Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 18
4. Juli 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

"Meister Artemisia"


aizi Unter den Verfassernamen des Su Tung-p'o (siehe HCN 17) ist auch eine Sammlung von Kurztexten überliefert, die den Titel Ai-tzu, "Meister Ai/Meister Artemisia" trägt. Der Titel ist den Bezeichnungen der großen philosophischen Textsammlungen aus dem Altertum nachgebildet. Im Altertum ist auch dieser Meister Ai anzusiedeln, doch wenn man alle entsprechenden Hinweise ernst nähme, dann müßte er einige hundert Jahre gelebt haben. Nicht alle von diesen Texten sind leicht zu verstehen, und auch der Titel "Meister Ai" bedürfte noch einigen Nachdenkens. Drei Einblicke in diesen ungewöhnlichen Text sollen auf ihn aufmerksam machen:

Meister Ai war auf Reisen. Beim Verlassen von Han-tan sah er, wie zwei alte Weiber um den Vortritt stritten. "Wie alt bist du überhaupt?" fragte die erste. "Siebzig", war die Antwort.
"Ich bin neunundsechzig", sagte die erste, "aber ich nächsten Jahr bin ich genauso alt wie du."

Das ist ein vertrautes Motiv chinesischer Witze. Dumm-dreist oder dreist-dumm versucht jemand, die schuldige Zurückhaltung gegenüber älteren oder sonstwie höherrangigen Personen auszugleichen. - In manchen dieser Geschichten ist Meister Ai als Beobachter anwesend, und manchmal hören sich seine kommentierenden Bemerkungen wie jene des Till Eugenspiegel oder des Hodscha Nasreddin an. In anderen dieser Geschichten fehlt Meister Ai ganz:

Lange schon hatte Kaiser Yao das Reich regiert und war darüber alt und schwach geworden. So rief er den Hsü Yu zu sich, um ihm das Reich abzutreten.
Als Hsü Yu ihn aufsuchte, führten nur drei Stufen zu seiner Behausung empor, Ried und Schilf auf dem Dach waren nicht zurechtgeschnitten, und die Pfeiler und Balken waren nicht verziert. An Beengtheit hätte nicht einmal die Bleibe eines Tagelöhners sie übertroffen.
Als er Hsü Yu zum Essen nötigte, aß er aus irdenen Schalen und trank aus irdenen Krügen und er verzehrte grobes Korn, und seine Suppe war von Melde und Gras. An Kargheit hätte nicht einmal das Mahl eines Stallknechts das übertroffen.
Sobald das Mahl vorüber war, wandte Yao sich Hsü Yu zu und sagte: "Ich besitze alle Reichtümer der Welt und genieße das höchste Ansehen im Reiche, doch seit langem bin ich dessen überdrüssig. Jetzt will ich alles dir überlassen. Erfreue dich dieses Geschenkes!"
Hsü Yu wandte sich um und lachte: "Wenn das hier Reichtum und Vornehmheit ist, dann habe ich kaum Lust darauf."

Tatsächlich ist überliefert, daß der legendäre und großmächtige Urkaiser Yao das Reich dem frommen Einsiedler Hsü Yu habe abtreten wollen. Weil der sich durch dieses Ansinnen beschmutzt fühlte, stürzte er sich in einen Fluß. Andere Überlieferungen heben in den gleichen Worten wie hier rühmend die bescheidene Lebensführung des Kaisers hervor. Durch Verknüpfung von Überlieferungen, die ursprünglich unterschiedliche Zielsetzungen hatten, gewinnt der Verfasser des "Meister Ai" eine neue Erklärung für den Thronverzicht des Hsü Yu: augenzwinkernd und ein wenig boshaft. Chinesischer Gelehrtenwitz spielt auf mannigfaltige Weise mit den klassischen Schriften, und hier sollten offenbar einige "Einsiedler-Ideologien" aufs Korn genommen werden. - In wieder anderen von diesen Kurztexten tritt Meister Ai handelnd auf:

Meister Ai war Gouverneur von Chü. Eines Tages war zu hören, der Ch'in-General Po Ch'i sei im Begriff, Chü anzugreifen. Die ganze Bevölkerung von Chü wollte fliehen. Da rief Meister Ai die Väter und Alten zu sich. "Ihr müßt nicht fliehen", beruhigte er sie. "Mit Po Ch'i werden wir doch fertig. Und überdies - er ist seinem Wesen nach so menschlich, daß er damals, bei dem Angriff auf Chao, seine Waffen nicht mit Blut befleckte."

Dieser berüchtigte General Po Ch'i hatte angeblich im Jahre 260 v. Chr. vierhundertfünfzigtausend Soldaten von Chao, die sich ergeben hatten, lebendig begraben lassen. - Unversehens wird Meister Ai in solchen Geschichten böse und hintergründig. Gewiß hatte der Verfasser dieser Geschichte auch einen Essay des Konfuzius-Kommentators Ho Yen (+ 249) gelesen. Der äußerte nicht etwa Abscheu vor der Untat des Generals, sondern stellte kühl fest, der General habe einen Fehler begangen. In einer nächsten Schlacht werde sich ihm kein Gegner ergeben, sondern bis zum letzten Blutstropfen kämpfen. Ein Hohn auf das, was unter dem Begriff der Menschlichkeit, jenem Zentralbegriff der konfuzianischen Tradition, alles angestellt wurde, ist dieser kurze Text im "Meister Ai".
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 6, HCN 17
 
 

kongzi

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Kleinstaaten im Umkreis von Lu

Auf der "Annäherungen" 27 beigegebenen Karte war die Lage der wichtigsten größeren Staaten in der Nachbarschaft von Lu bezeichnet worden. Schon ihre Zahl war, angesichts des geringen Umfangs des geographischen Raumes, den der gewählte Kartenausschnitt zeigte, beträchtlich. Wie klein der Raum war, den diese Staaten auch in der Staatenwelt des chouzeitlichen China einnahmen, mag ein Vergleich mit der Übersichtskarte in "Annäherungen" 7 erweisen.

In dieser Nachbarschaft von Lu lagen aber noch zahlreiche kleinere staatliche Gebilde oder Herrschaften oder hatten sich zumindest dort befunden. Über die meisten von ihnen ist wenig mehr als der Name bekannt. Nicht alle verfügten wohl über einen selbständigen Status, sondern waren als sogenannte fu-yung-Staaten einem größeren Staat angeschlossen und dienstbar. Nicht alle, doch die meisten dieser Staaten seien jetzt in die Karte von "Annäherungen" 27 zusätzlich eingezeichnet - durch eine kleinere Schriftgröße zu unterscheiden.

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Manche dieser Staaten waren, wie bekannt oder zu vermuten, bereits vor des Konfuzius Lebzeiten vernichtet worden, doch sie lebten dann als Städte in einem der größeren Staaten fort - und bewahrten sich gewiß Erinnerungen an ihre historische Identität. Davon zeugen noch jahrhundertelang fortbestehende Ortsnamen, die erst die Lokalisierung dieser Kleinherrschaften möglich machen. Ebenso gehörten sie, mit all ihren Besonderheiten, fraglos zum historischen Bewußtsein des Konfuzius und seiner Zeitgenossen, selbst wenn er sich nicht über sie geäußert hat. Im Bewußtsein auch ihres Geschicks oder ihres Fortbestandes hat er seine Lehren ausgebildet. Deshalb seien hier die wichtigsten dieser Kleinherrschaften genannt:

Chang: vielleicht ein fu-yung-Staat von Chi, der 664 von Ch'i eingenommen wurde.
Ch'eng: eine Grafschaft, gehörte zum Königsgeschlecht Chi, ursprünglich Lehen eines jüngeren
Bruders von König Wu, wohl 718 von Wei eingenommen.
Ch'i: Diesem Kleinstaat wird demnächst wegen seiner Bedeutung eine eigene Notiz gewidmet.
Chu: hier hatte König Wu Nachkommen des Urkaisers Yao belehnt, bestand 550 offenbar noch.
Chuan: ein fu-yung-Staat von Lu, von diesem 585 eingenommen.
Chuan-yü: ein fu-yung-Staat von Lu, gehörte zum Geschlecht Feng.
Fu-yang: eine Freiherrschaft, gehörte zum Geschlecht Yün, wohl 563 vernichtet.
Jen: gehörte zum Geschlecht Feng.
Ken-mou: eine Freiherrschaft mit "barbarischer" Bevölkerung, gehörte zum Geschlecht Ts'ao, wohl 600 von Lu eingenommen.
Chi: 721 von Lu eingenommen, gehörte zum Königsgeschlecht Chi, war nach anderen "barbarisch".
Chiai: mit "barbarischer" Bevölkerung, bestand 631 noch.
Hsü-chü: Freiherrschaft aus dem Geschlecht Feng, nahm Opfer an den Urkaiser T'ai-hao wahr, 639
von Chu vernichtet, aber von Lu restauriert (nicht in die Karte aufgenommen, im Gebiet
Ch'eng/Chu/Su/Sui gelegen).
Ko: gehörte zum Geschlecht Ying, bestand angeblich schon unter der Hsia-Dynastie, existierte
offenbar 631 noch.
Ku: wahrscheinlich schon vor 722 von Ch'i eingenommen.
Kuo: möglicherweise 670 untergegangen.
Lai: Freiherrschaft aus dem Geschlecht Chiang, mit "barbarischer" Bevölkerung, 567 von Ch'i
ausgelöscht.
Mao: ursprünglich Lehnsort eines Sohnes von Tan, Herzog von Chou.
Mou: Freiherrschaft, bestand offenbar 655 noch.
Shih: 560 von Lu eingenommen.
Su: Baronat, das zum Geschlecht Feng gehörte, Lehen der Nachkommen des Urkaisers T'ai-hao, wohl 650 von Sung vernichtet.
Sui: Lehen der Nachkommen des Urkaisers Shun, wohl 681 von Ch'i vernichtet.
T'eng: Diesem Kleinstaat wird demnächst wegen seiner Bedeutung für die Konfuzius-Tradition eine eigene Notiz gewidmet.
Yang: wohl 660 von Ch'i vernichtet.
Yü: Freiherrschaft, die zum Königsgeschlecht Chi gehörte, 524 von Chu ausgelöscht.
Yü-yü-ch'iu: wohl schon früh untergegangen.

Die eine oder andere zusätzliche Bemerkung ließe sich über die eine oder andere dieser Herrschaften noch machen, doch insgesamt ist eben fast nichts über sie bekannt: eigentlich erstaunlich! Desungeachtet vertieft sich auch durch diese kargen Notizen der schon "Annäherungen" 27 gewonnene Eindruck, daß in diesem kleinen geographischen Raum zu Lebzeiten des Konfuzius zahlreiche ethnische und andere Traditionen nebeneinander bestanden. Auf den ersten Blick haben diese in dem ihm zugeschriebenen Äußerungen kaum eine Spur hinterlassen, doch wohl nur auf den ersten Blick.

Erstaunlich engräumig lagen in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor Konfuzius diese Herrschaften beieinander, vor allem in den Niederungen der Flüsse. Die heutigen Flußläufe, Seen usw. in diesem Gebiet dürfen allerdings nur mit Vorsicht für Betrachtungen über Gegebenheiten des Chou-Zeit beansprucht werden, da seither beträchtliche Veränderungen der Topographie eintraten.

Angesichts solcher Engräumigkeit der Herrschaften erstaunt, daß große geographische Räume andererseits "herrschaftsfrei" gewesen zu sein scheinen. Diesem Umstand wird eine spätere Notiz gelten. - Zur Erläuterung der Karten-Eintragungen: Manche Herrschaften werden durch gleiche Transkriptionssilben bezeichnet, zum Beispiel zwei Herrschaften mit Chi, zwei weitere mit Ch'i. Die unterschiedliche Schriftgröße soll die Unterscheidung von den in "Annäherungen" 27 und den hier, in "Annäherungen" 30 vorgestellten, erleichtern.

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Noch einmal: nichts los im Staate Lu unter Herzog Ai?

"Annäherungen" 28 wies kurz darauf hin, wie der große Geschichtsschreiber Ssu-ma Ch'ien die Geschichte von Lu in den letzten eineinhalb Lebensjahrzehnten des Konfuzius dargestellt hatte. In eben diesen Jahren soll Konfuzius in seinem Heimatstaat Lu entscheidende Funktionen ausgeübt haben, zugleich soll er Entscheidendes zur Überlieferung seiner Lehre unternommen haben - jedenfalls nach Überlieferungen aller möglichen Art. Da wüßte man schon gerne Genaueres darüber, in welchem politischen Umfeld er lebte.

Wie schon gesagt, fielen diese für Konfuzius entscheidenden Jahre in die Regierungszeit des Herzogs Ai von Lu. Über diese berichtet noch das Ch'un-ch'iu, "Frühling und Herbst", diese trockene Annale, die Konfuzius selbst verfaßt haben soll. Mit dem 14. Jahr des Herzogs Ai (481) enden deren Eintragungen - mit dem ominösen Fang des Einhorns. Von "pietätvoller Hand" folgen noch einige Eintragungen, doch auch diese enden mit dem 16. Jahr des Herzogs (479). Die letzte Notiz dokumentiert das Hinscheiden des Meisters.

Begleitet werden die Notizen des Ch'un-ch'iu durch die ausführlicheren und umfassenderen Berichte des Tso-chuan, "Überlieferungen des Tso". Diese galten der chinesischen Tradition als Kommentar eines Konfuzius-Vertrauten namens Tso-ch'iu Ming beziehungsweise Tso Ch'iu-ming zum Ch'un-ch'iu. Nicht einmal sicher ist bei diesem, was denn nun sein Familien- und was sein Rufname gewesen sei, von allem anderen zu schweigen. Schon früh wurde geargwöhnt, daß ein vom Ch'un-ch'iu unabhängiges Werk durch editoriale Bearbeitung, vulgo: Zurechtschnippeln, so eingerichtet wurde, daß es als Kommentar zum Ch'un-ch'iu paßte. Immerhin scheint der Verfasser des Tso-chuan einen Text ähnlich dem Ch'un-ch'iu gekannt zu haben. Einiger Anschein spricht allerdings auch dafür, daß er nicht Konfuzius als dessen Verfasser ansah.

Wie dem auch sei. Das Tso-chuan führt seine Aufzeichnungen noch bis zum 27. Jahr des Herzogs Ai (468) fort und bricht vor dessen Tod, der wohl im Jahre darauf erfolgte, ab. Den Abschluß des Werkes bildet eine rätselhafte kurze Notiz, die mehr als ein Jahrzehnt später zu datieren ist. Irgendwie, scheint es, versiegt dieses Werk, ohne eigentliches Ende.

Wenn nachfolgend die Überlieferungen beider Werke über die Zeit des Herzogs Ai von Lu überblickhaft dargestellt werden sollen, dann wird dieser Zeitraum zweigeteilt: 1. bis 16. Jahr von Herzog Ai (494 bis 479), in welch letzterem auch die angeblichen Nachträge zum Ch'un-ch'iu enden, sodann 17. bis 27. Jahr von Herzog Ai (478 bis 468), worüber allein das Tso-chuan noch berichtet.

Den Jahren 494 bis 479 widmet das Ch'un-ch'iu 132 Abschnitte mit 1.086 Schriftzeichen. Das Tso-chuan weist für den entsprechenden Zeitraum 89 Abschnitte mit 11.895 Schriftzeichen auf. Für den Zeitraum von 478 bis 468 fügt es dann noch 37 Abschnitte mit 4.044 Schriftzeichen hinzu.

Einen erstaunlich hohen Anteil nimmt in beiden Texten die Lu-Berichterstattung ein. Im Ch'un-ch'iu beschäftigen sich von den 132 Abschnitten immerhin 51 mit Lu, im Umfang von 409 Schriftzeichen. Bei den 89 Tso-Abschnitten über den entsprechenden Zeitraum sind das 34 Abschnitte mit 4.420 Schriftzeichen. Für den Anschlußzeitraum lauten die Zahlen: 16 von 37 Abschnitten sind Lu gewidmet, mit 1.346 Schriftzeichen. In jeder Hinsicht widmen beide Texte also der Lu-Berichterstattung jeweils ein gutes Drittel ihrer Ausführungen. Für diesen vergleichsweise unbedeutenden Staat dürften das hohe Werte sein, selbst wenn hierbei eine grundsätzliche Ausrichtung beider Werke auf diesen Staat berücksichtigt werden muß und Vergleichszahlen über andere Teile beider Werke einstweilen nicht vorliegen. Desungeachtet, über Lu unter Herzog Ai ließ sich offenbar eine Menge berichten und erzählen, was die kargen Hinweise im Shih-chi nicht ahnen lassen.

Damit diese Notiz nicht zu lang wird, sei an dieser Stelle lediglich auf einige Vorkommnisse allgemeinerer Art hingewiesen, die dennoch erheblichen Einfluß auf den Alltag der Lu-Bewohner ausgeübt haben dürften: Für die Jahre 492, 491, 490, 489 werden große Befestigungsmaßnahmen an drei Städten und für die Hauptstadt gemeldet. Abgesehen von den Anlässen hierfür, allein diese Unternehmen waren aufwendige öffentliche Dienste für die Bevölkerung. Ferner wird das auch im Shih-chi verzeichnete Erdbeben für 492 notiert, hinzu kommen aber gleich drei Heuschreckeneinfälle in den beiden Jahren 483 und 482. Im Jahre 481 folgt dann eine Hungersnot. Allein diese kargen Notizen deuten an, daß das keine gute Zeit für das Volk von Lu gewesen war, als Konfuzius nach dort zurückkehrte. Einige als portenta zu deutende Vorgänge dürften die Stimmung nicht verbessert haben. Über all das schweigt Ssu-ma Ch'ien in Zusammenhang mit Lu.

Nach dem Tod des Konfuzius zeichnet sich dann im Bereich der "Außenpolitik" eine neue Konstellation ab. Im Jahre 474 nimmt der als barbarisch geltende Südoststaat Yüeh durch Abgesandte Kontakt mit Lu auf. Dieses Yüeh schickte sich an, eine Art regionaler Großmacht oder Vormacht zu werden. Im Jahre 473 vernichtet es den mächtigen Nachbarn Wu, tauscht dann 472 mit Lu förmliche Gesandtschaften aus, und im Jahre 471 begibt sich Herzog Ai von Lu gar persönlich nach Yüeh, von woher er erst nach einem mindestens halbjährigen Aufenthalt 470 zurückkehrt. Nachdem zwei Jahre später, 468, erneut ein Gesandter aus Yüeh in Lu erschien, begibt sich der Herzog erneut dorthin. Er sucht Beistand gegen die Würdenträgerfamilien in Lu, die seine Vorgänger und ihn weitgehend entmachtet hatten. Die neue barbarische Vormacht soll also die angestammte Ordnung in diesem altehrwürdigen Chou-Staat wiederherstellen. Verzweifelt und befremdlich wirkt dieser Versuch. Das gilt vor allem deswegen, weil die sonstige Überlieferung diesen Herzog Ai immer wieder in klugen Gesprächen mit Konfuzius über die Kunst der Staatsführung zeigt: schwerlich authentisch. Doch schon im Jahre 474 soll die Bevölkerung des Nachbarstaates Ch'i in einem Spottlied gelästert haben, daß die Gelehrten (ju) in Lu mit ihren Schriften nur Unruhe stifteten. Diese Gelehrten dürften den regen Austausch des Herzogs Ai mit den barbarischen Emporkömmlingen in Yüeh nicht gerne gesehen haben. Der ging so weit, daß die Barbaren dem Herzog sogar eine der ihren als neue Frau ans Herz legen wollten.

In mannigfaltiger Hinsicht ist also in Lu in den letzten Lebensjahren des Konfuzius und nach seinem Tode eine Menge "los", als die Schüler sich anschicken, im Gedenken an den Lehrer eine Lehrtradition zu schaffen. Davon läßt das Shih-chi nichts ahnen, und die wirklich bedeutenden Ereignisse in Lu in diesem Zeitraum bleiben gar noch einer Darstellung in der nächsten Folge vorbehalten.

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Ein verleumderischer Konfuzius-Schüler ist immer noch besser als der große Herzog Huan von Ch'i!

Nach den ersten Einblicken in das "konfuzianische Weltgericht" Ku-chin jen-piao ("Annäherungen" 24) und die Schülerschaft des Konfuzius ("Annäherungen" 29) liegt die Frage nahe, wie diese Schüler durch das "Weltgericht" eingestuft wurden.

Nachdem Konfuzius durch das Ku-chin jen-piao (KCJP) für, wenig überraschend, "weise" befunden, also in die höchste von neun Kategorien eingeordnet wurde, lassen sich gleich nach Nennung von Konfuzius' Namen weitere Namen als die von Schülern erkennen. Insgesamt werden wohl 36 Konfuzius-Schüler klassizifiert. Ganz sicher ist freilich auch diese Zahl nicht: zu unterschiedlich die Namensformen, in welchen diese Schüler angeführt werden! Das erschwert eine systematische Suche erheblich. Manche anderen Unsicherheitsfaktoren kommen hinzu. Ist mit dem aufgeführten Kung-liang/ Kung Liang tatsächlich der Konfuzius-Schüler Kung-liang Ju gemeint, mit dem aufgeführten Nan-jung/Nan Jung der Konfuzius-Schüler Nan-kung T'ao, wie sich aufgrund bestimmter Erwägungen nahelegt? Meint Ch'eng K'ang den auch sonst bekannten Konfuzius-Schüler dieses Namens, obwohl er einige Seiten später als die meisten Konfuzius-Schüler in der Tabelle des KCJP genannt wird, oder meint er eine andere Person gleichen Namens?

Allgemein läßt sich wohl festhalten, daß alle Konfuzius-Schüler, über die mehr als die biographischen Grunddaten bekannt sind, in der Tabelle des KCJP erscheinen - und sei die zusätzliche Kenntnis über diese Person auch noch so unbedeutend. Vier von diesen 36 Schülern gelten in der Tabelle als "menschlichlich", gehören also der zweiten Kategorie an: Yen Hui, Min Sun, Jan Keng und Jan Yung. Niemand wird mit dem Autor dieser Tabelle über die Heraushebung dieser vier rechten wollen. Seine Bewertungskriterien dürften sich, wenn überhaupt, nur allmählich enthüllen. 26 weitere Konfuzius-Schüler, also die große Mehrzahl, gelten ihm als "klug", gehören also in die dritte Kategorie. Da diese insgesamt nur 202 "Kluge" enthält, ist dies ein beträchtlicher Teil des Gesamtaufkommens. Nur vier Konfuzius-Schüler finden sich in der Kategorie 4, nur einer in Kategorie 5, der oben genannte Ch'en K'ang. Kriterien für diese letzteren, vergleichsweise niedrigen Einstufungen lassen sich nur in einem Falle erkennen: Kung-po Liao in Kategorie 4 hatte einen anderen Konfuzius-Schüler bei dessen Dienstherrn verleumdet. Konfuzius weiß, als ihm das zugetragen wird, daß alles Schicksal sei. Was könne ein Kung-po Liao im Vergleich damit schon bewirken? - Das ist gewiß ein vernichtendes Urteil, doch Herzog Huan von Ch'i, der als der erste "Hegemon" in der Staatenwelt des chouzeitlichen China eine herausragende Bedeutung hatte, wird durch das KCJP noch eine Kategorie niedriger eingestuft als dieser Schüler-Schuft Kung-po Liao.

Was immer die Überlieferungen über die Konfuzius-Schüler besagen, für das KCJP reicht offensichtlich aus, daß sie Konfuzius-Schüler waren, um sie in seiner moralischen Weltordnung ganz oben anzusiedeln, viel höher jedenfalls als die Fürstlichkeiten dieser Zeit. - Anzumerken ist noch, daß zwei, drei Schüler nicht in der Tabelle zu finden sind, obwohl ein paar Einzelheiten über sie bekannt sind, aus CY und SC oder einem von beiden.

Mich hat bei der Betrachtung dieser Konfuzius-Schüler im KCJP allerdings etwas ganz anderes interessiert, nämlich auch hier das Verhältnis zum Shih-chi. Die beiden Schülerlisten in SC 67 und CY 38 gaben die Namen regelhaft in der Form Familienname/Rufname an. Das KCJP verfährt ganz anders. Oft nennt es bloß die Mannesnamen dieser Personen. Das läßt sich wohl vertreten, denn oft sind die Konfuzius-Schüler in dieser Namensform bekannter als unter ihrem vollen Namen: Wer kennt nicht Tzu-kung, doch wer kennt diesen unter seinem vollen Namen Tuan-mu Tz'u, wie CY und SC ihn am Anfang des entsprechenden Eintrags nennen? Ob das immer zutrifft, sei dahingestellt. Wer weiß schon, auch im Alten China, wer Chi-tz'u war? Kung-hsi Ai, die Namensform in SC und CY, hätte das vielleicht schneller erkennen lassen.

Überhaupt gehen die Namensformen für die Konfuzius-Schüler im KCJP offenbar wild durcheinander. Selbst bei Angehörigen einer Familie werden unterschiedliche Namensformen verwendet. Jan Po-niu war ein Mitglied der Familie Jan, die mehrere Konfuzius-Schüler stellte. Ein weiteres Mitglied dieser Familie kommt als Chung-kung daher, ist also auf den ersten Blick gar nicht als Familienmitglied erkennbar. In einem Punkt unterscheiden sich die Namensformen im KCJP ganz klar von denen in SC und CY: mehrmals bezeichnet es Personen durch die Namensform Familienname/Mannesname. Das wäre an sich noch nicht auffallend, scheint jedoch abermals darauf hinzudeuten, daß der Autor dieser Tabelle das SC nicht konsultiert hat. Hätte er dessen Kapitel über die Konfuzius-Schüler zugrundegelegt, hätte er wohl öfter dessen Namensformen übernommen.

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Der dichtende Kommentator

Den Kommentaren zu klassischen chinesischen Texten wird selten gelehrte Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei hatten sie für die Überlieferung des jeweiligen Textes gewiß eine überragende Bedeutung, und auch sonst ließen sich ihnen mancherlei interessante Einsichten entnehmen - zum Beispiel über den Bildungsstand ihrer mutmaßlichen Adressaten.

Schon in der Han-Zeit wurden mehrere Formen des Kommentars ausgebildet, doch von der Vielzahl der damals verfaßten Kommentarwerke sind die wenigstens erhalten. Die ältesten erhaltenen Kommentare zu einem Werk aus klassischer Zeit, die in den meisten Editionen diesem Werk dann auch beigegeben werden, werden gemeinhin "Urkommentare" genannt. Jeder von ihnen zeigt deutlich seine Eigenarten, nach Art und Inhalt der Erläuterungen, auch nach ihrer Intentionalität, soweit sich diese bei einfachem Lesen erschließt.

Der Urkommentar zu der Textsammlung Meng-tzu stammt von Chao Ch'i (+ 201). In den Wirren der ausgehenden Han-Zeit verlief seine Amtslaufbahn nicht ohne Brüche. Bis zum Inspekteur einer Region brachte er es kurzzeitig, auch zu einem Ministeramt in der Hauptstadt. Die Protektion des Konfuzius-Nachkommen K'ung Yung war hierbei gewiß nicht unerheblich, und vielleicht hat sein Meng-Kommentar zu dieser Protektion beigetragen. Auch ein historiographisches Werk ist unter dem Namen des Chao Ch'i überliefert.

Zu den Eigenheiten des Meng-Kommentars von Chao Ch'i zählt, daß er neben sprachlichen und inhaltlichen Erläuterungen zu den einzelnen Passus auch satz- und abschnittweise Paraphrasen des Meng-Textes enthält - in einer Sprache ... tja, das bedürfte wohl noch genauerer Betrachtung. Dobson hat aufgrund dieser Paraphrasen ein Büchlein mit dem Titel "The Archaic-Han Shift", in der Sprachentwicklung nämlich, verfaßt, leider ganz unbedacht. In diesem Zusammenhang müßte auch analysiert werden, wie hoch die Erklärungsebene der Wort- und Sacherklärungen des Chao Ch'i ist. Für den ausgebildeten Sinologen haben sie Anfängerniveau. Wendete sich der Kommentar an, sozusagen, Drittkläßler, oder welche anderen Schlußfolgerungen ergäben sich daraus für den Stand der Klassiker- und Altertumskenntnisse in der ausgehenden Han-Zeit?

Eine weitere Eigenheit dieses Kommentars von Chao Ch'i ist, daß er jeden Abschnitt des Meng-Textes an dessen Ende noch einmal interpretierend-sentenzenhaft zusammenfaßt. "Die Hinweise dieses Abschnitts besagen" werden diese Passus stets eingeführt. Nicht wenige dieser Quintessenzen bringt Chao Ch'i in Versform vor, schiebt manchmal dann noch eine zusätzliche Erklärung in Prosa nach, wie zu Meng 2A4:

"Ein Staat muß die Regierung pflegen,
ein Fürst muß immer menschlich sein.
Von dir geht Glück wie Unglück aus,
nie liegen sie beim Himmel ganz allein.

Das besagt: Wehre dem Unheil, ehe dieses Wirrsal stiftet!"

Wen sollte solche Reimkunst erfreuen? Sie kommt in den vorklassischen Vier-Zeichen-Versen des "Buches der Lieder" daher. Manchmal ist beträchtlicher interpretatorischer Aufwand notwendig, um solche zusammenfassenden Sentenzen und Verse mit dem Meng-Text, auf den sie sich beziehen, in Einklang zu bringen. Manchmal wird in diese Sentenzen und Verse gar noch klassisches Bildungsgut eingebettet, so zu Meng 4A12:

"Wer den Oberen dient und den Fürsten gewinnt,
der kann das Volk bewachen.
Sind die Freunde vertraut und Verwandte vergnügt,
liegt das am eigenen Machen.

Deshalb prüft' sich dreimal täglich jener Meister Tseng,
und die Großen Hofgesänge wirken kraftvoll-streng.

Wahrhaftigkeit hat als das Vornehmste zu gelten."

Die dreifache Selbstprüfung des Konfuzius-Schülers Tseng Ts'an erwähnt eines der bekanntesten dicta der "Gespräche", des Lun-yü, und die "Großen Hofgesänge" bilden einen der vier Teile des "Buches der Lieder". - Den Geheimnissen dieses hochberühmten Kommentars nachzuspüren, ach, das könnte lohnend sein! Hinter der moralischen Schwuchtel, die er so überdeutlich zeigt, dürften einige spannende kleine Geschichten zur Gegenwart des Autors stecken.

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Eine Kritik an der Konfuzius-Biographie des Ssu-ma Ch'ien

Der bedeutende Staatsmann und Literat Wang An-shih (1021-1086) verfaßte unter dem Titel K'ung-tzu shih-chia i eine Kritik an der Konfuzius-Biographie des Ssu-ma Ch'ien in seinem Shih-chi, welche die Grundlage aller Konfuzius-Biographik bildet. Wang An-shih geht es dabei nicht um die Inhalte der Biographie, sondern um deren Placierung in diesem monumentalen Geschichtswerk. Die Kritik des Wang An-shih lautet:

Als der Herr Großhistoriograph über die Kaiser und Könige berichtete, nannte er diese Kapitel pen-chi, "Grundlegende Aufzeichnungen". Wenn Herzöge und Markgrafen ihre Staaten überliefert hatten, sprach er von shih-chia, "Erbliche Häuser", und wenn Würdige sich besonders hervorgetan hatten, von lieh-chuan, "Aneinandergereihte Biographien". Das ist seine Art der Anordnung. Warum hat er sich bei seiner Vorgehensweise nicht hieran gehalten, als er Meister K'ung unter die "Erblichen Häuser" einreihte?

Meister K'ung war ein Reisender, der in einer Welt des Vergehens und des Endes umherirrte und nicht über einen einzigen Fußbreit Landes verfügte. Angemessen wäre gewesen, ihm eine Biographie zu widmen. Wieso placierte Ssu-ma Ch'ien ihn unter die "Erblichen Häuser"? Tat er das, weil Chung-ni über die Gaben eines Weisen verfügte, oder wegen der Fülle seiner Lehren, welche zehntausend Generationen mit Glanz erfüllen? - Wenn er über ihn unter den "Erblichen Häusern" schrieb, dann war das keineswegs eine vollkommen gelungene Entscheidung.

Angesichts seiner Gaben hätte Chung-ni ein Kaiser oder König sein können. Wieso bloß ein Herzog oder Markgraf? Seine Lehren konnten das Reich generationenlang bestimmen, nicht nur seine Familie. Seine Plazierung unter den "Erblichen Häusern" macht die Lehren des Chung-ni nicht größer, und die unter den "Biographien" hätte sie nicht kleiner gemacht. Wenn aber Ch'ien seine eigene Anordnung durcheinanderbringt, darf man wohl sagen, daß er ein Mann in seinem Widerspruch war.

Drei kurze Abschnitte nur! Im ersten erinnert Wang An-shih an drei von den fünf Teilen des Shih-chi, in welche Ssu-ma Ch'ien seine Konfuzius-Biographie hätte einordnen können. Ihn befremdet, daß diese Biographie inmitten von Darstellungen steht, welche die Geschicke von Reichsfürstentümern der Chou- und frühen Han-Zeit darstellen. Über ein solches verfügte Konfuzius nun wahrlich nicht! Im zweiten Abschnitt findet er eine, allerdings dürftige, Erklärung dafür, die ihm allerdings nicht ausreichend erscheint. Er hätte sich eine genauere Beachtung der Systematik des Shih-chi gewünscht. Im dritten Abschnitt konstatiert Wang, gewiß zu recht, daß eine Einordnung unter die "Biographien" dem Nachruhm des Konfuzius nicht geschadet hätte, und nutzt diese Feststellung für ein unfreundlich gemeintes Verdikt über Ssu-ma Ch'ien.

Was soll der Leser von diesem kleinen Stück Prosa halten? Schmucklos kommt es anscheinend daher, doch die hier mit "umherirren", "mit Glanz erfüllen", "vollkommen gelungen" und "Mensch in seinem Widerspruch" übersetzten Ausdrücke sind wohlbedachte und wohlkalkulierte Anspielungen auf die alte Literatur. Schlicht ist anscheinend auch die Argumentationsweise. Wang An-shih macht sich nicht einmal die Mühe zu überlegen, welche sonstigen Erwägungen Ssu-ma Ch'ien zu seiner befremdlichen Placierung der Konfuzius-Biographie bewogen haben könnten. Schließlich läßt ihr Ssu-ma Ch'ien ein Kapitel über den Aufrührer Ch'en She, ebenfalls als "Erbliches Haus", unmittelbar folgen. Das zumindest hätte Wang An-shih doch nahelegen sollen, das historiographische Programm des Ssu-ma Ch'ien etwas genauer zu bedenken. Kann sein, daß Wang tatsächlich so wenig umsichtig und schlicht gedacht hat, oder verbirgt sich hinter dieser kurzen Invektive mehr?

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Ein schmutziger Witz mit dem Ch'un-ch'iu

Chao Nan-hsing, ein nicht unbedeutender Gelehrter, der um 1600 das Reichsexamen abgelegt und in den 1620er Jahren dann in höchste Staatsämter aufgestiegen war, veröffentlichte unter dem Titel Hsiao-tsan, "Lobpreisung des Lachens", eine Witz/Anekdotensammlung. In dieser findet sich der folgende Text:

Liu Kung-fu kam einmal an einem Weinhaus vorüber, als er auf einer Wand die folgende Inschrift erblickte: "Frühling, königlicher erster Monat: Der Herzog und die Fürstin trafen sich in diesem Haus." - Das hatte jemand geschrieben, der dort mit einem Singmädchen Wein getrunken hatte.
Kung-fu nahm seinen Pinsel und schrieb dahinter: "Sommer: Dürre; Herbst: Hungersnot; Winter: starke Schneefälle; der Herzog starb. - Der Edle sprach: 'Er schätzte die Tugend nicht ab und bemaß die Kräfte nicht. Recht ist, daß so einer an Hunger und Kälte stirbt.'"

Liu Kung-fu, eigentlich Liu Pan, war ein sungzeitlicher Gelehrter, der vor allem als Historiker hervorgetreten ist. - Chinesische Gelehrte haben sich bei der Lektüre dieser Geschichte wahrscheinlich vor Lachen auf die Schenkel geschlagen. Was ist daran witzig?

Der angeberische erste Inschriftenverfasser nutzt den Stil der Konfuzius zugeschriebenen Chronik Ch'un-ch'iu, "Frühling und Herbst", um sein Liebesabenteuer zu dokumentieren. Der Umstand, daß ein Herzog eine Fürstin traf, ist im "Frühling und Herbst" in diesen Worten zwar nicht verzeichnet, doch er erinnert den Kenner zwangsläufig an ein darin dokumentiertes skandalöses, nämlich inzestuöses Verhältnis: Eine Fürstin von Lu traf regelmäßig ihren Bruder, den Herzog eines Nachbarstaates, an manchmal ungewöhnlichen Orten. Auch der sich brüstende Inschriftenverfasser ging in diesem Weinhaus gewiß einem liederlichen Verhältnis nach, wohl nicht nur mit einem Singmädchen.

Ebenfalls im Stil des "Frühling und Herbst" bzw. des Tso-chuan fügt Liu Kung-fu seinen Kommentar hinzu, durch den er den Fortgang der Beziehung zu kommentieren scheint. Zu den Eigenarten des Tso-chuan, des großen "Kommentars" zum "Frühling und Herbst", zählt, daß sich darin immer wieder ein Edler mit moralisierenden Kommentaren zu Worte meldet. Die Worte des Edlen in dieser Witzgeschichte sind wörtlich aus Tso-chuan, Herzog Yin 11, übernommen, wo dann auch unter dem gleichen Jahr mit den gleichen Worten wie hier der Tod eines Herzogs vermeldet wurde, und zwei Jahre davor ein "großer Schneefall", allerdings im Frühling. Hungersnöte und Dürren werden im "Frühling und Herbst" immer wieder verzeichnet.

Der Witz liegt darin, daß in der Bemerkung des "Edlen" die Begriffe "Tugend" und "Kräfte" auch Begriffe der pornographischen Sprache sind. In die Einzelheiten sei hier nicht gegangen, doch hier besagt der Kommentar des Edlen, daß der stolze Liebhaber wohl an Entkräftung dahingegangen sei. - Möglicherweise weisen auch Begriffe wie "Dürre", "Hungersnot" und "Schneefall" solch einen Nebensinn auf.

Im Rückschluß - natürlich legt der Historiker Liu Kung-fu mit seinem Zusatz zur Inschrift die Schlußfolgerung nahe, daß schon im "Frühling und Herbst" und dem dazugehörigen Tso-chuan "Tugend" und "Kräfte" und vielleicht weitere Begriffe einen solchen pornographischen Nebensinn hatten. - Sie gingen, bei allem Respekt, manchmal schon recht freizügig mit ihren geheiligten Klassikern um, diese hochmögenden konfuzianischen Literatenbeamten! Erstaunlich ist, daß sie derlei, wie im "Lobpreisung des Gelächters", auch noch publizierten.

 
 
» Teil 8, HCN 19
 
 
 

Morgenfreuden und Pestizide


desk18_4.jpg An Hamburgs Straßenrändern gedeihen die seltsamsten Biotope. Ganze Brennessel-Plantagen lassen sich entdecken, denn dieses Wildkraut vereitelt jeden gutgemeinten Versuch, mit sogenannten Bodendeckern oder gar kleinen Rosenbüschen die eine oder andere Ecke an einem Neubau mit einem ordentlich abgezirkelten grünen Bewuchs zu versehen. Irgendetwas müssen unsere öffentlich bestallten Gärtner da nicht bedacht haben! Auch die durch Metallbügel geschaffenen kleinen Oasen um die Straßenbäume herum eignen sich für mancherlei herzwärmenden Wildwuchs.

Auf den täglichen Morgenwegen von Pöseldorf zum Uni-Campus kommt der Berichterstatter an allen möglichen Formen solch natürlichen Wildwuchses vorbei - und er genießt immer wieder den Anblick, wenn sich die Natur ein kleines Stück Stadt zurückerobert hat. In diesen Tagen hatte er allerdings Anlaß, sich mächtig zu ärgern.

An dem Zaun des Kindergartens nahe der Johanniskirche prangten in den vergangenen Jahren um diese Zeit mächtige Büsche eines wundersamen Krautes: Noli me tangere war sein Name, auch: Rühr-mich-nicht-an. Sobald sich die kleinen Schoten ausgebildet hatten, brauchte man sie nur ein wenig an der Spitze zu zwicken - und schon sprangen die Schoten in einer kleinen Explosion auf. Den Kindern bereitete dieses Spiel mächtig Freude, und auch der Berichterstatter konnte es sich manchmal nicht versagen. Derlei Kleinkindereien bessern die Morgenlaune erheblich.

Nur ein paar Schritte weiter, an dem Zaun des Universitäts-Sportgeländes blühten neben mächtigen Brombeerbüschen allerlei kleine Blütengewächse, vor allem eine beinahe verschwenderische Fülle von blauen Glockenblumen, die sich durch den Zaun reckten und ihre Blütenhäupter sanft wiegten. Das Behaarte Schaumkraut ließ sich entdecken, auch die verwandte Bitterkresse und noch viele andere ansehnliche oder bescheidene Gewächslein.

Nichts davon in diesem Jahr! Barbarische öffentlich bestallte Gärtnereigehilfen haben alles, wohl als ABM-Maßnahme, kahl gehackt und gespritzt. Jetzt stehen allein die Zäune in ihrer vollen Schönheit da und enthüllen zudem, was die wildwachsende Pflanzenwelt sonst gnädig verhüllte: die Umweltschweinereien der Passanten. Was soll solche herumwütende Geldverschwendung? Keines dieser liebenswürdigen Gewächse am Rand eines Weges, der kaum begangen wird, hätte irgendjemand beeinträchtigt. Ganz im Gegenteil. Schädlinge, welcher Art auch immer, sind diese Pflänzchen ebenfalls nicht.

desk18_5.jpg

Dann aber, siehe da! An der Ecke Feldbrunnen-/Binderstraße hat sich ein kleines Wildbiotop neu entfaltet. Ganz wild geschah das allerdings nicht. Eines Morgens entdeckte der Passant verblüfft, daß dort jemand klammheimlich ein paar kleine Blütenpflanzen eingegraben hatte. Ein Faltblatt an einem Straßenschild bat, sie wohlwollend zu betrachten. Inzwischen sieht es an der Ecke beinahe so aus, als habe sich auch dort die freie Natur durchgesetzt. Im nächsten Jahr wird sich diese wieder zeigen, in schöner Blütenpracht und von selbst - wenn nicht die öffentlichen Geldverschwender dawider sind!

 
 
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