kann nicht Gegenstand von irgendwie geartetem Expertentum sein. Zur weiteren Begründung ist hier nicht notwendig, auf die in allen Bereichen gewaltigen Dimensionen dieses Kontinents zu verweisen.

Das Interesse an China erscheint in aller Regel als zweigeteilt. Die einen interessieren sich für die traditionelle chinesische Geschichte und Kultur, die anderen für gegenwärtige Politik und Wirtschaft. Gemeinhin betrachten die einen die anderen, oder die anderen die einen auch mit scheelen Blicken, obwohl unstrittig sein dürfte, daß beide Bereiche von derartiger Bedeutung sind, daß jeder von ihnen genauester Würdigung und Beachtung wert ist. Nicht ganz so unstrittig könnte sein, daß Kenntnisse in dem einen Bereich nicht ohne solche in dem anderen recht angemessen sind. Für solch notwendige wechselseitige Durchdringung beider Interessenbereiche ließen sich zwar treffliche Gründe anführen, doch die dafür als Voraussetzung notwendige Mühewaltung ließe wohl auch Argumente in den Sinn kommen, die für deren Verzichtbarkeit sprächen. Ohnehin sind beide Interessenbereiche noch so gewaltig groß, daß sich in keinem von ihnen eine umfassende Expertise erlangen läßt.

Wie sollte ein China gewidmetes Expertentum beschaffen sein? Experten für, sagen wir, chinesisches Bäckereiwesen wären vorstellbar, für Maschinenbau, Verlagswesen, Kunst der Gegenwart, Außenpolitik, Regionalförderung, Luftfahrt, Steuerwesen, Hochbau, Literatur des 17./18. Jahrhunderts, Dichtung des 11./12. Jahrhunderts, Malerei des 9./10. Jahrhunderts, Religionen im 5./6. Jahrhundert, Ausgrabungen aus dem 1. Jahrtausend v. Chr., Geographie in Vergangenheit und Gegenwart, Mechanismen der Werbe- und Motivierungsanreize, chinesische Betriebsführung, gegenwärtige Literatur, Schiffahrtstechnik usw. usw. Wie gesagt, für solche Bereiche wäre Expertentum denkbar, doch fraglos sind diese Bereiche noch immer zu groß, um ein Expertentum, wie es in Deutschland für deutsche Verhältnisse gepflegt wird, zu gewährleisten. Ganz einfach, das für solche Bereiche in China verfügbare Material an Schriften und Beobachtungen ist zu umfangreich, und die Auseinandersetzung hiermit währt in der Regel eine viel zu kurze Zeit, als daß tatsächliches Expertentum entstehen könnte, nicht behauptetes oder angemaßtes. - Die rühmlichen Halbausnahmen von solchen Feststellungen sind bekannt.

Ungefähr einhundert Jahre lang kam der Erwerb von China-"Expertise" mit traditionellen Ausbildungsmustern ganz ordentlich zurecht, denn die deutschen Chinakontakte waren überschaubar. Auf der einen Seite standen die Praktiker in Handel, manchmal auch in der Politik, die über Erfahrungswissen verfügten. Auf der anderen Seite befanden sich die Fachwissenschaftler, meistens Sinologen, die sich ihren Kulturstudien widmeten. Erfreulicherweise kam es in der Vergangenheit oft zu Grenzüberschreitungen zwischen beiden Bereichen.

Seit der sogenannten wirtschaftlichen und politischen Öffnung Chinas haben sich diese Gegebenheiten verändert, obwohl überkommene Verhaltensweisen hierzulande, hier und da ein wenig modifiziert und ergänzt, ihre Beharrungskräfte bewahrten. Diese Gegebenheiten werden sich jedoch radikaler verändern. Das gilt für den Bereich der traditionellen Sinologie, die sich schon jetzt immer stärker spezialisiert hat, noch radikaler jedoch für den Teil der "China-Experten", der sich mit gegenwärtigen und zukünftigen Verhältnissen befaßt.

Um das ganz klar zu sagen: Ein hiesiges Schiffahrtsunternehmen oder ein Maschinenbauer mag mit hundertjährigen Chinakontakten gut gefahren sein. China war in diesen Jahrzehnten stets ein mehr oder minder stark regulierter Wirtschaftsraum, mit dem Geschäfte stets über nur wenige Ansprechpartner möglich waren. In der Regel waren dafür auch keine besonderen Sprachkenntnisse notwendig. Solche Geschäftsbeziehungen mögen sich auch unter sich verändernden Geschäftsbeziehungen bewähren, doch sie werden zunehmend eine nur segmentoriale Bedeutung haben. Wer künftig ein "Experte" für chinesischen Maschinenbau oder chinesisches Schiffahrtswesen werden oder auch nur umfassende Marktkenntnisse erwerben will, der wird kaum umhinkönnen, die chinesische Fachliteratur und die chinesischen Internetpräsentationen wahrzunehmen. Erfahrungsgemäß sehen die ein wenig anders aus als die englischsprachischen Veröffentlichungen oder Versionen, und sie sind sehr zahlreich und oft nur schwer zu erlangen. Hierfür sind, wahrlich, gut ausgebildete Fachleute notwendig.

Bisher erfolgte die Heranbildung von Fachleuten für die unterschiedlichen Aspekte "China" auf mehreren Wegen. Einerseits waren da die Praktiker, die sich die eine oder andere zusätzliche China-Qualifikation erwarben. Auf der anderen Seite standen die universitär ausgebildeten Sinologen, die sich ebenfalls um zusätzliche Qualifikationen in ihren arbeitgebenden Betrieben oder Institutionen zu bemühen hatten. Hinzukamen allmählich Studien- und Ausbildungsgänge, die in dieser Hinsicht von vorneherein oder später Brücken zwischen beiden Annäherungen an China zu schlagen versuchten. Das waren spezifische Ausbildungsgänge an mehreren Fachhochschulen, aber auch Stipendienprogramme für den chinesischen Spracherwerb von Studierenden/Absolventen betriebswirtschaftlicher, juristischer und anderer Studiengänge. Mehr oder minder dubiose chinabezogene Qualifizierungsprogramme im zweiten Sektor des Arbeitsmarktes oder durch privatwirtschaftlich geführte Kleinunternehmen runden das Spektrum weitgehend ab.

Gemeinsam ist all diesen chinabezogenen Ausbildungen und Qualifizierungen, daß sie unzulänglich wirken. Wie sollte das auch anders sein? Das oben benutzte Beispiel der Ausbildung zum Bäckermeister, die sich über schätzungsweise acht Jahre erstreckt, mag das verdeutlichen. Alle chinabezogenen Ausbildungen und Qualifizierungen müssen mit erheblich weniger Zeit auskommen. Natürlich können auch sie weder eine umfassende allgemeine Chinaexpertise noch die anzustrebenden spezifischen Expertisen, wie oben angedeutet, vermitteln. Dafür fehlt es an allen Voraussetzungen. Das einzige, was sie zu leisten vermögen, ist die Vermittlung von chinabezogenen Basiskenntnissen: eine hinlängliche Beherrschung der chinesischen Hochsprache und ein grundlegendes landeskundliches Wissen. Hinzukommen sollte der Erwerb der Fertigkeiten, Wissensdefizite selbständig auszugleichen. In mancher Hinsicht mögen sich die unterschiedlichen Ausbildungs- und Qualifizierungsprogramme unterscheiden, doch nicht erheblich. Die eigentliche berufliche Orientierung erfolgt, unter erheblichen Friktionen allseits, meistens erst in den ersten Anstellungsverhältnissen, viel zu spät also, jedenfalls für den Arbeitgeber.

Das Dilemma ist ganz klar: Die Ausbildungsgänge vermitteln chinabezogene Basiskenntnisse, die Arbeitgeber, ob institutionelle oder solche in der Wirtschaft, erwarten "Experten" mit Qualifikationen, die für ihre jeweiligen Bedürfnisse gleichsam maßgeschneidert sein sollen und die überdies von unstrittiger betrieblicher Loyalität sind. Wie ließe sich dieses Dilemma lösen?

Unter den Gegebenheiten einer Marktwirtschaft und den in Deutschland vorhandenen Ausbildungsstätten mit ihren Eigenarten läßt sich wohl nur ein Weg beschreiten, der allen Seiten gerecht wird: Praktika während der Ausbildung. Nun, solche werden von den Studierenden, ob an Universitäten, Fachhochschulen oder gar schon an Schulen, inzwischen in vielfältiger Weise wahrgenommen. Das ist ein gangbarer Weg, doch er ist uneben und beliebig. Es fehlt nämlich an einer Systematik der Praktika. Wie eine solche aussehen könnte?

Wieder mag ein Maschinenbauer als Beispiel herhalten bzw. der Verband der Maschinenbauer, denn einen solchen gibt es gewiß. Das Unternehmen bzw. der Verband könnten befinden, daß sie auf kürzere oder längere Sicht "richtige Experten" für den Maschinenbau in China gebrauchen könnten. Sie testen einige interessierte Studierende von Universitäten oder Fachhochschulen in allgemeiner Weise hierfür. Wenn dann beidseits "die Chemie stimmt", schließen sie mit dem einen oder anderen eine Art Ausbildungsvereinbarung, an welcher ein Vertreter der Hochschule als dritter Teilnehmer beteiligt sein sollte. Kern dieser Vereinbarung sollte sein, daß weitere betriebliche Praktika folgen sollen, aber auch, daß die weitere Ausbildung an der Hochschule Rücksicht auf die Qualifizierung zum Experten für chinesischen Maschinenbau nehmen sollte. Solche Berücksichtigung könnte mancherlei Formen annehmen, am wichtigsten wäre wohl, daß das Thema der Examensarbeit aus dem entsprechenden Fachgebiet stammte. Soweit müßte eine solche Vereinbarung verbindlich sein. Sie dürfte jedoch keinesfalls, für keine der beiden hauptbeteiligten Seiten, eine feste Einstellungszusage für die Zeit nach dem Examen einschließen.

Die Vorteile solcher Vereinbarungen zwischen chinainteressierten jungen Leuten und chinainteressierten Unternehmen, Unternehmensverbänden und Institutionen jedweder Art liegen auf der Hand: Die jungen Leute erhalten früh eine berufliche Orientierung und können sich auf ein berufliches Umfeld ebenso früh einstellen oder eine andere Orientierung vornehmen. Die andere Seite kann sich frühzeitig genau die Chinaexperten heranbilden, die sie braucht - mit all den spezifischen Chinakenntnissen, die jenseits der Basiskenntnisse anzusiedeln sind. Hierzu gehört in jedem Falle auch die Beherrschung der jeweiligen chinesischen Fachsprache. Erstaunlicherweise besteht ja immer noch die Ansicht, daß jemand, der munter auf Chinesisch plaudern kann, auch sogleich einen Fachdialog zwischen einem chinesischen und einem deutschen Maschinenbauer dolmetschen könne. Dabei ist das eine so spezifische Kompetenz, daß sie erst nach intensivsten Anstrengungen erworben werden kann.

Vereinbarungen solcher Art würden die Beliebigkeit, unter welcher die Heranbildung spezifischer Chinaexpertise bisher litt, weitgehend beheben können. Sie könnten tatsächlich zu "Chinaexperten" auf einzelnen Fachgebieten, die diesen Namen verdienen, führen. Einzelne Unternehmen, wie Lufthansa und VW, sind in Einzelfällen bisher schon solche Wege gegangen, doch ohne Systematik, und im Grunde steht die Arbeitsplatzpolitik der Unternehmen, die oft kurzfristig wirkenden Parametern folgt, einem solchen Konzept, das auf Längerfristigkeit angelegt ist, im Wege. Deshalb müßten wohl Institutionen wie Fachunternehmensverbände für solch ein Konzept gewonnen werden.

Wie dem auch sei, Handwerk, Handel und Industrie ist es in Deutschland schon vor langen Jahren gelungen, Ausbildungswege zu schaffen, die genau ihren spezifischen Bedürfnissen entsprechen. Warum sollte ihnen das nicht auch für das Chinageschäft gelingen, wenn sie sich den Herausforderungen dieses Marktes stellen wollen? Sie waren ja in der Lage, langwährende attraktive Ausbildungswege zu konzipieren und zu gewährleisten. Deren Erweiterung um Modelle für fachspezifische Chinakompetenz sollte da eigentlich nicht schwierig sein.

Wer weiß? Als unlängst Abgesandte von Hamburger Behörden zu entsprechenden Behörden der Partnerstadt Shanghai kamen, staunten sie nicht schlecht, als einige von deren Mitarbeitern sie in vorzüglichem Deutsch begrüßten. Ebenso sollten wohl auch in der Senatskanzlei und in den HH-Behörden, die mit China zu tun haben, einige Mitarbeiter Chinesisch können und dazu über eine eigenständige chinabezogene Sachkompetenz verfügen. Der Öffentliche Dienst in Deutschland ist nämlich an Chinakompetenz in den eigenen Reihen weitgehend uninteressiert - und er sollte doch eigentlich der Vorreiter sein, wenn China künftig so wichtig ist, wie immer wieder beschworen.
 
 
 

Die jüngste Doktorin bei den HH Sinologen: Helga Sönnichsen

Helga Sönnichsen Das war schon eine besondere Disputation, nach welcher Helga Sönnichsen am 4. Juli im Fach Sinologie zum Dr. phil. promoviert wurde! Der Rahmen war der übliche: Frau Sönnichsen referierte vor ausgewiesenen Sachkundigen eine Viertelstunde und frei über ihre Doktorarbeit: "Beobachtungen zur Prosodie in der shi-Dichtung Shen Yues (441-513)". Anschließend versuchte dieses Fachpublikum, durch Frage und Diskussion einzelne Aspekte der vorgetragenen Hypothesen und Ergebnisse genauer zu erkunden.

Besonders war an dieser Disputation schon einmal das Geburtsdatum der Kandidatin. "Ich wurde am 31. 12. 1928 in Altona-Blankenese (jetzt Hamburg) geboren (...)", beginnt ihr Lebenslauf ganz altmodisch. Einen ersten, Jahrzehnte zurückliegenden, Promotionsversuch hatte sie abgebrochen, denn nach Kriegswirren und Studium hatte in jenen Jahren jemand, der nicht aus vermögendem Hause stammte, es an den Universitäten schwer. Eine erfolgreiche berufliche Laufbahn als Studienrätin für Griechisch und Latein, später auch für Russisch, hatte den Vorrang. Als dann jedoch der Eintritt in den "Ruhestand" möglich wurde, nahm sie sogleich ein Studium der Sinologie auf, das sie in allen Einzelheiten und mit allen Anforderungen glanzvoll durchmaß, obwohl immer wieder Rücksichten auf Notwendigkeiten im familären Rahmen zusätzlich nach ihren Rechten verlangten.

Besonders war bei dieser Dissertation dann auch das Thema. Kaum jemand hat sich in forschend-ernsthafter Weise mit der Prosodie chinesischer Dichtkunst auseinandergesetzt. Das gilt vor allem für deren frühe Phasen. Alte chinesische Gedichte wurden bisher lediglich nach ihren Inhalten betrachtet, nie nach ihren formalen Zügen: ein Unding im Grunde! Erklären läßt sich das allein daraus, daß entsprechende Forschungen nicht auf den ersten Blick als erfolgreich erschienen. Dieses Risiko hatte Helga Sönnichsen vor Jahren auf sich genommen - und war zu grundlegenden Einsichten gelangt, auf welcher die künftige Forschung wird fußen müssen. So zögerte das prüfende Gremium auch nicht, Dissertation und Disputation mit der besten und von ihm überaus selten zuerkannten Note zu bedenken: "summa cum laude".

Helga Sönnichsen erinnerte sich noch an das Seminar, sogar an das Gedicht, das sie vor Jahren auf den Weg zu ihrem Thema geführt hatte. Selbstverständlich hat sie es in der Zwischenzeit besser verstehen gelernt und ebenso ihre Kunst der Übersetzung vervollkommnet, wie denn überhaupt ihre Übersetzungen vorbildlich sind, zum Beispiel:
Shen Yue: Abschied von Fan aus Ancheng

In jungen Jahren wechseln wir so leicht
Das Abschiednehmen und das Wiedersehen;
Nun wir am Abend unseres Lebens stehn,
Ist dies das letzte Auseinandergehen.

Sprich nicht vom Krug mit Wein, den wir geteilt -
Schon morgen werden wir ihn schwerlich heben.
Im Traum selbst weiß ich nicht den Weg zu dir;
Was kann Erinnerung an Trost mir geben?
Selten habe ich in der sinologischen Fachliteratur Übersetzungen gelesen, die so durchgefeilt waren wie die in dieser Doktorarbeit.
 
 
 

Dichtende Sinologinnen

Wenn die Semesterferien begonnen haben, dann gehen die HH-Sinologen zu Jobs oder auf Reisen oder aber: sie wenden sich ihren wissenschaftlichen Arbeiten zu, für die sonst wenig Zeit blieb. Zwischendurch, wiewohl selten, erlauben sie sich dann kleine entspannende Ausflüge in die chinesische Poesie, die so reich ist wie kaum eine andere Dichtungstradition. Deshalb finden sich in ihr dann auch Gedichte über alle möglichen Themenbereiche - vom Salzbergbau bis zur Seilbahn, über Heuschrecken und Hahnenkämpfe, natürlich auch über Herz und Schmerz. Beinahe alle großen Chinesen, Kaiser und Denker, haben Gedichte geschrieben, und wer sich mit ihnen befaßt, tut gut, sie zu studieren. Wer sich hierzulande mit Helmut Kohl oder Immanuel Kant befaßt, ist solcher Pflicht enthoben, doch ein Sinologe kann nicht umhin, Gedichte zu lesen, ob ihm das paßt oder nicht.

Ganz andere "sinologische" Gedichte wurden allerdings am Abend des 25. Juli im Warburghaus vorgetragen. Mehreren Andeutungen war zu entnehmen gewesen, daß einige gegenwärtige und ehemalige Studentinnen der Sinologie ebenfalls Gedichte schreiben: deutsche Gedichte und nur selten durch Chinaerfahrungen angeregt. Da lag nahe, sie einmal um eine Lesung zu bitten: "Sinologinnen dichten" an eben diesem Abend:
Christine Berg-Zimmann
Lena Wolff
Charlotte Hirsch
Johanna Hempel
Tanja Westerhagen
Auf diese Reihenfolge hatten sich die fünf verständigt, mit gutem Bedacht. Manche Texte erschienen bei jeder schon beim bloßen Zuhören als durchgefeilt und -geformt, andere ließen unmittelbare persönliche Erfahrungen durchscheinen, doch alle zeigten eine erstaunliche Sicherheit der Selbst- und Außenwahrnehmung und der Fähigkeit, diese in die Sprache des Gedichts zu bringen. Charlotte Hirsch zeigte, zwischen ihren Texten, zusätzlich Dias von eigenen Bildern, in welchen Selbstreflektion und Comics eine Verbindung eingegangen waren.

Tanja Westerhagen, Charlotte Hirsch, Johanna Hempel, Lena Wolff, Christine Berg-Zimmann (v.l.n.r.)

Wenigstens fünf Dichterinnen im kleinen Kreis der HH-Sinologen? Bisher haben sie nur im Eigenverlag publiziert oder hier und da in einer Zeitschrift oder einem Sammelband, und manchmal wußten bisher nur enge Freunde und nahe Verwandte von diesen Übungen in der Dichtkunst. Ihre ungefähr 50 Zuhörer im Warburghaus zeigten sich jedenfalls fasziniert - und für viele Lesungen im renommierten und hoch subventionierten "Literaturhaus" am Schwanenwik interessieren sich nur eine Handvoll "Leute". - Für den Beginn des Abends hatten die fünf noch schnell -bei einem Treffen am Abend davor- ein Kettengedicht in chinesischer Tradition geschrieben, und keine von ihnen zeigte sich als ätherische Dichterin, wie sich manche eine solche vorstellen mögen. Jede von ihnen füllt ihren Platz in Studium oder Beruf aus, doch alle vereint die Neigung und die Fähigkeit, Sprache bewußt zu handhaben - ein Streben, das seltener wird.
 
 
 

Ein China-Restaurant: kein Nachruf

Nein, ein solcher soll das nicht werden, doch in » Folge 2 dieser Notizen erschien ein Foto, das schlicht ein Schild mit der Aufschrift "China" zeigte und auf das Restaurant "Shanghai" verwies. Nach einigen Besuchen dort unten am Mittelweg 24 reichte es, und da das auch anderen offenbar so erging, teilte das Shanghai das "Schicksal" vieler Artgenossen und schied dahin.

Jetzt ragt das Schild "Brahmskeller" über den Mittelweg: zur Erinnerung und als Vorfreude zugleich. Der "Brahmskeller" war zuvor im Grindelhof anässig gewesen, bis ihn vor einigen Monaten stark erhöhte Mietforderungen vertrieben. Der Besitzer, Martin Schulte, konnte es jedoch nicht lassen, obwohl er die Siebzig bereits überschritten hat und seine Eheliebste an anderer Stätte ein Lokal führt. Er ist mit Leib und Seele Weinwirt, und so kam ihm das unbemerkte Dahinscheiden des "Shanghai" gerade zupaß.

Die Speisekarte blieb unverändert, und so sah sie auch schon vor zwanzig Jahren aus. Da wird solide hanseatisch gekocht und nicht modisch zwischen den Szeneküchen herumgehopst. Wichtiger ist jedoch, daß auch die Weinkarte geblieben ist - mit angenehmen und vortrefflichen Kreszenzen aus allen deutschen Anbaugebieten, sorgsam ausgewählt und ordentlich gepflegt - und zu sehr entgegenkommend kalkulierten Preisen.

brahmskeller

Im alten Brahmskeller habe ich, nach Vorträgen und ähnlichen Gelegenheiten, manche vertraute oder stürmische Diskussion geführt oder andere Geselligkeiten genossen, und Wirt Schulte nahm alle mit der gebührenden Diskretion wahr. Schön also, daß es jetzt diesen neuen "Brahmskeller" gibt! Zuletzt fehlte es nämlich in der Nähe an einer Stätte für solche Gelegenheiten.
 
 
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