Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 19
22. September 2002
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

China-Wochen: zum Auftakt Kunst

Offiziell werden die 3. Hamburger China-Wochen am 17. September durch einen Festakt im Rathaus eröffnet, doch die ersten zu ihnen gehörenden Veranstaltungen begannen bereits. Das Museum für Kunst und Gewerbe sorgte für die Auftakte.

bambus1 Am 15. August eröffnete es eine kleine Ausstellung "Der Bambus und das Ich" mit Tuschbildern und Objekten des in Hamburg lebenden chinesischen Künstlers Liu Xiaomin. - Der Bambus ist ein Urthema der chinesischen Kunst, die älteste überlieferte Darstellung eines Bambusbusches ungefähr 2000 Jahre alt. Mit allerlei Symbolik wurde dieses Gewächs, das Botaniker zu den Gräsern zählen, befrachtet, und diese drückte sich in den traditionellen Bambusbildern aus. Mit alldem brach Liu. Er pflückte gleichsam die Bambusblätter von den Zweigen und arrangierte sie -in Tuschebildern, deren Farbschattierungen von sattem Schwarz bis zu Weiß reichen- neu, meistens zu geometrischen Strukturen. Hierbei entwickelte er eine eigene Symbolik, die mit den überkommenen Inhalten und Formen spielt.

Diese kleine Ausstellung war ein Prälimenarium, dem am 5. September das größere Ereignis folgen sollte: Direktor Prof. Wilhelm Hornbostel lud zur Eröffnung der neugestalteten China-Abteilung dieses weltberühmten Hauses. Eine solche kann wegen des damit verbundenen Aufwandes vielleicht nur alle zehn Jahre erfolgen, hat also in gewisser Hinsicht programmatischen Charakter. Die gegenwärtig für China zuständige Kustodin, Dr. Nora von Achenbach, die vor ungefähr zwei Jahren in das MKG gekommen war, wird diese Chance begriffen haben. Ihre Vorgängerinnen, Dr. Rose Hempel und Dr. Ursula Lienert, hatten ihre Abteilung in sehr charakteristischer Prägung gestaltet.

bambus2 Solcherart waren auch die Erwartungen der geladenen Gäste. Obwohl im MKG gerade einige Eröffnungen Aufsehen erregt hatten, waren sie abermals so zahlreich erschienen, daß der prächtige Spiegelsaal kaum alle aufnehmen konnte. Drei Reden waren zu überstehen. Dann gab es, auf dem Weg zur China-Abteilung, eine Zwischenstation mit Saft und Sekt - und dann, ja und dann? Dann herrschte in der China-Abteilung ein derartiges Gedränge, daß zwar hier und da ein einzelnes Objekt in Augenschein genommen, nicht aber das Konzept der Neugestaltung im Überblick ergründet werden konnte.

Veranstaltungen wie diese, ob die Eröffnung einer Sonder- oder einer Dauerausstellung, haben allerdings eine andere Funktion als die, zu müßigen und studierenden Betrachtungen einzuladen. Sie sollen ein aufgeschlossenes Publikum, einen Förderkreis zumal, an das Haus binden, und da kann Direktor Hornbostel mit der jeweiligen Resonanz zufrieden sein, und den einen oder anderen aus dem Publikum mag auch die eine oder andere Rede erfreut haben. Das Studium der Exponate muß dann jeder für sich besorgen.

Übrigens, die neugestaltete China-Abteilung steht unter dem Motto "Aus Gräbern und Palästen". Einige ihrer Ausstellungsstücke lagen wohl tatsächlich einmal in Gräbern, doch ob die anderen je eine Bleibe in einem Palast hatten?
 
 
 

China-Wochen: das Programm

china-wochen: programm Ein Festakt im Großen Festsaal des Rathauses, mit Bürgermeister von Beust und Shanghais Vize-Bürgermeister Zhou Muyao, wird diese dritten Hamburger China-Wochen, nach denen von 1988 und 1995, eröffnen. Am Abend folgen ein Senatsempfang und ein Abendessen, und irgendwann wird an diesem Tage auch ein "Memorandum" für Austauschprogramme unterzeichnet werden. Anwesend sind jeweils "geladene Gäste".

Das Programmheft verzeichnet mehr als 80 Veranstaltungen. Bei gut 25 davon kommt der Name Shanghai vor, denn diese China-Wochen schließen auch Shanghai-Tage ein, der Partnerstadt gewidmet. Wahrscheinlich ist die Zahl der Veranstaltungen noch um einiges größer, denn zu mancher Veranstaltung gehören mehrere Programmpunkte, allein schon bei der vortrefflichen Auswahl von Shanghai-Filmen im "Metropolis". Klar und übersichtlich ist das Heft gestaltet, und klar und deutlich läßt es manches nebenbei erkennen.

Von den 56 Seiten sind 16 ganzseitigen Anzeigen vorbehalten: nicht zu verachten! Fünf von diesen Anzeigen haben Unternehmen spendiert, die auf den Reisemarkt China setzen, viermal sind in dieser Form HH-Banken vertreten, ebenso viermal Unternehmen, die im China-Geschäft vermitteln. Die deutschen und chinesischen Handelsfirmen und Schiffahrtslinien erscheinen eher nebenbei unter den restlichen Anzeigenpartnern oder gar nicht. Wie groß waren noch deren Zahlen? Gewiß werden diese während der China-Wochen oft zu vernehmen sein.

Interessant und abwechslungsreich bietet sich das Programm dieser China-Wochen dar. Es reicht von "Chinesisch an Hamburger Schulen" bis zu einer großen "Gala Show aus Shanghai", im CCH. Auch als Veranstalter treten die Reiseunternehmen besonders hervor, vor allem jedoch die Handelskammer mit einer Reihe interessanter Seminarveranstaltungen, auch für in HH ansässige Vertreter chinesischer Firmen. Die Hamburger China-Gesellschaften begegnen als Veranstalter, die HASPA, die HH Messe, der Botanische Garten, ein China Education Center, eine Qigong-Lehrerin, ein Puppentheater ... gar so zahlreich sind die Beteiligten nicht.

Auch bei den Themen mancher der mehr als 80 Veranstaltungen gerät der Berichterstatter ins Sinnieren.
- "Besuch der Holsten-Brauerei"? - Ja, aber gibt es derlei nicht das ganze Jahr, und warum sagen die Bierbrauer nicht zusätzlich etwas über "Wir und das Bierbrauen in China"?
- "Szenic Patterns. Konzert für Lichtbilder". - Das mag man sich auf Kampnagel gut vorstellen, doch hat das auch mit China zu tun?
- "Deutsch-chinesischer Gottesdienst" in Blankenese. - Eine interessante Stunde gewiß, und die Koreaner in HH verfügen über mehrere christliche Gemeinden, doch wie steht es mit dem Christentum in China und dem der Chinesen in HH sonst?
- "HafenCity - Entwicklungen für chinesische Unternehmer in Hamburg". - Ob das vielgelobte Konzept der neuen Hafen-City eine Veranstaltung für chinesische Unternehmer trägt?
- Und wie war das noch mit dem Chor der Shanghaier Staatsanwälte (siehe Folge 14)? Mehrmals ist er im Programm vertreten, doch bei allem Respekt vor Autoritäten und ihren schönen Stimmen ... ein wenig beklommen fühlt sich manchereins bei solch einem Konzert dennoch.

Überhaupt, am aufschlußreichsten bei diesen China-Wochen/Shanghai-Tagen ist, daß die Shanghaier Partnerstadt zu ihnen viel mehr als bisher -und aus eigenen Mitteln dazu- beitragen wird. Das mag ein Erfolg der HH-Bemühungen um Shanghai sein, die sich in der Wirtschafts- und Kulturpolitik des HH-Senats und seiner Behörden immer wieder zeigten und jetzt Gegenreaktionen begegneten: gut vorbereitet durch sprach- und sachverständige Mitarbeiter in den Shanghaier Behörden und klug bedacht, obwohl Hamburg doch im Vergleich mit dem gegenwärtigen Shanghai eher wie ein liebenswürdiges und etwas verschmuddeltes Dorf anmutet. Sogar die vielgerühmte "Senatsbarkasse" für offizielle auswärtige Hafenbesucher und das schöne Gästehaus des Senats am heimeligen Feenteich wirken angejahrt, jedenfalls in den Augen der Besucher aus Shanghai.

Nicht ganz unbesorgt wird der Berichterstatter durch diese 3. Hamburger China-Wochen schlendern. Das Programm sieht so aus, als würden einige Vertreter der diversen HH-Chinaszenen ihre je eigenen Pirouetten drehen, gelegentlich auch Interessierte aus einem Nachbarbereich des HH-Chinainteresses anlocken können, aber darüber hinaus? Aufschlußreich ist da schon, daß nicht wenige Veranstaltungen ausdrücklich "geladenen Gästen" vorbehalten sind. Das ARD-Fernsehen signalisierte schon einmal, daß es für die ganzen China-Wochen genau viereinhalb 4 ½ Minuten Sendezeit erübrigen werde. Das hört sich nicht gut an und wird sich hoffentlich noch.ändern, vielleicht zeigen sich die Privaten interessierter. Irgendetwas stimmte bei dem Konzept dieser China-Wochen nicht, und vor allem fehlt es an einem zentralen Ereignis, das eine größere Zahl von Hansestädtern und Besuchern aus der Umgebung hätte anlocken können. Offenbar kommen auch die Hamburger China-Wochen in die Jahre.

Vielleicht jedoch sind solche Besorgnisse ganz überflüssig, weil die einzelnen Veranstaltungen jenseits aller Heterogenität ein interessiertes und aufgeschlossenes Publikum finden. Allein zur Eröffnung der kleinen Ausstellung der "neuen" Bambusbilder im MKG erschienen gut 70 Interessierte, und der Künstler zeigte sich über die Zahl der Nachbesucher erfreut. Das Interesse bei der Neueröffnung der China-Abteilung im MKG war ganz außerordentlich. Und, wer weiß, vielleicht wecken die China-Wochen andere Wirkungen und Interessen als gedacht. Da freute sich der Berichterstatter.
 
 
 

China-Wochen: ein Rückblick

"Ein Feuerwerk der Attraktionen" titelte damals eine Tageszeitung, als die ersten HH China-Wochen begannen: 16. 09. bis 30. 10. 1988. Sie weckten bundesweit Aufsehen, und die Medien waren voll davon. Beinahe unvergleichlich erscheint aus dem gehörigen Abstand nach vierzehn Jahren die Gestimmtheit, die diese China-Wochen beherrschte. Damals hatte die China-Euphorie, die sich in der Bundesrepublik und Hamburg nach Chinas sogenannter Öffnung allmählich entfaltet hatte, ihren Höhepunkt erreicht.

china-wochen 1988

Das Programm damals unterschied sich nicht wesentlich von dem der dritten China-Wochen 2002. Es reichte von Wirtschaftssymposien bis zu Kunstausstellungen. Insgesamt mag die Zahl der Veranstaltungen geringer gewesen sein, doch was für Ereignisse waren darunter!

Das Museum für Kunst und Gewerbe eröffnete unter dem Titel "Jadequell und Wolkenmeer" eine Ausstellung mit ungefähr 100 Exponaten zur 5000jährigen Geschichte der chinesischen Kultur aus dem Museum in Shanghai, die Zigtausende anzog. Ebenfalls Zigtausende wohnten einem Riesenfeuerwerk bei, das chinesische Feuerwerker gegenüber den Landungsbrücken in den Abendhimmel jagten - darunter das Bild eines Schriftzuges "China grüßt Hamburg" und einen knapp 100 Meter breiten Wasserfall. Eigentlich hatte dieses Feuerwerk über der Binnenalster abgeschossen werden sollen, doch die Hamburger Sicherheitsfachleute trauten ihren chinesischen Kollegen und deren gewaltigen Mörsern nicht und verlangten einen größeren Abstand zum Publikum. Auf dem Rathausmarkt ereignete sich stattdessen ein Laternenfest, das den Deutschen am Beispiel von Laternen, welche die Partnerstadt Shanghai gestiftet hatte, zeigte, das die Kunst des Laternenbaus in China andere Dimensionen entwickelt hatte als die Deutschen sie von ihren Martinstagsumzügen kennen.

Weithin Aufsehen weckte auch eine Aufführung im Thalia-Theater: "Yeti" von Gao Xingjian, von einem chinesischen Regisseur mit deutschen Schauspielern inszeniert. Kaum jemand kannte hier damals den Namen des Autors, der zwölf Jahre später, unter gänzlich veränderten Umständen, den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte. Weltberühmt war hingegen damals die chinesische Autorin Zhang Jie. Im Literaturhaus begegneten sie und einige chinesische Kollegen namhaften Hamburger Schriftstellern zu Lesungen und Diskussionen. Von den Hamburgern staunte Peter Rühmkorf, schon damals der HH-Nestor der Literatur, nicht schlecht, als Frau Zhang, nach den Zielen ihres Schreibens befragt, mit strahlenden Augen antwortete: "Ich will der ganzen Welt nützen." Damals war auch der Name Tan Dun erstmals in Deutschland zu lesen, heute ist er ein weltweit bekannter chinesischer Komponist.

Zu jenen ersten China-Wochen war auch kein Programmheft erschienen. Stattdessen gab das China-Seminar der Universität in Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde eine "Chinawochen-Zeitung" heraus. Auf 64 Seiten im Berliner Format informierte sie über die Veranstaltungen und vermittelte Hintergrundwissen über China. Eine Zeitung schrieb über sie: "Empfehlenswert ist die Zeitung 'Chinawochen in Hamburg', die (...) mit Studenten und vielen Mitarbeitern in ganz kurzer Zeit produzierte. Das Blatt unterscheidet sich angenehm von den sonstigen Hochglanzbroschüren, denn es ist schlicht und informativ. In kurzen, anschaulichen und kenntnisreichen Artikeln wird nicht nur über Kultur, sondern auch über Alltag, Politik, Wirtschaft, Tourismus und vieles mehr im heutigen China berichtet."

"Ganz Hamburg liegt im China-Fieber", schrieb eine andere Zeitung. Ja, so war das damals! Was die Zeitungen wohl im Herbst 2002 berichten werden? Beim Kramen in solchen alten Zeitungsartikeln entdeckte der Berichterstatter sogar, daß er damals auf NDR II eine einstündige Sendung mit dem Titel "Plattenkiste" moderiert haben soll. Diese Kuriosität hat er vollkommen vergessen, doch sonst ließe sich noch viel über diese ersten China-Wochen erzählen. Zum Beispiel gehörte auch die Spielbank zu den Veranstaltern und Förderern. Sie gestaltete eine kleine Ausstellung mit chinesischen Spielen. Damals hoffte sie, der bekannten Spielfreude der Ostasiaten eingedenk, auf Chinesen unter ihren Gästen. Wer heute einmal zum Zocken in die Spielbank geht, wundert sich nicht, daß die überwiegende Zahl der Gäste deutlich fernöstlich aussieht.
 
 
 

China: eine Hoffnung für Pauli?

Die Nationalmannschaft des deutschen Fußballs kam bei der Weltmeisterschaft erstaunlich weit. Deutschlands Fußballherzen schlugen höher, auch in HHs Kult- und Chaotenclub St. Pauli. Der war unrühmlich aus der Bundesliga abgestiegen, doch jetzt wollte man es den anderen Zweitklassigen zeigen.

Das erste Spiel ging allerdings 1:4 verloren, das zweite 0:4. In solchen Fällen liegt stets das gleiche nahe: der Trainer wird gefeuert. In der Hansestadt kommt noch etwas anderes hinzu: ein Chinese muß her! Also wurde von der ebenfalls unrühmlichen Frankfurter Eintracht Chinas Internationaler Chen Yang abgeworben - damit er als Chinas Sonne am Millerntor strahle. So sehr war er freilich auch am Main nicht aufgefallen.

Bevor Chen Yang für Pauli aufspielen konnte, mußte dieses erst noch zum VfB Lübeck in der Nähe. 0:6 lautete diesmal die Packung, und allmählich sieht man am Millerntor ganz schwarz. Vielleicht sollte man schnell noch ein paar weitere Nationalspieler aus China holen, passend zu den China-Wochen. Zwar verdienen diese daheim angeblich beträchtlich mehr, als Pauli zahlen kann, doch sie brächten von der WM eine beinahe unbezahlbare Erfahrung mit: Sie verloren immer "zu Null", schossen also nie ein Tor. Auch solche Erfahrung könnte Pauli stabilisieren und fit machen - für den Weg in die Drittklassigkeit.

Wie man sich doch irren kann! Im vierten Spiel der Saison siegte Pauli 7:1 über Eintracht Braunschweig, und Chen Yang schoß ein Tor. Wenn das so weitergeht? - Es ging nicht so weiter. An dem Wochenende, an welchem diese Notizen geschrieben werden, am Sonntag, dem 15. September, verlor Pauli bei Union Berlin wieder 2:4, und von Chen Yang war nicht viel zu hören.
 
 
 

China-Wochen: ein Rückblick

In Folge 17 dieser Notizen stand eine sanfte Lästerei über den China-Klub, dessen Gründung in Berlin ein Society-Paar vorbereitet. Unlängst, am 1. September, widmete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung diesem Projekt eine ganze Seite, Überschrift: "Die Häme des Herrn Tang". Danach sieht es bei dem Projekt in Berlin noch etwas schlimmer aus. Dieser Herr Tang ist nämlich jener Hongkong-Millionär, bei dem die Berliner ihr Konzept abgekupfert haben, ohne ihn zu fragen, obwohl sie sich auf ihn berufen.

Nebenbei bemerkt, Hamburg erfreut sich seit Februar dieses Jahres bereits eines solchen "China Club", Nobistor 14. Das allerdings ist ein Klub anderer Art: Rotlicht, Dimsum, Nujazz und Breakbeat und vieles mehr von solcher Art. Eintritt, je nach Wochentag, zwischen 6 und 10 EURO, die Preise ansonsten moderat. - Der Klub in Berlin soll von vorneherein den niederen Einkommensgruppen verschlossen bleiben, beim "China Club" an der Reeperbahn regeln sich Zugangsprobleme eher über das Lebensalter.
 
 
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